„Häufig werden schlechte Qualität, schwierige Kommunikation und Zielkonflikte mit Outsourcing-Anbietern an uns herangetragen“, berichtet Lionel Born.
ITM: Herr Born, mit welchen Herausforderungen und Problemen haben kleine Unternehmen oftmals bei der Software-Entwicklung zu kämpfen?
Lionel Born: Dazu müssen wir uns zunächst die Ausgangslage vor Augen führen: Viele Unternehmen möchten ihre Ideen für digitale Innovationen umsetzen oder den Anschluss an digitale Ökosysteme nicht verpassen. Für den Auftraggeber ist die zu entwickelnde Software also Kernbestandteil für das eigene Business. Wenn ich als Unternehmen die Software nicht selbst entwickeln kann, muss ich dies extern vergeben. Dann kommen oft zwei Dinge zusammen. Dies sind zum einen unterschiedliche Zielsetzungen: Für den Entwicklungsdienstleister ist der Auftrag oftmals nur eines unter vielen Projekten. Der nächste Kunde wartet schon. Zum anderen Vorurteile: Auch wegen solcher Erfahrungen siedeln leider Führungskräfte und IT-Projektmanager Outsourcing vereinzelt in einer Schmuddelecke an und tun es als „Body Leasing“ ab. Das Ergebnis: Häufig werden schlechte Qualität, schwierige Kommunikation und Zielkonflikte mit Outsourcing-Anbietern an uns herangetragen. Einige Start-ups oder KMU, die ich kenne, mussten ihre Software nochmal umbauen, weil sie merkten, dass am Anfang die falsche Technologie, der falsche Tech-Stack eingesetzt wurde – und mit der Skalierung kommen Zuverlässigkeit und neue Qualitätsaspekte dazu. Genau in dieser Phase sollte der Fokus allerdings auf dem Business selbst liegen, dem Markt, dem Customer-Fit. Hier wird ein Entwicklungspartner benötigt, der nicht einfach nur die 200 Manntage abarbeitet, auf die man sich geeinigt hat. Es muss jemand sein, der sich die Zeit nimmt, die Unternehmensziele zu verstehen, und dann am selben Strang zieht.
ITM: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Thema „Outstaffing“?
Born: Outstaffing ist eine – hier in Deutschland – noch relativ unbekannte Form des Outsourcings. Beim Outstaffing sind die Inhouse-Entwickler des Auftraggebers direkt mit dem Entwicklungsteam des Auftragnehmers verbunden. Dieses Setup bildet die Voraussetzung für eine enge und produktive Zusammenarbeit. Anders als beim Outsourcing bleibt die technische Leitung der Software-Entwicklung aber im Haus des Auftraggebers. Die Entwicklungspower des Dienstleisters verstärkt das interne Entwicklerteam und die Software-Entwicklung kann skalieren. Vor dem Verbinden der Teams müssen wichtige Eckdaten allerdings klar definiert werden: zum Beispiel Teamgröße, Release-Planung und der sich daraus ergebende zeitliche Personalbedarf. Unsere Outstaffing-Kunden profitieren neben der engen Verzahnung der Teams auch vom Zugang zu einem großen Pool an qualifizierten Entwicklern mit einer Vielzahl von Spezialgebieten. Der schnelle und gleichzeitig nachhaltige Anschluss an digitale Ökosysteme unter der eigenen Leitung ist wohl der größte Vorteil des Modells.
ITM: Wie findet man extern die passenden Developer Skills, wenn man die entsprechenden Ressourcen nicht im eigenen Haus hat?
