Seit über 15 Jahren befasst sich Jerome Evans mit IT-Dienstleistungen und speziell Datacenter-Services, die er mit seinem eigens gegründeten IT-Unternehmen Firstcolo anbietet, das heute zur Diva-e-Gruppe gehört.
ITM: Herr Evans, wie ist es um das IT-Outsourcing im deutschen Mittelstand in Corona-Zeiten bestellt?
Jerome Evans: Der Outsourcing-Trend hat sich durch Corona weiter beschleunigt und wirkte wie ein Innovationskatalysator auf den Mittelstand. Teilweise in die Jahre gekommene Infrastrukturen auf der Seite der Unternehmen wurden substituiert durch moderne Private- oder Public-Cloud-Lösungen, welche primär in externen Rechenzentren betrieben werden. Durch die sprunghafte Zunahme von Remote-Arbeitsplätzen standen viele Firmen vor der Problemstellung, dass die vorhandenen Serverinfrastrukturen keine optimalen Voraussetzungen geboten haben, um einen externen Zugriff auf die Firmeninfrastrukturen zu gewährleisten. Dieser notwendige Innovationssprung, der durch die notwendige Adaption der Firmen seit Beginn der Pandemie stattgefunden hat, beschleunigt den Outsourcing-Trend vermutlich um einige Jahre.
ITM: Was wurde in den letzten Monaten und wird auch noch aktuell sehr gerne von kleinen und mittelständischen Unternehmen ausgelagert und warum?
Evans: Einen Trend, den wir im Verlauf der Corona-Pandemie immer häufiger gesehen haben, war die Nutzung von virtuellen Desktopinfrastrukturen auf der Seite der Unternehmen. Dies bedeutet konkret, dass die jeweiligen Unternehmensdaten nicht mehr lokal auf den mobilen Laptops der Desktop-Computer der Mitarbeiter der jeweiligen Unternehmen gespeichert werden, sondern sich „abgesichert“ in einem externen Rechenzentrum befinden. Ebenfalls sehen wir einen anhaltenden Trend zu sogenannten Software-as-a-Service-Dienstleistungen (SaaS), hierbei beziehen kleine und mittelständische Unternehmen Software direkt aus der Cloud. Dies kann beispielsweise eine moderne Buchhaltungssoftware sein, bei der alle relevanten Buchhaltungsdaten auf den Servern der Servicedienstleister liegen.
ITM: Inwieweit trägt das Outsourcen zur Nachhaltigkeit und Energieeffizienz bei?
Evans: Durch die Auslagerung von Daten steigt die Energieeffizienz der benötigten Computer-Ressourcen signifikant. Das hängt u.a. damit zusammen, dass der Betrieb eines eigenen Rechenzentrums in der Regel einen sehr schlechten PUE-Wert hat. Dieser Wert beschreibt die Energieeffizienz eines Rechenzentrums. Je größer und moderner ein Rechenzentrum ist, desto höher ist die Energieeffizienz im Sinne der Nachhaltigkeit.
ITM: Was können sich die Unternehmen vom IT-Outsourcing grundsätzlich versprechen? Welche Vorteile und Möglichkeiten ergeben sich dadurch?
Evans: Hier können wir multiple Vorteile nennen: Neben dem beschriebenen Nachhaltigkeitsgedanken bietet ein externes Rechenzentrum signifikante Kosteneinsparpotenziale. In einer Return-on-Investment-Analyse lassen sich die Einsparpotenziale recht deutlich aufzeigen; neben einem geringeren Capex-Investitionsbedarf reduziert sich zudem der Personalaufwand deutlich. Die Unternehmen profitieren in einem Colocation-Rechenzentrum von den Fachkräften des Dienstleisters, die nach Bedarf rund um die Uhr gebucht werden können, um Arbeitsaufträge auszuführen. Ein weiterer Vorteil sind die hohen Zertifizierungsstandards der externen Rechenzentrumsanbieter, hier ist beispielsweise die ISO 27001 zu erwähnen, bei welcher der Fokus auf der IT-Sicherheit liegt.
ITM: Was sollte auf keinen Fall ausgelagert und damit in externe Hände gegeben werden?
Evans: In der heutigen Zeit gibt es kaum noch IT-Services, die von Unternehmen nicht ausgelagert werden. Dies hängt primär damit zusammen, dass die Unterbringung von Kundendaten in externen Rechenzentren in den meisten Fällen sicherer ist als eine Unterbringung in eigens betriebenen Serverräumen. Neben einer besseren physischen Absicherung werden die meisten professionalisierten Rechenzentren rund um die Uhr bewacht. So Vertrauen beispielsweise immer mehr Firmen aus dem Mittelstand auf externe Rechenzentren aus Bereichen mit extrem sensiblen Daten. Hier kann ich als Beispiel Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich nennen: Dabei geht es beispielsweise um die sichere Speicherung von Patientendaten.
