Den Digitalisierungsgrad der eigenen Branche schätzen die Berater verhalten ein: Drei Prozent sind der Ansicht, dass ihre Branche vollständig digitalisiert ist. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))
„Finanzdienstleister stehen unter grünem Druck“, weiß Lutz Pehl. Der werde so stark, dass die Banken schnellstens neue Geschäftsmodelle entwickeln müssten. ((Bildquelle: Deloitte))
Jörg Hossenfelder: „Die positiven Erfahrungen mit Remote-Consulting leisten ihren Beitrag, dass die Branche sich in Gänze digitaler aufgestellt hat.“ ((Bildquelle: Lündendonk & Hossenfeler))
„Practice what you preach!“ – so lautet ein eherner Grundsatz, um Glaubwürdigkeit zu erzielen. Doch wie der Volksmund lange weiß, tragen die Schuster die schlechtesten Schuhe. Und schon Jesus sagte über die Pharisäer und Schriftgelehrten: „Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.“
Das gilt auch für die IT-Consultants, denn beim Blick auf den Digitalisierungsgrad ihrer Branche lassen mehr als die Hälfte der Beratungshäuser deutlichen Optimierungsbedarf erkennen. Dies ist jedenfalls eine Erkenntnis der aktuellen Lünendonk-Studie „Management-Beratung in Deutschland“, für die 70 in Deutschland aktive Management-Beratungen im Zeitraum von Februar bis Mai 2022 befragt wurden.
Defizite weisen die Beratungsunternehmen auf, obwohl die Digitale Transformation für sie der wichtigste Türöffner bei den Kunden ist. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer setzt in der Ansprache auf dieses Thema (52 Prozent), mit weitem Abstand vor ESG/Nachhaltigkeit (25 Prozent) und Supply Chain (13 Prozent). Einen gesteigerten Beratungsbedarf infolge technischer Innovationen sehen die Consultants vor allem bei digitalen Plattformen (79 Prozent) und Big Data (75 Prozent), aber auch bei Cloud Computing (59 Prozent) und Künstlicher Intelligenz (59 Prozent). Ein Investment, das sich nach Ansicht der Beratungen lohnen dürfte: Neun von zehn Consultants verorten im IT-Bereich großes bzw. sehr großes Potenzial für Wert- und Performance-Steigerungen in den nächsten Jahren.
Den Digitalisierungsgrad der eigenen Branche schätzen die Berater verhalten ein: Lediglich drei Prozent sind der Ansicht, dass ihre Branche bereits vollständig digitalisiert ist. Vier von zehn Consultants sehen eine teilweise digitalisierte Branche (42 Prozent), ebenso viele schätzen die Entwicklung neutral ein (42 Prozent). Immerhin 13 Prozent sind der Meinung, dass die Branche wenig digitalisiert ist. Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich eine etwas stärker wahrgenommene Digitalisierung der Beratungsbranche.
Studienautor Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter bei Lünendonk & Hossenfelder, führt hierzu aus: „Die positiven Erfahrungen mit Remote-Consulting leisten ihren Beitrag, dass die Branche sich in Gänze digitaler aufgestellt und an Tempo zugelegt hat. Die Kollaboration hat für viele Studienteilnehmer besser funktioniert als erwartet.“
Den Digitalisierungsgrad ihres eigenen Unternehmens schätzen die Befragten insgesamt stärker ein als den der Branche: Hier glauben schon 14 Prozent, dass das eigene Unternehmen voll digital ist (Vorjahr: 10 Prozent). Weitere 56 Prozent schätzen den Stand als zumindest teilweise digitalisiert ein, 21 Prozent sehen ihr Unternehmen eher im neutralen Bereich und weitere acht Prozent schätzen sich als wenig digitalisiert ein.
Bei den mittelständischen Kunden der Berater kommt zu permanenten Problemfeldern wie Supply Chain und Fachkräftemangel aktuell die Ausweitung der nicht finanziellen Berichtspflicht hinzu, denn sie erzeugt akuten Handlungsdruck. Die Ursache: Mit der Veröffentlichung europaweit gültiger Reporting-Standards will die EU einen einheitlichen Rahmen für die nicht finanzielle Berichterstattung von Unternehmen schaffen. Davon betroffen sind nach der Übertragung in nationales Recht auch kleine und mittlere Betriebe, sobald sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Und es drohen Sanktionen: Ein Ignorieren der Berichtspflicht soll empfindliche Strafen nach sich ziehen.
Für große börsennotierte Unternehmen ist die Offenlegung von CSR-Maßnahmen (Corporate Social Responsibility) in Form der Non-Financial Reporting Directive (NFRD) schon länger Teil der verpflichtenden Berichterstattung. Nun weitet die EU mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) die Berichtspflicht aus: Schon für das kommende Geschäftsjahr 2023 sollen auch kleine und mittlere börsennotierte Häuser sowie Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten im Jahresdurchschnitt, Nettoerlösen von mehr als 40 Mio. Euro und/oder einer Bilanzsumme von mehr als 20 Mio. Euro verpflichtende Berichte zur Tätigkeit im Nachhaltigkeitsmanagement ablegen.
Darüber hinaus haben Personenhandelsgesellschaften mit mehr als 500 Beschäftigten der nicht finanziellen Berichtspflicht nachzukommen, falls sie als groß und kapitalmarktorientiert einzustufen sind. Ab dem Jahr 2026 gelten diese Regeln dann sogar für alle kapitalmarktorientierten Unternehmen.
