Arbeitsplätze sichern

Digitalisierung braucht berufliche Neuqualifizierung

Laut einer Umfrage des Beratungsunternehmens EY haben zwölf Prozent der Befragten Sorgen, dass ihr Arbeitsplatz infolge neuer technologischer Entwicklungen in Gefahr geraten könnte. Nicole Gaiziunas, Gründerin und Geschäftsführerin des Bildungsanbieters XU Group, hält diese Sorgen für unbegründet - vorausgesetzt, Unternehmen schaffen es rechtzeitig, ihr Personal mit den nötigen digitalen Skills zu versorgen.

Arbeitsplätze sichern

„Es ist die Aufgabe des Unternehmens, den Mitarbeitern die Ängste zu nehmen und deutlich zu machen, dass sich dadurch vor allem Jobprofile ändern und neue entstehen“, betont Nicole Gaiziunas.

ITM: Frau Gaiziunas, müssen wir tatsächlich bangen, dass viele Menschen aufgrund der Digitalisierung zukünftig ihren Job verlieren?
Nicole Gaiziunas:
Das kommt darauf an, wie schnell und gut sich Unternehmen auf die veränderten Bedingungen einstellen und ihr Personal beruflich weiterqualifizieren, damit sie die neuen digitalen Aufgaben ausüben können. Das sichert nicht nur Arbeitsplätze und bietet berufliche Perspektiven, sondern den Unternehmen auch eine wirtschaftliche Teilhabe und Wettbewerbsfähigkeit. Wir brauchen digitale Fähigkeiten, allerdings nicht erst in einigen Jahren, sondern möglichst jetzt.Und dann braucht sich auch keiner Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen, die Aufgaben werden sich verändern aber es wird in den meisten Unternehmen weiterhin viele – neue digitale – Arbeitsplätze geben.

ITM: In welcher Dimension müsste eine solche Neuqualifizierung stattfinden?
Gaiziunas:
Nach Schätzung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales müssen sich etwa 40 bis 50 Prozent aller Beschäftigten schon bis 2030 in einem digitalen Jobprofil neu qualifizieren. Allein in der Automobilindustrie betrifft das rund 400.000 Jobs. Neben der Erstausbildung sind weiterbildende Qualifikationen also für eine Mehrheit deutscher Arbeitnehmer integraler Bestandteil ihres Bildungsweges.

ITM: Wie gut sind deutsche Unternehmen bei der beruflichen Neuqualifizierung bisher aufgestellt?
Gaiziunas: Leider noch nicht gut genug. Rund die Hälfte aller deutschen Unternehmen, das ergab eine Umfrage, die wir mit dem Marktforschungsinstitut Civey durchgeführt haben, kennt noch nicht mal die Möglichkeit des Reskillings, also die eigenen Mitarbeiter in neuen digitalen Jobs zu qualifizieren. Sie investieren ambitioniert in Highspeed-Wlan, hochwertige Endgeräte und Digitallösungen und denken, sie seien damit perfekt für die digitale Zukunft gerüstet. Das ist ein großer Irrtum: Denn es geht vor allem darum, die Menschen mitsamt ihrer verschiedenen Perspektiven und Bedürfnisse abzuholen, ihnen Existenzängste zu nehmen – um ihnen anschließend erfolgreich Know-how und Kompetenzen für relevante Themengebiete zu vermitteln. Data Science oder Digital Business sind nur zwei Beispiele, die speziell im IT-Bereich wichtig werden.

ITM: Was raten Sie den Unternehmen während der digitalen Transformation?
Gaiziunas:
Befreien Sie sich aus der Schockstarre und unternehmen Sie die ersten Schritte, um ihre Mitarbeiter von Anfang an bei dieser Transformation mitzunehmen. Viele Menschen assoziieren mit den Worten Digitalisierung und digitale Transformation einen großangelegten Stellenabbau. Es ist die Aufgabe des Unternehmens, den Mitarbeitern die Ängste zu nehmen und deutlich zu machen, dass sich dadurch vor allem Jobprofile ändern und neue entstehen. Unternehmen sollten mit ihren Mitarbeitern permanent kommunizieren und im Austausch stehen, nur so können sie ihnen deutlich machen, dass es ihr oberstes Ziel ist, Arbeitsplätze zu erhalten und gemeinsam mit der Belegschaft in Richtung Zukunft aufzubrechen.

ITM: Wer kann den Unternehmen dabei helfen?
Gaiziunas:
Externe Weiterbildungsexperten können helfen, den Bedarf im Unternehmen zu analysieren und im engen Austausch mit Entscheidern ein passgenaues Weiterbildungsprogramm zu entwickeln. So können neue Methoden, Tools und Skills sehr praxisnah erlernt und unternehmensspezifische Themen integriert werden. Externe Experten können neue Impulse mitbringen, um Mitarbeiter zu motivieren und zu begeistern, z. B. durch interaktive Lernformate. Sie bringen stetig branchenrelevantes Wissen ein und stehen als Tutoren für Rückfragen zur Verfügung.

ITM: Stichwort Finanzierung - Wer trägt die Kosten?
Gaiziunas:
Die Bundesregierung hat mit dem Arbeit-von-morgen- und dem Qualifizierungschancengesetz bereits passende Weichen gestellt: Sowohl Arbeitnehmer als auch Unternehmen, die in die Weiterbildung und Neuqualifizierung investieren, können dies großzügig fördern lassen. Bei kleineren Betrieben werden übrigens bis zu 100 Prozent der Kosten getragen.

Bildquelle: XU Group

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