Drei Fragen an...

Aus den Daten lernen

Mit drängenden Themen wie Industrie 4.0, Smart Factory und dem Einstieg in das Industrial IoT sind nicht nur mittelstandstaugliche IIoT-Lösungen gefragt. Um digitale Geschäftsmodelle zu etablieren, beschäftigen sich mittelständische Maschinenbauer mit der skalierbaren Digitalisierung ihrer Produkte – was wiederum zuverlässige, skalierbare und bezahlbare Datenspeicher voraussetzt.

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    „Im Fokus steht die Lösung der individuellen Digitalisierungsanforderung, bei der möglichst viele Daten vor Ort bleiben – mit Vorteilen bei Latenz, Effizienz und Sicherheit“, so Philipp Müller. ((Bildquelle: Thinkstock))

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    Philipp Müller, Leiter Global Data Center Projects bei Rittal ((Bildquelle: Rittal))

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    Florian Richter, Head of Private Sector Central Europe bei Fujitsu ((Bildquelle: Fujitsu))

Um die Rechenzentren und die Netzwerke zu entlasten, gilt Edge Computing bis hin zur Machine as a Service als Technologie der Wahl. Bedarfsabhängige As-a-Service-Modelle tragen für die Fertigungsbetriebe gleichzeitig dazu bei, Kosten und Aufwände niedrig zu halten. Mitentscheidend für den Erfolg solcher Konzepte ist der richtige Umgang mit den Daten. Zwei Experten geben Tipps aus der Praxis.

ITM: Auch im Mittelstand wird der Umgang mit Big Data zur Herkulesaufgabe, denn Investitionen in Themen wie Smart Factory, das Internet of Things (IoT) oder E-Commerce und E-Logistics ziehen eine wachsende Flut von Sensor- und Log-Daten nach sich, die es zu speichern und zu analysieren gilt. Wie kann der IT-Chef dafür sorgen, dass das wirtschaftlich, sicher und performant gelingt?
Florian Richter:
IT-Verantwortliche sind nicht mehr nur gefordert, Daten zuverlässig, sicher und rechtskonform zu speichern – was angesichts der Vielzahl an Datenquellen und der rapide wachsenden Datenmenge schon für sich alleine eine Herkulesaufgabe ist. Die Anforderungen gehen mittlerweile deutlich darüber hinaus: Es gilt, aus vorhandenen Daten zu lernen, um Kunden- und Marktanforderungen besser zu verstehen, Probleme frühzeitig zu erkennen und schneller als die Wettbewerber darauf zu reagieren. Dabei geht es darum, Datenpakete zu managen und zu speichern und zugleich Datenströme zu filtern und mithilfe von analytischer Business Intelligence (BI) und Künstlicher Intelligenz (KI) zu durchleuchten. Das Ziel ist es, aus der Digitalisierung der Produktionsprozesse und den dabei entstehenden Daten relevante Informationen zu gewinnen und durch deren Auswertung beispielsweise Probleme oder Ressourcenverschwendung proaktiv zu vermeiden. Für ein solches Business, das wirklich datengesteuert ist, braucht es ein ganzheitliches Konzept für IT-Infrastruktur, Daten- und Zugriffsmodelle. Da es noch kein allgemeingültiges Patentrezept gibt, sind entsprechende Kompetenzen für die Konzeption und Implementierung unerlässlich.

Philipp Müller: Standardisierung ist das Gebot der Stunde. Hocheffiziente OT-Infrastrukturen werden aus guten Gründen zunehmend durch plattformbasierte Lösungen mit vordefinierten Elementen realisiert. Die Vorteile sind:
› weniger Komplexität durch die vordefinierte Auswahl skalierbarer Konfigurationen von Rack, Power, Cooling und Monitoring-Struktur,
› höhere Energieeffizienz und CO2-Reduktion durch optimierte Performance dank baugruppenübergreifender Abstimmung, beispielsweise bei Cooling und Monitoring,
› bewährte, qualitativ hochwertige Technologien mit klar definierter Leistung und Verfügbarkeit sowie
› schnelle und verlässliche Implementierung.

Dabei sollten die Anwender hohe Kontrolle über ihre Daten behalten. Unsere Schwesterfirma German Edge Cloud treibt als Mitbegründer von Gaia-X den Aufbau einer souveränen europäischen Dateninfrastruktur voran, die beim Austausch über Clouds die Datensouveränität gewährleistet und den Vendor Lock-in reduziert. Mit einem standardisierten Ansatz lassen sich die Anwendungen der Edge-Rechenzentren schnell und flexibel einsetzen, von Kleinstlösungen wie Mikrorechenzentrum bis hin zu Großrechenzentren.

