IT-Weiterbildung im Spannungsfeld

Die Zukunft ist hybrid

Die Coronavirus-Pandemie hat für einen Digitalisierungsschub in Deutschland gesorgt. Das Problem: Viele Unternehmen waren gerade zu Beginn der Krise mit der Stabilisierung der internen Arbeitsvorgänge beschäftigt. Dadurch blieb die dringend benötigte IT-Weiterbildung der Mitarbeiter auf der Strecke. Als möglichen Ausweg haben sich inzwischen vor allem hybride und Online-Fortbildungsformate etabliert.

IT-Weiterbildung

Durch die Pandemie ist die dringend benötigte IT-Weiterbildung für Mitarbeiter in großen Teilen auf der Strecke geblieben. Als möglichen Ausweg haben sich inzwischen vor allem hybride Fortbildungsformate etabliert.

Die Weiterbildungsbranche ist von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Ein Gros der Fortbildungen wurde vor der Pandemie in den Unternehmen selbst oder bei externen Anbietern durchgeführt – doch derartige Präsenzveranstaltungen waren plötzlich nicht mehr möglich. Schon mit Beginn des ersten Lockdowns konnten Anbieter durchschnittlich nur 41 Prozent der laufenden Weiterbildungsveranstaltungen fortsetzen, wie die Umfrage „wbmonitor“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) zeigt. 77 Prozent der geplanten Schulungen mussten abgesagt werden.

Nicht überraschend kommt es da, dass laut Umfrage fast die Hälfte der befragten Weiterbildungsanbieter ihre wirtschaftliche Situation als negativ einstufen. Ein Jahr zuvor traf dies nur auf 12 Prozent zu. Josef Günthner, Gründer des Personalvermittlers und -beraters Paltron, bestätigt das Ergebnis der Umfrage: „Im Kontakt mit unseren Kunden haben wir festgestellt, dass die Nachfrage nach Weiterbildungen im Krisenjahr deutlich gesunken ist.“ Da die meisten Coachings und Fortbildungen auf Präsenz ausgelegt sind, mussten die Teilnehmerzahlen stark reduziert oder auf eine Remote-Lösung ausgewichen werden.

Dem schließt sich Oliver Haberger, Geschäftsführer des Protranet Instituts, das IT-Trainings und -Schulungen anbietet, an: „Die Nachfrage nach IT-Weiterbildungen ist gerade am Anfang der Pandemie stark gesunken, zeitweise um bis zu 80 Prozent.“ Eine Veränderung im Schwerpunkt der angefragten Themen sei nicht festgestellt worden. Als großen Vorteil bezeichnet Haberger den Umstand, dass das Institut bereits vor der Pandemie Online-Trainings angeboten hatte. „Zu unserem Glück hatten wir schon vor Jahren begonnen, die notwendigen komplexen Konzepte zu entwickeln. Als die Pandemie ausbrach, waren wir in unseren Planungen weit fortgeschritten“, erklärt er. „Dadurch hatten wir einen Startvorteil.“

Katja Pischel und Regine Lang, beide Gründerinnen der Weiterbildungs-Plattform Lernhelden Online, haben andere Erfahrungen gemacht. Bei ihnen stieg die Nachfrage, weshalb beide mehr Kurse anboten, die auch gebucht wurden. „Erfolg im Beruf erfordert nicht nur Wissen und Technikbeherrschung, sondern zudem Fähigkeiten wie Agilität, Kreativität und nützliche Kollaboration. Das ist den Unternehmen zunehmend bewusst geworden und deshalb suchten sie nach Möglichkeiten, ihre Mitarbeiter bei der Entwicklung und dem Einsatz dieser Fähigkeiten im digitalen Raum zu unterstützen“, erläutert Katja Pischel. „Corona hat die Situation verschärft, weil sich die Digitalisierung nochmals beschleunigt hat. Die Allgegenwart von Schlagworten wie Zoomen, Homeoffice oder Remote-Meeting ist ja Beleg genug für den Wandel. Man kann förmlich zusehen, wie der IT-Weiterbildungsbedarf wächst“, ergänzt Regine Lang.

