Weniger Risiken im operativen Betrieb

Neue Impulsgeber für altbewährte Lösung

Ablösung der Individualsoftware durch Standardanwendungen oder Aufbau neuer Entwicklerkapazitäten? Die Schweizerische Reisekasse (Reka) entschied sich dafür, ihre bisherigen Software-Assets mit Unterstützung weiterzuentwickeln, eine Staffelübergabe zur nächsten Generation von Entwicklern zu vollziehen und bestehende IBM-i-Applikationen zu modernisieren und kosteneffizienter nutzen zu können.

  • Roger Seifritz (re.) und Peter Schwarzenbach im Interview mit IT-MITTELSTAND

    Roger Seifritz (re.) und Peter Schwarzenbach von der schweizerischen Reisekasse (Reka) im Interview mit IT-MITTELSTAND.

  • Die Schweizerische Reisekasse (Reka)

    „Es galt zunächst, die komplette IBM-i-Landschaft zu durchleuchten und in einem Software-Assessment die Anwendungen auf Substanz und Zukunftsfähigkeit zu überprüfen.“ Peter Schwarzenbach (re.)

  • Roger Seifritz (re.) und Peter Schwarzenbach im Interview mit IT-MITTELSTAND

    „Wir verstehen uns als Unternehmen, das sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlt. Insofern sind wir ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig.“ Roger Seifritz (li.)

Ferien und Freizeit für jedermann ermöglichen – dieses Vorhaben schreibt sich die in Bern ansässige Reka seit 1939 auf ihre Fahnen. Mit cleveren Zahlungsmitteln und vielseitigen Angeboten wie Ferienwohnungen für Familien, Campingunterkünften und Hotels im In- und Ausland setzt die genossenschaftliche Non-Profit-Organisation dies um. Deren Direktor Roger Seifritz und IT-Leiter Peter Schwarzenbach erklären, warum im Jahr 2017 die externe Pflege der Report-Program-Generator-Systeme (RPG) zu Veränderungen des Entwicklerteams und zu einer Anpassung der Systemstruktur führen musste.

ITM: Herr Seifritz, die Schweizerische Reisekasse ist eine Genossenschaft. Das bedeutet, dass das Unternehmen einen Non-Profit-Auftrag hat. Erklären Sie das Geschäftsmodell bitte einfach und kurz!
Roger Seifritz:
Als Genossenschaft schütten wir keinen Gewinn aus. Unser Kernziel ist es, einem möglichst breiten Kreis der Bevölkerung Ferien, Freizeit und Mobilität zu möglichst guten Preisen zu ermöglichen. Das heißt, wir haben keinen Shareholder im Hintergrund, der Gewinne abschöpft, sodass Überschüsse direkt in unsere Produkte bzw. deren Weiterentwicklung reinvestiert werden können.

ITM: Sie meinen die Geschäftsfelder „Geld“ und „Ferien“?
Seifritz:
Richtig, im Bereich „Reka-Geld“ bieten wir vergünstigte Zahlungsmittel für die Einsatzgebiete „Freizeit“, „Tourismus“ und „Mobilität“ an. Es ist die beliebteste Lohnnebenleistung der Schweiz. Unsere Kunden erhalten das Geld z.B. über ihre Arbeitgeber, um es dann an den verschiedenen Stellen einzulösen. Beispielsweise lässt sich damit in der Schweiz verbilligt mit dem Zug oder dem Bus fahren, vergünstigt Benzin tanken und es lassen sich Ferienwohnungen und Reisen zu besseren Konditionen buchen. Die Vergünstigungen sind durch den Arbeitgeber und die Arbeitnehmerorganisationen sowie die Partnerunternehmen möglich.

ITM: Und was verstehen Sie genau unter „Reka-Ferien“?
Seifritz:
Wir sind als Spezialist und Anbieter von Familienferien positioniert. Im Tätigkeitsfeld der Ferienwohnungen und -dörfer sind wir Marktführer in der Schweiz und wollen diese Position ausbauen.

ITM: „Reka-Geld“ ist eine eigene Währung?
Seifritz:
Nicht nur eine Währung. Die sogenannten „Reka-Checks“ können bei über 9.000 Partnern im Tourismus- und Freizeitbereich oder in allen größeren Coop-Supermärkten mit einem Rabatt eingelöst werden. „Reka-Rail“ ist z.B. ein Zahlungsmittel, das nur für Angebote und Dienstleistungen des öffentlichen Verkehrs gilt. Das Freizeitgeld entspricht als Zahlungsmittel eins zu eins dem Schweizer Franken und kann für Restaurants, Cafés, Bäckereien, Take-aways, Bistros oder Automaten verwendet werden.