Sehen sich auskunftspflichtige Unternehmen heute einer Vielzahl von uneinheitlichen Maßgaben zur Berichterstattung gegenüber, strebt die EU mit dem neuen CSRD ein verbindliches Rahmenwerk für ihre Mitgliedsstaaten an. Mit der Finalisierung eines entsprechenden Entwurfs wird im Oktober 2022 gerechnet. Das Papier fordert nach aktuellem Stand die genaue Definition einer nachhaltigen Geschäftsstrategie und verbindlicher Nachhaltigkeitsziele, eine Untersuchung der eigenen Lieferkette im Hinblick auf die Einhaltung dieser Ziele, Rechenschaftslegung über die Ressourcennutzung oder die Darlegung von Geschäftsethik, Unternehmenskultur sowie der Diversitätspolitik, um einige Beispiele zu nennen.
Welche Konsequenzen der allgemeine Trend zu mehr Nachhaltigkeit hat, verdeutlichen zwei Beispiele: In Zukunft wird von Banken zunehmend erwartet, dass sie zu einer umweltfreundlicheren Gesellschaft beitragen. Das wird schneller immer wichtiger, als man sich das z.B. in den Vorstandsetagen von Banken bis vor Kurzem vorstellen konnte. Die Berater von Deloitte sehen in ihrem „Banking Trend Radar“ die Finanzdienstleister sogar „unter grünem Druck“ stehen. Der werde so stark, dass sich die Banken diesen Herausforderungen schnellstens stellen und neue Geschäftsmodelle entwickeln müssten, sagt Studienautor Lutz Pehl, Partner bei Deloitte und seit Juni 2022 Leiter des Bereichs „Banking & Capital Markets“. Neben dem „grünen Druck“ – auch durch die EU-Taxonomie – seien vor allem nachhaltige Investitionen und bewusste Bankkunden die relevanten Treiber in diese Richtung.
Auch in der Immobilienwirtschaft sind „Green Deal“, Lieferkettengesetz und EU-Taxonomie in aller Munde; die Anforderungen an die ökologische und soziale Nachhaltigkeit im Gebäudesektor steigen rasant. Zugleich herrscht eine große Unsicherheit, wie die neuen Pflichten erfüllt und die rechtlichen Vorgaben umgesetzt werden können: Welchen Einfluss haben die einzelnen Teilaspekte des Gebäudebetriebs auf den CO2-Fußabdruck einer Immobilie – und welchen Beitrag können externe Dienstleister für mehr Nachhaltigkeit leisten?
Das Facility-Management-Unternehmen Wackler hat deshalb den Handlungsleitfaden „Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in der Gebäudereinigung“ veröffentlicht. Im Fokus stehen hier Ressourcen- und CO2-Einsparungen bei Reinigung und Instandhaltung. „Unternehmen stehen vor ganz praktischen Herausforderungen, wenn es um die Umsetzung von ESG geht“, weiß Peter Blenke, Vorstand der Wackler Holding. „Welchen Einflüssen unterliegt eigentlich die CO2-Bilanz von Wirtschaftsimmobilien und welche Faktoren bei Beschaffung und Auftragsvergabe sichern mein Unternehmen für die wachsenden Anforderungen in den Bereichen ‚ökologische und soziale Nachhaltigkeit‘ ab?“
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Dem stimmen die Consultants von Deloitte zu: ESG und nachhaltiges Investieren stehen auch ihrer Ansicht nach „weit oben auf der Agenda der Immobilienbranche“. Die Auswirkungen auf die Immobilienakteure seien „erheblich und reichen von regulatorischen und rechtlichen Themen bis hin zur strategischen Planung und Unternehmenssteuerung“.
Nicht nur bei Bankern und Facility-Managern ist die Unsicherheit mit Blick auf Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung groß, zumal die bislang geltende NFRD-Richtlinie mit dem ESG-Reporting gemäß CSRD grundlegenden Neuerungen bringt, z.B. auch für mittelständische Logistiker, Maschinenbauer, Händler oder Pharmaunternehmen. Es gibt kaum eine Branche, die nicht tangiert ist von den neuen ESG-Berichtspflichten, sprich auf den eigenen zu leistenden Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und deren rechtliche Rahmenbedingungen.
Die laut Lünendonk & Hossenfelder 20 führenden mittelständischen IT-Beratungen sind 2021 durchschnittlich um 16,0 Prozent gewachsen – und haben in Summe Umsätze in Höhe von 2,8 Mrd. Euro erzielt.
Für das Jahr 2023 erwarten diese Top 20 allerdings nur noch ein Umsatzwachstum von durchschnittlich 10,6 Prozent. Aufgrund der Überschreitung der Umsatzgrenze von maximal 500 Mio. Euro – Definition „mittelständisch“ – fehlen in diesem Ranking GFT und Nagarro; beide sind aus dem Mittelstand herausgewachsen. Ebenso steht ESG aufgrund eines veränderten Portfolios durch den Verkauf von ESG Mobility an Cognizant nicht mehr auf der Liste, weshalb Materna (mit einem Umsatzplus um knapp 22 Prozent auf 433 Mio. Euro) in diesem Jahr erstmalig Rang eins belegt, vor Valantic und Conet.
Nahezu alle 20 Dienstleister konnten 2021 ihre Umsätze steigern. Das stärkste Umsatzwachstum – wie bereits im letzten Jahr – verzeichnete die Berliner Firma Init infolge einer hohen Nachfrage aus dem öffentlichen Sektor mit einem Umsatzplus von 65 Prozent auf 152,6 Mio. Euro. Ebenfalls stark entwickelten sich Valantic (+49 Prozent) und Convista (+45 Prozent) – beide auch durch Übernahmen. Überdurchschnittlich um mehr als 20 Prozent steigerten neben den genannten Firmen auch Iso, Team Neusta und Mait ihre Umsätze. Neu im aktuellen Ranking der führenden mittelständischen IT-Beratungen sind Consileon, TNG, Codecentric und Mait.