Klarer Wettbewerbsvorteil

Digitalisierung ohne Greenwashing

In den derzeit turbulenten Zeiten werden viele Unternehmen von der schnellen Folge einschneidender Veränderungen überrollt. So müssen sie sich ständig anpassen und neu erfinden, um mit den Anforderungen der Digitalisierung mithalten und langfristig am Markt bestehen zu können.

Digitalisierung ohne Greenwashing

Wer trotz aller Herausforderungen ein Digitalisierungsprojekt in Angriff nimmt, sollte auch gleich das Thema „Nachhaltigkeit“ auf dem Schirm haben.

Hierbei reichen oftmals schon viele kleine Verbesserungen und Modernisierungen in den Workflows, um effizienter und schlagkräftiger zu werden – das gilt auch für mittelständische Unternehmen, sind sie doch in vielen Industriezweigen der Motor der deutschen Wirtschaft. Ohne Digitalisierung werden sie sich im nationalen und internationalen Wettbewerb künftig schwertun. Allerdings sehen sich viele nach wie vor als Nachzügler bei der Digitalisierung von Geschäfts- und Verwaltungsprozessen, meint Kai Grunwitz von NTT Ltd. in Deutschland. „Jeder Zweite stellt sich in einer Studie des Branchenverbands Bitkom ein schlechtes Zeugnis aus. Es mangelt an Ressourcen, Standards und Datensicherheit“, so der Geschäftsführer. Vor diesem Hintergrund sei es umso wichtiger, zunächst zu prüfen, welche Prozesse transformiert werden sollen und können. Unternehmen dürften aber keinesfalls die Digitalisierung vorantreiben, um einem Trend zu folgen. Das Ziel müsse immer sein, durch neue Lösungen einen geschäftlichen Mehrwert zu schaffen. Laut Grunwitz ist eine zielgerichtete Digitalisierungsstrategie für Unternehmen jeder Couleur eine Überlebensstrategie im härter werdenden Wettbewerbsumfeld.

Ähnlich sieht es Klaus Imping, CEO der mSE Pointout Group und mSE-GmbH Management Solutions München: „Digitalisierung ist für jedes Unternehmen, das sich dem Wettbewerb stellt, kein ‚nice to have‘, sondern ein absolutes ‚Muss‘.“ Sie mache Prozesse effizienter, aber auch schneller sowie Unternehmen reaktionsfähiger und agiler. Dies sei ein relativer Wettbewerbsvorteil für diejenigen, die schnell sind. „Wer zu lange zögert, wird bald zum Getriebenen“, warnt er.

Corona-Pandemie als Katalysator

Immerhin soll die Aufmerksamkeit für jenes Thema zugenommen haben. Laut Imping steht es auf fast jeder Management-Agenda, auch wenn Verfügbarkeitsprobleme, Preissteigerungen und Personalmangel bei vielen Firmen das aktuelle Geschehen diktieren. Thomas Rohrbach, Geschäftsführer bei Neonex Consulting, stellt ebenfalls fest, dass das Thema „Digitalisierung“ inzwischen „zum Glück in den Köpfen fast aller Entscheider“ angekommen ist. „Auch die Nachzügler fangen nun endlich an, ihren Betrieb zu digitalisieren“, meint er. Die Nachfrage nach Unterstützung aus dieser Richtung nehme dabei stetig zu. So habe seine Management-Beratung in diesem Jahr bereits einige weltweite Transformationsprojekte gestartet und „vor allem auch kleine Mittelständler fangen an, sich mit Einstiegsthemen wie Potenzialanalysen und Weiterbildungen zu beschäftigen“. Die Pandemie habe dabei als Katalysator gedient, der viele Entscheidungen und Prozesse wesentlich beschleunigt hat, meint wiederum Tim Berghoff. „Auch ein gerade im Vollzug befindlicher Generationswechsel leistet der Digitalisierung weiter Vorschub“, so der Security Evangelist bei G Data Cyberdefense.

