Wolken sind nicht transparent

Software Asset Management beim Cloud-Einsatz

Lizenz-Management ist eine komplizierte Angelegenheit, ohne spezielle Tools zur Software-Bestands- und -Nutzungsüberprüfung sind viele Anwender aufgeschmissen. Hinzu kommt verstärkt die Problematik der „indirekten Nutzung“ durch Dritte oder Drittsysteme als Folge der zunehmenden Vernetzung von IT-Systemen. Die Frage ist, ob neue Lizenzmodelle Abhilfe schaffen und ob der Software-Bezug über die Cloud – also beim Anbieter selbst – vor Falschlizenzierung schützt.

  • Heißluftballon in den Wolken

    Cloud Computing verändert das klassische Software Asset Management grundlegend.

  • Aspera-Geschäftsführer Olaf Diehl

    „In allen Fällen der Transformation zur Cloud gewinnt der Hersteller die Kontrolle über die Technologienutzung und kann wiederkehrende Lizenzzahlungen durch-setzen. Ist die Software schwer zu substituieren, begibt sich der Kunde in eine starke, selbst gewählte Abhängigkeit“, bemängelt Aspera-Geschäftsführer Olaf Diehl.

  • Thomas Reiber, Regional Vice President bei Flexera

    „Verlieren Unternehmen den Überblick, wo und wie SaaS-Anwendungen eingesetzt werden, geraten auch Kosten und Risiken außer Kontrolle“, sagt Thomas Reiber, Regional Vice President bei Flexera.

Das klassische Software Asset Management hat sich grundlegend verändert. Dies liegt zum einen an der weitreichenden Virtualisierung der Hardware, die Server und Prozessoren immer leistungsstärker macht und größere Workloads und/oder mehr User unterstüzt. Darauf reagierten die Hersteller, indem sie von Einzellizenzmodellen abwichen und stattdessen die für die jeweiligen Anwendungen benötigte Rechenleistung durch Zählen der Prozessoren oder Hardware-Kerne als Berechnungsgrundlage heranzogen.

Als Zweites spielt das veränderte Nutzerverhalten entscheidend hinein. Der Siegeszug des Smartphones und das Aufkommen von App-Ökonomie versetzte selbst durchschnittlich versierte Nutzer in der Lage, in kürzester Zeit und in Eigenregie neue Anwendungen aus der Cloud zu installieren, um (vermeintlich) veraltete Technologien abzulösen oder Prozesse komfortabler zu gestalten. Viele Software-Anbieter fördern dieses Verhalten, indem sie die Nutzungsbeschränkungen für ihre Produkte lockern, was ihnen lukrative Erlösmodelle beschert und die Flexibilität der Endnutzer steigert, zugleich jedoch das IT-Sicherheitsrisiko in den Firmen erhöht und die Lizenzverwaltung erschwert.

In den Augen von Joachim Paulini von Snow Software stellt Cloud Computing denn auch die Zäsur dar, die das Software Asset Management (SAM) entscheidend verändert. Dieser Veränderungsprozess ist mit steigenden Cloud-Nutzungsraten gerade in vollem Gange, stellt die Anwender allerdings auch vor nicht unwesentliche Probleme. Denn außer in Neugründungen kann kein IT-Verantwortlicher die Unternehmens-Software mal eben in die Cloud hieven. Es gibt bestehende Lizenzverträge oder Software-Arten, die aus Sicherheits- oder Performance-Gründen nicht in die Cloud wandern sollen: ERP- oder CAD-Software etwa. Somit entstehen lizenzseitig schwer zu administrierende Hybridinfrastrukturen, von der oben beschriebenen, nicht autorisierten Eigenaktivität der Nutzer – auch bekannt unter Schatten-IT – ganz abgesehen.
Drohende Hersteller-Lizenz-Audits zur Überprüfung der traditionellen Lizenzverträge auf der einen Seite, unübersichtliche und intransparente Nutzung im Zuge exponentiell zunehmender Cloud- und Software-as-a-Service-Produkte (SaaS): Auf diesem Terrain bewegen sich die Anwender. „Verlieren Unternehmen den Überblick, wo und wie SaaS-Anwendungen eingesetzt werden, geraten auch Kosten und Risiken außer Kontrolle“, sagt Thomas Reiber, Regional Vice President bei Flexera.

