Kommentar

Wahlen sollten geheim bleiben!

Vor kurzem erreichte uns die Pressemitteilung eines russischen Anbieters von Sicherheitssoftware, der es als seine Pflicht ansah, die Redaktionen darüber zu informieren, dass die Hälfte der deutschen Wähler ihr Votum zur Bundestagswahl gerne online abgeben würde. Die Frage lautet nun in mehrfacher Hinsicht: Warum nur?

Welche Motivation steht dahinter, eine solch fundamental-wichtige Errungenschaft wie die freie und geheime Wahl digital abwickeln zu wollen? Ist es einmal mehr die Bequemlichkeit der Nutzer? Das wäre dann wirklich peinlich, denn wer es nicht schafft, einmal in vier Jahren zur Wahlurne zu gehen, der kann seinen digitalen Schrittzähler getrost entsorgen.

Schließlich steht viel auf dem Spiel. Die großen Online-Monopolisten nutzen jeden Klick der Nutzer, um möglichst genaue Profile zu fertigen. Da passt das Wissen um die (aktuelle) politische Gesinnung doch perfekt. Und nach alledem, was man über die Erpressungssoftware Wannacry weiß, haben die Geheimdienste ihre Kenntnisse über Schwachstellen in verbreiteten Betriebssystemen nicht zum Schutz der eigenen Bürger bekanntgemacht, sondern sie im Gegenteil zum weiteren Ausspähen benutzt. Dies sollte auch nicht gerade dazu beitragen, die Lust auf eine digitale Wahl zu steigern.

Frage Nummer zwei: Was verspricht sich der russische Anbieter davon, oben besagte Meldung zu verschicken? Wahrscheinlich ist es der Versuch, sich über solch fragwürdige PR im Gespräch zu halten.

Frage Nummer drei: Würde ein Oppositioneller in China, Saudi-Arabien, der Türkei oder Russland sein geheimes Wahlrecht ebenso willfährig aufgeben, wenn er denn eines hätte?

Irgendwie kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die sogenannten Vorreiter der sogenannten „Digitalen Revolution“ versuchen, über möglichst häufiges und geschicktes Wiederholen bestimmter Forderungen Bedarfe zu wecken, die ihnen in die Karten spielen. Aus im Grundgesetz verankerten Fragen wie dem Wahlrecht sollten sich die Unternehmen jedoch tunlichst heraushalten! Auch, wenn es so profan geschieht wie über das Herausgeben einer selbstinitiierten Studie ...

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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