Nachfrage nach Weiterbildungen zurückgegangen

„Der Mittelstand muss aktiv werden“

Die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen einiges verändert – so auch den Umgang von Unternehmen mit IT-Weiterbildungen. Welchen Einfluss die Fortbildung auf die Mitarbeiterzufriedenheit hat und wie der Mittelstand in diesem Bereich aufgestellt ist, berichtet Josef Günthner, Gründer des Personalvermittlers und -beraters Paltron, im Interview mit IT-MITTELSTAND.

Josef Günthner

Josef Günthner, der Gründer von Paltron.

ITM: Welche Art von IT-Weiterbildung bieten Sie an? Hat sich durch Corona etwas an Ihrem Angebot verändert?
Josef Günthner:
Da wir vordergründig eine Personalberatung sind, bieten wir selbst aktiv keine IT-Fortbildungen an. Wir entwickeln aber Weiterbildungskonzepte, beispielsweise als Teil einer umfassenden Talentmanagement-Strategie. Im Kontakt mit unseren Kunden haben wir festgestellt, dass die Nachfrage nach Weiterbildungen im Krisenjahr deutlich gesunken ist. Viele Unternehmen haben den Fokus auf kurzfristige Stabilisierung gelegt – was in existenzbedrohenden Zeiten auch verständlich ist. Aber auch die Hygieneverordnungen haben ein Problem dargestellt. Die meisten Coachings und Fortbildungen sind auf Präsenz ausgelegt. Diese mussten jetzt ihre Teilnehmerzahlen stark reduzieren oder auf eine Remote-Lösung ausweichen. Gleichzeitig ist der eigentliche Weiterbildungsbedarf der Mitarbeitenden aber gestiegen: Denn die Corona-Krise hat noch einmal die Bedeutung der digitalen Transformation aufgezeigt und viele Unternehmen zum schnellen Handeln gezwungen.

ITM: Inwiefern hat sich die Nachfrage nach IT-Weiterbildungen verändert? Auf welchen Gebieten haben Ihre Kunden verstärkt Bedarf?

Günthner:
Die Nachfrage nach Weiterbildungen ist in der Pandemie insgesamt eindeutig zurückgegangen. Noch dazu wurden unzählige bereits geplante Weiterbildungsmaßnahmen abgesagt, weil sie nicht rechtzeitig von einer Präsenzversion auf eine digitale Veranstaltung umgestellt werden konnten. Was inhaltliche Veränderungen bei IT-Weiterbildungen angeht, stellen wir hingegen mehr und mehr fest, dass das Gebiet rund um Cybersecurity durch die angekurbelte Digitale Transformation stark an Bedeutung gewonnen hat.

Jeder Mitarbeitende, der mit IT-Lösungen arbeitet, sollte wissen, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Systeme vor Cyberangriffen und anderen Bedrohungen zu schützen. Hierbei helfen beispielsweise Cyber-Awareness-Trainings, bei denen Gefahren simuliert und Nutzerinnen und Nutzer so sensibilisiert werden. Aber auch Weiterbildungen im Bereich des Datenmanagements liegen im Trend. Das ist ebenfalls wenig verwunderlich: Denn mit der zunehmenden Vernetzung steigt auch die Datenflut. Die neu gewonnen Daten müssen erfasst, verarbeitet und sicher - aber dennoch auffindbar - aufbewahrt werden.

ITM: Wie ordnen Sie den Zusammenhang zwischen IT-Weiterbildung und Mitarbeiterzufriedenheit ein? Nehmen Mitarbeiter gern an entsprechenden Maßnahmen teil und wie kann man sie dafür „begeistern“?
Günthner:
Weiterbildungen sind definitiv Bestandteil einer erfolgreichen Personalstrategie, denn sie steigern die Mitarbeiterzufriedenheit signifikant. Mit einer attraktiven Aus- und Weiterbildungsstrategie können neue Talente leichter gefunden und auch gehalten werden, denn viele Fachkräfte wünschen sich Chancen zur Weiterentwicklung. Ihnen ist häufig bewusst, dass digitale Weiterbildungsmaßnahmen einen großen Mehrwert bieten und Teil der zukünftigen Arbeitsweise sind. Durch Fortbildungen steigt ja auch der Marktwert der Experten. Sie können mehr Aufgaben übernehmen, was ihre Aufstiegschancen erhöht – und damit natürlich auch langfristig die Option auf ein höheres Gehalt. Unternehmen können beim Thema Weiterbildung aber auch einiges falsch machen. Dann nämlich, wenn diese Maßnahmen durchgeführt werden, um ein gewisses Budget zu verbrauchen oder um eine bestimmte Anzahl an Weiterbildungen für die Erreichung eines Bonus zu erreichen.

