Libby Duane Adams, Alteryx: „Investitionen in die Weiterbildung von Mitarbeitern zahlen sich aus.“
ITM: Frau Duane Adams, inwiefern benötigen Mitarbeiter heutzutage andere fachliche Skills als vor der Pandemie, dem Russland-Ukraine-Krieg und Co. – und welche sind das konkret? Welche Rolle spielt demnach IT-Weiterbildung in Mittelstandsunternehmen anno 2023?
Libby Duane Adams: Die Unternehmenslandschaft hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen und Risiken zu erkennen, bevor sie sich verfestigen, ist daher für jeden Arbeitgeber eine hochgeschätzte Kernkompetenz. Individuelle Skills sind zwar nach wie vor gefragt, aber es besteht ein weitaus größerer Bedarf an ganzheitlichen Fähigkeiten, die durch Technologie ermöglicht werden und dem gesamten Unternehmen zugutekommen.
Wir befinden uns mitten in einer der größten Phasen der Datenproduktion, die es in der Geschichte je gegeben hat. Während diese Datenflut neue Möglichkeiten für die Bereitstellung von Informationen für die Entscheidungsfindung in großem Maßstab bietet, haben viele Unternehmen Schwierigkeiten, die benötigten Informationen in der erforderlichen Geschwindigkeit und dem erforderlichen Umfang zur Verfügung zu stellen.
Die Bereitstellung dieser sogenannten Decision Intelligence zur Lösung sich schnell entwickelnder Probleme in Echtzeit erfordert Mitarbeiter, die effektiv mit Daten arbeiten können. Es erfordert Experten in den Abteilungen, die in der Lage sind, ihre eigenen Datenprobleme kreativ anzugehen. Dabei handelt es sich nicht notwendigerweise um Mitarbeiter mit fortgeschrittenen Programmierkenntnissen, sondern vielmehr um solche mit hart erarbeitetem Fachwissen und der Fähigkeit, codefreundliche und/oder codefreie Self-Service-Tools effektiv zu nutzen.
Eine professionelle IT-Ausbildung sowie technische Fähigkeiten sind heutzutage gleichrangig mit Soft Skills zu betrachten. Auf dem Weg von Rohdaten zu datengestützten Entscheidungen spielen drei Soft Skills eine besonders wichtige Rolle: Kollaboration, Neugierde und Kommunikation. Self-Service-Analyselösungen reißen die Mauer ein zwischen denjenigen, die ihre Daten analysieren können, und denjenigen, die dies nicht können. Die größte Herausforderung bei der Bereitstellung von Decision Intelligence wird daher darin bestehen, den Mitarbeitern beizubringen, wie sie bessere Fragen stellen.
ITM: Was muss passieren, damit Fortbildungen in mittelständischen Unternehmen eine größere Rolle einnehmen, als es bisher häufig der Fall ist?
Duane Adams: Damit das Thema „Weiterbildung“ eine größere Rolle spielt, müssen mittelständische Unternehmen verstehen, dass strategische Decision Intelligence von qualifizierten Datenexperten auf allen Ebenen generiert werden kann – und nicht nur von spezialisierten Data-Science-Teams.
Sie können aussagekräftigere Erkenntnisse gewinnen, indem sie Mitarbeiter ohne datenwissenschaftlichen Hintergrund – diejenigen, die dem Problem am nächsten sind – befähigen, aus Daten Erkenntnisse zu gewinnen. Dafür sind zugängliche Low-Code/No-Code-Anwendungen und entsprechende Weiterbildung von entscheidender Bedeutung.
Diese Knowledge Worker in den Fachabteilungen werden trotz ihres Potenzials oft nicht ausreichend eingesetzt. Eine solide Weiterbildungsstrategie für Low-Code/No-Code-Analytics kann dazu beitragen, das Potenzial dieser Fachkräfte freizusetzen und sie in die Lage zu versetzen, die Effizienz des Unternehmens zu steigern und einen Mehrwert zu schaffen.
Führungskräfte in mittelständischen Firmen müssen bei der Entwicklung ihres Unternehmens zu einem Unternehmen mit robusten Prozessen und mit weitgehend demokratisiertem Zugang zu Daten sowie Analysen mitwirken. Nur dann werden alle Mitarbeiter in der Lage sein, Analysen zu automatisieren und das gesamte strategische und operative Wissen aus ihren Daten herauszuholen.
ITM: Das Engagement seitens der Unternehmen ist das eine, die Motivation von Mitarbeitern das andere. Was können Firmen tun, um die eigenen Mitarbeiter für Schulungen zu begeistern?
Duane Adams: Wenn die eigenen Mitarbeiter lernen, mit neuen Technologien umzugehen, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie in der Lage sind, beliebige Daten in wertvolle Geschäftsinformationen umzuwandeln. Stattdessen benötigen sie ein solides Grundverständnis des Problems, sie benötigen verfügbare Daten und sie brauchen Schulungen, die einen wertvollen Erkenntnisgewinn sicherstellen. Für Unternehmen gilt es, die Weiterbildung zu einem Vergnügen zu machen – die Erfahrung spielerisch zu gestalten und praktische Aktivitäten wie Datathons oder kollaborative Lunch-and-Learn-Sitzungen einzubauen, bei denen es Belohnungen für die Demonstration neuer Fähigkeiten gibt.
Im Vergleich zum bloßen Austausch von Lernmodulen machen diese Aktivitäten die Weiterbildung interessanter und bieten den Teammitgliedern einen Anreiz, ihre Lernreise fortzusetzen. Führungskräfte sollten Weiterbildung als Investition betrachten. Sie sollte nicht als Geschäftsausgabe angesehen werden, um ein Trainingsprogramm abzuhaken.
