Als COO verantwortet Florian Sippel den Bereich „Design & Operations“ und damit die Kernwertschöpfung des Unternehmens
ITM: Herr Sippel, welche Hausaufgaben müssen Betreiber von Rechenzentren (RZ) heute machen, um in fünf bis zehn Jahren nicht vom Wettbewerb überholt zu werden?
Sippel: Ohne Zweifel stehen wir vor großen Herausforderungen im Hinblick auf Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft. Angesichts der aktuellen Situation wird auch die Energieversorgung eine essenzielle Rolle für den Bau neuer und die Modernisierung existierender Rechenzentren spielen. Wir sind jedenfalls fest davon überzeugt, dass Rechenzentren in Zukunft einen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende leisten werden. Sowohl Unternehmen aus der Privatwirtschaft als auch öffentliche Institutionen legen großen Wert darauf, dass ihr Dienstleister nachhaltig und energieeffizient arbeitet. In fünf bis zehn Jahren werden Rechenzentren ihre Kapazitäten als Lieferant von Primärregelenergie voll ausschöpfen können. Moderne USV-Anlagen sind in der Lage, innerhalb weniger Sekunden positive Regelenergie bereitzustellen, während Kälteaggregate negative Regelenergie liefern können. Darüber hinaus sollte die redundante Anbindung an das öffentliche Stromnetz genutzt werden, die im normalen Betrieb nicht benötigt wird. Aktuell werden Rechenzentren aus wirtschaftlichen Gründen in Größen von 30, 60, 90 oder 120 MW Anschlussleistung gebaut. Dies bedeutet, dass wir die redundante Anbindung an ein Umspannwerk nutzen können, z.B. für Elektrolyseure zur Wasserstoffproduktion, für große Batteriespeicher oder den Anschluss von Brennstoffzellen.
ITM: Welchen Einfluss haben die Faktoren „Energie“ und „Nachhaltigkeit“ auf den Betrieb von Rechenzentren konkret?
Sippel: Rechenzentren stehen angesichts der hohen Energiepreise und der Erwartungshaltung von Kunden vor der Herausforderung, Strom aus regenerativen Energiequellen wie Sonne oder Wind zu speichern und saisonal verfügbar zu machen. So könnte Energie beispielsweise im Sommer für die sonnenarmen Wintermonate gespeichert werden. Sogar ein saisonaler Strompreis ist vorstellbar, von dem dann auch Kunden profitieren, weil Preisabschläge möglich werden. Aber auch wasserstoffbetriebene Motoren und vielleicht sogar Brennstoffzellen könnten sich dazu eignen, die Energieversorgung von Rechenzentren in Zukunft zu unterstützen. In Sachen „Nachhaltigkeit“ müssen sich Betreiber von Datacentern wiederum Gedanken darüber machen, wie IT-Hardware, Batterien, Kälteaggregate, Schaltanlagen und sogar Gebäudeteile recycelt werden können.
ITM: Wie hat Ihr Unternehmen das gelöst?
Sippel: Wir haben in unseren Rechenzentren in Nürnberg, München und Hof verschiedene Maßnahmen getroffen: Wir verwenden unbehandelte Betonwände, die zu 100 Prozent recycelbar sind. Wir setzen Aufputzinstallationen auf den rohen Beton, sodass sie bei Bedarf demontiert und vollständig wiederverwertet werden können. Wir sind ISO-50001-konform und haben ein systematisches Energiemanagement, um sicherzustellen, dass unsere Systeme stets im optimalen Betriebszustand arbeiten. Gleiches gilt für die Einhaltung der Norm ISO 14001, mit der wir Verbesserungen in Bezug auf die Umweltleistung erreichen wollen. Solche Überlegungen möchten Unternehmen sich in ihren Rechenzentren gerne ersparen. Aber auch die Zweitnutzung von Energie ist ein interessantes Thema für den RZ-Betrieb. Das haben wir mit unserem neuen Datacenter in Frankfurt vor: In der Gemeinde Hofheim entsteht gerade ein Neubaugebiet für ca. 2.000 junge Familien, die Wärme aus unserem Rechenzentrum bekommen werden – kostengünstig, weil es ja ein Abfallprodukt ist.
ITM: Was sind häufige Stolpersteine bei der RZ-Modernisierung?
Sippel: Der Fachkräftemangel ist aktuell eine der größten Herausforderungen in unserer Branche. Er wird sich zweifelsohne noch verschärfen und es wird immer schwieriger, Leute zu finden und Stellen nachzubesetzen. Der demografische Wandel macht auch unserem Branchensegment zu schaffen. Wir selbst haben die Erfahrung gemacht, dass englischsprachige Bewerber eher mit Jobs im Ausland liebäugeln. Die gehen lieber nach Holland oder England, trotz des Brexits. Der Fachkräftemangel ist im Übrigen häufig auch ein Grund, weshalb Unternehmen ihre IT vorzugsweise in unsere hochsicheren und hochverfügbaren Rechenzentren auslagern und Dienstleistungen wie Managed Services, Cloud-Services oder Colocation uns überlassen. Es fehlt schlichtweg überall an versiertem Personal für den Betrieb und die Wartung der komplexen IT-Infrastrukturen.
ITM: Liegt das an der Sprachbarriere?
Sippel: Nicht nur. Wir müssen ein Einwanderungsland, müssen attraktiver werden, um gute Leute binden zu können. Auch die Gesellschaft hat meines Erachtens noch nicht so ganz verinnerlicht, wie wichtig es ist, ausländischen Fachkräften ein Arbeiten in Deutschland schmackhaft zu machen. Im Ausland bekommen Jobsuchende nach ihrer Bewerbung einen Ansprechpartner, der sich gemeinsam mit dem Kandidaten um bürokratische Formalitäten und die Eingliederung in die Gesellschaft kümmert.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Welche Veränderungen erwarten Sie in technischer Hinsicht?
Sippel: Es wird weiter eine Verdichtung von IT geben. Ich sehe zwar kein Edge-Rechenzentrum an jeder Straßenecke, aber in kleineren Städten oder vor Ort bei internationalen Unternehmen werden neue kleine Datacenter entstehen, deren Leistung an individuelle Begebenheiten angepasst ist – eventuell sogar in Modulbauweise. Der Grund für diese Dezentralisierung ist, dass Rechenzentren in Zukunft mehr können müssen als Computing oder Storage. Sie werden zu neuralgischen Punkten. Das gilt erst recht mit neuen Technologien wie 5G, autonomes Fahren, Künstlicher Intelligenz oder Big-Data-Anwendungen, die hohe Rechenleistungen voraussetzen. Kunden profitieren dann u.a. durch die lokale Nähe ihres Dienstleisters. Fest steht aber heute schon: Es wird für Unternehmen immer unrentabler, Computer in den eigenen vier Wänden laufen zu lassen. Sie möchten IT konsumieren und sich gar nicht um solche Dinge wie Hardware, IT-Sicherheit und Datenschutz, Energieeffizienz oder Nachhaltigkeit kümmern. So gesehen werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch in fünf bis zehn Jahren noch Rechenzentren haben.
Bildquelle: Noris Network