Born: Das hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der konkreten Situation in den Unternehmen. Wenn sie bereits eine eigene Software-Entwicklung haben, kämpfen sie oft einfach mit dem Manpower-Engpass und können das Wachstumspotenzial, das sie haben, nicht ausschöpfen. Hier kann ein dauerhafter Entwicklungspartner mit einer verlängerten Werkbank dazu kommen und neben Manpower auch Technologie-Know-how einbringen. Oder sprechen wir von Unternehmen, die völlig fremd im Bereich der Software sind, etwa aus Branchen wie dem klassischen Maschinenbau oder der Pharmabranche. Sie suchen einen Entwicklungspartner, der ihre Digitalisierungsvision umsetzt. Dabei geht es um mehr als die reine Software-Entwicklung, sondern vielmehr um eine Struktur bei Organisation und Prozessen, und darum, diese in ein digitales Produkt zu verwandeln und schlüsselfertig auszuliefern. Dann gibt es aber auch Unternehmen, die eine bestimmte digitale Entwicklung vor Augen haben. Das muss keine Softwarefirma sein. Sie wollen ein bestimmtes Tool oder Feature einführen und brauchen jemanden, der ihnen dieses Projekt umsetzt – und zwar nicht nur den Output generiert, also den Code oder das fertige Produkt: Es geht darum, einen bestimmten Outcome, ein Ergebnis zu erreichen. In diesem Bereich sehen wir unsere Stärke. Wir arbeiten Outcome-orientiert. Das heißt, wir hinterfragen, ob die zu entwickelnde Software auch wirklich das gewünschte Ergebnis liefern kann. Entscheidend in allen drei Entwicklungsmodellen ist, dass der Entwicklungsdienstleister die Fähigkeit hat, in die Domäne des Kunden einzutauchen, den Anwender der Software zu verstehen. Ist das jemand, der affin ist oder nicht so affin? In welchem Setting bewegt er sich? Die Entwickler oder Projektleiter beim Dienstleister können sich darauf einstellen, die Entwicklung danach formen und die richtigen Prioritäten setzen. Wenn ich also meine eigene Situation kenne und richtig einschätze, weiß ich auch, welcher Weg und letztlich auch welcher Dienstleister derjenige ist, der zu meinem Projekt und meinen Anforderungen passt.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Wie haben Sie Ihr motiviertes Entwicklerteam in Damaskus aufgebaut?
Born: Eine Sache vorweg: Der deutsche Entwicklermarkt ist derzeit leergefegt. Es ist unglaublich schwer, an versierte Fachkräfte kommen. Wenn man jemanden gefunden hat, kommt noch der Kostenfaktor dazu. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen – ganz zu schweigen von Start-ups – können bei der augenblicklich sehr steilen Gehaltsentwicklung nicht mithalten. Das Offshore-Team in Damaskus haben wir im Frühjahr 2018 gegründet. Mein Mitarbeiter Feras stammt aus Syrien. Er war über ein Stipendium nach Darmstadt gekommen. Als wir wieder nach Entwicklern gesucht und niemanden gefunden haben, hat er vorgeschlagen, ein Büro in Damaskus aufzumachen. Syrien kennen jetzt die meisten eher aus den Schlagzeilen. In Syriens Hauptstadt Damaskus wird aber ganz normal gelebt, gearbeitet und studiert. Die Damaskus University ist eine der Top-Unis im IT-Bereich im arabischen Raum. Die IT-Abschlüsse werden in Deutschland ohne weitere Prüfung anerkannt. Wir haben eine abenteuerliche Idee ausgebrütet: Vor Ort haben wir ein Büro gemietet und mit zunächst sechs Mitarbeitern angefangen – wahnsinnig talentierte und gut ausgebildete Leute, die bis in die Haarspitzen motiviert sind und die Ideen von Kunden gegebenenfalls challengen, um am Ende gemeinsam die bestmöglichen Ergebnisse zu erreichen. Es gibt auch keine Limitierung durch Kommunikationswege: Unsere syrischen Kollegen sind per Glasfaser ans Internet angeschlossen, die Business-Kommunikation über Messaging-Apps und Video-Calls hat sich etabliert und gehört in der Software-Entwicklung zum Alltag. Dazu hat das Team einen Englisch-Coach, der sicherstellt, dass sie für eine fließende Kommunikation mit unseren Kunden bestens vorbereitet sind.
Bildquelle: L-One