Digitalisierung in der Landwirtschaft

Milchkühe und das Internet der Dinge

Als Versorger hat die Landwirtschaft eine immense Bedeutung. Zugleich steht die Branche unter großem Effizienzdruck, der durch geringe Handelsspannen und zunehmenden Wettbewerb um die Fläche bestimmt wird. Die digitale Transformation und das Internet der Dinge können Landwirte dabei effizient unterstützen, wie das Beispiel des Milchbauern Steffen Hake zeigt.

  • Digitale Transformation in der Landwirtschaft

    Die digitale Transformation und das Internet der Dinge unterstützen Landwirte bei ihrer täglichen Arbeit.

  • Steffen Hake, Milchbauer

    Steffen Hake (li.), Milchbauer aus dem niedersächsischen Wagenfeld-Ströhen, nutzt eine Cloud-Lösung um die Gesundheit seiner Milchkühe im Blick zu behalten.

  • Steffen Hake, Milchbauer

    Wie Bauer Steffen Hake nutzt mittlerweile jeder fünfte Landwirtschaftsbetrieb digitale Anwendungen – so lautet das Ergebnis einer Bitkom-Studie.

Wenn Steffen Hake aus dem niedersächsischen Wagenfeld-Ströhen morgens seine Arbeit beginnt, führt ihn sein Weg nicht zuerst in den Stall und seinen 240 Milchkühen. Vielmehr setzt sich Bauer Hake zuerst an seinen Computer und überprüft, ob es seinem Vieh gut geht. Dabei hilft ihm „Healthy Cow24“, eine Internet-der-Dinge-Lösung (neudeutsch Internet of Things, IoT) auf der Basis von Windows Embedded Software und Microsoft Azure.

Dabei sind IT-gestützte Prozesse im Agrarumfeld grundsätzlich nichts Neues. So nutzt bereits jeder fünfte Landwirtschaftsbetrieb laut dem Branchenverband Bitkom digitale Anwendungen: „Der Mähdrescher, der satellitengesteuert über den Acker navigiert, die Kuh, die eine SMS schickt, wenn sie kalbt, oder die Drohne, die Saatgut und Düngemittel verteilt: Die Digitalisierung verändert auch die Landwirtschaft nachhaltig“, heißt es in der Studie.

Internet of Things optimiert Brunst und Kalben

Bauer Steffen Hake hat die Digitalisierung gewagt, obwohl sein Betrieb lediglich viereinhalb Mitarbeiter hat: ihn selbst, seinen Vater, einen Nachbar, einen Melker – und den Großvater, der aber nicht mehr voll arbeitet. Nur wenige Kleinbetriebe setzen dem Bitkom zufolge konsequent auf die digitale Transformation.

Anders der Familienbetrieb aus Niedersachsen: Er setzt die vom Microsoft-Partner SCR Dairy aus Israel entwickelte IoT-Lösung vor allem ein, um das Kalben seiner Kühe überwachen zu können – wichtigste Voraussetzung für die Milchproduktion. „Eine Kuh wird nicht einfach besamt und bekommt ein Kalb“, erklärt Hake. „Sie hat einen Drei-Wochen-Zyklus, den man dadurch erkennt, dass sie unruhig wird.“ Maximal zwölf Stunden später muss die Kuh besamt werden, damit sie trächtig wird. „Bei einer größeren Anzahl von Kühen wird das schnell unübersichtlich.“

Teil der Lösung von SCR Dairy ist das Feature „Heatime“: Dahinter verbergen sich Halsbänder mit Bewegungsmeldern, die das Verhalten der Kuh aufzeichnen und Alarm schlagen, sobald die Kuh brünstig ist. Zusätzlich misst der Sensor auch das Fressverhalten. „Wenn eine Kuh zum Beispiel kurz vorm Kalben weniger frisst als normal, erhalten wir ebenfalls Meldung und können direkt eingreifen.“ Die Messdaten ruft Hake aus der Microsoft-Cloud sowohl auf dem PC als auch von seinem Smartphone aus ab – wichtig für einen Landwirt, der nur wenig Zeit am Schreibtisch verbringen kann.

