Michael Everts: „Wir sind ein sehr stark wachsendes, innovationsgetriebenes Unternehmen. Agile Arbeitsmethoden sind für uns eine wichtige Basis, um Wachstum zu gestalten.“
Thomas Weinberger: „Wir haben bei uns keine 24/7-Betreuung, das ist beim RZ-Anbieter mit dem Hinzubuchen von Managed Services nun anders.“
„Aufgrund der Spezifika in unseren Prozessen und Anwendungen ist die Ausbildung von Menschen für uns grundsätzlich sehr sinnvoll“, erklärt Thomas Weinberger.
„Die IT hat aus meiner Sicht eine sehr wichtige Rolle als Enabler für alle Prozesse und ein gesundes, ertragreiches Wachstum“, sagt Michael Everts.
Die Produkte von Leistritz stecken in vielen Dingen des täglichen Lebens - von Flugzeugen über Medizintechnik bis Recycling-Verpackungen.
„Virtuelle Inbetriebnahme, Predictive Maintenance und virtueller Support sind erst der Anfang“, weiß Michael Everts.
Das Ziel des Projekts: die Kontrolle über die IT behalten, aber gleichzeitig flexibel bleiben – und das Kundenbedürfnis nach zertifizierten Datensicherheitsstandards erfüllen. Im Interview mit IT-MITTELSTAND erläutern Vorstand Michael Everts und IT-Leiter Thomas Weinberger, warum sie sich für das Outsourcing entschieden haben, weshalb Agilität für sie ganz entscheidend ist und welche Rolle das Thema „Nachhaltigkeit“ in ihrem Unternehmen spielt.
ITM: Herr Everts, in welchem Markt bewegen Sie sich, was produzieren Sie und was hebt Ihre Produkte am Markt ab?
Michael Everts: Wir sind ein mittelständisches Unternehmen mit vier sehr unterschiedlichen Business-Units. Allen gemeinsam ist jedoch, dass wir uns durch Produktinnovation und Prozessinnovation abheben und in allen vier Geschäftsbereichen und Märkten als Hidden Champion aufgestellt sind. Da ist zum einen die Turbinentechnik mit Komponenten für den Aerospace-Bereich. Wir liefern Technologie, die in den neuesten und modernsten Triebwerken zum Einsatz kommt, die derzeit auf dem Markt sind. Wir stellen auch Pumpentechnik für den Hygiene- oder Kraftstoffbereich her, etwa für die Batteriekühlung in der E-Mobilität. Sie sorgen für mehr Reichweite bei niedrigerem CO2-Ausstoß und kürzeren Ladezeiten.
ITM: Das waren zwei Bereiche, was stellen Sie noch her?
Everts: Der dritte Bereich ist die Extrusions-Technologie. Mit unseren Maschinen werden z.B. aus geschredderten PET-Flaschen neue Produkte oder im Pharmabereich in fortlaufenden Prozessen aus Rezepturen neue Grundstoffe hergestellt. Die Autoindustrie nutzt ebenfalls unser Kunststoff-Compounding. Auch proteinreiches Plant-Based Food, das einen Beitrag zur CO2-Reduktion leistet, wird mit unseren Extrudern produziert. So arbeiten wir beispielsweise mit dem Staat Singapur zusammen: Der Stadtstaat hat das Ziel, bis 2030 rund 30 Prozent seiner Lebensmittel selbst herzustellen. Darüber hinaus stellen wir Produktionstechnologie in Form von Werkzeugen für die Schienen her, wie Wirbelmaschinen für elektrische Lenkungen sowie Spezial- und Sonderwerkzeuge.
ITM: Welche Herausforderungen beschäftigen Sie derzeit besonders?
Everts: Wir sind ein sehr stark wachsendes, innovationsgetriebenes Unternehmen mit 13 Standorten auf drei Kontinenten, das sich seit gut drei Jahren in einem intensiven Wandel der Digitalen Transformation zu einem neuen, modernen Industrieunternehmen befindet. Agile Arbeitsmethoden sind für uns eine wichtige Basis, um Wachstum zu gestalten.
ITM: Welchen Stellenwert hat die IT in Ihrem Unternehmen?