Weiterbildungen sollten nicht dem Selbstzweck oder zum Erfüllen der Quoten dienen. Vielmehr sollten Unternehmen eine Kultur des lebenslangen Lernens und der kontinuierlichen Verbesserung schaffen. So werden Mitarbeiter intrinsisch motiviert, Zeit und Energie in die eigene Weiterbildung zu investieren. Gerade der IT-Bereich bietet den Vorteil einer großen Themenbreite. Bei der Vielfalt an Weiterbildungsmöglichkeiten finden viele ein Feld, das sie interessiert. Wenn dann noch eine gelungene Kommunikation zwischen Arbeitgebenden und Angestellten stattfindet, der Mehrwert einer Weiterbildung kommuniziert und Engagement wertgeschätzt werden, bleibt ein Großteil der Belegschaft langfristig motiviert und lernbereit.

ITM: Wie können Unternehmen nachhalten, ob ihre Mitarbeiter die neu erlernten Skills auch umsetzen?

Günthner:
In vielen Fällen machen die Mitarbeiter das automatisch. Grundsätzlich empfiehlt es sich, den Weiterbildungsbedarf in einem standardisierten Feedbackgespräch zu definieren, die geeignete Maßnahme abzuleiten und mit einem messbaren Ziel zu verknüpfen. Im folgenden Feedbackgespräch kann dann der Erfolg der Maßnahmen gemessen werden.

Die IT-Branche erfordert ein agiles, flexibles und fortschrittliches Denken und Handeln. Das Festhalten an veralteten Strukturen oder Praktiken kann schnell dazu führen, dass gesamte Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Vielen Beschäftigten ist bewusst, dass dies die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen und Weiterentwicklung erfordert. Dennoch ist es wichtig, ihnen die Chance zu geben, neu Erlerntes auch im Berufsalltag anzuwenden. Das funktioniert unter anderem durch die Arbeit in interdisziplinären Teams. Dort hat jeder seine konkreten Aufgaben und kann sein Können vielseitig einsetzen. Ebenfalls hilfreich ist es, den Mitarbeitern beispielsweise mit einem Workshop für ihre Kollegen zu beauftragen. In dessen Rahmen können Lerninhalte gefestigt und weitergegeben werden – und das ganze Unternehmen profitiert vom neuen Wissen. Für größere Organisationen empfehlen wir ein professionelles Wissensmanagement, das auch die vorhandenen Fähigkeiten der Mitarbeiter im Unternehmen transparent macht.

ITM: Wie kann IT-Weiterbildung dazu beitragen, den derzeitigen Fachkräftemangel abzufedern?

Günthner:
Reskilling und Upskilling müssen Kernbestandteile der Personalstrategie sein, um im War for Talent zu bestehen. Es gilt also, schon auf vorhandene Ressourcen zu schauen und zu beurteilen: Brauche ich eine neue Fachkraft? Oder gibt es einen Mitarbeiter, der vielleicht schon in einem ähnlichen Feld beschäftigt ist und durch eine Fortbildung die benötigten Qualifikationen dazugewinnen könnte? Unternehmen, die im eben genannten War for Talent gewinnen werden, haben auf der granularen Ebene die IT-Skills identifiziert, die einen grundlegenden Beitrag für das Geschäftsmodell darstellen. Sie haben einen klaren Überblick über den aktuellen und zukünftigen Bedarf an IT-Talenten und haben ihre Personalstrategie konsequent daran ausgerichtet. Dieses Vorgehen funktioniert nicht auf die Schnelle, sondern muss sorgfältig durchdacht und geplant werden. An anderer Stelle könnten Weiterbildungen aber auch Quereinsteigern den Weg in die IT-Branche ebnen. In sogenannten Bootcamps können Teilnehmende innerhalb kurzer Zeit komplexe Tätigkeiten lernen. Damit werden wichtige Stellen besetzt und Innovation gesichert.

ITM: Wie wirkt sich die Krise – gerade in Bezug auf IT-Weiterbildung – auf Deutschland als Innovationsstandort aus?
Günthner:
Deutschland ist schon mit einem erheblichen Nachholbedarf in Sachen IT-Aus- und Weiterbildung in die Pandemie gestartet. Die Corona-Krise hat dann sinnbildlich als Brandbeschleuniger gewirkt, denn durch die Zunahme digitaler Prozesse wurde das bereits vorhandene Problem, der Mangel an IT-Fachwissen, größer und sichtbarer. Die Digitale Transformation ist inzwischen essenziell für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Mit dem steigenden Bedarf an digitalen Strukturen ist auch der Bedarf an IT-Experten gestiegen, die diese Strukturen herstellen und Digitalisierung erst möglich machen. Gleichzeitig wird sich das Fehlen dieser Talente durch den demografischen Wandel sowie den durch die Krise ausgelösten Rückgang an der Zuwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte und Ausbildungsangeboten im IT-Sektor weiter verschärfen. Das ist problematisch: Denn die IT ist nicht nur Digitalisierungs-Dienstleister, sondern vor allem Enabler vieler Geschäftsmodelle. Fehlen qualifizierte Fachkräfte, können spannende und innovative Ideen nicht in die Praxis umgesetzt werden. Da geht viel Potenzial verloren – und das schadet nicht zuletzt Deutschland als Innovationsstandort.

