„Mit der steigenden Relevanz des Online-Handels folgt die logische Online-Präsenz des Geschäfts“, so Xenia Giese von Microsoft.
ITM: Frau Giese, spätestens seit Corona und dem anhaltenden E-Commerce-Boom verschwimmen die bisherigen Grenzen zwischen stationärem und Online-Handel. Wie fit ist der deutsche Einzelhandel anno 2022 für das Hybrid-Commerce-Zeitalter?
Xenia Giese: Der stationäre Handel gerät bereits seit einigen Jahren mehr und mehr unter Zugzwang, das gelernte, analoge Store-Schema aufzubrechen und ins digitale Zeitalter zu überführen. Durch die Krise hat sich die Dynamik der Digitalisierung weiter erhöht. Mit Blick auf die zukunftsweisenden Hybrid-Commerce-Modelle stehen lokale Geschäfte vor der Herausforderung, vorhandene Flächen Stück für Stück zu modernisieren, um die Flächenproduktivität auf einem gewinnbringenden Level zu halten und gleichzeitig zeitnah die aktuellen Shopping-Bedürfnisse der Konsumenten sowohl vor Ort als auch online zu erfüllen. In Bezug auf automatisierte Zahlungsmöglichkeiten traut sich der deutsche Handel bereits an hybride Ansätze in verschiedenen Kombinationen. Einen Schritt weiter gehen Frictionless-Shopping-Formate bzw. „Grab & Go“-Stores: Diese Smart Stores sind so etwas wie die Königsdisziplin des autonomen Einkaufens und weisen eine spannende und wichtige Richtung im Hybrid-Commerce-Zeitalter.
ITM: Was sind die größten Herausforderungen und Stolpersteine beim Erstellen eines eigenen Webshops und bei dessen Verknüpfung mit dem stationären Geschäft?
Giese: Um gleichzeitig den stationären und den Online-Handel zu bedienen, spielen vor allem die digitalen Lösungen eine entscheidende Rolle. Beispielsweise ist es vielfach eine Herausforderung, die Sicht auf den Bestand in allen Kanälen zu haben. Empfehlenswert ist es hier, die Online- und Offline-Kanäle in einer Enterprise-Resource-Planning-Lösung (ERP) abzubilden, auch wenn viele Händler zunächst die Online-Kanäle separat aufgebaut und gehalten haben. Neben den zentralen Bestandsdaten sind natürlich auch einheitliche Produktdaten sehr wichtig, die typischerweise in einem spezialisierten Product Information & Master Data Management (PIM) gemanagt werden können. Mittels Microwarehouses beispielsweise werden Teile von Filialflächen in kleine Warenlager umfunktioniert, um ein separates Picking von Online-Bestellungen zu ermöglichen. Dies vereinfacht die Bestandsführung und verhindert, dass Kundschaft und Picker in der Filiale möglicherweise um die gleichen Artikel konkurrieren. Die sichere Bereitstellung der Waren durch das Warenlager lässt sich in der Filiale oder im Microlager mit Wearables, Anwendungen und Hardware wie Kommissionierwagen umsetzen. Eine intelligente Backend-Lösung kann dabei die Überprüfung des Bestands übernehmen und rechtzeitig für Nachschub sorgen. So kann die konsistente Nachfrage vor Ort sowie online bedient werden.
ITM: Was raten Sie Einzelhändlern, die sich bislang keine Gedanken zum Thema „Hybrid Commerce“ gemacht haben und noch nicht „omnichannel“ unterwegs sind? Können sie überhaupt noch am Markt mithalten?
Giese: Mit der steigenden Relevanz des Online-Handels folgt die logische Online-Präsenz des Geschäfts. Wichtig ist, überhaupt den ersten Schritt in Richtung „Hybrid Commerce“ zu gehen, um auch weiterhin die Bedürfnisse der Konsumenten nach Online- und Offline-Shoppen zu erfüllen und so wettbewerbsfähig zu bleiben. Oft können längst vorhandene Lösungen implementiert und der stationäre Handel Stück für Stück ins Digitale verlagert werden. Im ersten Schritt bietet sich ein Vorbestell- und Pickup-Service an. Je nach Handelssegment und Größe des Händlers kann dies über eine eigene App oder über die Website erfolgen. Für KMU-Händler gibt es beispielsweise mit Microsoft Bookings auch eine Lösung, mit der Pickup- oder Service-Termine gebucht werden können. Auch die Vorteile von Microwarehouses sollten bestenfalls zum Einsatz gebracht werden, da es aktuell sogar durch Bund und Länder eine Förderung gibt.
Bildquelle: Microsoft