„Eine zielgerichtete Digitalisierungsstrategie ist für Unternehmen jeder Couleur eine Überlebensstrategie im härter werdenden Wettbewerbsumfeld“, so Kai Grunwitz von NTT.
ITM: Herr Grunwitz, warum führt auch für den Mittelstand kein Weg mehr an der Digitalisierung seiner Prozesse vorbei?
Kai Grunwitz: Der Mittelstand ist in vielen Industriezweigen der Motor der deutschen Wirtschaft. Aber auch wer nach Weltklasseunternehmen sucht, findet in dieser illustren Runde eine Vielzahl globaler Champions. Die Digitalisierung der gesamten Supply Chain und die Nutzung technologischer Innovationen spielt deshalb eine ebenso große Rolle wie bei den eher im Fokus stehenden Großunternehmen. Ohne werden sich Mittelständler im nationalen und internationalen Wettbewerb künftig schwertun. Nach wie vor sehen sich aber viele als Nachzügler bei der Digitalisierung von Geschäfts- und Verwaltungsprozessen. Jeder zweite stellt sich in einer Studie des Branchenverbands Bitkom ein schlechtes Zeugnis aus. Es mangelt an Ressourcen, Standards und Datensicherheit. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, zunächst zu prüfen, welche Prozesse transformiert werden sollen und können. Keinesfalls dürfen Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben, um einem Trend zu folgen. Das Ziel muss immer sein, durch neue Lösungen einen geschäftlichen Mehrwert zu schaffen. Eine zielgerichtete Digitalisierungsstrategie ist für Unternehmen jeder Couleur eine Überlebensstrategie im härter werdenden Wettbewerbsumfeld.
ITM: Wie nehmen Sie das Digitalisierungsbestreben Ihrer mittelständischen Kunden anno 2022 wahr?
Grunwitz: Das Interesse, sich mit dem Thema „Digitalisierung“ auseinanderzusetzen, ist groß. Oftmals fehlen aber die notwendigen Experten für die Projektarbeit. Ein anderes Problem ist die Herangehensweise: Viele Unternehmen suchen zwar gezielt nach Möglichkeiten zur Digitalisierung, lassen sich aber bei den Diskussionen zu sehr von technologischen Trends treiben. Viel wichtiger ist eine zur Unternehmensstrategie passende Digitalisierung. Vor Projektstart sollte immer eine sorgfältige Analyse der individuellen Potenziale in der kompletten Wertschöpfungskette vorgenommen werden. Digitalisierung setzt eine Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen voraus. Mittelständler sollten darüber hinaus nicht vernachlässigen, die notwendigen technischen Rahmenbedingungen für die Infrastruktur und die Datensicherheit zu schaffen.
ITM: Welche Prozesse sollten hier als erstes digitalisiert werden, um möglichst rasch die Produktivität zu steigern?
Grunwitz: Die Kernfrage ist immer, wie und wo kann sich ein Unternehmen durch Digitalisierung besser aufstellen. Ob nun in der Produktion, Entwicklung, Administration oder an der Schnittstelle zum Kunden – die Antwort wird jeweils etwas anders ausfallen. Deshalb ist eine Analyse vorab unabdingbar. Genauso wichtig ist eine ehrliche Einschätzung, ob der Weg zum geplanten Ziel nicht doch zu steinig ist und der erwartete Nutzen fraglich. Keinesfalls sollten Mittelständler unreflektiert irgendwelchen Trends folgen, sondern das geplante Digitalisierungsszenario aus dem eigenen Blickwinkel heraus analysieren. Digitalisierung bedeutet immer Investitionen und die müssen sorgfältig eingesetzt werden. Davon unabhängig sind Prozesse der administrativen Zusammenarbeit – also beispielsweise Collaboration- und Communication-Tools – ein einfacher Startpunkt in die digitale Welt.
ITM: Mit welchen konkreten Tools und Lösungen lassen sich die Prozesse in der Produktion, Logistik und den zugehörigen indirekten Bereichen effizienter gestalten?