ITM: Für das bargeldlose Bezahlen bieten Sie als Trägermedium auch die immer beliebter werdende „Reka-Card“ an. Was hat es damit auf sich?
Seifritz:
Unsere Kunden haben bei uns ein persönliches Konto. Um ihr Geld darauf nutzen zu können, benötigen sie die „Reka-Card“, die für Zahlungen an Bezahlterminals in der Schweiz eingesetzt werden kann.

ITM: Was ist konkret der Anreiz, Kunde der Reka zu sein bzw. zu werden?
Seifritz:
Für Endkunden bzw. Konsumenten ist die Motivation im Bereich „Reka-Geld“ ganz klar die, etwas günstiger zu bekommen – man könnte auch sagen, es ist ein Mittel, um Geld zu sparen. Für Arbeitgeber, die die Lohnnebenleistungen gewähren, gibt es teilweise einen steuerlichen Vorteil. Außerdem kann ein Unternehmen so seine Mitarbeiter emotional an sich binden.

ITM: Das ganze Geschäftsmodell mit der dazugehörigen Unternehmensstruktur, zu der die Genossenschaft, mehrere Tochtergesellschaften und Stiftungen gehören, klingt nach einer ganz eigenen Ferien- und Freizeitwelt. Sind Sie damit in der Schweiz konkurrenzlos?
Seifritz:
Durch die IT haben wir Möglichkeiten geschaffen, die andere nicht haben. Wir können technisch Merchant-Beziehungen abwickeln und als Issuer Zahlungsmittel mit den dazugehörigen Konten vergeben. Das ermöglicht uns, sehr spezifische Produkte für Kundenkreise aufbauen zu können – und unterscheidet uns von Mitbewerbern.

 

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.



ITM: Um eine Vorstellung Ihres Auftragsvolumens zu bekommen: Wie viele Kunden nutzen jährlich Ihr Angebot?
Seifritz:
Wir haben etwa eine Millionen Kunden in der Schweiz, die jährlich Reka-Geld nutzen. Im letzten Jahr waren das in Zahlen rund 600 bis 700 Mio. Schweizer Franken. Wir wickeln weit über zehn Millionen Transaktionen ab.

ITM: Und wie viele Kunden buchen jährlich Ihr Ferien- und Freizeitangebot?
Seifritz:
Jede fünfte Schweizer Familie macht Ferien mit uns.

ITM: Die Reiseangebote der Reka gehen auch über die Schweiz hinaus. Welche Idee steckt hinter den vielen Ferienanlagen und -wohnungen, Campingunterkünften und Hotels im In- und Ausland?
Seifritz:
Drei Viertel der von uns betriebenen Anlagen befinden sich im Inland, ein Viertel im Ausland. Weil für unsere Kernzielgruppe der Familien auch Strandurlaub zur Erholung gehört, bieten wir im Sommer im Mittelmeerraum und als Dienstleister in Deutschland Angebote an.

ITM: Sie sagten eingangs, dass Reka-Geld lediglich in der Schweiz einzulösen sei. Wie verhält es sich denn bei Auslandsangeboten?
Seifritz:
Dort beschränkt sich die Verwendung auf die Buchung, nicht auf die Einlösemöglichkeiten vor Ort.

ITM: Inwiefern lässt sich Ihr Ferienangebot für jedermann mit dem Ihnen wichtigen Thema „Nachhaltigkeit“ verbinden?
Seifritz:
Wir verstehen uns als Unternehmen, das sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlt. Insofern sind wir ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig. Wir sind nicht an schnellen Gewinnen, sondern langfristigen Entwicklungen interessiert. Wir bieten keine Reisen an, bei denen man ins Flugzeug steigen muss. Die Ferienanlagen, die wir selbst betreiben, verfügen zu 70 Prozent über CO2-neutrale Energiesysteme.

ITM: An Solarenergie und CO2-Bilanzen war vor 81 Jahren, als die Reka kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Bern gegründet wurde, nicht zu denken. Wie konnte sich aus dem damaligen Startkapital von 26.000 Schweizer Franken und gerade mal 21 Gründungsmitgliedern eine so florierende Organisation entwickeln?
Seifritz:
Wir haben über die Jahre offensichtlich die Bedürfnisse der Menschen getroffen. So erkläre ich mir das stetige, organische Wachstum als privatwirtschaftlich gestützte Genossenschaft.

