Drei Fragen an...

Die Zukunft der Cloud

Im Frühjahr 2022 setzten 84 Prozent der Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten auf Cloud Computing. Das ergab eine repräsentative Umfrage von Bitkom Research im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG unter 552 Unternehmen in Deutschland. Weitere 13 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz von Cloud Computing.

  • Ralph Schirmeisen

    Ralph Schirmeisen, Distinguished Technologist bei Hewlett Packard Enterprise. ((Bildquelle: Hewlett Packard))

  • Alexander Wallner

    Alexander Wallner, CEO der Plusserver-Gruppe. ((Bildquelle: Plusserver))

Vor zehn Jahren war das noch völlig anders: 2012 nutzten nur 37 Prozent der Unternehmen die Cloud. Heute ist sie für die meisten Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Für sie stellt sich nicht die Frage, ob sie die Cloud nutzen, sondern wie. Wir haben zwei Experten dazu befragt.

ITM: Herr Schirmeisen, Herr Wallner, wenn die Zukunft der Cloud so rosig ist, wie die Marktforscher behaupten, warum sind dann manche Unternehmen noch so zögerlich?
Ralph Schirmeisen: Pauschal kann man sagen, dass die Cloud weitgehend zum Standard in Bezug auf Technologie, Betrieb und Abrechnung geworden ist – allerdings muss man dabei zwischen der Cloud als einem Betriebsort und der Cloud als einem Betriebsmodell unterscheiden. Es stimmt, viele Firmen scheuen davor zurück, ihre Applikationen in die Public Cloud auszulagern, gerade wenn es um Kernanwendungen wie Enterprise Resource Planning (ERP) geht. Die Gründe dafür sind typischerweise die Schwierigkeit der Migration, hohe Latenzzeiten, der Datenschutz oder Bedenken hinsichtlich der Datensouveränität. Als Folge davon bricht sich die Cloud-Nachfrage auf andere Weise Bahn: nämlich in Form von dedizierten On-Premises-Cloud-Lösungen, die im eigenen Rechenzentrum (RZ), im Colocation-RZ oder von einem lokalen Serviceprovider betrieben werden. Dieses Modell verbindet das Beste aus beiden Welten – und es kann ein Fundament sein, um eine kontrollierte Multi-Cloud-Umgebung aufzubauen.

Alexander Wallner: Einerseits liegt es an der Cloud-Migration, die viele Unternehmen zu Beginn erst einmal abschreckt: Cloud-Projekte sind komplex, weil es sehr viele Modelle, Möglichkeiten, Lösungsansätze und Bereiche gibt, mit denen man starten kann. Der Anfang ist somit ein intensiver Prozess, um die richtige Lösung zu finden. Wenn dann noch ein straffer Zeitplan von einem Jahr als Vorgabe im Raum steht, ist es klar, dass die Cloud-Migration einige zum Zweifeln bringt. Der Weg in die Cloud steht und fällt mit einer sauber durchdachten Cloud-Strategie, die auf die individuelle Ausgangslage des Unternehmens und seiner IT eingeht: Sie definiert Kosten, Nutzen, Machbarkeit und den Business-Value, der am Ende generiert wird. In Kombination mit einer Beratung durch externe Partner holt die Cloud-Strategie Unternehmen da ab, wo sie sind – und das ist in Deutschland aktuell aber noch selten „born in the Cloud“. Vielmehr starten die meisten Unternehmen mit Legacy-Strukturen, die von Beginn an als Teil der Cloud-Strategie mitgedacht werden müssen. Was viele Unternehmen vor allem aus dem Mittelstand zögern lässt, sind die Themen „Datensicherheit“ – sind meine Daten sicher? – und „Datensouveränität“ – also weiß ich zu jeder Zeit, wo meine Daten gerade sind? Wer auf diese Fragen keine zufriedenstellenden Antworten hat, obwohl die Cloud-Journey schon begonnen hat, sollte noch einmal seine Strategien überdenken.