Welche Prozesse man als Erstes digitalisiert, um möglichst rasch die Produktivität zu steigern, ist dabei stark einzelfallabhängig. Zu Beginn sollte jedenfalls immer die Entwicklung einer Strategie stehen, welche für jedes Unternehmen natürlich anders aussieht, „da Ausgangsbedingungen, Unternehmenskultur, Branche und Digitalisierungsziele höchst unterschiedlich sein können“, weiß Bodo Giegel, Business Head DACH beim Project Management Institute. Laut ihm bilden vernünftige Projekt-Management-Prozesse eine gute Grundlage, damit Digitalisierungs- und Change-Prozesse nicht im Sand verlaufen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Neben einer unabdingbaren Vorabanalyse hält Kai Grunwitz eine ehrliche Einschätzung, ob der Weg zum geplanten Ziel nicht doch zu steinig und der erwartete Nutzen fraglich ist, für genauso wichtig. Seiner Meinung nach sollten Mittelständler keinesfalls unreflektiert irgendwelchen Trends folgen, sondern das geplante Digitalisierungsszenario aus dem eigenen Blickwinkel heraus analysieren. „Digitalisierung bedeutet immer Investitionen und diese müssen sorgfältig eingesetzt werden“, betont der Experte. Thomas Rohrbach empfiehlt grundsätzlich mit den „Low Hanging Fruits“ anzufangen: also einfache Veränderungen, die einen schnellen Erfolg mit sich bringen und dann die Akzeptanz und die Lust auf Digitalisierung erhöhen. Konkret handle es sich oft um Projekte zur Herstellung von Real-Time-Transparenz über den Zustand von Prozessen, Maschinen und Anlagen, um Abweichungen erkennbar zu machen.

Einbindung der Mitarbeiter

Um die Prozesse in der Produktion, Logistik und den zugehörigen indirekten Bereichen zu digitalisieren und damit effizienter zu gestalten, bietet sich ein breites Spektrum an Tools und Lösungen an. Gerade in der Produktion sind z.B. digitale Zwillinge ein nützlicher Helfer, um Produktionsumgebungen und Maschinen ortsunabhängig in Echtzeit zu überwachen, komplexe Simulationen durchzuführen und Automatisierungs-Workflows zu entwerfen. „Der Einsatz von moderner algorithmengestützter Maschinenintelligenz, Data Analytics oder Augmented Reality (AR) für proaktive Wartung und Service bietet den Unternehmen ein enormes Potenzial“, betont Kai Grunwitz. „5G oder besser gesagt private 5G-Netze werden zur Schlüsseltechnologie einer datengetriebenen Wirtschaft, die auf hohe Zuverlässigkeit und Leistung angewiesen ist.“

Eine große Rolle bei der Digitalisierung in Unternehmen spielen übrigens die Themen „Automatisierung“ und „Transparenz“ – da sind sich die Experten einig. „Automatisierungen sind immer dort sinnvoll, wo repetitive Aufgaben zu erfüllen sind, bei denen es wenig bis keine Abweichungen oder Ermessensspielräume gibt“, weiß Tim Berghoff von G Data Cyberdefense. Insofern sei die Automatisierung einzelner Abläufe durchaus sinnvoll. Diese ließen sich auch durch KI-Technologien im weitesten Sinn gut ergänzen. Transparenz wiederum sei gegenüber der eigenen Belegschaft „immens wichtig“, betont Berghoff, denn Veränderungen kämen wesentlich besser an, wenn Menschen sie verstünden. „Und das kann nur gelingen, wenn die Geschäftsführung die Mitarbeiter innerlich und inhaltlich abholt, statt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen.“