Der Mittelstand muss aktiv werden

Trotz dieses Wachstums scheint allerdings vor allem der Mittelstand in weiten Teilen den Fokus nicht auf die IT-Weiterbildung zu legen, was unter anderem an zu geringen Budgets – vor allem in Krisenzeiten – liegen könnte. Das Dilemma: Dadurch können gravierende Lücken zwischen den Skills der Mitarbeiter und den Anforderungen an sie bestehen. „Im Extremfall kann die fehlende Digitalkompetenz die gesamte geschäftliche Zukunft gefährden“, sagt Regine Lang. Dabei gebe es viele Fördermöglichkeiten von staatlicher Seite, auf die Unternehmen zugreifen könnten. „Wir können nur dringend empfehlen, IT-Weiterbildung als zentrales Handlungsfeld in der Unternehmensstrategie zu verankern, eine Lernkultur zu etablieren und die Mitarbeiter durch lernende Vorbilder zur eigenen Weiterentwicklung zu motivieren.“

Ähnliches hat auch der Geschäftsführer des Protranet Instituts erlebt: „Leider behandelt ausgerechnet der Mittelstand, der doch am flexibelsten sein müsste, das Thema IT-Weiterbildung sehr stiefmütterlich.“ Seiner Meinung nach hat das strukturelle Gründe: Die IT-Abteilungen im Mittelstand sind oft zu klein und stark überlastet. „Mancher Mitarbeiter sieht sich in der Rolle des Mädchens für alles und kümmert sich neben der Gehaltsabrechnung auch um das iPhone des Vertriebschefs. Man gibt ihm dadurch zu verstehen, dass er unentbehrlich ist und keinen Tag fehlen darf, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Keine guten Voraussetzungen, um ihn für Weiterbildung zu motivieren.“

Auch Paltron-Gründer Günthner fordert den Mittelstand dazu auf, aktiv zu werden: „Die durch die Corona-Krise angestoßenen und vorangetriebenen Veränderungen sollten konsequent als Antrieb zur Weiterentwicklung genutzt werden. Die Mitarbeiter eines Unternehmens sind seine wichtigste Ressource – gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wird das deutlich. Das sollten alle Unternehmen beherzigen und das Personal wieder in den Fokus rücken.“ Mittelständler sollten also besonders jetzt auf IT-Weiterbildung setzen, um den Digitalisierungsschub, der durch Corona verstärkt wurde, nicht zu verpassen. Denn gerade durch die Krise hat sich in der IT-Weiterbildung einiges getan.

Die Zeichen stehen auf Veränderung

Mit der Corona-Pandemie kam nicht nur eine Umstellung von Präsenz- auf Online-Meetings; auch inhaltlich veränderte sich die Nachfrage vielerorts. Vor allem das Thema „Cybersecurity“ hat an Brisanz gewonnen, da im Homeoffice oft andere Sicherheitsstandards gelten, als im Büro. Dies hat auch Josef Günthner festgestellt: „Jeder Mitarbeiter, der mit IT-Lösungen arbeitet, sollte wissen, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Systeme vor Cyberangriffen und anderen Bedrohungen zu schützen. Dabei helfen beispielsweise Cyber-Awareness-Trainings, bei denen Gefahren simuliert und Nutzer so sensibilisiert werden.“

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Katja Pischel und Regine Lang erlebten ebenfalls eine Veränderung der Nachfrage, wenn auch in eine andere Richtung: „Wir sehen ein sehr stark wachsendes Interesse an Themen wie Digital Literacy oder zeitgemäßer Kollaboration – analog, digital und hybrid“, sagt Pischel. Hinzu komme seit Kurzem ein weiterer Bedarf: der nach einer digitalen Führung. Verantwortliche müssen lernen, verteilte Teams zu führen, auf Distanz zu motivieren und eine produktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. „Insofern ist Bedarf an Weiterbildung bei Soft Skills wie Kommunikation, Problemlösung, digitalen Fähigkeiten insgesamt und digitalem Management überproportional gestiegen“, sagt Regine Lang. Das gelte sowohl für die Nachfrage von Unternehmen als auch für die Nachfrage von Menschen, die sich neben dem Job privat weiter qualifizieren wollen.

