Im Sinne des Wortes muss künftig jede Software auf dem Konzept der Kompatibilität basieren - oder über Schnittstellen (APIs) kompatibel gemacht werden. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))
Die Praxis zeigt: Integration ist heute wie gestern und morgen das Zauberwort, das ERP-Systeme unverzichtbar macht. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))
Als SAP dann im Februar 2015 mit S/4 die ERP-Suite der aktuellen Generation ihrer ERP-Software erstmals vorstellte, stach eines direkt ins Auge: Das „S“ in S/4. Das bedeutete aber keinesfalls die Abkehr von der stetigen Verbesserung der Echtzeitverarbeitung, dem Hauptargument bei allen Vorgängergenerationen von R/1 über R/3 bis zur Business Suite, sondern nur eine Verschiebung der Prioritäten bei der Vermarktung des Produkts.
Anders als man auf Anhieb denken könnte, steht das „S“ nicht für SAP, sondern für „Simple“. Der Nachfolger von R/3 (1992) bzw. Business Suite (2004) basiert vollständig auf der In-Memory-Plattform Hana und der HTML5-Benutzeroberfläche Fiori für mobile Geräte. Mit der Vereinheitlichung und Modernisierung von Datenhaltung und Bedienung hofften die Walldorfer, das größte Problem der Kunden aus dem Weg zu räumen: Die mangelhafte Integration der vielen zugekauften SAP-Produkte in den ERP-Kern und die daraus resultierende Komplexität. S/4 sollte ERP wieder einfach machen.
Das gelang aber nicht, denn offenbar gibt es immer noch sehr viel Arbeit auf dieser Baustelle. So zählt die Verbesserung der Integration immer noch zu den aktuellen Hauptaufgaben von CEO Christian Klein. Woran es außerdem hapert, ist die Vision von dem, was nach S/4 kommt – bzw. ein Wegweiser dahin. Denn S/4 ist inzwischen schon in der Mitte des typischen Lebenszyklus von ERP-Produkten angekommen und wirkt im Vergleich zu manchen Web-basierten Newcomern – mit einer derzeit modernen Architektur auf Basis von Microservices und Containern – doch schon etwas altbacken und angestaubt.
Erschwerend kommt hinzu, dass SAP wie alle großen ERP-Hersteller gar nicht mehr von „Enterprise Resource Planning“ und den Funktionen und Features redet, sondern vielmehr Cloud-Abos verkaufen will und mit den Kunden und Interessenten mehr über das Kleingedruckte in den komplexen Lizenzverträgen redet. Auch Oracle, Microsoft oder Infor sind vollauf mit der Umstellung ihrer ERP-Bestandskunden auf ihre aktuelle Produktgeneration beschäftigt, sodass im Markt schon von „postmodernen ERP-Systemen“ oder gar vom Ende der ERP-Ära die Rede ist.
Es ist wahrlich paradox. Im Jahr 1990 – 18 Jahre nach der Gründung von SAP – hat die Gartner Group das Akronym ERP für „Enterprise Resource Planning“ geprägt. Gemeint ist ein System, das alle dafür nötigen Daten und Funktionen integriert. Diese Aufgabe ist wesentlich breiter als die Materialbedarfsplanung (MRP) der Vorläufersysteme, die nur sicherstellten, dass in produzierenden Unternehmen alle für die Herstellung der Erzeugnisse und Komponenten erforderlichen Materialien an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge zur Verfügung stehen. Insgesamt sollen dadurch die bisherigen Zielkonflikte ausgeräumt werden: hohe Qualität und hohe Produktivität, hohe Versorgungssicherheit und niedrige Kapitalbindung, Komplexitätsreduktion und Flexibilität sowie hohe Kontinuität und niedrige Durchlaufzeit.
All das ist nach wie vor brandaktuell, ebenso wie mit ERP hinzugefügte Integration von Finanz- und Rechnungswesen, Personalwirtschaft, Pflege der Kundenbeziehungen, Vertriebssteuerung oder Lagermanagement. Was sich wandelt, sind die Art der Integration, das erforderliche Tempo der Verarbeitung und die zunehmende Einbindung externer Systeme von Kunden, Lieferanten, Dienstleistern oder Datenlieferanten.
Konzepte wie Industrie 4.0 und Smart Factory erfordern es, dass die ERP-Systeme sich verändern. Manche klassischen ERP-Funktionen werden gar nicht mehr benötigt, weil autonome Betriebsmittel (z.B. Roboter) oder sich selbst steuernde Systeme und intelligente Maschinen sie ersetzen. Außerdem ändern sich durch Konzepte wie „Digitale Zwillinge“ die Verfahren zur Planung, Regulierung und Überwachung der Prozesse. Die schiere Menge der anfallenden und verfügbaren Daten – Stichwort „Big Data“ – macht neue Technologien wie Data Mining, Business Process Management (BPM) und Robotic Process Automation (RPA) oder Maschinelles Lernen attraktiv, die in das ERP-System integriert werden müssen.