So sieht es auch Klaus Imping von mSE: „Digitalisiert man einen Prozess, ohne die Mitarbeiter mitzunehmen, werden gewohnte Arbeitsweisen Bestand haben und überleben, der digitale Prozess wird hingegen nicht gelebt.“ Daher ist eine klare Einbindung der Mitarbeiter von Anfang an entscheidend, um Unsicherheiten zu vermeiden und den Erfolg der Transformation sicherzustellen. „Einbindung meint dabei die Information über den Prozess, die Ziele und die Vorteile der Digitalen Transformation“, erklärt Thomas Rohrbach von Neonex, „aber auch den Aufbau von Wissen über die Digitalisierung in der Belegschaft.“

Gerade bei Mittelständlern sind die Mitarbeiter sehr nah an der Wertschöpfungskette. „Unternehmen begehen einen Kardinalfehler, wenn sie das Wissen und die Ideen der eigenen Experten nicht nutzen“, warnt Kai Grunwitz. Seiner Ansicht nach sollte das klassische Argument „Das haben wir schon immer so getan“ durch Mut und die Bereitschaft zur Veränderung abgelöst werden. Digitalisierungsprojekte seien nur dann erfolgreich, wenn die Mitarbeiter zu Treibern der Innovation werden.

Nachhaltigkeit auf dem Schirm haben

Das Problem ist nur, wenn nicht genügend Mitarbeiter da sind. Tatsächlich sieht Grunwitz die vielleicht größte Herausforderung in fehlenden personellen Ressourcen. Das gelte für die grundlegende IT-Infrastruktur – und noch mehr in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Data Analytics oder Cybersecurity. Als Lösung schlägt er vor, die eigenen Mitarbeiter durch gezielte Auslagerung von Betriebstätigkeiten freizuschaufeln und ihre Expertise wertstiftend im neuen Umfeld einzusetzen. Bodo Giegel vom Project Management Institute sieht die größte Herausforderung wiederum in der nach wie vor oft nicht ausreichenden Projekt-Management-Basis in den Unternehmen. Denn aus seiner Sicht funktioniert jeder Wandel nur, wenn Change- und Projekt-Management Hand in Hand gehen.

Eine weitere Herausforderung ist laut Tim Berghoff die Absicherung der eigenen Netzwerke und Infrastrukturen. Dafür sei teilweise Spezialwissen erforderlich, welches nicht jedes Unternehmen vorhalten könne. „Bestehende, historisch gewachsene Strukturen werden schnell zum Hemmnis und zu einem Stolperstein, der schwerwiegende Folgen für die Sicherheit haben kann“, mahnt er und betont: „Je nach Branche sind auch gesetzliche Vorgaben zu beachten – und hier herrscht stellenweise noch keine abschließende Klarheit darüber, welche Rahmenbedingungen zu erfüllen sind.“ An dieser Stelle sei wiederum die Politik gefordert.

Wer trotz aller Herausforderungen ein Digitalisierungsprojekt in Angriff nimmt, sollte auch gleich das Thema „Nachhaltigkeit“ auf dem Schirm haben. Warum? „Die Verbraucher haben heute enorme Ansprüche in puncto Nachhaltigkeit der Wertschöpfungskette“, weiß Kai Grunwitz. Daher erfordere Digitalisierung immer auch neue Energiekonzepte sowie eine intelligente Steuerung von Produktionsanlagen bis hin zu smarter Logistik. Gelebte Nachhaltigkeit sieht er als „klaren Wettbewerbsvorteil“.

Laut Thomas Rohrbach ist das Bewusstsein für den Verbrauch ökologischer (z.B. Energie), ökonomischer (Geld) sowie sozialer Ressourcen (z.B. Assistenzsysteme) in der Gesellschaft hinlänglich geschaffen. Schlussendlich könnten sich Unternehmen, die verstehen, wie sie diese Ressourcen am besten einsparen, darüber auch am Markt positionieren – und zwar nicht mit Greenwashing, sondern mit echter Verantwortungsübernahme.

Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok