Digitale Fabrik

„Disruptionstreiber aus dem Inneren“

Wie man den Umbau zur digitalen Fabrik auch als mittelständisches Maschinenbauunternehmen meistern kann, beschreibt Enrico Bossart, Leiter Produktmanagement bei Lauda, im Interview.

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    Digitalisierung ist keine Aufgabe um ihrer selbst willen, sondern bietet viele Chancen, das eigene Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.

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    „Die Entwicklung von Software ist für uns als klassischer Maschinenbauer immer noch eine echte Herausforderung“, berichtet Enrico Bossart. ((Bildquelle: Lauda))

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    „Sprachgesteuerte Temperiertechnik, ferngesteuerte und -gewartete oder gar mittels KI sich selbst analysierende Geräte, all dies war noch vor wenigen Jahren unvorstellbar“, sagt Enrico Bossart.

ITM: Herr Bossart, der Weg zur vollständig digitalisierten Fabrik ist für deutsche Mittelständler noch weit. 40 Prozent der Projekte existieren nur als Idee, 25 Prozent sind in der Planung, wie aus einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger hervorgeht. Woran liegt es, dass deutsche Unternehmen sich beim Thema Digitalisierung noch schwertun und wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen damit um?
Enrico Bossart: Als klassischer mittelständischer Maschinenbauer sind digitale Produkte und Prozesse naturgemäß nicht in unserer DNA verwoben, wir denken in Kälte- und Heizleistung statt in Rechenleistung. Somit fehlen uns die gewachsene Erfahrung und ein organischer Pool an qualifiziertem Personal in den neuen Disziplinen der IT. Der intensive Wettbewerb um die besten Talente, die bei Programmierung nicht im ersten Augenblick an den Maschinenbau denken, ist eine der größten Herausforderungen und bedingt insbesondere die Qualifizierung und Spezialisierung unserer bestehenden Mitarbeiter. Auch wenn die Sichtbarkeit unserer digitalen Aktivitäten sicherlich geringer ist als bei einem Digitalkonzern, so sind wir trotzdem bereits heute sehr aktiv in diesem Bereich. Neben der intensiven Digitalisierung unserer Produktions-, Administrations- und Vertriebsprozesse haben wir auch eine Vielzahl digitaler Lösungen und Produkte realisiert. Die Steuerung unserer Maschinen durch App und Webserver oder auch unsere kürzlich gelaunchte Cloud-Plattform Lauda.Live zur Überwachung, Steuerung, Analyse und Wartungsoptimierung unserer Geräte sind nur einige Beispiele für unser Bestreben, echte digitale Produkte zu schaffen mit relevantem Mehrwert für unsere Kunden, aber auch neue Geschäftsmodelle. 

ITM: Die Umsetzung ist für viele Mittelständler ein Kraftakt. Warum lohnt es sich trotzdem?
Bossart: Digitalisierung ist keine Aufgabe um ihrer selbst willen, die wir nur als Zwang und Bürde sehen. Digitalisierung bietet uns die Möglichkeit, die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens aktiv zu gestalten. Neben der Maximierung der (internen) Effizienzen durch Verschlankung, Automatisierung und Komplexitätsreduktion der Prozesse bietet sich die echte Chance, gänzlich neuartige Produkte zu realisieren. Die Fusion der jahrzehntelang optimierten Hardware der Temperiergeräte mit den neuen Möglichkeiten digitaler Technologien sorgt für eine Weiterentwicklung des Produkts. Sprachgesteuerte Temperiertechnik, ferngesteuerte und -gewartete oder gar mittels KI sich selbst analysierende Geräte, all dies war noch vor wenigen Jahren unvorstellbar, doch heute sind solche Produkte bereits Realität. 

ITM: Wie sind Sie in Ihrem Unternehmen strategisch vorgegangen, als Sie die Geräte mittels eigener Cloud-Lösung vernetzt haben?
Bossart: Unsere Plattform für digitale Produkte und Lösungen ist das Resultat intensiver Analysen der Kundenbedürfnisse und iterativer Entwicklungen. In der Erarbeitung dieser rein digitalen Lösung war uns schnell bewusst, dass wir mit der klassischen Wasserfall-Entwicklung eines komplett vordefinierten Produkts nicht zielführend arbeiten konnten und daher eine agile Projektstruktur implementieren mussten. Mithilfe der Methodik „Design Thinking“ haben wir die Customer Journey strukturiert analysiert und iterativ Ideen und Hypothesen entwickelt, bewertet und verfeinert, bis unser Entwicklungsziel klar erkennbar wurde. Parallel dazu haben wir ein agiles und interdisziplinäres Projektteam aufgesetzt und mittels der Methodik SCRUM in einer Vielzahl kurzer Entwicklungs-Sprints die Konnektivität unserer Geräte an die Cloud sichergestellt, die Cloud-Oberfläche und Infrastruktur realisiert sowie die entsprechenden Funktionen der Plattform entwickelt, fortwährend getestet und modifiziert.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Welche Hürden galt es dabei zu überwinden?
Bossart: Die Entwicklung von Software ist für uns als klassischer Maschinenbauer immer noch eine echte Herausforderung. Insbesondere in diesem Projekt haben wir gelernt, alles mit der Brille eines reinen Software-Anbieters zu betrachten und in Software-Funktionen zu denken und unsere Hardware zur Realisierung der gewünschten Funktionen anzupassen, nicht umgekehrt. Gleichzeitig haben wir aufgrund des kleinen Teams und der begrenzten intern verfügbaren IT- und Programmierressourcen mit mehreren externen Dienstleistern zusammengearbeitet. Dies hatte einen hohen Abstimmungs- und Zeitaufwand und einen geringeren Grad an Flexibilität zur Folge, ist jedoch alternativlos, um das Defizit ausreichender eigener IT-Ressourcen auszugleichen und mit der notwendigen Geschwindigkeit die bisherigen und weitere geplante digitale Produkte und Funktionen zu realisieren. 

ITM: Welche Vorteile haben sich daraus für das Unternehmen ergeben?
Bossart: Wir versprechen uns von der Digitalisierungsstrategie, insbesondere die Kundenzufriedenheit und Kundenbindung zu erhöhen, um auch zukünftig gemeinsam mit unseren Kunden zu wachsen und attraktive Produkte und Geschäftsmodelle anzubieten. Wir sehen dies auch als eine Art Disruptionstreiber aus dem Inneren, indem wir kontinuierlich unsere Geschäftsmodelle hinterfragen und anpassen, um das Markt- und Technologieumfeld aktiv zu gestalten und unseren technischen Vorsprung zu wahren.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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