Auch die Einschränkung der betrieblichen Weiterbildungsmöglichkeiten ist ein großes Problem. Gerade die IT-Branche entwickelt sich rasant weiter. Hier sind Fort- und Weiterbildungen elementar. Denn die in der Ausbildung oder im Studium vermittelten Praktiken sind häufig schon wenige Jahre nach Abschluss veraltet. Werden Angestellte nicht ausreichend gefördert, büßen sie ihren Marktwert ein und auch die Unternehmen verlieren Potenzial.

ITM: Welche Strategien können Sie mittelständischen Unternehmen empfehlen, um neue Tech- und IT-Talente zu gewinnen?

Günthner:
Als erstes ist der Blick ins eigene Unternehmen wichtig; also eine Bestandsaufnahme, bei der man untersucht, welche personellen Ressourcen bereits vorhanden sind und für welche Problemstellungen es derzeit noch keine Lösung gibt. Zur Analyse des Status quo gehört aber auch, die aktuelle Marktlage und den Auftritt des Unternehmens einzuschätzen. Wie beurteilen Sie Ihre Attraktivität als Arbeitgeber? Warum sollten IT-Talente ausgerechnet für Sie arbeiten wollen? Auf die Bestandsaufnahme folgt das tatsächliche Recruiting. Dabei unterscheidet man zwischen dem passiven und dem aktiven Sourcing. Kernbestandteile einer passiven Recruiting-Strategie sind beispielsweise ein ansprechendes Stellenausschreiben sowie eine attraktive Karriereseite. Achten Sie darauf, so konkret wie nur möglich zu kommunizieren. Klären Sie schon im ersten Schritt über Ihre Vorstellungen wie fachliche und persönliche Anforderungen, Rahmenbedingungen, aber auch Ihre Benefits auf.

Zu Zeiten des Fachkräftemangels reicht die passive Suche jedoch meist nicht aus und muss durch das Active Sourcing ergänzt werden. Hierbei sollten Sie gezielt auf passende Experten zugehen, ihnen die freie Stelle anbieten und klaren Fokus auf den Mehrwert dieses Angebots richten. Dabei kann Sie gegebenenfalls ein externer Dienstleister unterstützen. Zeigt ein Talent Interesse an einer Stelle Ihres Unternehmens, ist es elementar, im Bewerbungsprozess Commitment zu zeigen: Melden Sie sich schnell und transparent zurück, bekunden Sie offen Ihr Interesse. Denn IT-Talente können meist aus mehreren freien Stellen wählen. Fühlen Sie sich nicht ausreichend wertgeschätzt oder ernstgenommen, werden sie sich sicherlich für ein anderes Unternehmen entscheiden. Ein strukturiertes und effizientes Onboarding rundet ein gelungenes Recruiting dann ab.

ITM: Wie sehen Sie speziell den Mittelstand im Bereich IT-Weiterbildung aufgestellt? Was können Unternehmen verbessern?
Günthner:
Ein starker Mittelstand ist der Hebel für eine starke Wirtschaft. Er ist dazu in der Lage, Innovation und Zukunftstechnologien zu realisieren. Um der voranschreitenden Digitalen Transformation, dem Bedarf an digitalen Lösungen und an Menschen, die sie bedienen können, gerecht werden zu können, muss der Mittelstand jedoch aktiv werden und seinen Mitarbeitern die nötigen digitalen Kompetenzen vermitteln. Die durch die Corona-Krise angestoßenen und vorangetriebenen Veränderungen sollten konsequent als Antrieb zur Weiterentwicklung genutzt werden. Die Mitarbeiter eines Unternehmens sind seine wichtigste Ressource – gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wird das deutlich. Das sollten alle Unternehmen beherzigen und das Personal wieder in den Fokus rücken.

ITM: Wie sieht die IT-Weiterbildung der Zukunft aus? Werden die Änderungen, die wir durch Corona erfahren haben, bestehen bleiben – oder wird sich nur ein Teil durchsetzen?
Günthner:
Die Entwicklungen, die durch Corona angestoßen wurden, haben sich schon vorher abgezeichnet, wurden durch die sich ändernden Bedingungen aber deutlich beschleunigt. Die Digitalisierung ist wichtig, um agil und flexibel auf solche plötzlichen Veränderungen reagieren zu können. Deshalb werden sich wahrscheinlich digitale oder hybride Weiterbildungsformate, die sich aus einer Mischung aus Präsenzschulungen und Online-Tutorials zusammensetzen, durchsetzen. Auch Weiterbildungen im Virtual-Reality-Format könnten eine zukunftsfähige Lösung darstellen, da diese die Interaktivität und Immersion von Präsenzschulungen mit der zeitlichen und örtlichen Flexibilität von Online-Angeboten verbindet. Das bringt überzeugende Vorteile mit sich: So können Unternehmen Reisekosten einsparen; die Mitarbeiter können ihre Fortbildungen eigenverantwortlich und zeitsparend organisieren, zum Teil sicherlich auch parallel zum Tagesgeschäft. Ihnen wird ein Stück Agilität geschenkt. Eine klassische Win-win-Situation also!



Bildquelle: Paltron GmbH

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