Digitalisierungsstrategien

Den Anwendungsstau bewältigen

Bernhard Kube, Vice President Technology Consulting, Research & Standards bei Lufthansa Industry Solutions, stellt sich den Fragen von IT-MITTELSTAND, wie sich Mittelständler sinnvoll den neuen Bedingungen und Herausforderungen der Automatisierung und Digitalisierung nähern.

Bernhard Kube, Vice President Technology Consulting, Research & Standards bei Lufthansa Industry Solutions

Wie Bernhard Kube betont, müssen Unternehmen jetzt klug investieren, um den neuen Anforderungen der volatilen Märkte gerecht zu werden.

ITM: Herr Kube, die Pandemie hat gerade auch vielen Mittelständlern gezeigt, dass ihr Automatisierungs- und Digitalisierungsbestreben zu zögerlich war. Woran lag das?
Bernhard Kube:
In vielen Fällen dürfte das mit der Schwerpunktsetzung der Unternehmen zu tun haben. Unter dem Stichwort „Digitalisierung“ wurden in den vergangenen Jahren primär Projekte zu Hype-Technologien, wie etwa Big Data, Analytics, IoT oder Blockchain diskutiert und auch umsetzt. Und das durchaus erfolgreich. Allerdings waren dies meist punktuelle Leuchtturmprojekte, die nicht immer eine strategische Grundlage hatten. Vernachlässigt wurden hingegen häufig Kernprozesse, also etwa systematisch Medienbrüche zu beseitigen, Software-Einsatz und Architekturen zu überdenken, um Legacy-Probleme zu lösen oder auch Generationssprünge zu vollziehen, z.B. beim SAP-Einsatz. Hinzu kommt, dass oft einfach die Kapazitäten fehlen, mehrere Vorhaben parallel umsetzen zu können. Sukzessiv ist so ein Anwendungsstau entstanden, den die Krise aufgedeckt hat und den es nun zu bewältigen gilt.

Studien belegen, dass die Investitionsbereitschaft in IT-Infrastruktur im Mittelstand vor Corona zurückhaltend war und IT-Budgets 2021 deutlich sinken werden. Worauf sollten Unternehmen bei ihrer IT-Architektur setzen, um in Zukunft flexibler zu sein?
Kube:
Studien von Forrester und Capgemini zeigen inzwischen, dass die IT-Budgets 2021 im Vergleich zum Vorjahr wieder steigen werden. Aufgeschobene Investitionen sollen nachgeholt werden. Das entspricht auch unseren aktuellen Erfahrungen am Markt. Der Großteil der Unternehmen hat die Krisenprojekte abgeschlossen und kann sich ab sofort wieder neuen, wertschöpfenderen Aufgaben zuwenden. Unternehmen müssen jetzt klug investieren, um den neuen Anforderungen der volatilen Märkte gerecht zu werden. Auf dem Weg zu mehr Flexibilität stehen zwei Bereiche im Fokus: Einerseits die IT-Infrastruktur, bei der Unternehmen auf flexible Architekturen setzen sollten, wie Container- und Cloud-Architekturen. Sie sind skalierbar und ermöglichen somit auch kurzfristige Anpassungen. Anderseits die Software-Architektur, wo das DevOps-Modell immer wichtiger wird. Es erhöht die Reaktionsfähigkeit und befähigt Unternehmen, kurzfristig auf Marktanforderungen zu reagieren. Gerade die Verbindung aus DevOps und Container- bzw. Cloud-Technologien hat sich als sehr vorteilhaft erwiesen. Außerdem kann eine Cloud-Migration – nach intensiver Prüfung und Kalkulation – Infrastrukturkosten erheblich senken und durch modularisierte Elemente zusätzliche Flexibilität für künftige Krisenszenarien bieten.

Viele Lösungen sind im Laufe des vergangenen Jahres sehr kurzfristig eingeführt worden. Für eine strategische Grundlage war in vielen Fällen keine Zeit. Was sollten Unternehmen jetzt beachten?
Kube:
Zunächst müssen die Lösungen natürlich aus fachlicher Perspektive betrachtet werden. Passen sie langfristig zu unseren Zielen, zu unserem Unternehmen, in unsere Branche? Müssen wir sie eventuell integrieren? Eine enge Abstimmung zwischen Fach- und IT-Bereich ist dabei unerlässlich. Gerade bei Unternehmen, die Niederlassungen im Ausland haben, sollte eine Übersicht geschaffen werden, welche Lösungen in dieser überaus dynamischen Phase eingeführt wurden und wie sie auf fachlicher und auf Governance-Ebene zu bewerten sind. Damit sind wir beim zweiten Punkt: Inwieweit entsprechen die Lösungen den Governance-Regeln des eigenen Unternehmens? Es stellen sich z.B. vertragliche Fragen, etwa ob mit dem Anbieter ein SaaS-Betriebs-SLA verabredet wurde. Zudem nach Datenschutz: Sind die Lösungen im Einklang mit den EU-Datenschutzgesetzen? Oder was ist mit Security-Aspekten? Bräuchte es beispielsweise Pen-Tests, um Schwachstellen aufzudecken, die mit den Lösungen Einzug erhalten haben? Im Idealfall ziehen Unternehmen eine grundsätzliche Checkliste heran, um diese Punkte zu überprüfen.

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