„Die indirekten Prozesse sind keinesfalls zu vernachlässigen, wenn es um Produktivität und Geschwindigkeit geht“, betont Thomas Rohrbach von Neonex.
ITM: Herr Rohrbach, warum führt auch für den Mittelstand kein Weg mehr an der Digitalisierung seiner Prozesse vorbei?
Thomas Rohrbach: Der Mittelstand in Deutschland ist sehr heterogen aufgestellt: Einige Unternehmen sind Digitalpioniere und haben ihr Geschäftsmodell bereits vor einigen Jahren auf Basis der Digitalisierung neu aufgestellt. Andere Unternehmen wiederum sind noch nicht einmal in die Digitale Transformation gestartet und erleben deswegen nun drei Veränderungstreiber: Veränderungsdruck durch die Kunden- und/oder Lieferantensituation, Veränderungsdruck durch gesellschaftliche Verschiebungen/Umbrüche und aus Eigeninteresse an Wettbewerbsfähigkeit durch Verbesserung. Mit Veränderungsdruck durch die Kunden- und/oder Lieferantensituation meine ich, dass Teile des Mittelstands aufgrund von gestiegenen Kundenerwartungen, also z.B. dem Wunsch nach schnelleren Lieferzeiten oder mehr Individualisierung, aufgrund gestiegenen Wettbewerbs oder aufgrund ganz neuer Geschäftsmodelle ihre Wertschöpfung überdenken müssen. Existierende IT-Systeme stoßen dabei schon heute häufig an ihre Grenzen: Sie sind überaltert, langsam und ineffizient oder können benötigte Informationen und Funktionen überhaupt nicht abbilden. Mit Veränderungsdruck durch gesellschaftliche Verschiebungen/Umbrüche wiederum meine ich z.B. den demografischen Wandel, der zunehmend für eine alternde Gesellschaft sorgt und den Fachkräftemangel verstärkt, und die Neustrukturierung der Liefersituation, die wir während der Corona-Pandemie erlebt haben. Unternehmen, die diesen Veränderungsdruck nicht spüren, sollten aus dem letzten genannten Grund eine Veränderung anstreben, um ihre Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft zu sichern: dem Eigeninteresse an Wettbewerbsfähigkeit durch Verbesserung. Digitalisierung bzw. die Digitale Transformation des Betriebes kann dem Mittelstand in allen drei Situationen helfen, schneller, flexibler und effizienter zu werden, um so besser auf Kunden, Wettbewerb und Umfeld reagieren zu können und die Wettbewerbsfähigkeit – denn um nicht weniger geht es hier – aufrechtzuerhalten.
ITM: Wie nehmen Sie das Digitalisierungsbestreben Ihrer mittelständischen Kunden anno 2022 wahr?
Rohrbach: Das Thema „Digitalisierung“ ist inzwischen zum Glück in den Köpfen fast aller Entscheider angekommen und nimmt einen immer größeren Teil auf der Unternehmensagenda ein. Auch die Nachzügler fangen nun endlich an, ihren Betrieb zu digitalisieren. Die Nachfrage nach Unterstützung aus dieser Richtung nimmt dabei stetig zu. So haben wir in diesem Jahr bereits einige weltweite Transformationsprojekte gestartet und vor allem auch kleine Mittelständler fangen an, sich mit Einstiegsthemen wie Potenzialanalysen und Weiterbildungen zu beschäftigen. Der Trend zu mehr Digitalisierung wird neben den Erfahrungen aus der Corona-Pandemie sicherlich auch durch das Thema „IT-Sicherheit“ hervorgerufen. Einige produzierenden Unternehmen hatten dieses Jahr mit Hackerangriffen zu kämpfen. Das spricht sich natürlich herum und sorgt dafür, dass das Thema ganzheitlich auf die Tagesordnung des Top-Managements kommt. Denn keiner kann zurück zur Karteikarte oder will den Betrieb stoppen.
ITM: Welche Prozesse sollten hier als erstes digitalisiert werden, um möglichst rasch die Produktivität zu steigern?
Rohrbach: Dies sollten die Prozesse sein, die am meisten Probleme hinsichtlich Qualität oder Durchlaufzeit machen. Das sind häufig Prozesse oder Maschinen, die den Engpass der Wertschöpfung bilden. Wir empfehlen dabei, mit den „Low Hanging Fruits“ zu beginnen: also einfache Veränderungen, die einen schnellen Erfolg mit sich bringen und dann die Akzeptanz und die Lust auf Digitalisierung erhöhen. Konkret handelt es sich oft um Projekte zur Herstellung von Real-Time-Transparenz über den Zustand von Prozessen, Maschinen und Anlagen, um Abweichungen erkennbar zu machen. Eine strukturierte Potenzialanalyse zu Beginn kann dabei helfen, die bestehenden Prozesspotenziale zu erkennen und die Ansatzpunkte hinsichtlich der genannten Kriterien zu priorisieren. Aber Vorsicht! Die indirekten Prozesse sind keinesfalls zu vernachlässigen, wenn es um Produktivität und Geschwindigkeit geht.
ITM: Mit welchen konkreten Tools und Lösungen lassen sich die Prozesse in der Produktion, Logistik und den zugehörigen indirekten Bereichen effizienter gestalten?
Rohrbach: Inzwischen gibt es viele Tools und Lösungen, die genau diese Effizienzsteigerungen versprechen. Um die Tools und Lösungen auszuwählen, die im eigenen Unternehmen sinnvoll eingesetzt werden können, empfehlen wir ein Denken in Use Cases, also in Anwendungsfällen, die nach Priorität umgesetzt werden sollten. Um diese Umsetzung anzugehen, nutzen wir zwei Ansätze: den Top-Down-Ansatz, der auf große integrierte Systemlösungen wie ERP- und MES-Systeme setzt, die viele verschiedene Schmerzpunkte hinsichtlich Transparenz und Produktionsplanung auf einmal abdecken können, und den Bottom-Up-Ansatz, den wir auch Mini-Step-Transformation nennen. Bei diesem werden entweder Industrial-IoT-fähige Sensoren und Off-the-shelf-IIoT-Plattformen oder Low-Code-Plattformen, mit denen individualisierte Anwendungen selbst gebaut werden können, genutzt, um Transparenz herzustellen und so schnell und minimalinvasiv, also ohne Zugriff auf andere IT-Systeme, Verbesserungen zu erzielen. Welcher Ansatz der richtige ist, hängt natürlich individuell vom Kunden ab. Beim strategiegetriebenen Top-Down-Ansatz soll der gesamte Operations-Bereich grundlegend digitalisiert werden. Das bedeutet, dass Unternehmen eine konkrete Zielsetzung und eine Reihe an Use Cases benötigen, die horizontal integriert sind. Beim Bottom-Up-Ansatz werden Einzellösungen dort gefunden, „wo es gerade brennt“. Ziel ist es, durch einzelne Use Cases akute Probleme zu beheben und so das Bewusstsein und die Akzeptanz für digitale Lösungen im breiten Management zu erhöhen.
ITM: Welche Rolle spielen hierbei „Automatisierung“ und „Transparenz“?
Rohrbach: Eine große. Lassen Sie mich bitte mit Transparenz starten, da diese im Rahmen einer Digitalen Transformation den schnellsten Effekt zeigt. Dies ist einfach zu erklären: Wenn Entscheidungen auf Basis von transparenten Fakten und nicht auf Basis von Annahmen getroffen werden können, ändert dies das Führungsverhalten massiv und erhöht so die Führungsleistung. Eine schnellere und bessere Entscheidungsfindung wird so garantiert. Auch die Planbarkeit von Prozessen erhöht sich: Abweichungen können früh erkannt oder vielleicht sogar vorhergesagt werden. Ich würde so weit gehen, zu sagen: Die Investition in gesteigerte Transparenz in Form von digitaln Shopfloor-Management-Systemen, Echtzeitdatenvisualisierungen oder „Andon & Escalation“-Management-Systemen stellt die beste Investition im Rahmen der Digitalen Transformation dar. Gerade haben wir das bei unserem Kunden Abus wieder gesehen: Hier konnte rein mithilfe von sekundärer IIoT-Architektur innerhalb von zwei Monaten die OEE an der Engpassmaschine verbessert werden, weil Abweichungen transparent wurden. Automatisierung hingegen wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren das Top-Thema werden. Getrieben durch den Arbeitskräftemangel werden automatisierte Prozesse ein Muss werden, da die nötige Anzahl an Mitarbeitern nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Natürlich spielen auch Kosten eine Rolle: Auf lange Sicht sind diese oft deutlich niedriger als bei manueller Arbeit. Vor allem auch, weil Automatisierungstechnik durch die technische Degression immer besser und günstiger wird und so immer neue Prozesse, auch im indirekten „Bürobereich“, automatisiert werden können. Und das ist auch nötig: Durch Corona haben wir gesehen, dass Global Sourcing keine langfristig sichere Lösung für Unternehmen darstellt. Um die Wettbewerbsfähigkeit in Zukunft zu sichern, muss wieder verstärkt auf die Produktion in Deutschland gesetzt werden. Sogenanntes „Competitive Local Manufacturing“ kann nur sichergestellt werden, wenn sowohl direkte Fertigungsprozesse, Logistik und unterstützende Prozesse als auch indirekte Prozesse umfassend digitalisiert und automatisiert werden.
ITM: Was sind die größten Herausforderungen und Hürden bei der Digitalen Transformation in kleinen und mittleren Unternehmen?