Everts: Die IT hat aus meiner Sicht eine sehr wichtige Rolle als Enabler für alle Prozesse und ein gesundes, ertragreiches Wachstum. Die Datenqualität und -integrität sind dafür ebenso entscheidend wie ein durchgängiges IT-System. Unsere IT-Strategie ist deshalb zentral einheitlich aufgestellt, es gibt aber auch dezentrale Dependancen. Wir geben im Schnitt jährlich zwischen 1 und 2 Prozent des Umsatzes für das IT-Budget aus.
ITM: Herr Weinberger, wie viele Mitarbeiter mit IT-Bezug gibt es im Unternehmen?
Thomas Weinberger: International sind es ungefähr 30 Mitarbeiter, 19 davon in Deutschland. Wir setzen auch angesichts des Fachkräftemangels darauf, selbst auszubilden. Aufgrund der Spezifika in unseren Prozessen und Anwendungen ist die Ausbildung von Menschen, die sich mit unseren Systemen auskennen und identifizieren, für uns aber auch grundsätzlich sehr sinnvoll.
ITM: Wie ist Ihre IT-Landschaft aufgestellt? Welche Systeme nutzen Sie?
Weinberger: Wir versuchen, soweit wie möglich mit IT-Standardprodukten zur Lösung zu kommen. Wir möchten konsequent alle vier Business-Units mit den gleichen Systemen zum Ziel bringen. Aktuell sind wir dabei, die heute noch fragmentierte Landschaft mit sechs Enterprise-Resource-Planning-Systemen (ERP) weltweit in einem System zusammenzuführen. Wir setzen ein Customer-Relationship-Management-System (CRM) ein, unsere Computer-Aided-Design-Welt (CAD) ist mit einem Product-Lifecycle-Management-System (PLM) verbunden. Das nutzen wir insbesondere dort, wo wir eigene Maschinen konstruieren. Ein Manufacturing-Execution-System (MES) ist in der nächsten Ausbaustufe mit dem neuen ERP-System geplant.
ITM: Spielt die Cloud jetzt oder perspektivisch eine Rolle?
Weinberger: Dort, wo die Abwägung zwischen Know-how-Schutz und Mehrwert ein gutes Ergebnis ergibt, nutzen wir Cloud-Lösungen – beispielsweise im Office-Umfeld. Wir setzen allerdings definitiv nicht auf Cloud First und wollen auch nicht alle Daten von On-Premises in die Cloud schieben. Ein wichtiger Grund dafür sind Restriktionen und die hohen Anforderungen an Datenintegrität, die in mehreren Bereichen von unseren Kunden vorgegeben werden. Wir haben uns bewusst entschieden, mit Unterstützung von externen Partnern essentielle Systeme bevorzugt im Private-Cloud-Ansatz selbst zu betreiben.
ITM: Warum haben Sie sich für die Zusammenarbeit mit einem externen Rechenzentrumsanbieter entschieden?
Weinberger: Treiber war unsere Strategie der Flexibilisierung. Wir wollten die Systeme nicht mehr ausschließlich im eigenen Rechenzentrum (RZ) mit unseren Mitarbeitern betreiben wie bisher, sondern uns die Unterstützung externer Partner ins Haus holen, um so IT-Lösungen 24/7 anbieten zu können. Kundenseitig wachsen zudem die Anforderungen an Standards und Zertifizierungen, die wir bei unseren Systemen beachten müssen. Eine eigene Zertifizierung wäre ein erheblicher Aufwand hinsichtlich Zeit, Ressourcen und Kosten, etwa bei Themen wie Anbindung, Brandschutz, Klimatisierung, Stromversorgung und physische IT-Sicherheit. Da stellt sich die Frage, ob man das in-house abbilden will oder im Rahmen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von spezialisierten Partnern einkauft. Dafür haben wir uns entschieden.
ITM: Wo haben sich die Anforderungen durch Ihre Kunden in den letzten Jahren verändert?
Everts: Gerade die Anforderungen der Kunden im Militärbereich sind immer detaillierter geworden, der Zertifizierungsbedarf ist mit Blick auf die interne Datenspeicherung gestiegen. Das war für uns einer der Gründe, auf Noris Network als Partner zu setzen, der das Thema „Datacenter“ als Kerngeschäft ganz anders beherrschen kann und alle wichtigen Zertifizierungen mitbringt.
ITM: Wann und wie wurde die Entscheidung getroffen?