ITM: Wie sieht eine gesunde Mischung aus eigenem Rechenzentrum, Edge Computing und Cloud-Services aus, die dafür sorgt, dass die neuen KI- und Analytics-Anwendungen zeitnah das nötige „Datenfutter“ erhalten?
Müller:
Im Fokus steht die Lösung der individuellen Digitalisierungsanforderung, bei der möglichst viele Daten vor Ort bleiben – mit Vorteilen bei Latenz, Effizienz und Sicherheit. Edge-Rechenzentren unterstützen die datensouveräne Integration in (Multi-)Cloud-Strukturen, indem sie selektieren und nur die erforderlichen Daten für Cloud-Anwendungen wie KI und Analytics teilen. Unerlässlich ist höchste Ausfallsicherheit, insbesondere durch Redundanzen aller aktiven Gewerke wie Energieversorgung und Klimatisierung. Edge-Rechenzentren stehen zudem häufig in rauen Industrieumgebungen. Sie müssen besonders gut gegen physischen Zugriff und Belastungen wie Staub, Rauch, Feuer, Wasser oder Temperaturschwankungen geschützt werden. Das Ergebnis: Hybride Strukturen aus eigenen Rechenzentren, auch als eigenständiges Edge kombiniert mit Cloud-Anwendungen, bilden eine leistungsfähige und verlässliche Struktur.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Richter: Der Trend geht klar in Richtung „Hybrid-IT“, der Kombination von Systemen vor Ort mit unterschiedlichen Cloud-Services. Als Faustregel bei der Konzeption gilt, dass überall dort, wo zeitkritische Entscheidungen mit einer Latenzzeit von unter zehn Sekunden benötigt werden, Edge Computing und/oder das eigene Rechenzentrum die bessere Option sind. Dies gilt auch bei der Unterstützung unternehmenskritischer Prozesse, etwa in der Fertigungssteuerung. Hierbei müssen IT-Verantwortliche die garantierte Verfügbarkeit von Cloud-Services, die damit verbundenen SLAs und die Stabilität der Anbindung kritisch und penibel prüfen. Bei unkritischen Prozessen ist die Cloud eine günstige Alternative. Allerdings müssen IT-Abteilungen darauf achten, dass Cloud-Services zwar einfach buchbar sind, aber ihre effiziente Kombination später durchaus komplex sein kann. Daher setzen Unternehmen zunehmend auf modulare, standardisierte und orchestrierte Angebote, beispielsweise über „Service Hubs“. Ein weiterer wichtiger Aspekt – insbesondere bei Maschinendaten – ist es, das Edge als Filter zu nutzen. Dies vermeidet, dass Unternehmen buchstäblich in der Datenflut ertrinken.

ITM: Was sind die wichtigsten Voraussetzungen in puncto Rechenzentrum, Infrastruktur und Connectivity, damit Edge Computing die gewünschten Erfolge zeitigt?
Richter:
Eine umfassende Cybersecurity ist die Grundvoraussetzung – inklusive einer konsequenten Trennung zwischen OT und IT. Während beim klassischen IT-Betrieb mit ITIL etablierte Best Practices für das Servicemanagement weit verbreitet sind, gibt es für das Edge Computing bislang kein solches Rahmenwerk. Daher sind insbesondere die IT-Abteilungen mittelständischer Unternehmen häufig damit überfordert, entsprechende Mechanismen zu implementieren – also saubere Prozesse und entsprechende SLAs aufzusetzen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich für viele Mittelständler, entsprechende Dienste von einem erfahrenen Anbieter einzukaufen – etwa als Managed Service für den sicheren IT-Betrieb am Edge.

Müller: Um die Vorteile plattformorientierter Infrastrukturen voll zu nutzen, müssen die Betreiber sich häufig von historisch gewachsenen Strukturen lösen. Anbieter unterstützen diesen Prozess, wenn sie Aspekte der Effizienz und Sicherheit nach genauer Analyse im Rahmen von TCOs simulieren und so die kurz- und mittelfristigen Vorteile vorab quantifizieren. Entscheidende Voraussetzung für den Gesamterfolg ist ein ganzheitlicher Ansatz, der gleichermaßen OT-Infrastruktur und Anwendungen einbezieht. Ein hoher Standardisierungsgrad bei allen Kernbestandteilen inklusive OT steigert die Effizienz, Sicherheit und Schnelligkeit. Offene, modulare Lösungen erhöhen mit ihrer vordefinierten Skalierbarkeit die Anpassungsfähigkeit an zukünftige Herausforderungen und die Investitionssicherheit. So profitieren die Anwender schnell von den Digitalisierungsvorteilen und berücksichtigen den immer schnelleren technologischen Wandel.

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