Bei Protranet sah das anders aus – die Nachfrage nach Security-Weiterbildungen blieb aus. Ein Paradoxon für Oliver Haberger: „Ich habe für mich selbst noch keine Erklärung dafür gefunden“, wundert er sich. Denn: „Die Anzahl der Cyberattacken nimmt tatsächlich besorgniserregend zu und wird selbst für große Unternehmen zu einer echten Bedrohung. Die Angriffe werden täglich mehr und die Ziele zu allem Überfluss auch noch verwundbarer, denn die Vulnerabilität der Netze hat sich durch das Homeoffice spürbar erhöht.“ Kein Wunder sei es da, dass die Versicherungsprämien gegen Cyberangriffe zurzeit steigen. „Die aus meiner Sicht einzig logische Konsequenz wäre, endlich in den Wettlauf mit den Hackern einzusteigen und verstärkt in die IT-Sicherheit zu investieren.“

Die Corona-Krise hat die Bedeutung der Digitalen Transformation aufgezeigt und viele Unternehmen zu schnellem Handeln gezwungen – und das in einer Zeit, in der immer deutlicher wurde, dass es im Bereich „IT“ an Experten und Know-How mangelt. Um dem IT-Fachkräftemangel entgegenzutreten, müssen Unternehmen vor allem eines haben: Einen Überblick über benötigte Experten und darüber, wie die Mitarbeiter des Unternehmens aufgestellt sind. Auch die IT-Weiterbildung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Quereinsteigern den Weg in die IT ebnen

„Reskilling und Upskilling müssen Kernbestandteile der Personalstrategie sein, um im War for Talent zu bestehen“, sagt auch Josef Günthner. „Es gilt, schon auf vorhandene Ressourcen zu schauen und zu beurteilen: Brauche ich eine neue Fachkraft? Oder gibt es einen Mitarbeiter, der vielleicht schon in einem ähnlichen Feld beschäftigt ist und durch eine Fortbildung die benötigten Qualifikationen dazugewinnen könnte?“ Zudem würden Fortbildungen auch Quereinsteigern den Weg in die IT-Branche ebnen. „In sogenannten Bootcamps können Teilnehmende innerhalb kurzer Zeit komplexe Tätigkeiten lernen. Damit werden wichtige Stellen besetzt und Innovation gesichert.“ Außerdem schreibt Günthner Weiterbildungen zu, dass sie die Mitarbeiterzufriedenheit signifikant erhöhen. Er betont: „Mit einer attraktiven Aus- und Weiterbildungsstrategie können neue Talente leichter gefunden und auch gehalten werden, denn viele Fachkräfte wünschen sich Chancen zur Weiterentwicklung.“ Durch die Erweiterung des Know-hows stiegen zudem der Marktwert der Experten sowie deren Aufstiegschancen. Er warnt jedoch davor, nur auf den Selbstzweck der Weiterbildung zu achten. „Vielmehr sollten Unternehmen eine Kultur des lebenslangen Lernens und der kontinuierlichen Verbesserung schaffen.“

Ein Problem sieht Oliver Haberger jedoch in einer gewissen Zurückhaltung von IT‘lern gegenüber Weiterbildungen. „Mitarbeiter in diesem Bereich sind meistens überdurchschnittlich intelligent und mathematisch-naturwissenschaftlich geprägt. Die Kommunikation mit anderen gehört jedoch häufig nicht zu ihren Kernaufgaben und so sind viele von ihnen gewohnt, die meiste Zeit für sich zu arbeiten. Ein Seminar dagegen ist immer eine Veranstaltung in der Gruppe, auch wenn sie noch so klein ist“, erläutert er. Einen weiteren und deutlich schwerwiegenderen Stolperstein sieht er in der Arbeitsbelastung. Diese biete wenig Raum für Schulungen und habe in den vergangenen Jahren noch deutlich angezogen. „Ich sehe die Vorgesetzten in der Pflicht. Sie sollten ihren Mitarbeitern einerseits deutlich machen, dass niemand in einem solch dynamischen Bereich wie der IT dauerhaft bestehen kann, der sich nicht ständig weiterentwickelt. Auf der anderen Seite ist es Aufgabe der Führungskraft, Freiräume zu schaffen, die der Mitarbeiter für Weiterbildung nun einmal benötigt.“ Vorgesetzte sollten es sich seiner Ansicht nach zur Aufgabe machen, ihre Mitarbeiter vor und nach einer Schulung eng zu begleiten. Auch dafür gebe es professionelle Unterstützung: „Wir bieten unter anderem Follow-up-Workshops an.“