Weinberger: Die Entscheidung haben wir im letzten Jahr getroffen, um eine Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen. Im Auswahlprozess wurden mehrere Anbieter anhand eines Kriterienkatalogs geprüft, die endgültige Wahl fiel dann auf Noris Network und deren RZ in Nürnberg. Wichtig waren für uns die Spezialisierung, die Größe des Anbieters, ebenso Regionalität und die positiven Erfahrungswerte aus der bisherigen Zusammenarbeit. Besonders entscheidend war für uns auch die Anbindung an die wichtigen Knotenpunkte im internationalen Netz, da wir unser neues und globales ERP-System zentral betreiben wollen.
ITM: Wie lange dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung? Wie gut hat das Projekt geklappt?
Everts: Der Umzug läuft derzeit noch, weil sich der Zeitplan durch die deutlich längeren Lieferzeiten bei Komponenten wie Halbleitern verlängert hat. Da wir den Umzug gleichzeitig mit einer Modernisierung verbinden, hat die Beschaffung Priorität. Dennoch sind wir mit dem Projekt zufrieden. Der Entscheidungsprozess selbst ist bei uns sehr schlank, denn die IT ist direkt dem Vorstand unterstellt: Von der Idee bis zur Entscheidung sind gerade mal drei Wochen vergangen.
ITM: Welche Verbesserungen wollten Sie mit der RZ-Auslagerung erreichen?
Weinberger: Im Wesentlichen ging es um das Thema „Verfügbarkeit der Systeme“. Wir haben bei uns keine 24/7-Betreuung, das ist beim RZ-Anbieter mit dem Hinzubuchen von Managed Services nun anders. Jetzt erreichen wir mit einer Colocation-Lösung gemäß Service Level eine Verfügbarkeit von annähernd 100 Prozent. Dabei hat der Anbieter physikalischen Zugang zu unseren Servern. Zwei Racks stehen in unterschiedlichen Brandabschnitten, um Redundanz zu gewährleisten. Wir haben eine redundante, kreuzungsfreie High-Speed-Standortanbindung über Glasfaser ins RZ Nürnberg. Die Beschaffung ist offen, d.h. entweder der Dienstleister oder wir beschaffen die Komponenten und nehmen sie im angemieteten Bereich in Betrieb. Einige wenige Server betreiben wir noch in-house.
ITM: Welche Rolle spielt die Hochverfügbarkeit der IT für Ihr Unternehmen?
Everts: Das ist auch perspektivisch ein wichtiges Thema. Der Anbieter hat uns versichert, dass bei einem Blackout Notstromkapazitäten vorhanden sind, um den Serverbetrieb für zwei Wochen aufrechtzuerhalten. Das war eine wichtige Hintergrundinformation für uns.
ITM: Wie passt die Entscheidung, die IT zu einem externen Anbieter auszulagern, in Ihre gesamte IT-Strategie?
Weinberger: Wir haben praktisch unseren Serverraum in das RZ des Dienstleisters verlängert. So können wir jetzt auch Dienste in gleicher Qualität wie On-Premises, allerdings mit deutlich mehr Flexibilität, hinzubuchen. Zudem haben wir die Flexibilität, für einzelne Systeme leichter Dienstleister an Bord zu nehmen, die im RZ Zutritt haben und unsere Systeme so betreiben, als wären sie direkt bei uns im Haus. In der Produktion würde man es als verlängerte Werkbank bezeichnen. Zuvor hatten wir nur eine Internetanbindung, die nicht für die Übertragung großer Datenmengen oder das Betreiben von hochperformanten Systemen designt war. In der IT ist mehr Raum entstanden, um Systeme und Prozesse intensiver zu betreuen. Zukünftig können wir uns statt auf den Betrieb stärker auf die Leistritz-spezifischen Anwendungsfälle und Prozesse konzentrieren.
Everts: Wir sehen den Umzug als Investition in die Zukunft und zugleich als sinnvollen Weg, bei dem wir einerseits die Verantwortung für unsere Systeme nicht aus der Hand geben, aber gleichzeitig mit einem professionellen Partner an unserer Seite für die steigenden Anforderungen gerüstet sind.
ITM: Welche Aspekte waren Ihnen an einem Outsourcing-Partner besonders wichtig? Inwieweit gehört Innovationsfähigkeit dazu?
