Sicherheit im Netz

„Den Cyberkriminellen immer einen Schritt voraus“

Im Interview erläutern Daniel Hofmann, Gründer und CEO von Hornetsecurity, und Christian Stein, Managing Director bei PSG Equity, wie sich Unternehmen gegen Cyberkriminalität schützen können.

  • Daniel Hofmann, Hornetsecurity

    Als IT-Kaufmann hat Daniel Hofmann viele Jahre Erfahrung in verschiedenen Positionen im IT-Markt gearbeitet. Seit 2004 ist er als Unternehmer aktiv. ((Bildquelle: Hornetsecurity))

  • Christian Stein, PSG Equity

    In seiner Funktion investiert Christian Stein in dynamische B2B-Software-Unternehmen und arbeitet mit Gründern und Management-Teams daran, Branchen-Champions zu schaffen. ((Bildquelle: PSG Equity))

ITM: Herr Hofmann, Herr Stein, was sind aktuell die häufigsten Angriffstypen, denen Unternehmen ausgesetzt sind?
Hofmann: Cyberkriminalität hat Hochkonjunktur und es sieht aktuell nicht danach aus, als würde sich daran etwas ändern. E-Mails sind weiterhin das wichtigste Kommunikationsmittel, entsprechend ist das sogenannte „Phishing“ mit 39,6 Prozent aller Attacken eine der häufigsten Bedrohungen. Allerdings variieren die Angriffstypen, ebenso wie die Häufigkeit der Attacken, von Branche zu Branche. Dennoch gehen Cyberrisiken über E-Mail- und Geschäftskommunikationsplattformen weit hinaus. Angriffe auf Markenidentitäten nehmen weiter zu. So nutzen Cyberkriminelle Plattformen wie Linkedin, um Informationen über die Arbeitsstelle ausfindig zu machen und sich durch Social Engineering Zugang zu Unternehmensressourcen zu verschaffen. Dabei können sie gefälschte E-Mails oder Stellenanzeigen verwenden oder sich als potenzielle Kunden oder Partner ausgeben. In diesem Zusammenhang werden auch sogenannte „Deepfakes“, also durch Künstliche Intelligenz (KI) abgeänderte oder gefälschte Medieninhalte, immer häufiger, die eine wachsende Bedrohung für die Sicherheit von Institutionen und Unternehmen darstellen.

Stein: Eine ebenso wachsende Bedrohung ist das Feld des Wohltätigkeitsbetrugs. Dieser tritt meist in Zusammenhang mit größeren Ereignissen und Krisen auf der Welt auf, etwa während der Covid-19-Pandemie oder des Krieges in der Ukraine. Auch wenn Wohltätigkeitsbetrug zu den ältesten Betrugsarten gehört, hat sich auch dieser Bereich durch Technologien wie E-Mails und soziale Medien digitalisiert. Die Versuche von Kriminellen, von Katastrophenereignissen zu profitieren, werden sich vermutlich durch die Folgen des Klimawandels weiter fortsetzen.

ITM: Welche Firmen bzw. Branchen sind für Cyberkriminelle besonders attraktiv und warum?
Hofmann: Grundsätzlich sind alle Branchen und Firmen durch Cyberangriffe bedroht, die meisten kriminellen Attacken sind nicht auf bestimmte Branchen oder Unternehmen ausgerichtet. Jedoch gehört die Automobilindustrie zurzeit zu den am stärksten bedrohten Branchen. Das liegt u.a. an den finanziellen Mitteln der Unternehmen, also der Fähigkeit, gefordertes Lösegeld zu zahlen. Aber auch die Sektoren „Bildung“ und „Forschung“ sind häufige Ziele von Bedrohungsakteuren. Dahinter steckt etwa der gesellschaftliche Druck, der durch die Funktion der Institution entsteht: Wenn die Einrichtungen wichtige Funktionen für das gesellschaftliche Leben übernehmen, kann ein Angriff auf diese Institutionen weite Teile des öffentlichen Lebens stören, was die Zahlung von Lösegeld wahrscheinlicher macht. Nicht zu vernachlässigen ist in dem Zusammenhang auch der Umfang der vorhandenen Technologien, die angegriffen werden können. Beispielsweise verfügen Krankenhäuser über eine Vielzahl medizinischer Geräte mit eingebetteten Computern. Da sich auf diesen oft alte Betriebssysteme befinden, die nur vom Hersteller aktualisiert werden können, ist es schwieriger, sie vor Cyberangriffen zu schützen.

Stein: Mit der steigenden Bedrohung durch Cyberkriminalität und den damit einhergehenden Risiken für Unternehmen glauben wir, dass die Nachfrage nach innovativen Lösungen zur Stärkung der Cyberabwehr immer größer wird. Firmen, die sich besonders umfassend gegen Cyberangriffe schützen, sind daher in meinen Augen auch attraktivere Partner für Investoren. Wir sehen große Wachstumschancen im Security-Bereich, da neue Bedrohungen die Nachfrage nach fortschrittlichen Sicherheitslösungen erhöhen.

ITM: Inwieweit setzen Unternehmen bereits innovative Security-Lösungen zur Abwehr der Angriffe ein oder planen aktuell, in den Security-Bereich zu investieren?
Hofmann: Es gibt eine breite Palette an innovativen Security-Lösungen, die Unternehmen verwenden können, um ihre Systeme und Daten zu schützen. Einige der gängigen Lösungen sind:

1. Unternehmen setzen zunehmend auf Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen (ML), um Anomalien im Systemverhalten zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Technologien ermöglichen es, verdächtige Aktivitäten schnell aufzuspüren und zu blockieren, bevor sie Schaden anrichten können.

2. Die Automatisierung von Sicherheitsprozessen kann dazu beitragen, die Effektivität und Effizienz von Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern. Dazu gehören etwa regelmäßige Updates von Sicherheitssoftware oder das automatische Durchführen von Scans auf Schwachstellen.

3. Cloud-Services sind in den letzten Jahren immer beliebter geworden, vor allem wegen ihrer Flexibilität und Zuverlässigkeit. Unternehmen, die Cloud-Services wie Microsoft 365 nutzen, müssen ihre Daten und Systeme allerdings vor Angriffen schützen. Solche Cloud-Sicherheitslösungen umfassen etwa Firewall-Technologien, Intrusion Detection und Prevention, Verschlüsselung, Datensicherung und -wiederherstellung sowie Zugangskontrollen.

4. Das Verwalten von Benutzeridentitäten und Zugriffsrechten kann dazu beitragen, unautorisierte Zugriffe zu verhindern. Identity-and-Access-Management-Lösungen umfassen Single-Sign-On, Zwei-Faktor-Authentifizierung, rollenbasierte Zugriffskontrollen, Identitätsmanagement und Berechtigungsverwaltung.

Wir sehen, dass eine wachsende Zahl von Unternehmen in diese innovativen Sicherheitslösungen investiert, um sich vor Angriffen zu schützen. Sie haben erkannt, dass traditionelle Sicherheitslösungen wie Firewalls und Antivirus-Software alleine nicht ausreichend sind, um sich gegen die zunehmend ausgefeilten Angriffe zu verteidigen. Daher ist unserer Meinung nach auch zu erwarten, dass der Markt für innovative Sicherheitslösungen in den kommenden Jahren weiterwachsen wird.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Stein: Die Verwendung von KI und ML zur Erkennung von Anomalien im Systemverhalten sowie die Automatisierung von Sicherheitsprozessen sind nur einige Beispiele für die fortschrittlichen Technologien, die Unternehmen heute einsetzen. Cloud-Sicherheitslösungen und Identity-and-Access-Management-Lösungen sind ebenfalls wichtige Bereiche in der Cybersecurity-Branche. Insgesamt denke ich, dass der Markt für innovative Sicherheitslösungen in den kommenden Jahren weiterwachsen wird, was signifikante Möglichkeiten bietet.

ITM: Worauf sollte bei der Auswahl eines entsprechenden Tools geachtet werden?
Hofmann: Unabhängig davon, welchen Dienst oder welches Tool ein Unternehmen im Kampf gegen Cyberangriffe wählt, sollte sichergestellt werden, dass es sich nahtlos in das Gesamtsystem, dass das Unternehmen für das Sicherheitsmanagement verwendet, integrieren lässt. Für Security Operation Center (SOC) sind isolierte Warnmeldungen und Systeme schwerer zu verwalten als ein holistisches System, da Meldungen und Vorfälle schneller übersehen werden können.

Stein: Ein wichtiger Ansatz, den wir auch bei unseren Portfolio-Companies sehen, ist Zero Trust. Praktisch bedeutet Zero Trust, dass das Konzept der Vertrauenswürdigkeit aus der Netzwerkarchitektur eliminiert wird. Nach diesem Prinzip wird keinem Zugang getraut, bis er nicht geprüft wurde. Auch sollten alle Tools und Maßnahmen in eine umfangreiche Sicherheitsstrategie eingebettet sein, während finanzielle und menschliche Ressourcen ausgewogen in den Bereichen „IT“ und „Sicherheit“ verteilt sein sollten.

ITM: Welche Entwicklungen zeichnen sich für den Rest des Jahres ab? Worauf sollte sich die Cybersecurity-Branche in den kommenden Monaten einstellen?
Hofmann: Unternehmen sollten robuste E-Mail-Sicherheitsstrategien implementieren und innovative Lösungen wie Maschinelles Lernen und Multi-Faktor-Authentifizierung integrieren, um den Cyberkriminellen immer einen Schritt voraus zu sein. Daher wird auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Cloud-basierten Sicherheitslösungen weiter an Bedeutung gewinnen. Für Unternehmen ist es wichtig, mit IT-Dienstleistern zusammenzuarbeiten und eigene Cybersicherheitsmaßnahmen zu implementieren, wie z.B. regelmäßige Software-Updates und Mitarbeiterschulungen. Denn nur, wenn alle Angestellten informiert sind und proaktiv handeln, können sich Unternehmen effektiv vor Cyberangriffen schützen und langfristig erfolgreich sein.

Stein: Es ist für mich sehr vielversprechend zu sehen, dass sich Unternehmen der Bedeutung von ganzheitlichen Security-Strategien bewusst werden und innovative Lösungen integrieren. Ein umfassendes Verständnis und eine proaktive Haltung gegenüber Cybersicherheit sind dabei der Schlüssel, um die Sicherheit von Unternehmen langfristig zu gewährleisten. Ich bin optimistisch, dass Unternehmen in diesen Bereich investieren und noch umfassendere Sicherheitsmaßnahmen implementieren, um sich gegen Cyberangriffe zu schützen – und dies auch zunehmend von Investoren wertgeschätzt wird.

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