„Würden wir es schaffen, Unternehmen noch stärker und in Echtzeit zu vernetzen, wäre das die Grundlage für Geschäftsmodelle, die unsere Vorstellungskraft zurzeit noch übersteigen“, ist sich Dr. Tim Langenstein sicher.
ITM: Herr Langenstein, auch im fertigenden Mittelstand halten verstärkt Industrie-4.0-Szenarien Einzug; die Menge an erzeugten Daten und notwendigen Schnittstellen wächst ständig. Was bedeutet dies für das ERP-System als „zentrale Datendrehscheibe“?
Dr. Tim Langenstein: Vor zehn Jahren konnten oder wollten sich viele Mittelständler noch nicht vorstellen, welche Möglichkeiten entstehen, wenn automatisierte Datenströme nicht nur innerhalb des Unternehmens, sondern auch über Unternehmensgrenzen hinweg etabliert werden. Während früher digitale Vorreiter ihre Geschäftspartner zum elektronischen Datenaustausch nötigen mussten, ist man heute nicht mehr wettbewerbsfähig, wenn man diese Anforderung nicht erfüllt. Dabei spielt es aus technischer Sicht erst mal keine Rolle, ob der Datenaustausch intern, extern oder im Industrie-4.0-Kontext stattfindet. Wichtig ist vielmehr, dass ein ERP-System als zentrale Datendrehscheibe die einfache Möglichkeit bietet, Datenströme aus unterschiedlichsten Quellen anzubinden. Nur so ist auch eine automatisierte Weiterverarbeitung möglich, die man getrost als eine der Grundlagen für das Heben von Potenzialen bei der Prozessoptimierung ansehen kann.
Auch ein gern übersehener Punkt: Datenschnittstellen sind zwar schön, wenn aber das ERP-System mit dem Datenformat nicht umgehen kann, helfen auch sie nur kurzfristig weiter. Im Klartext: Moderne ERP-Systeme müssen flexibel genug sein, auch für „neu“ auftretende Informationen passende Datengerüste und Auswertungsmethoden zu bieten. Ich denke dabei z.B. an automatisch erfasste Maschinendaten, die für nachfolgende Serviceprozesse relevant sind. Wer weiß heute schon, was er im Produkt von morgen gerne übermorgen an Daten erheben möchte?
ITM: Anwender halten möglichst lange an einer einmal implementierten ERP-Lösung fest. Welche Funktionalitäten muss eine Software mitbringen, um auch den Herausforderungen der nächsten Jahre gewachsen zu sein?
Langenstein: Wenn ich es kurz machen soll: Handelsprozesse. Ich sehe bei unseren Kunden einen starken Trend dazu, dass der produzierende Mittelstand immer stärker Prozesse des Großhandels übernimmt und den direkten Kontakt mit seinen Kunden sucht.
Klar, es wird immer neue Wege geben, um unter Zuhilfenahme von Software effektiver zu produzieren. Aber da sucht auch jeder nach Potenzialen, weil es so naheliegend ist. Die Bedeutung eines Interfaces zum Kunden, über das automatisierte Prozesse im Unternehmen angestoßen werden können, wird von vielen Produzenten noch sehr unterschätzt. Ob man das nun E-Commerce, Bestellplattform oder Kundencenter nennt, bleibt jedem selbst überlassen. Das Ziel eines jeden Fertigers sollte sein, charmante Lösungen zu entwickeln, die das tägliche Geschäft der Kunden erleichtern. Das fängt bei der Ersatzteilversorgung an und hört bei der Konfiguration von Produkten auf.
ITM: Ein Aspekt, den viele ERP-Anbieter erst nach und nach verinnerlichen, ist die Rolle des Nutzers; ERP-Masken sind häufig unhandlich und nicht eben nutzerfreundlich. Wie wichtig ist die User Experience (UX) im ERP-Umfeld?
Langenstein: Das Thema wird uns in Zukunft noch stärker begleiten, da der Mittelstand erst langsam erkennt, welchen positiven Einfluss eine gute UX auf die Produktivität der Anwender hat. Starre Systeme, die wenig Platz für individuelle Anpassungen auf Maskenebene bieten, werden es zunehmend schwerer haben zu überzeugen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Wir haben den Anspruch für die jeweiligen Nutzergruppen, die Oberflächen ihren individuellen Arbeitssituationen anzupassen. Das kann auf eine modifizierte Maske durch Ausblenden, Umbenennen und die Neuanordnung von Feldern hinauslaufen. Oder es bietet sich an, bestimmte Prozesse komplett über Dashboards abzubilden, die der Kunde eigenständig erstellen und editieren kann. Vielleicht ist aber auch eine standardisierte App auf dem Smartphone die Antwort. Es lohnt immer der genaue Blick auf die jeweilige Anforderung. Und genau hier liegt oft auch der Grund, warum die UX bei vielen eingesetzten Systemen miserabel ist: Für die Konfiguration nach Nutzergruppen wird schlichtweg kein Budget bei ERP-Projekten eingeplant oder es wird für vermeintlich sinnvollere Funktionswünsche aufgebraucht.
ITM: Junge Arbeitnehmer wachsen mit intuitiven Social-Media-Oberflächen auf und arbeiten immer häufiger auch mobil und remote. Wie lässt sich der Mobility-Gedanke in die ERP-Welt übertragen?
Langenstein: Wir arbeiten daran, verschiedene Module unseres ERP-Systems sukzessive als responsive Web-Apps zur Verfügung zu stellen. Momentan bieten wir hier eine CRM-Außendienst-App und eine Service-App an, mit denen schon recht viele mobile Szenarien erschlagen werden. Wichtig war uns bei der Entwicklung der Fokus auf die Replikationssicherheit, da es ja leider in Deutschland immer noch Gegenden gibt, die nicht mit dem stabilsten Internet gesegnet sind. Deswegen ist es nun auch offline möglich, Angebote, Aufträge und Serviceberichte anzulegen, die später mit dem ERP-System synchronisiert werden.
ITM: Von Built-in-KI-Funktionalitäten über AR-Anwendungen via Datenbrille – von welchen technologischen Entwicklungen erhoffen Sie sich in den kommenden Jahren das größte Innovationspotenzial?
Langenstein: KI oder AR-Anwendungen sind natürlich extrem populär und gut fürs Image, müssen sich aber auch im Kontext vom ROI messen lassen. Unserer Erfahrung nach reagiert der deutsche Mittelstand hier noch sehr zurückhaltend. Tatsächlich sehe ich das größte Innovationspotenzial immer noch auf der Metaebene von Datenverfügbarkeit und Datenaustausch. Würden wir es schaffen, Unternehmen noch stärker und in Echtzeit zu vernetzen, wäre das die Grundlage für Geschäftsmodelle, die unsere Vorstellungskraft zurzeit noch übersteigen. Wir haben mit unserer Openengine diesbezüglich einen Grundstein gelegt, der strategisch genau dort ansetzt: Datenaustausch soll langfristig kein IT-Projekt mehr sein, sondern ein Konfigurationsprojekt. Nur so können Mehrwerte gemeinsam erschaffen werden.
Bildquelle: E.bootis