Indirekte Nutzung nicht mit „Named Users“

Lizenzmodell als Beruhigungspille?

Der Fall SAP gegen den Getränkehersteller Diageo rückte das Thema Lizenz-Management erneut in den Fokus. Vor allem die unklare Situation bei der indirekten Software-Nutzung beschäftigt viele Unternehmen. SAP reagierte mit einem neuen Lizenz- und Preismodell.

  • Beruhigungspillen

    Das neue Lizenz- und Preismodell von SAP – nur eine Scheinlösung?

  • Jan Hachenberger

    „Die Forderung zur Lizenzierung indirekter Zugriffe hat SAP übrigens erst in den letzten Jahren thematisiert; zu einer Zeit, in der die Umsätze hinter den Erwartungen von Analysten zurückblieben …“, resümiert der Consalt-Experte Jan Hachenberger.

Im Gespräch bewertet Jan Hachenberger vom Beratungsunternehmen Consalt die neuen Regelungen, die die indirekte Nutzung transparenter machen sollen.

ITM: Herr Hachenberger, das neue SAP-Lizenzmodell setzt auf eine transaktionale Metrik. Können Sie diese Herangehensweise erklären und Vor- und Nachteile für die Anwender benennen?
Jan Hachenberger: In der Vergangenheit verfolgte SAP eine primär User-getriebene Lizenzmetrik, in deren Rahmen nur mit einer zugewiesenen User-Lizenz auf SAP zugegriffen werden durfte. Für die Verwendung bestimmter Programmkomponenten (Solutions bzw. Engines) mussten zudem Package-Lizenzen erworben werden.

Daraus ergeben sich speziell für die Lizenzierung indirekter Zugriffe große Probleme: Eine buchstabengetreue Umsetzung führt nämlich dazu, dass jeder Nutzer, auch ein externer, eine User-Lizenz benötigt. Dass eine Zählung dieser User eine nicht lösbare Aufgabe darstellt, ist mittlerweile auch SAP bewusst. Die neue Lösung erscheint deshalb zunächst charmant: Ein SAP-Kunde, der Nutzer indirekt auf SAP zugreifen lässt, kann für bestimmte Anwendungsszenarien Lizenzen erwerben, die transaktional ausgelegt sind, und muss keine User-Lizenzen für Externe erwerben. Die Forderung zur Lizenzierung indirekter Zugriffe hat SAP übrigens erst in den letzten Jahren thematisiert, als die Umsätze hinter den Erwartungen von Analysten zurückblieben …

Mit dem Thema „Indirekte Nutzung“ hat es SAP geschafft, die User-Basis zu mobilisieren, ja sogar gegen sich aufzubringen. Quasi als Beruhigungspille wurde dann das neue Lizenzmodell vorgestellt, welches das Problem, das bis vor Kurzem gar keines war, lösen soll.

ITM: Worauf sollten SAP-Anwender und -Neukunden jetzt besonderes Augenmerk legen?
Hachenberger: Eine Umstellung auf das neue Lizenzmodell kann teuer werden. SAP-Anwender sollten deshalb genau prüfen, ob ihr Unternehmen die neuen Lizenzen wirklich braucht. Die Frage ist, ob es Szenarien gibt, in denen SAP Forderungen zur Lizenzierung indirekter Nutzung durchsetzen könnte oder ob Legacy-Lizenzen und Regelungen aus bestehenden Altverträgen den lizenzfreien Zugriff von externen Usern erlauben.

In den Fällen, in denen es tatsächlich zu einer indirekten Nutzung kommt und keine Lösungsalternativen auf prozessualer oder technischer Ebene bestehen, sollte man eine von Experten begleitete Transition auf das neue Modell erwägen.

ITM: In verschiedenen Rechtsstreitigkeiten zwischen SAP und Anwendern ging es immer wieder um die indirekte Nutzung ihrer Software-Lizenzen. Was daran ist so intransparent, dass es zu derart massiv abweichenden Vorstellungen kommt?
Hachenberger:
Man könnte sagen, alle gingen davon aus oder wollten davon ausgehen, dass SAP nur im Unternehmen verwendet werde und jeder SAP-Nutzer ein lizenzierter Nutzer sei. Hätte SAP gleich zu Beginn einer Kundenbeziehung eine Lizenzierung indirekter Nutzung verlangt, hätte sich das System nie so erfolgreich flächendeckend durchsetzen können.

