„Bisher lag der Fokus beim IT-Outsourcing auf der Virtual Private Cloud, doch ab sofort widmen wir uns auch der Public Cloud“, sagt Dr. Christoph Kurpinski, Vorstandsvorsitzender der Comarch Software und Beratung AG.
ITM: Herr Dr. Kurpinski, vor welchem Hintergrund wurde das zweite deutsche Rechenzentrum von Comarch in Dresden eröffnet?
Dr. Christoph Kurpinski: Wir erkannten schon relativ früh, dass Unternehmen heutzutage nicht nur Produkte, sondern Lösungen kaufen möchten. Es war dabei abzusehen, dass der Trend in Richtung „Outsourcing“ gehen wird. Aus diesem Grund entschlossen wir uns dazu, ein neues Rechenzentrum zu bauen. Es stellte sich nur die Frage nach dem passenden Ort. In Frankfurt haben wir beispielsweise ein Rechenzentrum angemietet, aber diesmal wollten wir ein eigenes bauen. Dresden bot sich an, weil sich dort ein relativ großer Standort von uns mit zahlreichen Mitarbeitern befand.
Der Bau dauerte allerdings ein wenig länger und kostete mehr als ursprünglich gedacht, da wir einige Auflagen erfüllen mussten, denn der Standort befindet sich nicht im Industriegebiet. Das neue Rechenzentrum sollte in unmittelbarer Nähe zu unseren Büroräumen liegen, damit unsere Mitarbeiter dieses jederzeit – auch mit Kunden – aufsuchen können.
ITM: Welche Lösungsangebote bringt die Eröffnung des neuen RZs mit sich?
Kurpinski: Bisher lag der Fokus beim IT-Outsourcing auf der Virtual Private Cloud, doch ab sofort widmen wir uns auch der Public Cloud. So stellten wir kürzlich auf der CeBIT zwei neue Produkte vor: Comarch Financials Cloud sowie das Kombi-Paket ERP & Financials aus der Public Cloud. Bei der Public Cloud übernehmen wir die Daten des Kunden. Außerdem können wir bei den Lösungen jederzeit zusätzliche Funktionen freischalten und individuelle Programmierungen anbieten.
ITM: Inwiefern ist Cloud Computing überhaupt schon für den Mittelstand interessant? Wird das Thema nachgefragt?
Kurpinski: Ja, wir haben schon vor eineinhalb Jahren die ersten Projekte im klassischen Mittelstand – ERP und Finanzen – durchgeführt, weil die Unternehmen ihre IT nicht mehr selbst betreuen wollten. Meistens lag es am Generationswechsel: Früher hatten die Firmen eine eigene IT, weil es sich einfach so gehörte. Doch die Systeme wurden mit der Zeit natürlich älter. Die junge Generation an Mitarbeitern zeigt sich nun offen und möchte die Systeme nicht mehr selbst betreiben. Sie schaut sich also auf dem Markt nach Lösungen um. Ein Vorteil besteht darin, dass diese junge Generation nicht mehr lernen muss, mit den neuen Systemen umzugehen. Denn genau das übernehmen wir in der Wolke!
ITM: Welche Faktoren halten die Unternehmen noch ein wenig davon ab, auf die Wolke zu setzen?
Kurpinski: Es herrscht noch Unsicherheit darüber, wo die Daten landen, zumal dieses Thema auch stark in der Presse diskutiert wird. Das ist auch ein Grund dafür, warum wir uns für den Standort Dresden entschieden haben, obgleich wir auch nach Polen hätten gehen können. So können wir nun damit werben, dass unsere Daten in Deutschland liegen – sprich sämtliche Datenschutzbestimmungen und Sicherheitsauflagen werden nach deutschem Recht erfüllt und wir garantieren, dass die Daten Deutschland nicht verlassen. Unsere Cloud ist sozusagen gefangen: Sie befindet sich in Dresden und sie bleibt auch dort.
ITM: Welche Unternehmen vertrauen auf Ihre Dienstleistungen?
Kurpinski: Aktuell treiben wir das Public-Cloud-Thema voran. Wir erwarten kleine Kunden, die einfach per Internet bei uns ihre Software bestellen und unser RZ mit ihren Daten füllen. Im Private-Cloud-Bereich zählen beispielsweise ein Unternehmen aus der metallverarbeitenden Industrie, aber auch zahlreiche Handelsunternehmen zu unseren Kunden.
ITM: Welche strategischen Ziele verfolgen Sie noch in diesem Jahr? Worauf werden Sie sich fokussieren?
Kurpinski: Drei Segmente stehen bei uns im Mittelpunkt: Comarch startete einst mit dem Großkundengeschäft, wobei wir uns hauptsächlich auf das Key-Account-Management in der Telekommunikation fokussierten. Das ist und bleibt unsere Hauptsäule, weil wir das Geschäft stets weiter ausbauen. Hier können wir heute sämtliche Mobilfunkanbieter zu unseren Kunden zählen.
Durch die Akquisition der SoftM stießen dann auch mittelständische Anwender zu uns, denen wir nun neue Produkte wie unsere Finanzlösung anbieten können. Der Mittelstand ist somit die zweite Säule.
Die dritte Säule betrifft die neuen Infrastrukturdienste – von Public-Cloud-Lösungen für kleine Unternehmen bis hin zu individuellen Lösungen in Form von Virtual Private Clouds. Denn wir werden in Zukunft nicht nur Produkte, sondern auch Dienstleistungen verkaufen. Ich glaube, das ist auch für den Mittelstand interessant. Aber dieses Modell verlangt von uns, dass wir die Infrastruktur stellen. Damit dies für die Anwender günstig ist, bieten wir eigene Infrastrukturen an, die wir auch selbst nutzen und über die wir die Kontrolle haben. Unsere Software bauen wir dementsprechend um, so dass sie per Webzugriff betrieben werden kann.
Zu bedenken ist jedoch, dass viele unserer Kunden noch die alten SoftM-Produkte nutzen und jetzt nach und nach auf die neuen Comarch-Produkte migriert werden müssen. Das ist auch ein Grund, warum wir mit dem Cloud-Angebot werben, denn einige unserer Kunden aus diesem Bereich haben nur drei oder vier User. Für sie lohnt es sich nicht, Hardware zu kaufen, Systeme zu installieren usw. Daher glaube ich, dass wir im Cloud-Segment in diesem Jahr das größte Wachstum erzielen werden. Unsere Strategie ist es, die Bestandskunden mit neuen Technologien zu beglücken.