„Wer nicht nur reagieren will, sondern die Zukunft selbst in die Hand nehmen möchte, muss den digitalen Wandel im Unternehmen ganz nach oben auf die Agenda setzen“, sagt Marken Schlosser.
„Wichtig ist es, zu Beginn alle Prozesse zu hinterfragen und den Mut zu haben, sie auf den Kopf zu stellen“, betont Marlen Schlosser.
ITM: Frau Schlosser, welche Rolle spielt das Thema „Digitalisierung“ anno 2022 im deutschen mittelständischen Handwerk?
Marlen Schlosser: Die Digitalisierung steckt voller Chancen für die Handwerkswirtschaft. Sie schafft Erleichterung in den Arbeitsprozessen, bringt neue, hoch attraktive Arbeitsplätze und unterstützt bei der Effizienz- und Effektivitätssteigerung. Für unsere Branche besonders wichtige Themen sind speziell Automatisierung, da sie notwendig für die Digitalisierung ist, vernetzte IT-Programme, modulare Vorgehensweisen, Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und Building Information Modeling (BIM). Der nachhaltige Veränderungsprozess, der mit der Digitalisierung einherging, bietet für uns die Möglichkeit für ein modernes und innovatives Arbeiten im Handwerk bzw. Holzbau. Wer nicht nur reagieren will, sondern die Zukunft selbst in die Hand nehmen und aktiv gestalten möchte, muss den digitalen Wandel im Unternehmen ganz nach oben auf die Agenda setzen und, manchmal auch gegen Widerstände, kontinuierlich vorantreiben.
ITM: Wann und vor welchem Hintergrund haben Sie in Ihrem eigenen Betrieb die Digitale Transformation in Angriff genommen?
Schlosser: Die Digitalisierung der Arbeitsprozesse ist im Handwerk überall dort, wo Maschinen die Arbeit übernehmen, längst Standard. Spannend wird es, wenn es darum geht, wirklich alle Prozesse – über den Tellerrand des eigenen Unternehmens hinaus – zu digitalisieren. Es fängt bei der Ausschreibung bzw. Beauftragung an, geht über die Zusammensetzung des Bauteams und die Einbeziehung des Auftraggebers bis hin bis zur Fertigstellung. Wir sprechen von einer neuen Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette bei der Herstellung eines Bauprojekts. Dabei legen wir Wert darauf, dass wir uns zwar industriell ausrichten, aber dennoch einen traditionellen Hintergrund haben. Mit meinem Einstieg bei Schlosser Holzbau vor über zehn Jahren habe ich die Digitale Transformation massiv vorangetrieben. Ich habe mir sämtliche Unternehmensprozesse ganz genau angeschaut und wollte sie konsequent optimieren und miteinander vernetzen – und zwar ausschließlich aus der Perspektive des Kunden bzw. stets zum Wohle des Kundenprojekts.
ITM: Wie sahen die ersten Digitalisierungsschritte aus und welche Herausforderungen galt es dabei zu bewältigen?
Schlosser: Wichtig ist es, zu Beginn alle Prozesse und Abläufe zu hinterfragen und den Mut zu haben, sie auf den Kopf zu stellen und zu verändern – im Sinne einer Optimierung. Dabei ebenso wichtig ist das Zusammenspiel zwischen Mensch, Technik und der Organisation. Wenn eines dieser drei Elemente fehlt, ist die Umsetzung von Digitalisierung nur schwer möglich. Vernetzte IT-Programme sind Voraussetzung, um Maschinen zu verbinden und die Daten digital weiterzuverarbeiten. Heute beschäftigen wir uns mit dem BIM-Modell, das vernetzte und transparente Arbeiten mit allen am Projekt Beteiligten. BIM unterstützt den Bauteamgedanken mit dem Ziel, kooperativ und kostengünstig zu handeln. Denn das datenbasierte Interaktionskonzept stellt allen am Projekt Beteiligten alle Informationen über ein entstehendes Gebäude lückenlos zur Verfügung: vom ersten Entwurf bis zum Facility Management. Das Gebäude wird somit erst digital und dann real gebaut. So werden Herausforderungen frühzeitig erkannt und gelöst. Gerade in herausfordernden Zeiten ist dies ein Wettbewerbsvorteil.
ITM: Wie macht sich Ihr Vorgehen in den Kundenprojekten bemerkbar?
Schlosser: Wir sind schneller und besser geworden, begeistern Kunden und haben letztendlich auch mehr Spaß bei den Projekten. Wir beziehen nicht nur unsere Partner in unsere agilen, Cross-funktionalen Teams mit ein, sondern auch die Kunden selbst. Sie werden von Anfang an ernst genommen und eng in alle Prozesse eingebunden. Missverständnisse, fehlende Kommunikation oder falsche Erwartungshaltungen kommen so gar nicht erst auf. Durch den im Holzbau jetzt schon hohen Digitalisierungsgrad ergibt sich für uns ein nicht zu unterschätzender Startvorteil bei der weiteren Digitalisierung der Prozesse: Eine modulare Vorgehensweise mit wiederkehrenden Details (Standardisierung) – die kommt auch und gerade den Kunden zugute.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Was raten Sie anderen deutschen Mittelständlern, die die Digitalisierung ihrer Prozesse bisher verschlafen haben?
Schlosser: Vor speziellen Herausforderungen stehen insgesamt kleine Betriebe mit wenig Personal. Denn nur mit einer zukunftsfähigen Infrastruktur (Netzwerke, Partner) können Ziele erreicht und kann dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. Gerade beim Fachkräftemangel ermöglicht die Digitalisierung sehr individuelle Lösungen. Grundsätzlich gilt: erst einmal den Prozessen auf den Grund gehen, doppelte Arbeiten vermeiden, Einsatz von Ressourcen besser planen und Veränderungen mit Entschlossenheit umsetzen. Sprich: einfach machen!
Bildquelle: Schlosser Holzbau GmbH