SAP Business by Design im Mittelstand

Die Marktwahrnehmung verbessern

Seit Jahren wird der Mittelstand umgarnt – in zunehmendem Maße von den Softwareriesen. Das Problem dabei: Meist wissen Konzerne herzlich wenig über die Probleme des aus ihrer Sicht vergleichsweise kleinen Mittelstandes.

Eben deshalb muss man beinahe zwangsläufig aufhorchen, wenn sich SAP mal wieder den Mittelstand auf die Fahnen schreibt. Fast unvermeidlich stellt sich da die Frage, ob Lösungen wie das eigens für die Zielgruppe konzipierte Business By Design (BBYD) überhaupt mittelstandsgerecht sein können. „BBYD ist definitiv ein Mittelstandsprodukt“, betont Matthias Bender von DataOne. Dadurch, dass die Lösung insgesamt neu konzipiert wurde, habe man sie von vorneherein speziell auf die Bedürfnisse des Mittelstands zugeschnitten und erfolgreich die Komplexität reduziert.

Christian Riethmüller, Senior Consultant beim Hanauer Beratungshaus Cerpos stellt zwar nicht in Abrede, dass BBYD von Grund auf neu entwickelt wurde, gibt jedoch zu bedenken: „Gerade die aktuellen Anstrengungen von SAP zeigen deutlich, dass die eigentliche Zielgruppe Tochterunternehmen von Großunternehmen bildet.“ Seiner Einschätzung nach bedeute das, dass SAP wieder in die alte Spur zurückkehre. „BBYD überzeugt vor allen Dingen durch seine Vollständigkeit“, unterstreicht Sigfried Döring von Immologis. Teilweise unterschätze man im Markt den Funktionsumfang. Hinzu komme, dass die Lösung mittelständische Unternehmen sehr gut in Sachen Organisationsstruktur abbilde und leicht erlernbar sei. „Außerdem muss man sehen, dass man BBYD überaus schnell einführen kann, weil es eine gehostete Lösung ist.“ All das betont nach Ansicht von Döring die Mittelstandstauglichkeit von BBYD.

In der Tat hört man immer wieder großes Lob für den Funktionsumfang von BBYD, bei dem sich die Walldorfer dem Vernehmen nach nicht lumpen ließen: Vom Kundenmanagement (CRM) bis hin zu betriebswirtschaftlichen Standardfunktionalitäten (ERP) deckt BBYD nahezu alles ab. Die vertikale Tiefe der Lösung ist nach den Worten von Karsten Sontow, Vorstand bei Trovarit, durchaus vorzeigbar, bleibe letztlich aber begrenzt: „Dies gilt insbesondere im Hinblick auf sehr anspruchsvolle Aufgabenbereiche in Logistik und Produktion wie das Expiry Management in der Nahrungsmittelindustrie, die Abrufüberwachung in der automobilen Lieferkette oder die Abbildung von Kanban-Logiken.“ Hintergrund hierfür sei nicht zuletzt die „Jugend“ des Produktes. Denn ERP-Lösungen würden erfahrungsgemäß mit zunehmender Lebensdauer funktional reichhaltiger. „Gleichzeitig besteht bei einer Multi-Tenant-SaaS-Lösung die Notwendigkeit, die Komplexität der Software im Interesse einer hohen Skalierbarkeit zu begrenzen.“

Zusammenspiel der Systeme

Die Suche nach zusätzlichen Funktionalitäten oder einer ausgeprägteren Tiefe könnte also den einen oder anderen Anwender umtreiben. Matthias Bender verweist dabei auch auf den SAP Store: „Mit dem Solution Development Kit und dem SAP Store wird sich eine rege Community bilden, um Add-ons anzubieten und dadurch den Funktionsumfang zu erweitern.“ Wie aber stellt sich das Zusammenspiel mit bereits vorhandenen Systemen dar? Christian Riethmüller erläutert: „Die Kopplung zu einem Mail-Server ist insofern gelöst, als dass ein Microsoft-Outlook-Add-in die Synchronisation von Mails, Terminen und Aufgaben vollzieht. Es existieren auch Add-Ins für Word und Excel.“ Mit Blick auf die Schnittstelle zu den Cloud-Lösungen anderer Anbieter gibt sich Rietmüller jedoch sehr verhalten: „Man muss sich nur vorstellen, dass sich die Clouds bei einem bidirektionalen Datenverkehr gegenseitig öffnen müssten, um Daten auszutauschen.“ Dabei komme es unweigerlich zu einem zusätzlichen Sicherheitsrisiko und administrativen Aufwand. „Wenn sich Clouds aneinander reiben, führt dies zu Gewitter, Blitz und Donner.“ Da Cloud-Anwendungen nur Individualität aus sich heraus via Parametrierung und Customizing zuließen, sei eigentlich kein Platz für individuelle Einzelanwendungen vorhanden.
Auch wenn die aktuelle preisliche Gestaltung durchaus attraktiv erscheint, sollten Anwender beim Erwerb von Mietsoftware trotzdem die Langzeitper­spektive berücksichtigen: „BBYD kann ab zehn Usern gemietet werden. Für die ERP-Basislösung zahlt ein Unternehmen ab 133 Euro pro Anwender und Monat“, erklärt Christian Riethmüller dazu. Hinzu kämen für die Einrichtung ein Einmalbetrag in Höhe von 24.900 Euro für die ERP-Lösung oder 34.900 Euro für die Kombi-Lösung (CRM plus ERP). Ferner könnten Remote-Einführungskosten in Höhe von 720 Euro pro Tag berechnet werden.