Weinberger: Ganz wesentlich waren für uns die Verfügbarkeit von Ressourcen, die Größe und vergleichbare Referenzen: Dass wir nicht der erste Kunde und bei weitem nicht der größte sind, war ausschlaggebend. Uns ging es vor allem auch darum, dass der Anbieter das Outsourcing nicht nur als ein Produkt unter vielen sieht, sondern als Kernaufgabe, in die massiv investiert wird. Wir haben in der Evaluierungsphase gesehen, dass Wissen und professionelle Prozesse dahinterstehen, die einige andere Anbieter so nicht darstellen konnten. Die Innovationsfähigkeit war übrigens eines der Kriterien, die der Vorstand für die Anbieterauswahl vorgegeben hat.
ITM: Welche Einsparungen oder Entlastungen konnten Sie durch die Auslagerung des Rechenzentrums erzielen?
Everts: Ich würde eher sagen, dass wir bei Kostengleichheit eine deutlich erhöhte Flexibilität, Skalierbarkeit, Professionalität und Innovationsfähigkeit erreicht haben. Wir müssten intern deutlich mehr Know-how vorhalten, um ein ähnliches Niveau zu erreichen. Auch in puncto Cybersicherheit bietet unser RZ-Dienstleister eine wichtige Unterstützung.
ITM: Würden Sie sagen, dass die Daten aus Ihren Produkten im Sinne von Internet of Things (IoT) und Datenanalytik wichtiger geworden sind? Gibt es bereits digitale Services und Geschäftsmodelle oder sind diese künftig angedacht?
Weinberger: Wir haben bereits Digital Services eingeführt, darunter die Fernwartung. Wir stellen auch Messwerte zum Status der Produkte und Maschinen zur Verfügung, um sie in den optimalen Leitplanken zu betreiben und für eine besser planbare Maintenance. Allerdings sind wir da z.B. im Bereich der Pumpen eher die Treiber, als dass es schon von den Kunden gefordert wird. Dennoch: Es ist ein starker Trend, dass die Kunden in allen Bereichen Mehrwerte erhalten.
ITM: Wie wichtig sind Themen wie Industrial IoT perspektivisch für Ihr Unternehmen?
Everts: Der Markt ist stark im Wandel. Einige Kunden, die in ihrer Digitalisierung schon weiter sind, erwarten entsprechend mehr. Dabei kommt es ihnen vor allem auf eine hohe Datensicherheit und Recovery-Pläne an. Die Bedeutung datenbasierter Services wird jedoch aus unserer Sicht exponentiell wachsen. Virtuelle Inbetriebnahme, Predictive Maintenance und virtueller Support sind erst der Anfang. Allerdings gilt auch, dass unsere Produkte überall auf der Welt eingesetzt werden und die Verfügbarkeit von Wlan oder Mobilnetzen nicht überall gegeben ist. Da müssen die Kunden dort abgeholt werden, wo sie mit ihren individuellen Voraussetzungen stehen.
ITM: Setzen Sie sich bereits mit Technologien wie Machine Learning (ML) oder Künstliche Intelligenz (KI) auseinander?
Everts: Wir machen uns Gedanken über die Nutzungsmöglichkeiten. Beispielsweise ermitteln wir bereits aus unserer Business Intelligence (BI), inwieweit sich relevante Trends herauskristallisieren. Gerade wurde in Nürnberg eine neue Universität gegründet – mit dem ersten Lehrstuhl für KI praktisch gegenüber. Hier wollen wir mit der Forschung zusammenarbeiten.
ITM: Wie wichtig sind Agilität und Flexibilität heute für Ihr Unternehmen? Wie zeigt sich das in Prozessen, Projektmethoden und IT-Systemen?
Everts: Agilität ist elementar wichtig, ganz einfach, weil die Geschwindigkeit zunimmt, mit der wir reagieren müssen. In der Corona-Krise haben wir einen starken Wandel gelebt. In dieser Zeit ist die größte Anzahl von Neuprodukten entstanden, die wir bisher – einschließlich des Zertifizierungsaufwands – auf den Markt gebracht haben. Das war nur mit agilem Projektmanagement zu schaffen. Mit traditionellen Methoden wäre das schlicht nicht möglich.
ITM: Dann sind Ansätze wie Scrum oder DevOps relevant für Ihr Unternehmen?
Everts: Wir setzen uns vor allem sehr stark mit der Scrum-Methodologie auseinander. Ich habe selbst eine Ausbildung zum Scrum Master gemacht, um besser zu verstehen und nachzuvollziehen, wie uns agile Methoden ans Ziel führen können.