Im Ergebnis, so Hake, geht es seinen Kühen besser. Zudem verbraucht der landwirtschaftliche Betrieb weniger Medikamente und verbessert seine Ertragslage. Und die Mitarbeiter verbringen weniger Zeit im Stall: „Um zu erkennen, ob eine Kuh in der Brunst ist, musste man früher viermal am Tag für 20 bis 30 Minuten im Stall sein“, erinnert sich Steffen Hake. „Die Zeit fällt jetzt weg, und ich kann sie für andere Sachen nutzen.“

Exklusives Interview:
„Digitalisierung sorgt für gesündere Kühe“

Die moderne Milchwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Niedrige Milchpreise schmälern die Margen der Erzeuger fast bis auf das Existenzminimum. Verantwortlich dafür sind das Überangebot auf dem Weltmarkt sowie der Druck, den der Einzelhandel auf die Milchwirte macht. Über die Herausforderungen und die Hilfe technischer Lösungen sprachen wir mit Steffen Hake.

ITM: Herr Hake, vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Milchbauer mit einem relativen großen Viehbestand? Und wie meistern Sie diese Situation?
Steffen Hake:
Neu ist vor allem der Wettbewerb unter den Landwirten, den es vor zehn Jahren noch kaum gab. Um hier bestehen zu können, können wir unsere Leistung verbessern und an den Kosten drehen. Der Hauptfaktor ist jedoch der Milchpreis, auf den wir nur wenig Einfluss haben, weil er von Molkereien und Einzelhandel diktiert wird. Einen Wettbewerb gibt es an dieser Stelle also nicht. Anders ist das bei den Flächen, die wir brauchen, um unsere Tiere zu versorgen. Hier sind die Preise in den vergangenen Jahren extrem gestiegen, u.a. durch die große Zunahme bei der Biogasproduktion, die einen enormen Flächenverbrauch hat. Das treibt für uns die Kosten steil nach oben.

ITM: Weil Sie an den Erträgen nur wenig drehen können, setzen Sie auf gestiegene Effizienz, etwa durch den Einsatz digitaler Technologien. Wie bewerten Sie für sich diesen Einsatz?
Hake:
Der Einsatz einer Software wie SCR Dairy ist noch nicht sehr verbreitet. Dies unterscheidet uns einerseits von den Betrieben aus der Nachbarschaft und gibt uns die Möglichkeit, effizienter und kostengünstiger zu arbeiten. Andererseits bedeutet der Software-Einsatz auch Investitionen. Diese zu tätigen, muss man sich erst einmal trauen, gerade wenn die Technik neu ist. Bei uns hat der Einsatz am Anfang nicht reibungslos funktioniert. Wenn es jedoch einmal läuft, kann man bereits erste Erfolge verbuchen und den Einsatz weiter verbessern.

ITM: Was haben Ihre Investitionen in digitale Technologie konkret gebracht?
Hake:
Für uns sind SCR Dairy und die Heatime-Halsbänder eine große Hilfe. Wir haben drei Viertel unserer 240 Milchkühe mit den Bändern ausgestattet und bekommen nun sozusagen in Echtzeit mit, wenn sich das Fressverhalten der Kühe verändert – ein Hinweis darauf, dass sie brünstig oder krank sind. Heute können wir über die Cloud das Fressverhalten der Tiere vom Smartphone aus kontrollieren. Und wir können jetzt gezielt eingreifen, ohne ständig im Stall sein zu müssen.

Wie sieht Ihre Bilanz der Software-Einführung aus?
Hake:
Wir arbeiten inzwischen seit fast zwei Jahren mit der Lösung, was unsere tägliche Arbeit deutlich erleichtert. Um das Brunsen der Kühe zu erkennen, mussten wir früher viermal am Tag verteilt für mindestens 20 bis 30 Minuten im Stall sein. Diese eineinhalb Stunden fallen jetzt schon mal weg, und wir können die Zeit für andere Dinge nutzen.

Überdies haben die Halsbänder nicht nur die Arbeit verändert. Vielmehr verbessern sie auch die Leistung unserer Kühe, und damit meine ich nicht nur die Milchleistung, sondern auch den Gesundheitszustand der Herde. Denn bei gesundheitlichen Problemen können wir nun deutlich früher eingreifen als früher.

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