„Unternehmen müssen die Schwachstelle ‚Anwender‘ als solche erkennen und um sie herum Schutzmaßnahmen aufbauen“, erklärt Jochen Köhler.
ITM: Herr Koehler, wie hoch schätzen Sie die Cyberbedrohungslage in Deutschland anno 2023 ein?
Koehler: So hoch wie nie zuvor. Für Hacker und solche, die es werden wollen, ist es heute sehr einfach, Angriffe nach Anleitung selbst durchzuführen oder vorgefertigte Musterlösungen für Cyberattacken zu verwenden. Im Internet kursieren schon lange riesige Virendatenbanken. Doch das Darknet hat mittlerweile sogar Angebote wie „Ransomware as a Service“ hervorgebracht – Cyberkriminelle können sich also Dienstleister und Schadsoftware für ihre sinistren Machenschaften mieten. Wem das zu teuer ist, dem helfen heutzutage auch KI-Tools wie ChatGPT oder Variationen davon, um eigene Malware zu erstellen.
ITM: Welche Folgen kann ein geglückter Hackerangriff auf das IT-System eines Unternehmens oder einer Behörde im Ernstfall haben?
Koehler: Man muss immer das Worst-Case-Szenario einkalkulieren – und das kann im Falle einer erfolgreichen Cyberattacke verheerend sein. Zu den möglichen Folgen gehören der Verlust von wichtigen und vertraulichen Daten, extrem viel Arbeit und hohe Kosten für den teilweisen oder vollständigen Wiederaufbau der IT. Mitunter kann es auch zur völligen Handlungsunfähigkeit kommen. Gerade bei Behörden haben wir das in der Vergangenheit immer wieder erlebt, dass sie technologisch ins Mittelalter – also zu Stift und Papier – zurückgeworfen wurden. Noch heftiger trifft es kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Bei ihnen kann ein Cyberangriff bis zur Insolvenz führen.
ITM: Was sollten Unternehmen tun, sobald sie einen Angriff (oder Angriffsversuch) auf ihre IT bemerken?
Koehler: Unternehmen sollten in diesem Fall ihr hoffentlich vorhandenes Incident-Response-Dokument konsultieren. Dieser Notfallplan enthält alle Maßnahmen, die nun ergriffen werden müssen. Der erste Schritt muss natürlich sein, die betroffenen Systeme vom Netz zu nehmen. Anschließend sollten Unternehmen alle übrigen Systeme daraufhin untersuchen, ob der Angriff sich schon auf sie ausgeweitet hat. Ist der Angriff abgewehrt, steht eine Retrospektive an, bei der die IT-Experten die bestehenden Schutzmaßnahmen hinterfragen und im Zweifelsfall nachjustieren sollten. Als wichtigen letzten Schritt empfehle ich, falls nicht bereits vorhanden, ein dauerhaftes Monitoring der bestehenden Sicherheitsmaßnahmen.
ITM: Wer ist in puncto „Cybersicherheit“ in Deutschland zurzeit mehr gefährdet – Konzerne oder Mittelständler?
Koehler: Das nimmt sich nicht viel. Sowohl große als auch kleine Unternehmen stehen gleichermaßen im Fokus gezielter Angriffe. Sie werden allerdings beide auch immer wieder Opfer „zufälliger“ Digitalkriminalität. Hacker nehmen in der Regel keine Rücksicht auf Kollateralschäden. Auffällig ist aber, dass Cyberkriminelle vermehrt über die schlechter geschützte IT von Mittelständlern versuchen, ihren Weg in die Systeme von Konzernen zu finden. Leider gelingt ihnen das viel zu häufig.
ITM: Wo liegen häufig die Schwachstellen, die Unternehmen für Cyberattacken besonders verwundbar machen?
Koehler: Das sind und bleiben in erster Linie die Anwender selbst – oder genauer gesagt – ihre Identitäten. Schlechte Zugriffskontrollen, die nur auf Passwörtern basieren und keine Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) verlangen, kombiniert mit Phishing, der Mutter aller erfolgreichen Angriffe, hebeln andere Sicherheitsmaßnahmen der Reihe nach aus. Wenn dann noch privilegierte Nutzerkonten fahrlässig behandelt werden, heißt es schnell „Game over“.
ITM: Wo haben Sie im Bereich „Kritische Infrastruktur“ (KRITIS) die größten Sorgen hinsichtlich der möglichen Folgen durch schwere Angriffe?
Koehler: Glücklicherweise ist bei den wirklich kritischen Infrastrukturen die operative IT (noch) klar von der Verwaltungs-IT getrennt. Nur deshalb ist in Deutschland noch keine Katastrophe geschehen. Dennoch: Sollte es jemals zu einem Angriff mit der Qualität einer Nation-State-Attacke kommen, werden wir – und damit meine ich uns Bürger – dies hart zu spüren bekommen. Bis dato unvorstellbare Szenarien, wie sie Marc Elsberg einst in seinem Buch „Blackout“ beschrieben hat, sind dann keineswegs mehr unrealistisch.
ITM: Welche Maßnahmen sind am sinnvollsten, um für einen effektiven Schutz vor Cyberbedrohungen zu sorgen?
Koehler: Eine Kombination aus Präventivmaßnahmen sowie der Überwachung ihrer Effektivität empfiehlt sich nach wie vor. Da die Anwender selbst die größte Schwachstelle in den Unternehmen sind, sollten IT-Experten Awareness-Schulungen fest in ihrer Organisation verankern. Das Problem ist und bleibt, dass die Nutzer und Unternehmen immer alles richtig machen müssen – den Cyberkriminellen reicht es hingegen, ein einziges Mal Glück zu haben. Und wenn wir ehrlich sind: Jeder von uns hat schon einmal auf einen dubiosen Link geklickt. Folglich bleibt Unternehmen und Behörden nichts anderes übrig, als um die Schwachstelle „Anwender“ und insbesondere um seine digitale Identität herum Schutzmaßnahmen aufzubauen. Natürlich bleibt nicht aus, sie dann rund um die Uhr auf ihre Wirksamkeit zu überwachen, um im Ernstfall sofort reagieren zu können.
ITM: Was wünschen Sie sich von der Politik, um das Schutzniveau des Wirtschaftsstandorts Deutschland vor Cyberkriminalität noch weiter zu verbessern?
Koehler: Die Liste ist lang. Aber wenn es einen Herzenswunsch gibt, der auch realistisch in Erfüllung gehen könnte, dann ist es die Überarbeitung der Datenschutzbestimmungen. In ihrer aktuellen Form verwehren sie deutschen Unternehmen und vor allem auch Behörden den Zugang zu modernen Schutzsystemen. Hier sollte die Politik dringend umdenken.
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