„High Performance Storage ist groß im Kommen“, weiß Michael Kantner von OVHcloud.
ITM: Herr Kantner, inwieweit greift der deutsche Mittelstand anno 2022 auf eine vernünftige Storage-Strategie zurück, um der Datenflut zu trotzen?
Michael Kantner: Als Cloud-Provider treten wir in der Regel mit dem Mittelstand in Kontakt, wenn dieser eine gewisse Reife erreicht hat. Dennoch scheint bei vielen ein Fragezeichen stehen zu bleiben, wenn es um die angestrebte Storage-Lösung geht. Bei den meisten Interessenten finden wir Storage-Systeme, die in der Regel generalistisch angelegt sind. Die Erwartungshaltung ist, dass in Zukunft ebenfalls ein generalistischer Storage eine akzeptable Lösung ist – dies ist aber nicht der Fall. Die Zukunft fordert bedarfsgerechten Storage, was die ohnehin schon hohe Komplexität moderner IT-Anforderungen weiter erhöht.
ITM: Was sind die größten Herausforderungen im Storage-Management?
Kantner: Moderne Cloud-Lösungen bieten Antworten auf viele große Storage-Herausforderungen: Verfügbarkeit, Integration, Skalierung, Tiering. Infrastruktur- und Cloud-Provider liefern aber in der Regel nur eine Lösung, um die Daten abzulegen. Das Management bleibt meist offen. Hier dürfte die größte Herausforderung darin liegen, den Überblick zu behalten. Eine Art Asset-Management über die Daten. Eine Logik, um zu entscheiden, bei welchen Daten eine Aufbewahrung sinnvoll ist und bei welchen nicht. Falls die generelle Antwort „Ja“ lautet, und das scheint heutzutage häufig der Fall zu sein, müssen diese Daten dennoch für die Aufbewahrung präpariert werden, damit ein Mindestmaß an Verständnis für ihre Inhalte vorhanden ist, z.B. die Quelle der Informationen, Speicher- und Löschfristen sowie DSGVO. Die Herausforderungen liegen also nicht in der Speicherung der Daten selbst, sondern der Verwaltung der Metadaten.
ITM: Welchen Einfluss hat die aktuelle Pandemie in den letzten Monaten auf die Storage-Strategie der Unternehmen ausgeübt?
Kantner: Die Pandemie hat den „Go to Cloud“-Prozess in vielen Bereichen beschleunigt. Dabei fallen natürlich mehr Daten an. Ebenfalls wurden viele Unternehmen dabei unterbrochen, ihre Daten zu strukturieren. Angefallene Daten wurden nicht weiterverarbeitet, dürfen aber nicht gelöscht werden. Es sind mehr Daten da als je zu vor. Das Wachstum war schon seit Jahren hoch, wurde durch die Pandemie aber noch weiter beschleunigt. In Kombination mit dem Fachkräftemangel führt das dazu, dass viele Unternehmen ihre Daten schneller in die Cloud auslagern – jedoch wird hier meist der günstige Object Storage gewählt. Object Storage ist ohne Frage eine tolle Sache, jedoch lassen sich ohne die klassischen Dateioperatoren diese Daten nur von entsprechenden Applikationen verwalten. Hier ist mehr Beratung gefragt.
ITM: Welche Arten von Speicherlösungen kommen üblicherweise im Mittelstand zum Einsatz?
Kantner: Am häufigsten sind noch relativ klassische NAS und SAN Storages On-Premise zu finden. Erfreulicherweise sind diese Systeme meist auch mit Offsite-Backups ausgestattet. Cloud-Lösungen steigen aber rasant in ihrer Präsenz, besonders im Backup-Bereich, aber auch Object Storage erfreut sich einer großen Verbreitung.
ITM: Mit welchen Tools und Tricks lassen sich am besten Storage-Platz und -Kosten sparen?
Kantner: Meistens sind Cloud-Lösungen die beste Lösung, um Kosten einzusparen. Durch schnelle und nahezu grenzenlose Skalierung und Elastizität steht jederzeit der benötige Storage bereit. Dabei spielt es keine Rolle, ob Block, File, NAS oder Object. Sobald man Georedundanz und Verfügbarkeit gegen lokale Systeme rechnet, gewinnt fast immer die Cloud. Um Platz zu sparen, hilft natürlich das Filtern von Daten und das Aufbewahren nur der notwendigsten Daten. Das Aufkommen kann auch durch klare Richtlinien für Mitarbeiter, z.B. bei Mail-Anhängen, reduziert werden. Aber insbesondere technische Maßnahmen wie Deduplizierung und Archivierung können wahre Wunder bewirken. Wenn entschieden ist, welche Daten nicht unmittelbar zur Verfügung stehen müssen, können diese auch in einen Cloud-Storage überführt werden. Dort, wo man früher gerne Tape-Libraries verwendet hat, kommen heute Cloud Archives zum Einsatz.
ITM: Welche Rolle spielt an dieser Stelle die Cloud als Storage-Lösung?
Kantner: Ich muss weit zurückdenken, bis mir ein Kunde oder Projekt einfällt, bei dem Cloud-Storage keine Rolle gespielt hat. Das mag an meinem Job bei einem Cloud-Provider liegen, mein Gefühl ist jedoch, dass Cloud-Storage heutzutage nicht mehr wegzudenken ist. Kurz gesagt: Cloud-Storage ist wichtig! Nicht nur für Aktivposten, sondern auch für die Archivdaten lassen sich in einem Cloud-basierten Storage Daten lange, sinnvoll und günstig aufbewahren.
ITM: Wie ist es hierbei um die Datensouveränität und -sicherheit bestellt?
Kantner: Informationelle Selbstbestimmung und Datenschutz sind in Europa Grundrechte. Wer diese Werte teilt und vertritt, muss einen souveränen Provider wählen und sich über Datenschutz aufklären lassen – keine Ausreden. Datensicherheit auf der anderen Seite ist ein relativ einfaches Thema. Die Standards aller bekannten Cloud-Lösungen sind sehr hoch. Die physische und logische Sicherheit übertreffen in der Regel bei weitem alles im Mittelstand Etablierte. Datenleaks tauchen normalerweise bei schwachen Passwörtern oder nicht ausreichend geschultem Personal (beim Anwender, nicht beim Provider) auf. Jedoch darf man nicht vergessen, dass eine große Datensammlung auch immer ein attraktives Ziel für Angreifer darstellt. Eine sichere Konfiguration ist hier das A und O.
ITM: Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich für einen Storage-Anbieter entscheiden?
Kantner: Souveränität, Agnostik (also offene Standards) und Reversibilität sowie Flexibilität. Eine Storage-Lösung sollte niemals eine Sackgasse sein.
ITM: Welche Storage-Trends bahnen sich in diesem Jahr an?
Kantner: High Performance Storage ist groß im Kommen. Nicht nur werden die Datenmengen immer größer und erfordern daher mehr Performance. Auch die Notwendigkeit, diese Daten zu verarbeiten, steigert der Performancebedarf. SSD-only-Systeme, vorzugsweise mit NVMe, werden immer häufiger gefordert. Klassische Raid-Systeme sind auf dem Rückzug und werden mehr und mehr durch moderne Konzepte wie Software-defined Storage abgelöst.
Bildquelle: OVHcloud