ITM: Bei Genossenschaften spielt der Geldfluss eine wichtige Rolle. Im Jahr 2019 hat die Reka im operativen Geschäft rund 91,3 Mio. Schweizer Franken erwirtschaftet. Wie profitieren Kunden von diesen Gewinnen?
Seifritz:
Es gibt z.B. Dienstleistungen wie die Kinderbetreuung, die wir dem Kunden gratis anbieten.

ITM: Wie tragen Sie dieser Entwicklung IT-seitig Rechnung?
Seifritz:
Ich hatte die millionenfache Abwicklung von Transaktionen erwähnt. Dahinter steht beispielsweise ein komplexes Zahlungssystem. Dann spielen Sicherheitsaspekte sowie die Digitalisierung und die damit zusammenhängende Verschlankung von Geschäftsprozessen und Verbesserung des Kundenservices eine ganz wesentliche Rolle. Der Anteil der Sachmittel für IT gemessen am Umsatz liegt bei fünf Prozent. Das ist schon sehr viel.

ITM: Lässt sich beziffern, wieviel das Unternehmen jährlich in IT investiert?
Seifritz:
Wenn man die Erträge der Genossenschaft nimmt, waren das im vergangenen Jahr rund vier Mio. Schweizer Franken. Hinzu kommt der Aufwand für viele Projekte, wie unser gerade online gegangenes neues Webportal. Das ergibt noch mal zwischen drei und zehn Mio. Schweizer Franken pro Jahr.

ITM: Herr Schwarzenbach, wie war das Unternehmen von seiner IT-Infrastruktur und seinen Software-Lösungen in der Vergangenheit organisiert?
Peter Schwarzenbach:
Bis vor gut zehn Jahren wurden alle Systeme der Reka inhouse betrieben, ein grosser Teil davon auf der IBM i, damals AS400. Seither ist eine Vielzahl von neuen Systemen dazu gekommen. Diese Systeme sind unterdessen auf drei Rechenzentrumsstandorte verteilt und laufen auf insgesamt 120 Servern. Was als Konstante geblieben ist: Unsere IBM-i-Applikationen wurden über Jahrzehnte durch das Softwarehaus Examine weiterentwickelt.

ITM: Im Jahr 2015 standen bei der Geschäftsführung und IT-Leitung Überlegungen an, sich neu aufzustellen. Warum?
Schwarzenbach:
In den letzten drei bis vier Jahren ist die Vielfalt der Applikationen ein wenig explodiert. Die Applikationen der Bereiche „Geld“ und „Ferien“ sind technologisch auseinandergedriftet. Das hat damit zu tun, dass erstere on-premise im Rechenzentrum liegen und Security-lastig sind und zweitere in der Cloud betrieben werden. Vor dem Hintergrund, dass bei den IBM-i-Applikationen ein Generationswechsel in der Entwicklung anstand, mussten also strategische Entscheidungen getroffen werden: ob Individualsoftware durch Standardanwendungen abgelöst werden soll oder neue Entwicklerkapazitäten aufgebaut werden müssen.

ITM: Wie lief der Entscheidungsprozess weiter?
Schwarzenbach:
Es war schnell klar, dass eine Standardlösung für unser Geschäftsmodell nicht zu finden ist, sodass wir mit einer Individualsoftware weiter planen müssen.

ITM: Inwiefern hat PKS die Reka bei der Entscheidungsfindung unterstützt?
Schwarzenbach:
Es galt zunächst, die komplette IBM-i-Landschaft zu durchleuchten und in einem Software-Assessment die Anwendungen auf Substanz und Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. PKS hat uns empfohlen, die Individuallösungen als Backbone zu behalten, weiterzuentwickeln und viel Geld für eine neue Umgebung zu sparen. Das hat uns ebenso überzeugt wie die Möglichkeit, das beim Softwarehaus liegende Wissen über Individualsysteme auf Software-Analysten und Programmierer übertragen zu können.

ITM: Sie sprechen das Know-how des Anbieters an?
Schwarzenbach:
Es ist eine Spezialität von PKS, Lösungen weiterführen und betreuen zu können.

ITM: Wer hat bei Reka die Initialzündung gegeben und auf welcher Management-Ebene werden IT-Entscheidungen generell getroffen?
Schwarzenbach:
Das war meine Aufgabe, der Geschäftsleitung eine Einschätzung zu geben, ob Bewährtes sich noch weiterentwickeln lässt und wer die Betreuung übernehmen kann.

