Das Lieferkettengesetz (LkSG) bedeutet für aktuell rund 1.000 Betriebe mit mehr als 3.000 Beschäftigten in Deutschland, dass sie ihren Sorgfaltspflichten nachkommen müssen.
Themen wie ESG – kurz für Environmental, Social and Governance – und Lieferkettengesetz (LkSG) werden auch für Mittelständler immer wichtiger. Das LkSG ist zu Jahresbeginn nach allerlei Diskussionen in Kraft getreten. Das bedeutet für aktuell rund 1.000 Betriebe mit mehr als 3.000 Beschäftigten in Deutschland, dass sie ihren Sorgfaltspflichten nachkommen und zukünftig für mehr Transparenz und die Einhaltung der Menschen- und Arbeitsrechte und des Umweltschutzes entlang all ihrer Lieferketten sorgen müssen. Ab 2024 kommen noch einmal gut 3.000 Betriebe hinzu, denn dann greift das LkSG auch bei Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern. Auf den ersten Blick eine überschaubare Anzahl, aber da der Gesetzgeber bei der unternehmerischen Sorgfaltspflicht explizit auch die Kontrolle unmittelbarer Lieferanten miteinbezieht, bedeutet dies in der Konsequenz, dass auch kleinere und mittlere Unternehmen in Deutschland mit den Anforderungen des Lieferkettengesetzes – wenn nicht schon jetzt, dann spätestens ab 2024 – unweigerlich in Kontakt kommen werden.
Das hat zur Folge, dass viele Software-Hersteller sich der Thematik annehmen und das Thema ESG sowie speziell das LkSG adressieren. Allein für das Reporting und die intelligente Supply-Chain-Analytik soll das Marktvolumen von 5,8 Mrd. Dollar im Jahr 2021 auf 15,6 Mrd. Dollar im Jahr 2027 wachsen, prognostiziert die Marktstudie „Supply Chain Analytics Market: Global Industry Trends, Share, Size, Growth, Opportunity and Forecast 2022-2027“. Als wesentliche Player in diesem Markt werden Firmen wie Axway, Capgemini, IBM, Infor, Microstrategy, Oracle, Qlik, SAP, SAS und Tableau Software (Salesforce) identifiziert.
Supply-Chain-Analytik dient als Instrument zur Verbesserung der betrieblichen Effizienz und Effektivität – durch datengesteuerte Entscheidungen auf strategischer, betrieblicher und taktischer Ebene. Es gibt aber auch Spezialisten wie das bereits 2010 gegründete kanadische Softwarehaus Assent. Das hat nun eine Cloud-basierte ESG-Workflow-Suite speziell für Hersteller mit komplexer Produktion vorgestellt – für Korrekturmaßnahmen, zur Bereitstellung von Fachwissen zu gesetzlichen Vorschriften sowie für die nachhaltige Einbindung von Lieferanten. Nicht nur das LkSG, sondern auch Vorschriften wie das von der EU-Kommission vorgeschlagene Verbot von Produkten, die in Zwangsarbeit hergestellt wurden, oder der amerikanische „Uyghur Forced Labor Prevention Act“ (UFLPA) werden bei der ESG-Berichterstattung berücksichtigt.
Das die Hersteller nicht alles selbst machen müssen, zeigt das Beispiel Onventis. Der Stuttgarter Cloud-Anbieter für Source-to-Pay-Prozesse im mittelständischen Einkauf arbeitet jetzt beim „Sustainable Procurement“ mit dem französischen Dienstleister Ecovadis zusammen, um sein Einkaufssystem direkt an dessen Nachhaltigkeits-Bewertungsplattform für globale Beschaffungsketten anzudocken. Einkaufsteams erhalten per integrierter Nachhaltigkeits-Scorecards der Pariser Rating-Agentur detaillierte Einblicke in die ökologischen, sozialen und ethischen Risiken der Lieferkette.