In gewisser Weise wurde mit dem temporären Verzicht auf die Lizenzierung indirekter Nutzung durch SAP der Wettbewerb verzerrt. Nachdem eine entsprechende Marktdurchdringung erreicht worden war, kam SAP zugute, dass die Geschäftsprozesse im Zuge der Digitalisierung heute technologisch stark vernetzt sind. Schnittstellen zwischen SAP als zentralem System zur Verwaltung der wesentlichen Unternehmensdaten und Drittsystemen haben massiv zugenommen. Was liegt da näher, als das Thema indirekte Nutzung aufzugreifen und die Kunden, die mittlerweile nicht einfach zu einem anderen Anbieter wechseln können, zusätzlich zur Kasse zu bitten?

ITM: Für wie realistisch halten Sie die Sorgen von IT-Verantwortlichen und Geschäftsführern im Hinblick auf eventuelle Nachzahlungsforderungen?
Hachenberger:
Die Sorgen sind durchaus begründet. Allerdings muss man in Deutschland keine größeren juristischen Auseinandersetzungen mit SAP befürchten, denn mittlerweile gibt es ja die neuen Lizenzmodelle, mit denen sich die wesentlichen Fälle indirekter Nutzung auflösen und im Verständnis der SAP korrekt lizenzieren lassen. Problematisch wird es nur, wenn die Forderungen von SAP nicht beglichen werden. Wenn also die von SAP als notwendig deklarierten Lizenzen vom Kunden angezweifelt und deshalb nicht wie vom Anbieter vorgeschlagen gekauft werden.

Ein aktuelles Szenario sieht so aus: SAP kommt im Rahmen eines technischen Workshops – kein offizielles Audit! – in ein Unternehmen, prüft dabei die Prozesse und Schnittstellen, nimmt technische Parameter der Schnittstellen auf, analysiert die übertragenen Daten und erfragt Datenvolumina wie etwa die Anzahl eingehender Bestellungen pro Tag. Wenige Tage später wird der Kunde mit einer Nachforderung über mehrere Millionen Euro aufgrund von indirekter Nutzung konfrontiert. Als „Entgegenkommen“ gewährt SAP Rabatt, weil man ja an einer weiterhin guten Kundenbeziehung interessiert sei.

Mit anderen Worten: Ein Umstand – also eine SAP-Schnittstelle zu Kunden oder Lieferanten wie z.B. EDI –, der noch vor wenigen Jahren von SAP geduldet wurde, wird jetzt als Begründung für die Durchsetzung zusätzlicher Forderungen ins Feld geführt. Und als Druckmittel zum Kauf neuer Lizenzen wird mit Konsequenzen aus einer Lizenzierung von Named User gedroht. Der Fall Diageo lässt grüßen …

ITM: Wie spürt man die indirekte Nutzung von Lizenzen im eigenen Unternehmen auf?
Hachenberger:
Nutzung im Sinne von SAP kann in verschiedensten Ausprägungen vorkommen. Entscheidend ist zunächst die Feststellung von Schnittstellen zwischen SAP und Drittsystemen. Bei der Analyse helfen Tools, die die indirekte Nutzung identifizieren. Diese sind hochspezialisiert und wurden für das Monitoring bestimmter Software-Produkte oder Hersteller entwickelt. Dazu zählen neben dem Snow Optimizer for SAP auch Produkte wie der Xpandion Profile Tailor License Auditor und der ConSalt License Optimizer @SAP.

Jedoch reicht eine Ist-Bestandsaufnahme für eine dauerhaft lizenzkonforme Nutzung nicht aus. Die Unternehmens-IT unterliegt kontinuierlichen Veränderungen, ebenso die Anzahl der verwalteten Daten. Auch hier gibt es spezielle Services, die individuelle, auf den Kunden zugeschnittene und unabhängige Empfehlungen liefern. Einen kostenfreien Leitfaden zur „Selbstdiagnose indirekte SAP-Nutzung“ gibt es übrigens auf unserer Webseite.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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