KI-Einsatz im Mittelstand

„Akzeptanz und Nutzung werden steigen“

Im Interview betont Jan Pilhar, Executive Director & GenAI Lead bei IBM iX DACH, dass Künstliche Intelligenz (KI) so gut wie alle Berufe in den kommenden Jahren stark verändern wird.

KI-Einsatz im Mittelstand

Jan Pilhar leitet alle GenAI Initiativen für IBM iX und hat in Europa, Asien und den USA für Beratungen und Agenturen komplexe Digitalprojekte verantwortet.

ITM: Herr Pilhar, wie bewerten Sie den aktuellen Status Quo in Bezug auf den praktischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im deutschen Mittelstand?
Pilhar: Es zeigt sich ein gemischtes Bild. Während laut Bitkom rund zwei Drittel der Unternehmen KI als wichtigste Zukunftstechnologie sehen, setzen bislang nur wenige die Technologie tatsächlich ein. Wir sehen aber ein stark wachsendes Interesse – auch bei kleinen und mittleren Unternehmen – KI für sich zu nutzen. Dieses Interesse ist angefacht durch den Hype um ChatGPT und damit um die neuen generativen KI-Systeme, die seit rund 10 Monaten stark im Rampenlicht stehen und von vielen Menschen auch privat ausprobiert werden. Wir sehen dadurch eine neue Begeisterung für KI-Technologien und gehen davon aus, dass Akzeptanz und Nutzung auch im Mittelstand in den kommenden 18 Monaten stark steigen werden.

ITM: Welche Vorteile kann der KI-Einsatz für Mittelständler bringen?
Pilhar: KI kann in vielen Prozessen zu einer großen Effizienzsteigerung beitragen. Darüber hinaus ermöglicht Generative KI wie etwa GPT-4, die die aktuelle Welle der KI-Euphorie antreibt, völlig neue Formen der Anwendung. Das betrifft vor allem auch die Kundeninteraktion, etwa in Form von Chatbots, Produktberatern und smarten Assistenten sowie das interne Wissensmanagement. Aber auch im Software-Engineering kann Generative KI zu einer schnelleren und effizienteren Entwicklung beitragen. Sie lässt sich sowohl bei der Entwicklung von Produkten und Services einsetzen, kann aber auch selbst deren Bestandteil sein und so die Nutzungsqualität für Kunden stark erhöhen.

ITM: Wo liegen bislang noch die größten Probleme zur praktischen Anwendung?
Pilhar: Die größten Bedenken beziehen sich auf die Sicherheit und die Kosten von KI. Dabei lässt sich Sicherheit einerseits unter dem Aspekt der Qualität der von einer KI erstellten Ergebnisse betrachten. Kann ich mich auf die Ergebnisse wirklich verlassen? Kann ich Geschäftsentscheidungen oder auch Empfehlungen für Kunden darauf aufbauen? Muss ich mir wegen möglicher „Halluzinationen“ Sorgen machen? Aber auch rechtliche Sicherheit spielt eine große Rolle, denn einige der aktuellen großen Sprachmodelle wie GPT sind auf Daten trainiert, bei denen eine Urheberrechtsverletzung nicht ausgeschlossen werden kann. Entsprechend bestehen hier zum Teil rechtliche Unsicherheit und die Sorge, sich in einer Grauzone zu bewegen. Auch die zunehmende Regulierung von KI verunsichert manche, denn hier muss Compliance sichergestellt werden. Aber auch die Sicherheit eigener Daten ist für viele Unternehmen ein wichtiges Thema. Wie kann ich sicherstellen, dass meine eigenen Unternehmensdaten und -interna nicht unabsichtlich in das Modell gespielt und damit auch für andere verfügbar werden? Auch der Kostenaspekt wird zunehmend zum Sorgenthema. Bei der Nutzung großer kommerzieller Modelle wie GPT kostet jede Anfrage an das Modell eine Gebühr. Diese sollte sauber im Vorfeld kalkuliert werden und zu Entwicklungs- und sonstigen Betriebskosten der KI-Lösung addiert werden, um sicherzugehen, dass wirklich ein positiver Wertbeitrag generiert wird. Hier fühlen sich viele Mittelständler überfordert. Viele Unternehmen glauben auch, dass KI kompliziert und teuer ist und scheuen sich, entsprechende Investitionen zu tätigen. Wir sehen aber gerade im Markt, dass viele Anbieter von Software jetzt sehr schnell (Generative) KI in ihre Produkte einbauen. Insofern sinkt die Hürde, denn viele KI-Systeme werden einfach Bestandteil bereits genutzter Programme werden. Ein plakatives Beispiel ist hier Office 365, also Word, Excel und PPT, in denen ab November gegen einen kleinen Aufpreis ChatGPT-ähnliche Fähigkeiten direkt integriert sind. Insofern wird die Nutzung von KI vermehrt „normaler“ Bestandteil vieler Standardprozesse, ohne dass man sich dazu groß Gedanken machen muss. Das passiert auch im Bereich vieler anderer Standard-Software für Enterprise Resource Planning (ERP), Marketing, Sales etc. Etwas anders sieht es beim Aufbau eigener KI-Lösungen aus, die auf Basis selbst trainierter Modelle und unternehmenseigener Daten einen echten Wettbewerbsvorteil erzeugen können. Hier ist es ratsam, mit einem etablierten Technologiepartner gemeinsam in die Entwicklung zu gehen, um unter Kosten-, Sicherheits-, Skalierungs- und Governance-Aspekten eine wirklich tragfähige und nachhaltig nutzbare Lösung zu entwickeln.

ITM: Was würde helfen, um diese Hürden erfolgreich zu überwinden?
Pilhar: Es macht Sinn, das Thema „KI“ im Unternehmen ganzheitlich zu betrachten. Es sollten mit einem klaren Verständnis der technologischen Möglichkeiten unterschiedliche Use Cases und Anwendungsszenarien im eigenen Unternehmen unter Kosten- und Nutzen-Gesichtspunkten bewertet werden und dann nur die sinnvollsten weiterverfolgt werden. Ebenso wichtig ist es, gemeinsam mit einem erfahrenen Technologiepartner zu entscheiden, ob man eine Lösung von der Stange kaufen sollte, oder doch lieber in die Eigenentwicklung investiert. Daneben ist es entscheidend, den eigenen Mitarbeitern die Möglichkeiten der neuen Technologien zu vermitteln und ihnen genügend Raum für das Experimentieren und Diskussionen zu lassen. Hier können z.B. Inspiration Days helfen, auch weniger technikaffine Mitarbeiter mit dem Thema vertraut zu machen.

ITM: Welche Berufsbilder werden sich aus Ihrer Sicht künftig am stärksten durch KI verändern?
Pilhar: Nachdem man lange davon ausging, dass vor allem einfache Tätigkeiten durch KI ersetzt werden, also etwa Arbeiten in der Produktion, ändert sich diese Einschätzung durch die neuen generativen KI-Systeme. Mit diesen lassen sich auch komplexe „geistige“ Aufgaben – etwa im Produktdesign, im Marketing oder in der Software-Entwicklung – zumindest teilautomatisieren. Entsprechend ist davon auszugehen, dass so gut wie alle Berufe in den nächsten Jahren durch KI verändert werden. Das heißt aber nicht, dass die betroffenen Berufe überflüssig werden. Es geht künftig eher um eine Augmentierung, also die Unterstützung von Mitarbeitern durch smarte, KI-gestützte Tools, die sie ihre Arbeit schneller und effektiver machen lassen.

Bildquelle: IBM iX

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