Cloud macht Lizenzierung nicht immer transparenter

Könnte es sein, dass die Anbieter genau darauf spekulieren? Denn warum sollten sie sonst auf die gefürchteten Lizenz-Audits verzichten, die immer noch äußerst lukrative Einnahmequellen darstellen und nach vorsichtigen Schätzungen auch schon einmal bis zu einem Drittel des Umsatzes der Software-Häuser einspielen?

Adobe verabschiedete sich als einer der ersten Anbieter vom klassischen Lizenzmodell, indem man auf ein abo-basiertes umschwenkte, wie Aspera-Geschäftsführer Olaf Diehl rekapituliert. Dabei wurden Teile der Software zunächst hybrid, später nur noch in der Cloud angeboten. Die Folge war ein Tal der Tränen für die Wachstumszahlen, da Umsätze akut zurückgingen und Kunden den Wechsel nicht sofort akzeptierten. Dank seines relativ konkurrenzlosen Portfolios und mit langem Atem überstand Adobe diese Phase jeodch und erzielt heute jedes Quartal Milliardenumsätze mit den Software-Abonnements. Diese Neuausrichtung ist mittlerweile bei allen traditionellen Anbietern im Gange. „Je nach Kundenmacht oder Portfolio sind die Umsetzungen mehr oder weniger strikt, nur eine Umkehr ist derzeit nicht zu erkennen“, schließt Diehl.

Natürlich verspricht die Cloud den Nutzern einige Vorteile. Dazu gehören laut Dennis Jahnhofen von ANS beispielsweise das kurzfristige Einspielen von Updates und neuen Features, höhere Datensicherheit, ein niedrigerer Betriebs- und Administrationsaufwand sowie monatlich variable, an die tatsächliche Nutzung anpassbare Kosten – zumindest in der Theorie.

Mehr Kontrolle für Anbieter

Software-Anbieter sind nun aber Wirtschaftsunternehmen, die einen solch umwälzenden Schritt nicht aus Barmherzigkeit gehen. Positiv betrachtet mag man ihnen zugutehalten, dass die Messung der tatsächlichen Nutzung eine Monetarisierung der Anwendung über den gesamten Lebenszyklus hinweg erlaubt. Wer als Anbieter weiß, welche Plattformen, Betriebssysteme und Features den Kunden wirklichen Nutzen bringen, kann die Markteinführung neuer Produkte, das Aufkündigen älterer Produkte oder Cross-Sell und Up-Sell-Kampagnen planen. Zudem lassen sich Abonnements und Verlängerungen sowie Umsätze genauer prognostizieren, meint Thomas Reiber von Flexera. „Kunden profitieren von einem service-
orientierten und proaktiven Support, z.B. bei Upgrades und Patches.“ Kurzum: Die Cloud bietet Software-Anbietern das, was sie den Nutzern versprechen: Transparenz und Flexibilität.

Man könnte es hingegen auch Kontrolle nennen. „In allen Fällen der Transformation zu Cloud und SaaS gewinnt der Software-Hersteller die Kontrolle über die Technologienutzung und kann wiederkehrende Lizenzzahlungen durchsetzen. Ist die Software selbst dann noch schwer zu substituieren, begibt sich der Kunde freiwillig in eine starke, selbstgewählte Abhängigkeit“, bemängelt Olaf Diehl. Dabei fehle eigenes Know-how ebenso wie ein eigenes Rechenzentrum, die Software sei nur im Abo zu erhalten und kaufen könne man sie nicht. Die Kunden können dann eben nicht mehr entscheiden, die Wartung zu kündigen und eine Software ohne monatliche Kosten zu nutzen, sondern müssen ihre Zahlungen kontinuierlich leisten. Oder die Nutzung ganz einstellen, was kaum infrage kommt. „Und das alles ohne den Zwang eines Herstellers, der ja nur berechnet, was ein Kunde auch nutzt“, schließt Diehl mit Ironie.