„In der Vergangenheit bildeten betriebswirtschaftliche Faktoren wie Qualität, Preis und die Verfügbarkeit von Produkten und Dienstleistungen die Basis für Einkaufsentscheidungen“, konstatiert Heiko Rumpl, Direktor Produkte & Services bei Onventis. Diese würden mehr und mehr durch Kriterien für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung als Auswahlgrößen für Unternehmen und deren Produkte erweitert. Durch die Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien im Einkauf will Rumpl es mit einem „Ecovadis API Connector“ erleichtern, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit in Beschaffungsaktivitäten zu verankern, diese zu bewerten und Risiken in der Lieferkette zu minimieren.
Manche Hersteller bewährter ERP- und Supply-Chain-Software bauen die Gesetzesvorgaben wie üblich im Rahmen der Wartungsverträge in ihre Produkte ein und stellen sie den Kunden kostenfrei zur Verfügung. Nicht so Marktführer SAP, der den verärgerten Kunden lieber sein Produkt Ariba Supplier Risk verkaufen will. Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG), hätte sich jedoch gewünscht, dass eine LkSG-Lösung kostenfrei im Rahmen der Wartung zur Verfügung gestellt wird. Immerhin habe die DSAG für mittelständische Unternehmen eine Basislösung ausgehandelt. Noch gelte es aber, Details der konkreten Ausgestaltung zu klären – auch Pricing und Leistungsumfang.
„Wenn Corporate Responsibility auf freiwilliger Ebene keine Effekte in den Lieferketten hat, müssen Vorgaben für Menschenrechte und Umweltschutz verbindlich und mit staatlichen Maßnahmen umgesetzt werden“, sagt Karin Gräslund. Die DSAG-Fachvorständin Financials & Sustainability findet das neue Gesetz daher notwendig, um Risiken zu erkennen, Verstößen vorzubeugen, sie gemeinsam zu minimieren und zu beenden. Doch es müsse auch klar sein: „Ein strenges Lieferkettengesetz bringt hohe Kosten für die Wirtschaft mit sich und der bürokratische Aufwand für Unternehmen ist immens.“
Man dürfe aber nicht nur auf die Kosten schauen, warnt Mohit Joshi, Präsident von Infosys. Er verweist auf die neue Studie „ESG Redefined: From Compliance to Value Creation“ aus seinem Haus. Dort geben fast alle Führungskräfte (90 Prozent) an, dass ihre ESG-Ausgaben zu moderaten oder signifikanten finanziellen Erträgen führten. Die Mehrheit der Befragten (66 Prozent) konnten ESG-Renditen innerhalb von drei Jahren realisieren.
Der Bericht räumt ein, dass die Budgets in der derzeitigen Wirtschaftslage wahrscheinlich ein Hindernis darstellen. Dies sei besorgniserregend, da die Unternehmen sowohl höhere finanzielle Mittel als auch Änderungen am Betriebsmodell benötigen, um ihre ESG-Ziele zu erreichen und ein nachhaltiges Gewinnwachstum zu erzielen. „Die Idee, dass man investieren muss, um Geld zu verdienen, ist nicht neu“, fordert Joshi, ESG als wertschöpfend anzuerkennen, um die finanziellen Vorteile von ESG-Investitionen auch tatsächlich zu nutzen und „eine maximale Wirkung bei der Schaffung einer besseren, nachhaltigeren Welt zu erzielen“. Branchenexperten raten deshalb dazu, das neue LkSG als Impuls zu nutzen, um Daten innerhalb des Unternehmens künftig strategischer einzusetzen – also Daten nicht nur zu sammeln und zu speichern, sondern auch zu ordnen und einzuordnen sowie für eine sinnvolle Analyse aufzubereiten.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Allerdings wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird – auch nicht das LkSG. Denn richtig ernst wird es jetzt noch nicht, hat doch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) auf die Forderung verschiedener Verbände, das Gesetz zu konkretisieren, zu verändern bzw. auszusetzen, reagiert und verkündet, erst zum 1. Juni 2024 zu prüfen, ob die Berichtspflichten für das bis dahin abgelaufene Geschäftsjahr erfüllt wurden. Zudem wolle man die Einhaltung bürokratiearm und „mit Augenmaß“ prüfen, heißt es.
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