Die Praxis zeigt: Integration ist heute wie gestern und morgen das Zauberwort, das ERP-Systeme unverzichtbar macht. Es ist müßig, über ERP-Nachfolger zu reden oder etwaige Alternativen zu erwägen, denn sie alle müssten den ERP-Gedanken implementieren und das Geschäft des Unternehmens effizient und effektiv am Laufen halten.
Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung wird allerdings größtmögliche Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit immer wichtiger. Deshalb müssen die IT-Leiter die ERP-Strategie ihres Unternehmens permanent anpassen, damit sie zeitnah die benötigten Funktionen und Technologien bereitstellen können, mit denen das Unternehmen überleben und florieren kann: Künstliche Intelligenz, Blockchain, Low-Code/No-Code oder APIs.
Nicht jedes Unternehmen braucht all diese neuen Features, Technologien und Funktionen, aber alle Unternehmen brauchen zumindest einige davon. Daher ist Kompositionsfähigkeit gefragt, wie die moderne Cloud sie definiert. Aber was bedeutet dieses „Composability-Paradigma“ heute wirklich? Wie tief dringt dieses Paradigma in die ERP-DNA ein – und wie weit in die vorhandene Landschaft der Anwendungen, Datenbanken und unterstützenden IT-Systemen?
Im Sinne des Wortes muss künftig jede Software auf dem Konzept der Kompatibilität basieren – oder über Schnittstellen (APIs) kompatibel gemacht werden. Zum Beispiel kann die Software aus Microservices bestehen, aus zusammensetzbaren, konfigurier- und parametriesierbaren, anpassbaren kleinen Programmen. Obwohl sie immer innerhalb der Grenzen einer definierten Syntax und Struktur je nach Sprache, Plattform und Toolset erstellt wird, hat jede Software ein Element der Zusammensetzbarkeit. Hier kommen dann auch Low-Code/No-Code-Tools ins Spiel, mit denen sich im ERP-Standard vermisste Funktionen in Eigenregie ergänzen lassen.
In der modernen Cloud-Ära und der inzwischen unendlich vernetzten Welt der APIs und des Internet of Things hat die Zusammensetzbarkeit auf der Basisebene und folglich auch auf der Betriebsebene für den Benutzer eine viel detailliertere Bedeutung. Der Grundgedanke aber bleibt, dass es weiterhin einen ERP-Kern gibt, der die wichtigsten Funktionen abdeckt, während den Rest spezialisierte Apps übernehmen, die das Kern-ERP lediglich erweitern. Es gibt jedoch keine goldene Regel dafür, welche Funktionen Teil des ERP-Kerns sein sollten und welche durch ergänzende Apps abgedeckt werden sollten. Daher spielen heute CRM-Pionier Salesforce.com und Unternehmen, die wie Oracle aus der HR-Ecke kommen, in einer Liga mit ERP-Urgestein SAP oder dem US-Konzern Microsoft, der durch diverse Zukäufe – Navision, Axapta oder Great Plains – in diesen Markt eingestiegen ist. Die Cloud macht sie alle „komponierbar“.
Laut Gartner muss jedes Unternehmen seine eigene ERP-Strategie definieren, die auf den internen und externen Anforderungen, Abläufen und Prozessen des Unternehmens basiert. So lässt sich beispielsweise festlegen, dass der ERP-Kern all diejenigen Geschäftsprozesse abdecken soll, die hinter der Firewall im eigenen Rechenzentrum bleiben müssen. Ein anderes Unternehmen dagegen kann den ERP-Kern in der Cloud hosten und nur einige kritische ERP-Module ergänzend vor Ort einsetzen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Als Hauptvorteile einer solchen postmodernen ERP-Strategie gelten Schnelligkeit und Flexibilität bei der Reaktion auf unerwartete Änderungen in den Geschäftsprozessen oder auf organisatorischer Ebene. Da die meisten Anwendungen relativ lose miteinander verbunden sind, ist es recht einfach, sie bei Bedarf zu ersetzen oder aufzurüsten. Darüber hinaus können Unternehmen nach den oben genannten Beispielen Cloud-basierte und lokale Lösungen auswählen und kombinieren, die für ihre ERP-Anforderungen am besten geeignet sind. Der Nachteil des postmodernen ERP ist, dass es höchstwahrscheinlich zu einer größeren Anzahl von Software-Anbietern führen wird, die die Unternehmen verwalten müssen, und dass es zusätzliche Integrationsherausforderungen für die zentrale IT-Abteilung geben wird.
Auf jeden Fall wächst die Komplexität, da viel mehr Produkte in der IT-Landschaft des Unternehmens nötig werden. Das macht auch Upgrades schwieriger, weil die Konsequenzen für die Schnittstellen haben können, die zu prüfen und gegebenenfalls zu implementieren sind. Deshalb rücken Tools für Daten- und Event-Streaming, aber auch für das API-Management immer stärker in den Fokus der führenden Anbieter von ERP-Kernen. Sie alle haben sich inzwischen – sei es durch Zukäufe, Partnerschaften oder eigene Entwicklungen – mehr oder weniger gut auf die postmoderne ERP-Zeit vorbereitet. Auch das ist relativ – und einige ehrgeizige Newcomer im ERP-Markt werden das auf den Prüfstand stellen.