Um allerdings die Mitarbeiter fachgerecht vor und nach einer Fortbildung begleiten zu können, müssen auch Führungskräfte die nötigen Kenntnisse besitzen – besonders in der aktuellen Situation. Denn die Pandemie stellt nicht nur an ihre Mitarbeiter, sondern auch an sie neue Herausforderungen. Diese Erfahrungen haben auch Katja Pischel und Regine Lang gemacht. „Distanz, Disruption und überhaupt Veränderung haben bei vielen Mitarbeitenden Gefühle von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit hervorgerufen“, gibt Regine Lang zu bedenken. Auch Eindrücke von Entfremdung seien stärker als sonst. „Hier können Führungskräfte positiv einwirken, Zugehörigkeit vermitteln und Haltekräfte schaffen. Managern kommt gerade in der Krise besondere Verantwortung zu.“ Wer sich die eigene Vorbildfunktion bewusst mache und gezielt Fähigkeiten vorlebe, habe schon einen guten Ansatz. „Gerade in Zeiten von Unsicherheit ist eine wertschätzende Vertrauenskultur im Team zentral“, betont zudem Katja Pischel. Diese gebe den Mitarbeitern Halt und sie könne etwa dafür sorgen, dass Meinungsverschiedenheiten nur produktiv miteinander diskutiert werden.

Eine tiefgreifende Veränderung

Wie sich die IT-Weiterbildung entwickelt, ist derzeit kaum abzusehen. Sicher ist, dass die Coronavirus-Pandemie einen Innovationsschub ausgelöst hat, dessen Ende nicht abzusehen ist. Was bleiben wird und was nicht, wird sich noch zeigen. Aber: Dass die Zukunft der Fortbildung hybrid ist – da sind sich die Experten einig. „Die Vorteile sind zu offensichtlich und für Teilnehmer und Unternehmen gleichermaßen mit der Hand zu greifen: Denken Sie nur an die Zeit- und Kostenersparnis, die Planungssicherheit durch die garantierte Durchführung“, erläutert Haberger. Das sei jedoch nur die Oberfläche – die Veränderungen, die die Welt gerade erlebe, seien wesentlich tiefgreifender. „Die Digitalisierung hat unser Kommunikationsverhalten jetzt schon nachhaltig verändert – und aller Voraussicht nach ist das Ende dieser Entwicklung noch lange nicht erreicht. Ganz gewiss wird der persönliche Kontakt auch in Zukunft wichtig bleiben. Doch bieten die neuen Medien weitere Möglichkeiten, sich zu vernetzen und sich auszutauschen – über jede Distanz, über Ländergrenzen hinweg und viel einfacher und besser, als das früher möglich war. Das gilt selbstverständlich auch für das Lernen im Allgemeinen und die Weiterbildung im Besonderen.“

Dem stimmen auch die beiden Lernheldinnen zu: „Insgesamt sehen wir durchaus ein Bedürfnis nach Begegnung und inspirierenden analogen Lerndesigns. Die Online-Formate, sowohl live als auch on demand, haben sich aber in der Corona-Zeit etabliert und Unternehmen und Mitarbeiter haben die Vorteile kennen- und schätzengelernt.“ Das Lernen werde unabhängig von Zeit und Ort bleiben. „Wir sind überzeugt: Die IT-Weiterbildung der Zukunft verbindet das Beste aus beiden Welten.“

Neben einer Mischung aus Präsenzschulungen und Online-Tutorials kann sich Josef Günthner Weiterbildungen im Virtual-Reality-Format vorstellen. Diese könnten seiner Meinung nach eine zukunftsfähige Lösung darstellen, da sie „die Interaktivität und Immersion von Präsenzschulungen mit der zeitlichen und örtlichen Flexibilität von Online-Angeboten verbinden“. Das bringe überzeugende Vorteile mit sich: „So können Unternehmen Reisekosten einsparen; die Mitarbeitenden können ihre Fortbildungen eigenverantwortlich und zeitsparend organisieren, zum Teil sicherlich auch parallel zum Tagesgeschäft“, betont der Experte abschließend. „Ihnen wird ein Stück Agilität geschenkt. Eine klassische Win-win-Situation also!“

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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