Grunwitz: Hier bietet sich ein weites Spektrum an. Gerade in der Produktion sind Digitale Zwillinge ein nützlicher Helfer, um beispielsweise Produktionsumgebungen und Maschinen ortsunabhängig in Echtzeit zu überwachen, komplexe Simulationen durchzuführen und Automatisierungs-Workflows zu entwerfen. Der Einsatz von moderner algorithmengestützter Maschinenintelligenz, Data Analytics oder Augmented Reality (AR) für proaktive Wartung und Service bietet den Unternehmen ein enormes Potenzial. 5G oder besser gesagt private 5G-Netze werden zur Schlüsseltechnologie einer datengetriebenen Wirtschaft, die auf hohe Zuverlässigkeit und Leistung angewiesen ist. Ein anderer Bereich ist die Schnittstelle zum Kunden – Stichwort „Customer Experience“. Hier helfen moderne Applikation im B2B- wie auch im B2C-Bereich für mehr Kundenzufriedenheit und damit eine bessere Kundenbindung.
ITM: Was sind die größten Herausforderungen und Hürden bei der Digitalen Transformation in kleinen und mittleren Unternehmen?
Grunwitz: Die vielleicht größte Herausforderung sind die fehlenden personellen Ressourcen. Das gilt für die grundlegende IT-Infrastruktur – und noch mehr in Bereichen wie Künstliche Intelligenz (KI), Data Analytics oder Cybersecurity. Eine Lösung wäre, die eigenen Mitarbeiter durch gezielte Auslagerung von Betriebstätigkeiten freizuschaufeln und ihre Expertise wertstiftend in dem neuen Umfeld einzusetzen. Wie bereits angesprochen, ist es nicht zielführend, jedem Megatrend der Digitalisierung unreflektiert zu folgen. Mittelständler sollten jedem Projekt eine sorgfältige Analyse voranstellen, um potenzielle Verbesserungen in ihrer Wertschöpfung auszuloten. Es hilft auch nicht weiter und bindet unnötig Ressourcen, bisherige analoge Prozesse eins zu eins in die digitale Welt zu transportieren. Digitalisierung muss immer neu gedacht werden.
ITM: Inwieweit ist die Fokussierung auf nachhaltige Digitalisierung ein notwendiger Schritt, um Kunden zukünftig besser zu unterstützen?
Grunwitz: Nachhaltigkeit und Digitalisierung müssen auch im Mittelstand Hand in Hand gehen. Die Verbraucher haben heute enorme Ansprüche in puncto Nachhaltigkeit der Wertschöpfungskette. Digitalisierung erfordert deshalb immer auch neue Energiekonzepte sowie eine intelligente Steuerung und Automatisierung von Produktionsanlagen bis hin zu smarter Logistik. Gelebte Nachhaltigkeit ist ein klarer Wettbewerbsvorteil.
ITM: Bringt eine Digitalisierung, die den Aspekt der Nachhaltigkeit im Fokus hat, Unternehmen im Wettbewerb weiter voran? Woran würden Sie das festmachen?
Grunwitz: Auf jeden Fall. Die sozial-ökologische Transformation wird heute von den unterschiedlichsten Stakeholdern eingefordert. Entsprechend wird der Aspekt „Nachhaltigkeit“ in vielen Projekten als Differenzierungsfaktor abgefragt. Unternehmen, die den falschen Fokus setzen, disqualifizieren sich schlichtweg am Markt.
ITM: Inwieweit sollte man die eigenen Mitarbeiter beim Transformationsprozess mitnehmen?
Grunwitz: Unternehmen begehen einen Kardinalsfehler, wenn sie das Wissen und die Ideen der eigenen Experten nicht nutzen. Gerade bei Mittelständlern sind die Mitarbeiter sehr nah an der Wertschöpfungskette. Zudem lassen sich durch eine frühe Einbindung in Transformationsprozesse mögliche Widerstände bereits im Vorfeld vermeiden. Das klassische Argument, „das haben wir schon immer so getan“, sollte durch Mut und Bereitschaft zu Veränderung abgelöst werden. Digitalisierungsprojekte sind erfolgreich, wenn die Mitarbeiter zu Treibern der Innovation werden.
Bildquelle: NTT