ITM: Wie kann das Konzept der souveränen Cloud diese Bedenken ausräumen?
Wallner: Datenschutz ist besonders für Mittelständler ein wichtiges Argument, wenn sie den Schritt vom eigenen Server hin zu einer hybriden Multi-Cloud machen. Teil der beschriebenen Cloud-Strategie muss daher eine Datenstrategie sein, die bestimmt, welche Daten überhaupt in die Cloud dürfen. Damit definiert man von Beginn an, welche Daten besonders kritisch sind und daher vor einem potenziellen Zugriff durch den US Cloud Act geschützt werden müssen. Die sichersten Clouds für solche kritischen Daten kommen von deutschen oder europäischen Anbietern, da ihre Rechenzentren lokal innerhalb der EU-Grenzen stehen und der Cloud Act nicht wirkt. Es gibt immer mehr Unternehmen, für die das Thema „Datensouveränität“ wichtig ist, daher haben wir für besonders kritische Daten mit unserer Pluscloud Open eine Open-Source-Lösung im Angebot, die zu Gaia-X kompatibel ist. Der Einsatz des Sovereign Cloud Stacks (SCS) mit seinem Open-Source-Code garantiert dabei Interoperabilität und eine Provider-übergreifende, sichere Nutzung ohne das Risiko eines Vendor-Lock-ins.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Schirmeisen: Souveränität hat viele Facetten, meint aber im Kern eine relative Unabhängigkeit von einzelnen Technologien oder Anbietern. Hier gibt es kein Schwarz oder Weiß, sondern es geht um eine nüchterne Abwägung von Chancen und Risiken. Eine hybride Multi-Cloud in Kombination mit einer Standardisierung auf Kubernetes kann z.B. eine effektive Strategie sein, um Abhängigkeitsrisiken zu minimieren, ohne auf die Vorteile der Public Cloud verzichten zu müssen. Parallel dazu sollte man sich mit den Standards, Schnittstellen und Stacks beschäftigen, die etwa im Rahmen von Gaia-X oder der Cloud Native Computing Foundation entwickelt werden. Ich will außerdem ein Verfahren wie das Schwarmlernen erwähnen, das ein verteiltes Training von KI-Modellen ohne zentrale Plattform erlaubt. Viele Wege führen nach Rom – entscheidend ist aber, dass Firmen diese Themen als ihre Kernkompetenz begreifen und gestalten. Denn digitale Souveränität ist kein Randaspekt der Firmenstrategie mehr, sondern wird immer mehr zum Synonym für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz.

ITM: Welche Bausteine sind in einem Sovereign Cloud Stack, der ausschließlich auf Open-Source-Technologien basiert, unverzichtbar?
Schirmeisen: Open Source an sich ist noch nicht gleichbedeutend mit Souveränität. Denn damit ist zwar Herstellerunabhängigkeit in Bezug auf den Cloud Stack gegeben, aber noch keine Kontrolle über die Daten. Wir müssen deshalb einen Schritt weiter- gehen und den quelloffenen Cloud Stack um ein quelloffenes Zero-Trust-Framework ergänzen, mit dem der Nutzer zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle über seine Datensätze behält – egal in welcher Cloud diese gespeichert sind. Der Nutzer legt in Regeln fest, wer wann welche Daten lesen darf. Dabei wird also nicht nur eine vertrauenswürdige Eins-zu-eins-Verbindung zum Cloud-Anbieter aufgebaut, sondern dem Datensatz wird auch ein eigenes Zero-Trust-Regelwerk mitgegeben. Der Datensatz überprüft eigenständig und fortlaufend seine eigenen Nutzungsregeln in unterschiedlichsten Umgebungen. Wir teilen dieses Zero-Trust-Framework in vier Domänen auf: Applikationen, Daten, Netzwerk und Compute. Diese Domänen gilt es immer mit einzubeziehen für einen souveränen Datenaustauch.

Wallner: Unverzichtbar sind vor allem Transparenz, Security by Design und Lock-in-Freiheit, denn der Sovereign Cloud Stack ist ein Open-Source-Projekt, das von unterschiedlichen Firmen und Marktbegleitern offen und transparent betrieben wird. Plusserver ist als aktiver Entwicklungspartner von Beginn an Teil dieser lebhaften SCS-Community, die eine datensouveräne Technologie entwickelt und sie gleichzeitig erklärbar und verständlich macht. Aber nicht nur der Source Code des Projekts ist offen, sondern es gibt auch regelmäßig Community-Events und Hackathons, die einen Einblick in den aktuellen Entwicklungsstand des SCS geben. Die Quelloffenheit – und damit eines der Grundprinzipien von Open Source – ist für mich auch einer der wichtigsten Bausteine des SCS: Die Community hat gemeinsam ein Auge auf den Code, sodass Sicherheitslücken früher auffallen, während man bei proprietären Technology Stacks, wie etwa bei denen der Hyperscaler, nicht auf deren Source Code zugreifen kann. Lösungen, die auf dem SCS basieren, entziehen sich dem Cloud Act und somit dem Zugriff Dritter. Sie sind daher wirklich sicher. Der dritte Aspekt, der den Sovereign Cloud Stack so attraktiv macht, ist die Tatsache, dass Unternehmen die wahren Stärken der Multi-Cloud nutzen können: Durch die Lock-in-Freiheit kann man bei verschiedenen Cloud-Anbietern die gleiche Technologie nutzen und autonom entscheiden, wo welche Workloads laufen. In der Praxis bedeutet das für Unternehmen, dass sie sich je nach Anforderungen ihre Multi-Cloud vom Cloud-Service-Provider individuell zusammenstellen lassen können, ohne das Risiko eines Vendor-Lock-ins einzugehen.

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