Rohrbach: Die meisten kleinen und mittleren Unternehmen stehen gerade am Anfang der Digitalen Transformation. Auch wenn das Bewusstsein für die Notwendigkeit inzwischen vorhanden ist, fehlt deshalb oft die Vision des Management-Teams oder der Eigentümer. Außerdem werden oft unterschiedliche Wortschätze benutzt, so dass das Verständnis zwischen den Mitarbeitern, von Management bis hinein in die Abteilungen, zusätzlich erschwert wird. Ein klares Zielbild ist jedoch elementar für das Gelingen der Transformation. Den „vernebelten“ Blick über die Chancen der Digitalisierung zu schärfen, stellt somit eine wesentliche Herausforderung dar. Zu Beginn der Transformation gilt es deshalb, das Know-how der Firmen hinsichtlich der Ziele, dem Ansatz und der Technologien durch Workshops und Schulungsmaßnahmen zu stärken. Wenn Digitalisierungsprojekte aus einzelnen Abteilungen heraus, also Bottom-Up, realisiert werden, ist es zudem oftmals schwierig, andere benötigte Abteilungen für das Projekt zu gewinnen. Die Top-Down-Vorgabe fehlt und muss erst eingeholt werden, damit hier alle am gleichen Strang ziehen.
ITM: Inwieweit ist die Fokussierung auf nachhaltige Digitalisierung ein notwendiger Schritt, um Kunden zukünftig besser zu unterstützen?
Rohrbach: Der Kundennutzen kann durch Digitalisierung massiv gesteigert werden. Zum einen können Produkte durch digitalisierte Prozesse schneller, günstiger und sogar individueller hergestellt werden. Zum anderen ist es denkbar, dass die Kunden der Unternehmen während des gesamten Produktionsprozesses den Status ihrer Bestellung einsehen können – genau wie bei Amazon, welches gewissermaßen der Benchmark geworden ist. Außerdem kann die Lebensdauer von Industrieprodukten durch Condition Monitoring und Smart Maintenance weiter verlängert werden. Für Kunden, die eine erhöhte Aufmerksamkeit auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit legen, erhöht sich der Kundennutzen, da Digitalisierung die sogenannte Footprint-Strategie ermöglicht, bei der soziale Kosten, externe Umwelteffekte und globale politische Abhängigkeiten minimiert werden. Zahlreiche digitale Use Cases tragen zu einer verantwortungsvolleren Wertschöpfung für Mensch und Natur bei, z.B. die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen durch Virtual-Reality-Simulation (VR) oder Energie-Management-Systeme. Zudem ermöglichen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung eine wettbewerbsfähige lokale Produktion und senken somit Transportemissionen und die Abhängigkeit von nicht-demokratischen Staaten für Produktion und Sourcing.
ITM: Bringt eine Digitalisierung, die den Aspekt der Nachhaltigkeit im Fokus hat, Unternehmen im Wettbewerb weiter voran? Woran würden Sie das festmachen?
Rohrbach: Die Digitalisierung von Produktions-, Logistik- und Geschäftsprozessen ermöglicht unglaubliche Effizienzvorteile. So können sowohl ökologische Ressourcen (vor allem Energie, aber auch Ressourcen wie Wasser zur Kühlung von Anlagen oder Rohmaterial, wenn Ausschuss gesenkt werden kann, etc.) als auch ökonomische Ressourcen (Geld) und soziale Ressourcen (z.B. durch Assistenzsysteme, die ältere oder eingeschränkte Mitarbeiter unterstützen) eingespart werden. Auch auf Mitarbeiterebene werden durch die entstandene Dezentralität Ressourcen gespart, z.B. wenn Support-Mitarbeiter nicht mehr reisen müssen, sondern per Kamera an die Problemmaschine zugeschaltet werden, oder Mitarbeiter die Anlagen von zuhause bedienen können. Das Bewusstsein für den Verbrauch dieser Ressourcen ist in der Gesellschaft hinlänglich geschaffen. Entsprechend können sich Unternehmen, die verstehen, wie sie diese Ressourcen einsparen können, darüber auch am Markt positionieren. Und zwar nicht mit Greenwashing, sondern mit echter Verantwortungsübernahme.
ITM: Inwieweit sollte man die eigenen Mitarbeiter beim Transformationsprozess mitnehmen?
Rohrbach: Angst oder Respekt vor der drohenden Veränderung können – besonders bei älteren Mitarbeitern – die Motivation deutlich schmälern. Eine klare Einbindung der Mitarbeiter von Anfang an ist daher entscheidend, um diese Unsicherheiten zu vermeiden und den Erfolg der Transformation sicherzustellen. Einbindung meint dabei die Information über den Prozess, die Ziele und die Vorteile der Digitalen Transformation, aber auch den Aufbau von Wissen über die Digitalisierung in der Belegschaft. Bei uns sin die Themen „Inspiration“ und „Qualifikation“ daher immer der erste Schritt in den großen Transformationsprojekten unserer Kunden. Andererseits bedeutet Einbindung auch, die Mitarbeiter im Unternehmen aktiv in die Entscheidungsfindung im Projekt einzubinden, wenn sie selbst von diesen Entscheidungen betroffen sind. Wie immer ist dies aber auch eine riesige Chance: Durch den Aufbau intergenerationaler Teams kann ein leistungsfähiges, großartiges Team entstehen, dass die End-to-End-Prozesse verstehen und transformieren kann, während einzelne Mitarbeiter selten den ganzen Prozess verstehen können.
Bildquelle: Neonex