Der Gastkommentator, Eric Schneider, ist Vorsitzender der M2M-Alliance und zeichnet ein düsteres Bild für deutsche Mittelständler, sollten sie die Zeichen der digitalisierten Zeit nicht erkennen.
Die Zahlen sind erschreckend: Laut Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, ist bei rund 70 Prozent der deutschen Unternehmen die Einsicht immer noch nicht gereift, dass an Industrie 4.0 und der damit einhergehenden Digitalisierung kein Weg vorbeiführt. Anstatt die Digitalisierung voranzutreiben oder sich ihr zumindest zu stellen, herrscht vielerorts offenbar Desinteresse oder gar Ignoranz. Und so sind andere Länder, die mehr Innovationsfreude zeigen, dabei, Deutschland den Rang abzulaufen.
Fast jede produzierende Branche wird mittlerweile mit Mehrwertdiensten aus der digitalen Welt des Internets bedrängt, angegriffen und mitunter bereits verdrängt. Und dennoch sind selbst die Endverbraucher bereits weiter in der Digitalisierung als die Unternehmen. So hat bereits jeder dritte Deutsche einen Fitness-, Schlaf- oder Ernährungs-Tracker. Die meisten Privathaushalte sind vom Smartphone über die Spielkonsole bis hin zum Smart TV vernetzt. Und selbst Küchengeräte und die Heizung werden nicht selten aus der Ferne kontrolliert und gesteuert.
Die Entscheidungsträger sind offenbar schwer für die Digitalisierung zu erwärmen – nicht selten, weil diese außerhalb der eigenen Kernkompetenz liegt. Bei der Digitalisierung wird unter anderem das physikalische Produkt vernetzt und somit Dienstleistungen zum physikalischen Produkt ergänzend hinzugefügt. Digitale Transformation bedeutet letztlich auch, dass Veränderungen am Geschäftsmodell notwendig sind. Somit ist die Digitale Transformation ganz klar Chefsache. Um Aussicht auf Erfolg zu haben, muss es eine digitale Vision und Strategie im Unternehmen geben. Digitalisierung beinhaltet das Produkt, die Organisation und die zukunftsorientierte Unternehmensstrategie mit neuem Geschäftsmodell. Und dafür ist selbstredend das Management verantwortlich. Doch hier scheut man oft die mitunter hohen Investitionskosten und der Komplexität.
So verständlich dieser Instinkt auch sein mag: Rechnen tut sich ein ängstlicher Sparkurs nicht. Was früher und teils auch bis dato ein Erfolgsweg war, führt schon bald zwangsläufig in eine Sackgasse. Wer sein Geschäftsmodell nicht an die erweiterten, veränderten Kundenbedürfnisse anpasst, geht unter. Mahnende Beispiele gibt es genug – wie Kodak und Nokia. Daran zeigt sich: Selbst wer immer alles richtig gemacht hat, kann bereits daran scheitern, wenn ein einziger Trend verpasst wird. Und wie wichtig die digitale Transformation rund um das Internet of Things und Industrie 4.0 sein wird, daran hegt kein Experte Zweifel. Umso unverständlicher ist das Zaudern der großen Mehrheit.
Ein typischer Fehler ist der, dass die Unternehmen immer noch ihre eigenen, isolierten Produkt evermarkten und verkaufen wollen, anstatt sie als Teil eines gesamten Ökosystems zu betrachten. Statt offene Schnittstellen bereitzustellen, die der Kunde verlangt – und letztlich auch schon von den ersten, weitsichtigen Unternehmen erhält – verzetteln sich zu viele Unternehmen gleicher Branchen noch immer im Kleinkrieg mit dem Wettbewerb oder warten weiterhin auf bestimmte Standards, um erst dann loszulegen.
Dabei ist mit einer derart antiquierten Denkweise der größte Feind des eigenen Unternehmens der eigene Starrsinn. Die Kunden wollen keine Insellösungen mehr, sondern Kompatibilität und weitreichende Vernetzung, für sie steht immer der eigene erweiterte Nutzen des Produktes im Vordergrund. Unternehmen, die sich dennoch weiterhin als Inseln wähnen, dürften somit schneller untergehen, als sie ahnen. Um das eigene Unternehmen vor dem Untergang zu bewahren, muss das Management neue Geschäftsmodelle zulassen. Durch produktergänzende, informationsbasierte Services wird die Kundenbindung rund um das höherwertige Produkt erzielt. Was passiert, wenn man sich für unsinkbar hält, ließ sich 1912 beobachten.
*Eric Schneider ist Vorsitzender der M2M-Alliance