Da man bei einem ERP-System von einer Nutzungsdauer von etwa zehn Jahren ausgehen könne, summierten sich die Kosten bei zehn Benutzern auf Basis dieser Zahlen auf knapp 200.000 Euro. Bei 50 Usern gar auf etwa 1 Mio. Euro, so Riethmüller. Und all dies gelte ohnehin nur, wenn man zugrunde lege, dass die Mietkosten stabil blieben sowie keine Add-ons und keine temporären Beratungskosten hinzukämen. In diesem Zusammenhang sei also auch zu prüfen, wie sich ein Wechsel zu einem anderen Anbieter gestalten würde.
Und trotzdem kann sich der Einsatz für mittelständische Unternehmen rechnen. Sigfried Dörings Aussage nach müsse man für eine vergleichbare ERP-Lösung nach konventionellem Muster bei der Kalkulation auch eine entsprechende Infrastruktur inklusive Hardware mit einbeziehen, die dann genauso wie die ERP-Lösung selbst zu warten und administrieren wäre.
„Die Kostenstruktur von BBYD führt in aller Regel dazu, dass nach drei bis fünf Jahren zwischen BBYD und klassischen Lizenzierungs- bzw. Wartungsmodellen ein Break-Even vorliegt“, meint Karsten Sontow. Längere Laufzeiten wiesen dann für BBYD höhere Kosten aus. Zudem bestünde bei längeren Laufzeiten und klassischen Wartungsverträgen auch das Risiko, dass etwa bei Release-Wechseln relevante Zusatzkosten anfallen. „Insofern zahlt man für ‚Kostentransparenz‘ und ‚Budgetsicherheit‘ gegebenenfalls einen Aufpreis.“

Viele SAP-Partner sehen indes Optimierungspotentiale bei der Positionierung der Lösung. Dabei irritiert vor allen Dingen, dass SAP selbst mit Business One und All-in-One zwei weitere Angebote macht, die zumindest auf den ersten Blick in eine ähnliche Richtung zielen wie BBYD. Matthias Bender gibt sich diesbezüglich jedoch optimistisch: „Verbessern muss sich in erster Linie die Marktwahrnehmung“. SAP habe inzwischen die Chance, durch Referenzkunden zu beweisen, dass man mit BBYD eine funktional wie betriebswirtschaftlich herausragende Lösung für den Mittelstand geschaffen habe.
Ein weiterer Baustein dazu könne der SAP Store werden: „Durch den halbjährlichen Release-Zyklus der Lösung sowie durch die wachsende Zahl der von Partnern entwickelten und über den SAP Store verfügbaren Lösungen werden fortlaufend neue Anforderungen abgedeckt.“

Probleme mit BBYD


Was aber ist für die Anwender ausschlaggebend? Jakob Mettler von Mettex berichtet: „Wir suchten nach einem CRM-System für alle und wollten dabei den Betreuungsaufwand und die aufzuwendende Investition in Grenzen halten.“ Gegenwärtig habe man zwar „nur“ das CRM im produktiven Einsatz, wolle jedoch künftig die gesamte Projektabwicklung über BBYD erledigen.
Der komplette Geschäftsprozess und der „Cloud-Faktor“ spielten für Mettex eine besondere Rolle. Schließlich sei die IT nur eine Subkompetenz des Unternehmens. „Deshalb haben wir uns für BBYD entschieden und würden diese Entscheidung heute wieder treffen“, sagt Mettler. Jedoch berichtet er auch von ersten Problemen, die man mit BBYD habe. So könnten z.B. die Mitarbeiter mit Apple Mac nur mit Zusatzsoftware auf BBYD zugreifen. Auch mit Google Chrome gebe es Probleme.


Bildquelle: © iStockphoto.com/laughingmango

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