Vor dem Hintergrund der beidseitigen Transparenz und ausgehend davon, dass die Software-Hersteller ihre Lizenzen selbst und nur bei ausreichender monetärer Gegenleistung bereitstellen, sollten Lizenz-Audits, jedenfalls für Cloud-Produkte, doch der Vergangenheit angehören. Braucht es dann überhaupt noch spezielle Tools für das Software Asset Management? – Schon, sagt der SAM-Berater Ulrich Kluge von Aagon. Denn im Fall ungenutzter Lizenzen oder überdimensionierter Funktionsumfänge, die trotzdem vom Anbieter berechnet werden, können bei Unkenntnis unnötige Kosten entstehen. „Hier helfen Lizenz- und Asset-Management-Tools, den Überblick über das jeweilige Lizenzmodell der einzelnen Hersteller zu behalten. Die Herausforderung besteht darin, alle möglichen Software-Anbieter unter einen Hut zu bekommen.“ Schließlich könne niemand daran interessiert sein, die verschiedenen Cloud-Anbieter mit ihren jeweils eigenen Tools zu überwachen.

Gerade weil es so einfach ist, Cloud-Services einzurichten, besteht die Gefahr, dass sie sich aufgrund eines ineffektiven und lückenhaften Managements unkontrolliert ausbreiten. „Da der Einblick über die Kosten der abonnierten Cloud-Dienste oftmals fehlt, wird letztendlich mehr Geld ausgegeben als ursprünglich budgetiert“, konstatiert Thomas Reiber. Ohne Lizenz-Management-Tools ließe sich zudem die Investitionsrendite nicht berechnen und könne nicht fundiert entschieden werden, welche Art der Software-Bereitstellung kostengünstiger sei.

Vergleich mit dem Mobilvertrag

Den Vergleich mit dem privaten Mobilfunkvertrag zieht Olaf Diehl von Aspera heran, wenn er fragt, wer regelmäßig alle ihm zugesicherten Leistungen nutze  und auswerte. Wolle man dann tatsächlich zu einem billigeren Vertragstyp wechseln, sei dies alles andere als einfach. „So funktionieren SaaS-Modelle. Was im ersten Moment gut zu berechnen, schnell erhältlich und günstiger als Eigenbetrieb ist, wird langfristig zum alternativlosen, schwer zu kontrollierenden Modell“, kritisiert er. Die Hersteller hingegen kennen jeden Nutzungsfall, sie könnten ihre Lizenztypen und Funktionsumfänge ständig optimieren, was eher nicht dazu führen werde, dass sie weniger Umsatz machen oder die Kunden Kosten flexibler reduzieren könnten.

Zudem ändere sich das Vertriebsmodell: Wurde früher der große, zentrale Vertrag angestrebt, sind es heute bewusst die dezentralen, kleinen Nutzungen, die eine SaaS-Applikation als De-facto-Standard definieren. Sei dies der Fall, könne man nur noch versuchen, das Wachstum zu begrenzen und die Kosten unter Kontrolle zu halten. Die primäre Aufgabe bestehe in diesem Segment daher nicht mehr in der Sicherstellung der Compliance, sondern darin, den Konsum und damit die Kosten der Applikationen zu managen. „Die Aufgabe von Software Asset Management ist also, Methoden und Technologie bereitzustellen, die neben den weiterhin relevanten, alten Modellen auch diese neuen unterstützen“, schließt Olaf Diehl.

Auch ohne Böswilligkeit zu unterstellen, liegt dennoch der Verdacht nahe, dass die von den Software-Herstellern bereitgestellten SAM-Tools sicherstellen, das Maximum an Lizenzkosten zu erzielen. Erneut gilt wohl, dass „es niemals im Sinne des Erfinders ist, Lizenzen für die Kunden zu optimieren, denn das würde ja die Wartungseinnahmen reduzieren“, wie Joachim Paulini süffisant anführt. Fairerweise sollte man aber hinzufügen, dass die SAM-Anbieter ihre Produkte ebenso in möglichst großen Mengen verkaufen wollen ...

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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