ITM: Welche Herausforderungen ergeben sich durch den zunehmenden Druck auf Lieferketten? Hat Ihr Unternehmen daraus Konsequenzen gezogen?
Everts: Wir sind sicherlich heute ebenfalls von den größeren Herausforderungen in der Lieferkette betroffen. Allerdings konnten wir das gut abfedern, weil wir unsere partnerschaftlichen Beziehungen meist in Multisource-Ansätzen auslegen. Wir konnten unsere Umsatzziele übertreffen, auch wenn es hin und wieder eine Verschiebung um ein, zwei Wochen gab. Wir hatten allerdings keine Ausfälle, gerade weil wir so eng mit den Lieferanten zusammenarbeiten. Das gilt auch IT-seitig, da wir einen kontinuierlichen Datenaustausch über EDI und unsere Kundenplattform pflegen.
ITM: Welchen Stellenwert hat die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen? Wie setzen Sie neue Anforderungen IT-seitig um?
Weinberger: Wir legen als IT spezifisch den Fokus darauf, die Fachabteilungen in ihrer Zusammenarbeit mit dem Kunden und im Sinne des Kunden zu unterstützen. Ein Beispiel: Oft gehen mehr Abrufe in digitaler Form ein, die zuvor manuell eingetragen wurden. Dann setzen wir Lösungen um, die wiederkehrende Aufgaben automatisieren, damit der Fachbereich intern schneller handlungsfähig ist. Aber wir arbeiten auch eng mit den Ingenieuren in den Fachabteilungen zusammen, die mit der Digitalisierung unserer Produkte befasst sind und die Expertise rund um das Maschinen-Engineering einbringen. Nur so entstehen gute, praxisnahe Lösungen. Denn klar ist: Digitalisierte Produkte sind sinnvoll für die Kunden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Welchen Beitrag leisten Ihre Technologien zu mehr Nachhaltigkeit?
Everts: Praktisch alle Produkte zahlen bei unseren Kunden auf die Nachhaltigkeit ein – ob bei der Triebwerkstechnologie oder den Pumpen, die einen um 30 Prozent höheren Wirkungsgrad mit einem erheblich geringerem Energieverbrauch haben. Im Bereich „Sondermaschinen“ setzen wir keine traditionellen Kühlschmiermittel ein, sondern arbeiten mit trockener Zerspanung, sodass kein schwer zu entsorgender Schlamm entsteht. Im Recycling-Bereich leisten wir mit Maschinen, die von „Flake to Bottle“ recyceltes Kunststoffgranulat in neue Produkte verwandeln, einen ganz direkten Beitrag.
ITM: Wie aufwendig ist es, im eigenen Unternehmen Nachhaltigkeit voranzutreiben und zu priorisieren, gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)?
Everts: Das fällt gleichermaßen leicht als auch schwer. Leicht, weil wir schnellen Zugang zu den Mitarbeitern haben und jeder das Thema „Nachhaltigkeit“ für sich verstanden hat. Schwierig ist es für Mittelständler hingegen, die Ressourcen wie Arbeitszeit und finanzielle Mittel für das Thema zur Verfügung zu stellen. Da weiß ich aufgrund meiner früheren Tätigkeit in einem großen, innovativen Konzern, wie Großunternehmen ganze Abteilungen dafür bereitstellen und vieles experimentell erproben. Bei KMU muss es sich immer auch schnell wirtschaftlich rechnen – das ist der wesentliche Unterschied.
ITM: Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit – auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit?
Everts: Für uns hat das Thema einen sehr hohen Stellenwert, das zeigt sich nicht nur in unseren Produkten. Wir kaufen zu 100 Prozent grünen Strom und dort, wo wir es benötigen, grünes Gas. Alle Dächer, die wir derzeit in unserer Infrastruktursanierung überholen, werden für Solarenergie vorbereitet. Die meisten sind bereits fertig und werden mit Photovoltaik ausgestattet.
ITM: Wie haben Sie Ihre IT auf den Nachhaltigkeitsfokus ausgerichtet? Spielt möglichst hohe Nachhaltigkeit im RZ-Betrieb eine Rolle? Was leistet der Outsourcing-Partner hier?