ITM: Herr Seifritz, welchen Raum nimmt die IT grundsätzlich in den wirtschaftlich-strategischen Entscheidungen des Unternehmens ein?
Seifritz:
Auf jeden Fall eine große. Das sieht man daran, wie wir in der Geschäftsleitung aufgestellt sind. Neben den beiden Geschäftsbereichen „Reka-Geld“ und „-Ferien“ sind dort der Leiter der Finanzen sowie ich vertreten. Die IT fällt seit einigen Jahren in meinen Zuständigkeitsbereich, sie ist daher prominent in der Organisation angesiedelt und für strategische Entscheidungen des gesamten Unternehmens wichtig.

ITM: Herr Schwarzenbach, zurück zum PKS-Projekt: Wie Sie erwähnten, wurde Ihnen dazu geraten, an Bewährtem festzuhalten.
Schwarzenbach:
Ab Juni 2017 wurde wie gesagt in verschiedenen Workshops die Qualität unserer Lösung dargelegt und gezeigt, welche Altlasten zu beseitigen sind. Unterm Strich wurde uns aber ein stabiles und performantes System bescheinigt, das es nun galt, weiterzuentwickeln.

ITM: Welche speziellen Anforderungen gab es?
Schwarzenbach:
Weil unsere IT-Lösung bis dato von einem „Masterbrain“ abhing, war es vor allem das Anliegen, dieses Risiko im operativen Betrieb zu entschärfen. Darüber hinaus waren die Performance, Wartungs- und Bedienfreundlichkeit sowie die Kompatibilität wichtige Kriterien.

ITM: Wie konnten administrative und organisatorische Abläufe verbessert werden?
Schwarzenbach:
Der Wechsel von einem sehr kompetenten Entwickler, der in Ruhestand geht, zu einem Entwicklerteam, das diesen qualitativen Ansprüchen genügen soll, war sicherlich nicht einfach. Es ist aber sehr gut gelungen. Gleiches gilt für den Formalismus, den wir z.B. beim Ticketing etabliert haben.

ITM: Wie wichtig waren Ihnen der persönliche Austausch und der vom Dienstleister gebotene Service?
Schwarzenbach:
Auf Basis eines Application-Management-Vertrages stand uns ein sehr kompetentes, erfrischendes Team von Projektleitung und Entwicklung zur Verfügung, das im Vergleich zur vorherigen Situation mit nur einem einzigen Entwickler schon beruhigend wirkte.

ITM: Wie ist der Übergabeprozess denn abgelaufen?
Schwarzenbach:
Er läuft noch bis Ende des Jahres. Eine wichtige Frage war, wie der Wissenstransfer vom bestehenden Entwickler zum PKS-Entwicklerteam funktionieren würde. Dabei spielen das Zwischenmenschliche und ausreichend Zeit ganz wesentliche Rollen. Wir haben es so gelöst, dass der „alte“ Entwickler als Coach fungiert und als fachliches Backup bei Projektengpässen und punktuellen Qualitätskontrollen unterstützend zur Seite steht.

Seifritz: Nicht zu vergessen ist, dass der Know-how-Transfer mittels einer Explain-Plattform und Confluence-Dokumentation hinterlegt wird.

ITM: Für wann ist die Endphase des Projektes geplant?
Schwarzenbach:
Das komplette Application Management übernimmt der Dienstleister ab Januar 2021.

ITM: Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Projekt mit?
Seifritz:
Dass wir bei künftigen strategischen Maßnahmen einen zuverlässigen und kompetenten Partner an der Seite haben, der sich im Bereich „Tools“, „Branchen“ und „Prozess-Know-how“ sowie der Gestaltung eines wertschätzenden Generationswechsels auskennt und wichtige Innovationsimpulse geben kann.

 

Reka

Die genossenschaftlich organisierte Non-Profit-Organisation der Schweizerischen Reisekasse (Reka) gehört zur Parahotellerie. Mit ihrer sozialtouristischen Ausrichtung bietet sie Familien in der Schweiz Ferien und Freizeitmöglichkeiten. Als Vermieterin von rund 1.200 Ferienwohnungen, auch in eigenen Feriendörfern, ist das Unternehmen als zweitgrößter Schweizer Anbieter von Ferienwohnungen, Campingunterkünften und Hotels im In- und Ausland tätig. Zirka eine Millionen Kunden nutzen das Angebot der Genossenschaft, um mit verbilligten Reka-Geldleistungen an einer der mehr als 9.000 Einlösestellen Bahnkarten, Konzerttickets, Museumseintritte, Benzin, Übernachtungen oder Kinobesuche zu bezahlen. Derzeit beschäftigt der in Bern ansässige Mittelständler in seinem Netzwerk mehr als 1.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet 2019 einen Umsatz von 105 Mio. Schweizer Franken.
www.reka.ch

 

Bildquelle: Andrea Campiche

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok