Nachhaltigkeit in der Unternehmenswelt

„Es gibt keinen Stein der Weisen“

„Wir sind insoweit gesegnet“, meint Steffen Roos, Managing Partner bei Detecon International, „als dass wir meist keine Angst haben müssen, dass uns als Folge des Klimawandels das Haus weggespült wird oder unsere Kinder alte Batterien in unseren Vorgärten recyclen müssen.

Steffen Roos, Detecon International

„Ich selbst reise z.B. innerdeutsch nicht mehr mit dem Flieger zum Kunden, sondern nutze die Bahn. Das mag nach wenig klingen, in der Summe macht es jedoch einen massiven Unterschied“, so Steffen Roos von Detecon International.

ITM: Herr Roos, welchen Stellenwert besitzt das Thema „Nachhaltigkeit“ aktuell im deutschen Mittelstand?
Steffen Roos:
Nachhaltigkeit ist in vielen Branchen gerade wieder sehr hoch auf die Agenda gebracht worden. Nicht zuletzt der aktuelle Druck auf die Rohstoffversorgung sorgt dafür, dass man sich mit der Frage nach einem nachhaltigeren Wirtschaften ganz ad hoc auseinandersetzen muss. Grundsätzlich wurde aber auch schon in den letzten Jahren in vielen Unternehmen die Erkenntnis gewonnen, dass Nachhaltigkeit nicht nur kaufmännisches Handeln zur nachhaltigen Gewinnoptimierung bedeuten darf. Wir sehen sehr viele, sehr unterschiedliche Initiativen in vielen Branchen, deren Unternehmen sich ambitionierte Ziel gesetzt haben. Wirklich überraschend ist es nicht, dass etablierte Wertschöpfungsketten und tradierte Ideen in fast allen Industrien unter Druck geraten sind – auch durch die gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die das Thema „Nachhaltigkeit“ in all seinen Facetten, insbesondere aber im Kontext ökologischer Nachhaltigkeit, erfahren hat. Der Stellenwert ist also bereits relativ hoch und wird sicher noch höher werden, je mehr Transparenz für die Lieferketten und die CO2-Bilanz von Unternehmen geschaffen wird.

ITM: Welche Faktoren beeinflussen diesen Stellenwert? Welche Rolle spielt dabei etwa die Corona-Krise?
Roos:
Gerade hier in Mitteleuropa ist einer der wichtigsten Einflussfaktoren die gesellschaftliche Relevanz des Themas. Wir sind insoweit gesegnet, als dass wir meist keine Angst haben müssen, dass uns als Folge des Klimawandels das Haus weggespült wird oder unsere Kinder alte Batterien in unseren Vorgärten recyclen müssen. Je stärker unser Bewusstsein wird, dass wir eine Verpflichtung gegenüber unseren Mitmenschen und den nachkommenden Generationen haben, wird das Thema im Stellenwert immer mehr zulegen. Sicherlich in unterschiedlicher Geschwindigkeit je nach Branche, aber insgesamt ist der Trend unumkehrbar. Die Corona-Krise hat sicher einen großen Schub im Kontext einer sich verändernden Arbeitswelt gebracht. Weg vom klassischen „White Collar“ hin zum Homeoffice. Jetzt ist die Frage zu beantworten, wie viel Reisetätigkeit in Büros, zu Meetings, Messen usw. es in Zukunft überhaupt noch geben muss. Was kann durch Remote Work ersetzt werden und wie kann dieses deutlich nachhaltiger gestaltet werden. Denn die Verlagerung hin zum dezentralen Arbeiten bringt weitere Fragestellungen mit sich: Die Netze verbrauchen Strom, Kollaborations- und Videokonferenz-Tools benötigen teilweise sehr große Mengen an Energie. Da sind wir sicher noch am Anfang der neuen Normalität.

ITM: Wie lassen sich die CO2-Emissionen eines Unternehmens konkret messen?
Roos:
Das hängt immer sehr stark vom Geschäftsmodell des Unternehmens ab. Gibt es Produktionsstätten? Gibt es verteilte Vertriebsstätten? Wie sehen die Lieferketten aus? Wie werden die Produkte verwendet? Wie werden sie am Ende ihres Lebenszyklus entsorgt? Ein gutes Framework, um hier wirklich alle Effekte einzurechnen, ist das Greenhouse Gas Protocol, das es ermöglicht, Treibhausgasemissionen einheitlich zu bilanzieren. Wir haben in unseren Projekten festgestellt, dass sich die direkten Emissionen meist recht leicht erfassen und messen lassen. Wesentlich komplexer wird es bei den indirekten Emissionen, die z.B. aus der Herstellung, dem Transport eingekaufter Güter oder der Verteilung und der Nutzung der eigenen Produkte oder der Entsorgung von Abfällen entstehen. Auch Emissionen aufgrund von Geschäftsreisen sowie der Nutzung der eigenen Produkte gehören dabei dazu. Im Kontext digitaler Produkte fehlen oft sogar Berechnungsmodelle und Erfassungsmöglichkeiten zu Emissionen einzelner Services, die auf großen digitalen Plattformen betrieben werden.

ITM: Was trägt besonders stark zu hohen CO2-Emissionen bei?
Roos:
Auch hier kommt es auf das Geschäftsmodell an. Natürlich liegen viele Emissionen in Travel und Transport. Meist jedoch sind die wirklich großen Emittenten in den Kerngeschäftsprozessen verborgen, also rund um Produktion, Vertrieb und Nutzung sowie Entsorgung der Produkte. Und natürlich gilt die einfache Rechnung: Je mehr regenerierbare Energie verwendet wird, desto weniger direkte Emissionen habe ich. Wie angesprochen ist das aber erst der erste Teil der Wegstrecke, da ich mir als Unternehmen um alle direkten und indirekten Emissionen Gedanken machen muss.

ITM: Wo sollten Unternehmen demnach als erstes ansetzen, wenn sie nachhaltiger werden wollen?
Roos:
Unternehmen sollten eine klare und nachhaltige Strategie aufsetzen und in der Unternehmensstrategie verankern. Ein klares Zielbild muss mit Ambitionen und Maßnahmen verknüpft werden. Diese Maßnahmen müssen kontinuierlich auf ihren Erfolg hin gemessen werden. Wir empfehlen hier einen Sechs-Punkte-Plan, der eine Zielbilddefinition vorsieht sowie die Erhebung des CO2-Fußabdrucks bzw. die Hinterfragung schon erhobener Fußabdrücke. Anschließend werden Maßnahmen mit Ambitionen versehen und aufgesetzt sowie eine Governance mit einem begleitendem Change-Management-Prozess etabliert.

ITM: Welche Rolle spielen beispielsweise Device Refurbishment, erneuerbare Energien oder E-Mobilität?
Roos:
Es gibt meist keinen Stein der Weisen oder um mit Paracelsus zu sprechen, ist alles ein Gift, allein die Dosis macht den Unterschied. E-Mobilität kann helfen, allerdings wissen wir noch zu wenig über die Entsorgung der Akkus. In Städten verteilte E-Scooter, die abends von Sprintern eingesammelt und zum Laden gebracht werden, ist sicher nicht die E-Mobilität der Zukunft. Erneuerbare Energien sind sehr hilfreich und hier sind wir sicher noch nicht am Ende der Entwicklung angekommen. Was aber wirklich eine ganz große Rolle spielen kann, ist „Reparieren“. Wir haben es in der ersten Welt aktiv verlernt, Dinge zu reparieren und so länger zu nutzen. In solchen Kontexten sehe ich übrigens gerade den deutschen Mittelstand mit „german quality“ immer mit einem gewissen Wettbewerbsvorteil ausgestattet.

ITM: Welche Hürden müssen Mittelständler oftmals meistern?
Roos:
Vielen Mittelständlern fehlt eine klare Strategie, zusätzlich sind sie oftmals in Lieferkettenkonstrukte eingebunden, die nicht mal so eben aufzulösen sind. Oftmals scheitert es auch an der Transparenz über die gesamte Wertschöpfung sowie den notwendigen Rechenmodellen.

ITM: Inwieweit lassen sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander vereinen?
Roos:
Digitale Technologie kann (richtig und mit Augenmaß) eingesetzt viele Emissionen einsparen – so z.B. in der Logistik, in der Produktion oder in spezifischen Anwendungsfällen wie dem technischen Außendienst.

ITM: Welche Fehler machen Unternehmen häufig, die durch Digitalisierung nachhaltiger werden möchten?
Roos:
Ein Fehler ist es sicherlich, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen und der Marketingabteilung zu überlassen. Es muss absolut vermieden werden, dass der Eindruck entsteht, hier wolle sich ein Unternehmen grün waschen. Die Konsumenten und Geschäftspartner verstehen das sehr genau und direkt und es endet immer in kommunikativen Desastern. Es sollte daher nicht der Fehler gemacht werden, das Ganze nicht zur Chefsache zu machen.

ITM: Inwieweit können externe Berater bei der Erstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie Hilfe leisten?
Roos:
Externe Berater haben Berechnungsmodelle und Erhebungs-Tools für den Fußabdruck. Sie bringen Erfahrung in der Bewertung von Verbesserungshebeln und -maßnahmen mit und kennen sich mit der Etablierung von Nachhaltigkeitsprogrammen aus. Diese Erfahrungen haben die meisten Unternehmen nicht in ihren eigenen Reihen. Zudem kann ein Blick von außen Herausforderungen und Lösungsansätze zu Tage befördern, die von innen niemals sichtbar sind.

ITM: Wie bemüht sich Ihr Unternehmen, den eigenen CO2 Footprint möglichst gering zu halten?
Roos:
Entsprechend unseres Geschäftsmodells haben wir als Unternehmensberatung zwei große Hebel: unsere Büros und unsere Reistätigkeit. Wir ziehen gerade vermehrt in kleinere Bürostandorte um und überprüfen unser Mobilitätskonzept. Ich selbst reise z.B. innerdeutsch nicht mehr mit dem Flieger zum Kunden, sondern nutze die Bahn. Das mag nach wenig klingen, in der Summe macht es jedoch einen massiven Unterschied.

Bildquelle: Detecon

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