„Wenn ein Luftalarm ertönt, müssen sich alle unsere Mitarbeiter in Luftschutzbunker begeben“, berichtet Ekaterina Kabakova aus dem aktuellen Alltag ihres Unternehmens.
ITM: Frau Kabakova, wie hat der ukrainische IT-Sektor bislang auf die russische Invasion reagiert?
Ekaterina Kabakova: Seit Kriegsbeginn haben sich das Leben unserer Kollegen und die Arbeitsabläufe des Unternehmens wesentlich verändert. Wie viele andere Ukrainer arbeitet auch unser Team trotz der regelmäßigen Luftalarme weiter und engagiert sich ehrenamtlich. Einige unserer Mitarbeiter schlossen sich den ukrainischen Streitkräften oder der Territorialverteidigung an. Andere wiederum helfen bei der Koordination von Freiwilligen oder arbeiten als Teil der Initiativen der Netpeak Group an der Cyberfront, um die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten.
ITM: Inwieweit kann der IT-Sektor helfen, den Krieg nicht nur im Informations-, sondern auch im Wirtschaftsbereich zu gewinnen?
Kabakova: Derzeit ist der IT-Sektor beinahe die einzige Einnahmequelle der ukrainischen Wirtschaft. Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst und tun alles, um auch weiterhin Arbeitsplätze zu sichern, Steuern an den Staatshaushalt abzuführen und die freiwilligen Initiativen unseres Unternehmens zu finanzieren.
ITM: Welchen Einfluss übt der Krieg konkret auf Ihre Arbeit als SaaS-Dienstleister für SEO-Spezialisten aus?
Kabakova: Zu Beginn haben fast alle Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt. Es war unklar, was als Nächstes passiert und wie es weitergehen soll. Einige Mitarbeiter haben die Ukraine verlassen oder sind in sicherere Regionen der Ukraine umgezogen. Mittlerweile hat sich die Arbeitssituation etwas stabilisiert. Trotz der Tatsache, dass viele unserer Mitarbeiter gezwungen waren, ihre Häuser auf der Suche nach einem sicheren Ort zu verlassen, bleibt unser Service unter allen Umständen stabil. Wir garantieren unseren Kunden den Zugriff auf Daten und arbeiten täglich daran, um den Service zu aktualisieren und neue Tools und Funktionen zu entwickeln. Vor Kurzem wurde beispielsweise ein großes Update veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein einzigartiges Tool, das die beliebtesten Suchanfragen von Suchmaschinen sammelt und anzeigt, sobald sie in einer Region erscheinen. Es ist besonders nützlich für Nachrichtenredakteure und Content-Ersteller.
ITM: Wie arbeiten Sie derzeit? Wie hat sich Ihr Unternehmen an die Bedingungen angepasst?
Kabakova: Wir verfolgen keine neuen Herangehensweisen. Wir glauben, der effektivste Weg ist, im Hier und Jetzt zu handeln. Wir verzichten so häufig wie möglich auf unnötige Bürokratie und komplizierte Abstimmungen. Wir telefonieren öfters miteinander und haben Hierarchien weitgehend abgeschafft. Wenn es Fragen gibt, aber kein direkter Vorgesetzter zur Verfügung steht, kann man einfach den CEO anrufen. Es gibt jedoch einige Probleme: Nicht immer hat jeder einen stabilen Internetzugang und eine Telefonverbindung. Alle wissen, dass man mehrere Internet- und Telekommunikationsbetreiber braucht, um zwischen ihnen zu wechseln. Wenn ein Luftalarm ertönt, müssen sich alle unsere Mitarbeiter in Luftschutzbunker begeben. Wir haben vereinbart, dass sie jedes Meeting verlassen dürfen, wenn es notwendig ist. Außerdem benötigen viele Mitarbeiter emotionale Unterstützung, da ihnen die Verarbeitung der Ereignisse schwerfällt. Als Folge der genannten Punkte hat sich die Arbeitsleistung unserer Mitarbeiter gesenkt. Um dieses Problem zu lösen, arbeiten wir eng mit den Team-Leadern zusammen und versuchen, den Mitarbeitern so gut wie möglich zu helfen.
ITM: Inwieweit sind Sie als Unternehmen auch in Russland aktiv?
Kabakova: Der Krieg hat unsere gewohnten Geschäftsprozesse auf den Kopf gestellt. Zuerst haben wir uns um die Sicherheit der Mitarbeiter gekümmert und sie in sicherere Regionen evakuiert. Danach haben wir uns eine wichtige Frage gestellt: Was sollen wir jetzt mit Nutzern aus Russland machen? Als ukrainisches Unternehmen konnten wir einfach nicht weiter Geschäfte mit dem Land führen, das mit Flugzeugen und Raketen unsere Städte zerstört und Leute tötet. Die Entscheidung war einstimmig: Wir müssen sie blockieren. Damit ist Serpstat eines der ersten ukrainischen SaaS-Unternehmen geworden, das Nutzer aus Russland blockiert – trotz der damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen. Wir haben viel Hass von russischen Blog-Lesern und Nutzern erhalten, die immer wieder Drohungen an unser Team schreiben. Aber es gibt uns nur Mut und wir wissen, dass wir aus moralischer Sicht das Richtige getan haben.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Welchen Tipp möchten Sie abschließend anderen mittelständischen Firmen in Ihrer Heimat mit auf den Weg geben?
Kabakova: Neben der Flexibilität und Vereinfachung von Arbeitsabläufen muss man auf die emotionale Stabilität der Mitarbeiter achten. Es ist sehr schwierig, unter Kriegsbedingungen zu arbeiten. Die Konzentration auf die Arbeit erfordert viel Kraft. Jeden Tag führen wir Support-Meetings via Zoom mit einem zertifizierten Psychologen durch. Mitarbeiter kommen hinzu, wenn sie das Bedürfnis dazu haben. Es hilft uns dabei, den Mut nicht zu verlieren und mit dem dauerhaften Stress umzugehen.
Bildquelle: Serpstat