ITM: Was sind häufige Stolpersteine bei der Auslagerung von Aufgaben/Software/Hardware an einen externen IT-Service-Provider?
Evans: Enorm wichtig ist eine professionelle Projektplanung, bei welcher der IT-Service-Provider nicht nur eine Spiegelung der aktuellen Serverinfrastruktur vornimmt, sondern im besten Fall eine auf den Kunden optimierte Infrastruktur erstellt, die mit den jeweiligen Anforderungen des Kunden im Einklang ist. Die Kommunikation vor dem Projektstart ist dabei ebenso wichtig wie eine detailliierte Migrationsplanung, sodass es zu einer minimalen oder im besten Fall keiner Ausfallzeit der operativen Dienste kommt. So kann beispielsweise eine dedizierte Private-Cloud-Umgebung für den Kunden zur Verfügung gestellt werden, bei welcher die entsprechenden Kundendaten auf eigens abgetrennter Server-Hardware betrieben werden.
ITM: Wie lassen sich diese Herausforderungen am besten umgehen?
Evans: Im besten Fall lassen sich Unternehmer bereits frühzeitig von Experten beraten. Die genannten Probleme lassen sich in der Regel komplett vermeiden, wenn vorab klar definiert wurde, wie eine Migration bestmöglich aussieht, und sowohl Auftraggeber als auch Auftragnehmer dem Plan bis ins Detail folgeleisten. Da bei eigener Planung etwaige Stolpersteine unter Umständen gar nicht oder erst zu spät berücksichtigt werden, ist es sinnvoll, hier auf Expertenwissen zurückzugreifen. Auch augenscheinlich sehr kleine Komponenten können einen großen Einfluss auf die Abwicklung und damit maßgeblich den Erfolg der Auslagerung haben.
ITM: Worauf sollte bei der Auswahl eines entsprechenden Anbieters und der Vertragsgestaltung geachtet werden?
Evans: Bei der Anbieterwahl stehen neben Zertifizierungen natürlich auch Support-Dienstleistungen im Vordergrund. Wichtig ist es, stets zu erörtern, welche Bestandteile der Infrastruktur in puncto Verwaltung komplett ausgelagert werden sollen und welche in der Verwaltungshoheit der eigenen IT liegen. Dies ist nicht nur für die Software-Komponente, sondern gerade auch für die physische Infrastruktur entscheidend. Wenn ein Anbieter beispielsweise keine Remote-Hand-Services anbietet, sollte der Serverstandort in unmittelbarer Nähe zu den Büroräumen gewählt werden. Nur so kann bei Ausfällen der Hardware-Komponenten schnell und adäquat reagiert werden. Ganz allgemein ist es wichtig, eine gute Übersicht über die eigenen Support-Möglichkeiten und die des entsprechenden Anbieters zu erlangen, um sich gegenseitig optimal zu ergänzen.
ITM: Wie wird sich der IT-Outsourcing-Markt Ihrer Ansicht nach in den kommenden Monaten entwickeln?
Evans: In den kommenden Monaten werden wir, wie auch in den letzten Jahren, einen stetigen Zuwachs des IT-Outsourcings sehen. Gerade aufgrund der weiterhin stark ansteigenden Nutzerzahlen des Cloud Computing kann davon ausgegangen werden, dass mehr und mehr Unternehmen eine professionelle Unterbringung ihrer IT-Infrastruktur als Grundvoraussetzung ansehen. Hybride Betriebsinfrastrukturen stehen dabei zukünftig immer mehr in Fokus. So werden Unternehmen einen Teil ihrer Infrastruktur in Colocation- oder Edge-Rechenzentren verlegen. Bei letzteren handelt es sich um Rechenzentren, die in der Nähe des jeweiligen Standortes der Datenverarbeitung stattfinden, beispielsweise an Autobahnen oder Bahnstrecken für autonomes Fahren. Parallel zu dieser Diversifizierung wird ein weiterer Teil des IT-Outsourcings direkt über sogenannte Public-Anbieter erfolgen. Gerade für Firmen aus dem Mittelstand, die eine globale Ausrichtung anstreben, erweist sich diese Lösung als sehr interessantes Zukunftsmodell.
Bildquelle: Diva-e Digital Value Excellence