Anstatt darauf zu warten, dass der Talentmarkt den Bedarf des Unternehmens deckt, sollte es allen Mitarbeitern so leicht wie möglich gemacht werden, sich zu Datenfachkräften weiterzuentwickeln, die datengestützte Entscheidungen treffen können. Weiterbildung schafft einen integrativeren Arbeitsplatz und unterstützt umfassendere Unternehmensziele, indem sie Einzelpersonen ermöglicht, zusammenzukommen und einen Unterschied zu machen.
Die Einführung neuer Technologien zur Nutzung der enormen Datenmengen, die erzeugt und gesammelt werden, ist kontextabhängig einfach. Die Einführung dieser Werkzeuge und die Umsetzung eines Kulturwandels mit Hilfe von Change Management ist die größte Herausforderung – und oft auch eines der schwierigsten Elemente im Hinblick auf eine langfristige Verankerung. Wenn Unternehmen jeden dieser Schritte umsetzen, werden sie über engagierte Mitarbeiterteams mit den notwendigen Fähigkeiten und Kenntnissen verfügen, um den Wandel im gesamten Unternehmen voranzutreiben.
ITM: Inwiefern haben sich die Formen der IT-Weiterbildungsangebote und Schulungen in den vergangenen Jahren verändert?
Duane Adams: Die heute für den Geschäftserfolg erforderlichen Fähigkeiten übersteigen das Tempo, mit dem Studierende ihre Hochschulausbildung abschließen. Da Berufseinsteiger nicht darauf vorbereitet sind, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen, hat das zu einem Mangel an Talenten in Bereichen wie Analytics und Data Science geführt.
Zu Beginn meiner Karriere war der Zugang zu Daten den Forschungsteams vorbehalten. Damals wurden Datenanalysen nicht umfassend als Teil eines Business-Intelligence-Programms gelehrt, sondern nur in kleinen Studieneinheiten wie Statistik und Marktforschung. Im Zeitalter der Intelligenz muss die Datenkompetenz über die IT hinausreichen. Unternehmen und ihre IT-Verantwortlichen dürfen sich nicht nur darauf konzentrieren, Dateningenieure auszubilden, die R oder Python zur Erstellung codebasierter Datenanalysen beherrschen.
Nicht alle Lernenden müssen – und sollten auch nicht – Programmierer sein. Man muss nicht wissen, wie man ein Auto baut, um in der Logistik zu arbeiten. Warum die Datenanalyse bisher eine Domäne der Datenwissenschaftler geblieben ist, liegt einzig und allein daran, dass es bis vor kurzem keine andere Möglichkeit für Nicht-Programmierer gab, sich zu beteiligen. Heute leben wir in einer wirklich aufregenden Zeit für die Datenanalyse: Daten, die die Menschen brauchen, sind überall verfügbar. Gleichzeitig wollen immer mehr Menschen die wertvollen Erkenntnisse, die in diesen Daten verborgen sind, freilegen.
Wenn Unternehmen über keine datenkompetenten Mitarbeiter verfügen, müssen die Führungskräfte in diesen Unternehmen ihre Angestellten befähigen und mit den richtigen Fähigkeiten ausstatten. Unternehmen, die dies erkannt haben, werden mit gutem Beispiel vorangehen, denn sie werden alle ihre Mitarbeiter schulen und umschulen und eine Kultur der Datenkompetenz schaffen. Eine Kultur, in der alle Daten zur strategischen Entscheidungsfindung nutzen können – ohne sich ausschließlich auf qualifizierte Data Scientists zu verlassen. Unternehmen, die diese Schritte nicht unternehmen, werden schnell hinter ihren Konkurrenten zurückfallen.
ITM: Welche Trends beherrschen derzeit die Fortbildung – Stichpunkt u.a. Gamification und E-Learning – und was hat sich durchgesetzt oder wird sich noch durchsetzen?
Duane Adams: Wir erleben im Jahr 2023 eine Zunahme an Lernmöglichkeiten. Angesichts fast täglich neuer Herausforderungen müssen Mitarbeiter lernen, die richtigen Fragen zu stellen, um diese Herausforderungen zu meistern und wertvolle Ergebnisse zu erzielen. Weiterbildungsinitiativen wie Datathons und interne Data-Analytics-Nutzergruppen sind Multiplikatoren, die Unternehmen dabei helfen, bei der Vermittlung von Datenkenntnissen einen Schritt weiterzugehen als bisher. Sie ermöglichen es Unternehmen, mehr Mitarbeiter dazu zu befähigen, die für ihren Erfolg notwendigen Entscheidungsgrundlagen zu liefern.
Unternehmen auf der ganzen Welt suchen händeringend nach talentierten Angestellten, die sich mit Daten und Datenanalysen auskennen. Vor diesem Hintergrund haben wir das Alteryx SparkED-Programm ins Leben gerufen, um Studenten auszubilden und ihnen zu helfen, in der Arbeitswelt erfolgreich zu sein. Darüber hinaus arbeiten wir mit Organisationen wie McLaren Racing zusammen, um Datenanalysen allen zugänglich zu machen, die sie benötigen.
Jeder Knowledge Worker muss heute in der Lage sein, Daten zu hinterfragen, zu verstehen und zu nutzen, um Lösungen zu finden. Unternehmen investieren daher erheblich in die Weiterbildung. So bieten sie ihnen neue Initiativen für „mehr Zeit am Arbeitsplatz“ an, bei denen sie beispielsweise bis zu 10 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Entwicklung neuer Fähigkeiten nutzen können. Indem Unternehmen und Führungskräfte spaßige und praktische Lernerfahrungen einbringen sowie die Kollaboration zwischen technischen Datenexperten und Knowledge Workern fördern, werden sie auf jeden Fall eines feststellen: Investitionen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zahlen sich aus.
Bildquelle: Alteryx