Tobias Gerlinger von Owncloud weist darauf hin, dass Europa dringend eigene Cloud-Infrastrukturen benötigt.
Wenn es noch einen Beleg dafür gebraucht hat, dass Europa eigene Cloud-Infrastrukturen benötigt, dann hat ihn der Europäische Gerichtshof im Juli geliefert. Die obersten europäischen Richter entschieden, dass der EU-US Privacy Shield nicht mehr angewendet werden darf, um den Transfer persönlicher Daten in die USA zu begründen.
Das Argument der Richter für diese Entscheidung: Der US Cloud Act erlaubt den US-Geheimdiensten praktisch einen ungehemmten Zugriff auf Daten von EU-Bürgern; deshalb sei der erforderliche Datenschutz nicht gewährleistet. Das sei selbst dann der Fall, wenn die Server der US-Firmen in Europa stehen – denn die US-Behörden haben auch darauf Zugriff.
Damit ist amtlich, dass der US Cloud Act mit dem europäischen Datenschutzrecht nicht vereinbar ist. Europäischen Firmen, die weiter persönliche Daten in US-Clouds speichern, drohen empfindliche Strafen.
Der Schutz persönlicher Daten ist dabei aber nur ein Teil des Problems. Der andere ist die Daten-souveränität. Der US Cloud Act legitimiert die US-Behörden nicht nur, die Herausgabe sämtlicher Daten einer Person zu verlangen, sondern auch eines Unternehmens. Dadurch verlieren die Unternehmen de facto die Hoheit über ihre Daten und damit verbunden über ihr geistiges Eigentum, insbesondere über Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse. Sie laufen Gefahr, Opfer von Wirtschaftsspionage zu werden. Betroffen sind davon nicht nur die klassischen Publicclouds, sondern in zunehmendem Maß auch Standard-Software. So hat Microsoft angekündigt, seine Office-Anwendungen in absehbarer Zeit komplett in die Cloud zu verlagern.
Aus diesen Gründen führt in Europa kein Weg mehr am Aufbau eigener Cloud-Infrastrukturen vorbei. Nur mit ihnen lässt sich Datenschutz und Datensouveränität sicherstellen. Die ideale Basis dafür liefert das Open-Source-Ökoystem. Es kann bereits zahlreiche Erfolgs- projekte vorweisen, auf denen sich aufbauen lässt.
Außerdem verfügt Open Source über eine ureigene Stärke, die Datenschutz und Datensouveränität praktisch von Haus aus gewährleistet. Ihr Quellcode ist frei verfügbar, sodass sich jeder selbst davon überzeugen kann, dass eine Software keine Hintertüren enthält, über die Daten an unbefugte Dritte abfließen können.
Da quelloffene Software konsequent auf offene Standards setzt und von jedem angepasst und weiterentwickelt werden kann, entstehen keine Herstellerabhängigkeiten („Vendor Lock-in“). Auch das vom Bundeswirtschaftsministerium Ende des vergangenen Jahres initiierte Projekt Gaia-X, das eine vertrauenswürdige, transparente und sichere Dateninfrastruktur bieten soll, setzt konsequenterweise weitestmöglich auf quelloffene Software („Sovereign Cloud Stack“).
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Parallel arbeitet die Open-Source-Community an einer Integration ihrer Anwendungen, um in naher Zukunft eine Lösung aus einem Guss und damit eine echte Alternative zu Microsofts marktbeherrschendem Office-Stack mit vergleichbarer Nutzerfreundlichkeit anbieten zu können. Einzelne Komponenten des Stacks lassen sich heute bereits durch ausgereifte Open-Source-Anwendungen mit vergleichbarem Funktionsumfang ersetzen. So setzen viele Unternehmen beispielsweise auf eine Kombination von Microsoft Office mit Owncloud als zentralem Datenspeicher – anstatt Onedrive und Sharepoint. Owncloud kann dabei im eigenen Rechen-zentrum oder als Private Cloud in einem beliebigen Rechenzentrum betrieben werden – und jederzeit in eine souveräne europäische Cloud migriert werden.
Um Datensouveränität zu gewährleisten, sollten dabei die On-Premises-Varianten der Office-Software zum Einsatz kommen, also Kauflizenzen anstatt Office 365, um schon heute die Datenschutzanforderungen zu erfüllen und geistiges Eigentum zu schützen. Ganz nebenbei wird die Herstellerabhängigkeit beendet und die Datenhaltung zukunftssicher. Bis Microsoft den Support für die On-Premises-Software schließlich abkündigt, werden europäische Cloud-Lösungen zur Verfügung stehen, mit dem dann nach Bedarf weitere Microsoft-Komponenten ersetzt werden können.
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