Weinberger: Bei der Besichtigung haben uns die effizienten Kühlkonzepte positiv beeindruckt. Dass der Anbieter viel Aufwand in seine Planung gesteckt hat und es schafft, Energie effizient zu nutzen und selbst bei großen Flächen Warm- und Kaltbereiche trennt, war ein Pluspunkt. Gerade der neu gebaute Abschnitt, in dem unsere Systeme stehen, zeichnet sich durch gut durchdachte Lösungen aus.
ITM: Wie schätzen Sie die Entwicklung angesichts der Klimaziele in den nächsten Jahren ein? Sehen Sie in Ihrem Markt bereits mehr Druck auf Ihre Kunden, sich nachhaltiger aufzustellen?
Everts: Alle großen Kunden fragen danach. Sie wollen wissen, welchen CO2-Fußabdruck unser Produkt in der Kette verursacht. Diesen Druck verspüren wir mehr und mehr und wir sind darauf vorbereitet.
ITM: Welchen Beitrag kann – neben nachhaltigen Produkten – die Digitalisierung im Kontext der Kreislaufwirtschaft und beim Re- und Upcycling leisten?
Everts: Die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft wird stark zunehmen. Dabei spielt die Nutzung der Kundendaten aus dem Betrieb der Produkte eine wesentliche Rolle, um beispielsweise aktiv ein Refit oder Upcycling für Maschinen anzubieten, die wir in den vergangenen Jahren auf den Markt gebracht haben. Wir haben uns hier gemeinsam mit den Kunden über unser CRM-System eine gute Datentransparenz erarbeitet.
ITM: Haben sich Compliance-Vorgaben verändert oder haben diese in den letzten Jahren in Ihrer Branche zugenommen? Wie setzen Sie Compliance IT-seitig um? Spielt das Outsourcing dabei eine Rolle?
Everts: Das ganze Thema „Datensicherheit“, ob im Bereich „personenbezogener Daten“ mit der DSGVO oder seitens der Kunden in Branchen wie Luft- und Raumfahrt mit sehr starker Regulierung, hat massiv an Bedeutung gewonnen. Wir nehmen die Anforderungen, die unsere Kunden an uns stellen, sehr ernst. Dem Thema begegnen wir u.a. durch interne Prozesse und Ressourcen. So haben wir Mitarbeiter, die sich primär um Dokumentation und Prozesssicherheit kümmern, auch gestützt durch die IT-Systeme.
ITM: Welche Ziele will Ihr Unternehmen mittel- und langfristig erreichen und welche Rolle spielt die IT bei Ihrer Strategie?
Everts: Wir setzen weiterhin auf Innovation als Wachstumsmotor, und die IT ist der Enabler für profitables Wachstum. Die IT unterstützt uns einerseits bei den Innovationsprozessen selbst, andererseits auch durch qualifizierte, aussagekräftige Daten. Ohne das entsprechende Backbone wird es nicht funktionieren.
Weinberger: Wir arbeiten aktiv an der Beseitigung von Systembrüchen. Bisher haben unterschiedliche ERP-Systeme viele Herausforderungen gebracht, Daten manuell oder automatisch zu konsolidieren. Ziel ist eine zentrale Plattform in der Private Cloud als Grundlage für ein zentrales Datenmanagement, um Daten übergreifend nutzen zu können.
Alter: 51 JahreFamilienstand: verheiratet, zwei Kinder
Werdegang: Studium der Betriebswirtschaftslehre, seit 2019 Vorstand bei Leistritz
Derzeitige Position: Vorstand, Vorstandssprecher, CFO
Alter: 47 JahreFamilienstand: verheiratet, zwei Kinder
Werdegang: Studium der Informatik und internationaler MBA, seit 2003 bei Leistritz, seit 2016 Leiter IT
Derzeitige Position: Leiter IT
… ist Spezialist für High-Tech-Lösungen in der Turbinen-, Pumpen-, Extrusions- und Produktionstechnik. Die Produkte des Unternehmens stecken in vielen Dingen des täglichen Lebens: in Flugzeugen, Fahrzeugen und Fußböden, in Maschinen und Medizintechnik, in Lebensmitteln sowie Recycling-Verpackungen. Der Hauptsitz ist in Nürnberg, wo das Unternehmen um 1905 gegründet wurde. 1.800 Mitarbeiter in vier unabhängigen Geschäftseinheiten und an 13 Standorten versorgen 21 Industrien rund um die Welt.
Bildquelle: Claus Uhlendorf