Bei Amadee-20 in Israel kam mitunter ein Mars-Rover der TU Graz zum Einsatz.
Die Mars-Simulationen Amadee sind das ÖWF-Vorzeigeprogramm. Im März 2024 ist es wieder so weit: Unter Leitung der deutschen Kommandantin Anika Mehlis werden eine weitere sogenannte Analogastronautin und vier Kollegen in einem von der Außenwelt abgeschotteten Habitat ihre Mission durchführen. Sie simulieren realitätsnah einen kompletten Aufenthalt auf dem roten Planeten, dessen Umgebung die armenische Wüste darstellen soll. Rund 15 Experimente erforschen dabei verschiedene Aspekte für zukünftige astronautische Mars-Besuche: Mehrere Rover unterstützen das Team bei seinen Tätigkeiten, psychologische Tests untersuchen die Auswirkung der Isolation, technologische die autonomen Lebenserhaltungssysteme etc.
Wie bei realen Flügen ins All ist eine Crew „nur“ der sichtbarste Teil eines solchen Vorhabens – ohne das Mission Support Center (MSC) läuft nichts. Es liegt in Wien und ist das moderne Houston-Pendant der Amadee-Missionen. Auf über 200 Quadratmetern stehen dem Flight Director ca. 50 Arbeitsplätze zur Verfügung, von denen aus Analogastronauten und Experimente betreut werden. Hinzu kommt ein Support Center im Gastgeberland. Beim Datenaustausch zwischen MSC und Habitat ergibt sich eine Herausforderung, die wohl den meisten IT-Administratoren in „umgekehrter Form“ bekannt ist: Latenz.
Die Lichtlaufzeit zwischen Mars und Erde beträgt je nach Planetenkonstellation zwischen drei und 22 Minuten. Zwischen Wien und Jerewan liegen jedoch „nur“ rund 2.400 Kilometer mit einer Laufzeit von wenigen Millisekunden. Trotz dieser Differenz soll die Latenz wirklichkeitsgetreu simuliert werden. „Wir stehen tatsächlich vor der Herausforderung, Latenzzeiten künstlich zu verlängern, also diametral zu sonst gültigen Bestrebungen einer Verkürzung“, erklärt Lukas Gradl, der den IT-Betrieb des ÖWF verantwortet.
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Zur Umgehung dieser Problematik setzen er und sein Team auf eigene Open-Source-Lösungen. Folglich ist auch Hardware-seitig eine Umgebung erforderlich, die in der offenen Welt gut funktioniert. Linux in Kombination mit Hardware, die dieses Betriebssystem gut unterstützt, ermöglichen dabei auch einem kleinen Team, komplexe Lösungen zu erstellen. „Eine Nachricht vom Hauptquartier erreicht das Habitat nach ca. zehn Minuten. Die Antwort braucht wiederum zehn Minuten zurück“, erklärt Gradl.
Eine weitere Herausforderung: Das ÖWF kann das MSC aus Kostengründen nicht ganzjährig betreiben. Die pragmatische Lösung besteht aus mobilen Racks mit mehreren Routern und Servern. Letztere stammen von der Thomas-Krenn.AG, teils vom Hersteller selbst bereitgestellt, teils von Spendern. Diese homogene Landschaft mit großer Open-Source-Nähe vereinfacht vieles für das ÖWF-Team, das ausschließlich ehrenamtlich tätig ist. Eher typisch ist hingegen das Thema „Verfügbarkeit der Systeme“. „Schon eine nicht funktionierende Funkverbindung kann weitreichende Folgen haben. Werden etwa Vitalwerte nicht übermittelt, weiß das MSC nicht, ob die Lebenserhaltungssysteme nicht funktionieren oder die Astronauten in Gefahr sind“, erläutert Gradl. Die Amadee-Missionen liefern auch hier wichtige Informationen und Daten. Zwei weitere solcher Missionen sind bereits in Planung, bei denen der Funkspruch jeweils hoffentlich immer lautet: „Wien, wir haben keine Probleme.“
ÖWF
Branche: private Forschungsinstitution im Weltraumsektor
Gründung: 1998
Hauptsitz: Innsbruck
Mitglieder: rund 250 aus 20+ Nationen
Bildquelle: ÖWF / Florian Voggender