Thomas Boele hält es für wichtig, dass deutsche Mittelstandsunternehmen offener gegenüber Technologien wie (C)PaaS, Cloud-Services oder ML werden.
ITM: Herr Boele, inwieweit können sich Mittelständler während der Pandemie auf ihre Software-Teams stützen, um Prozesse kurzfristig zu digitalisieren?
Thomas Boele: Viele Unternehmen haben während der Pandemie bewiesen, dass sie – so es die äußeren Bedingungen verlangen – sehr schnell in der Lage sind, die eingetretenen Pfade zu verlassen. Viele sind mehr oder minder von einem Tag zum anderen in den Working-from-Home-Modus gewechselt, Geschäfte konnten plötzlich online abgewickelt werden und alternative Zahlungsmethoden waren kein Problem mehr. Einige Technologien werden sich sicherlich auch über die Krise hinaus nachhaltiger Beliebtheit erfreuen. Denken Sie dabei z.B. an die neuen Möglichkeiten in Sachen „Customer Experience“ wie Chatbots, Kunden-Feedback-Systeme oder Cloud-basierte Contact Center. Auch Technologien, die das „New Normal“ im (Arbeits-)Leben der Mitarbeiter oder Studenten erleichtern, werden bleiben, wie beispielsweise Inhalts- und Lernplattformen, Video-Conferencing oder Plattformen zum Management von Humankapital wie Workday oder Successfactors. Unternehmen, die den Umstieg auf diese Möglichkeiten gemeistert haben, unterscheiden sich von den weniger erfolgreichen meistens durch ihren Umgang mit dem Thema „Software“: Diese digitalen Champions verfügen eher über eine Haltung, die ich als Software- oder Builder-Mentalität bezeichnen würde. Sie arbeiten auf strategischer Ebene mit ihren Inhouse-Entwicklern oder Partnerunternehmen zusammen und räumen der Software-Entwicklung generell einen höheren Stellenwert und mehr Teilnahme ein. Und das ist heute essentiell: Jedes Unternehmen, das nicht nur überleben, sondern auch erfolgreich sein will, muss verstehen, wie es durch die Entwicklung von Software innovativ werden kann.
ITM: Welche Stolpersteine haben Sie hier zuletzt häufig gesehen?
Boele: Es wäre sicherlich einfacher, wenn die Entscheidungsträger im Umgang mit der Digitalisierung etwas mehr Bereitschaft zum Wandel an den Tag legen würden. Das besagt auch eine aktuelle Studie von McKinsey, laut der sich deutsche Unternehmen viel stärker neuen Technologien zuwenden müssen, um erfolgreich zu sein. Gerade der deutsche Mittelstand, besonders der Industriesektor, der sehr erfolgreich im klassischen Geschäft ist, steht momentan am Scheideweg und braucht für den langfristigen Erfolg mehr Software-Kompetenz. Eine Mehrheit der Befragten steht neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) zu skeptisch gegenüber. Um jedoch im internationalen Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben, ist es für deutsche Mittelstandsunternehmen wichtig, offener gegenüber Technologien wie (C)PaaS, Cloud-Services oder Machine Learning (ML) zu werden. Es liegt so viel Potenzial darin, eine nachhaltige Builder-Mentalität im Unternehmen zu etablieren, die Entwicklungsprojekte wieder selbst in die Hand zu nehmen und Dienste rund ums Kerngeschäft eigenständig zu entwickeln. Unternehmen sollten spätestens nach der Pandemie erkannt haben, dass der Software-Entwicklung und namentlich der Profession des Software-Entwicklers bzw. der Entwicklerin ein hoher Stellenwert für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zukommt. Das betrifft nicht nur Technologieunternehmen, sondern buchstäblich alle Branchen. Gerade unter Geschäftsführern in deutschen Mittelstandsunternehmen mit den Schwerpunkten „Fertigung“ und „Produktion“ ist dieser Gedanke noch sehr fremd. Zwar hat man sicher die Chancen der Digitalisierung heute prinzipiell erfasst, aber die Rolle, die diejenigen Menschen für die Zukunft und die Innovationskraft von Unternehmen spielen können, die die Digitalisierung unmittelbar „bauen“, ist noch kaum berücksichtigt. Es gibt keinen Grund, wieso man z.B. in den Bereichen „Customer Experience“ oder „Customer Relationship Management (CRM)“ nicht die gleichen Qualitätsmaßstäbe ansetzen sollte wie bei den eigenen Kernprodukten.
ITM: Warum gibt es empfindlichen Handlungsbedarf beim deutschen Mittelstand gerade im Hinblick auf Software?
Boele: Es geht, wie schon gesagt, um die Etablierung eines nachhaltigen Software-Mindsets im Unternehmen. Dieses Software-Mindset lässt sich grob verallgemeinernd wie folgt beschreiben: Kunden zuhören, schnell potenzielle Lösungen für ihre Probleme entwickeln („Prototyping“), konkretes Feedback bekommen und dann ständig iterieren, um Verbesserungen zu erreichen. Ein Beispiel für diese grundsätzlich andere Herangehensweise ist Tesla, das sich von vielen deutschen Autobauern dadurch unterscheidet, dass es Software statt Blech in den Mittelpunkt stellt, wodurch ein entscheidender Unterschied entsteht: Es wurde zuerst das komplette und durchgängige Betriebssystem inklusive Rechnerarchitektur für das komplette Fahrzeug entwickelt, anstatt viele einzelne Baugruppen miteinander zu kombinieren – hinter dem großen Screen steht Software, die jederzeit nach Kunden-Feedback angepasst werden kann. Dadurch entstehen ganz andere, flexiblere und individuelle Möglichkeiten, den Kundenwünschen und Marktanforderungen entgegenzukommen.
ITM: Wie können Mittelständler die Transformation zu einem zukunftssicheren Softwarekonzern vollziehen?
Boele: Mein Tipp an Mittelständler ist: Own your own destiny! Denn (eigene) Software steht für Einzigartigkeit und schnelle Adaptionsfähigkeit an sich verändernde äußere Bedingungen und sorgt somit für Wettbewerbsvorteile. Die Integration intelligenter Microservices, wie beispielsweise Omnichannel-Konversationen, One-Time-Passwords und programmable Voice via APIs hilft mittelständischen Unternehmen, sich auf ihre Kernkompetenzen zu fokussieren und Komplexitäten zu vermeiden. Auch sollten sich mittelständische Unternehmen über die Möglichkeiten im Klaren sein, die sich durch eine komplett digitalisierte Customer Experience Journey eröffnen. Ich spreche hier z.B. von Omnichannel-Kommunikation, Conversational AI und voll programmierbaren Contact Centern mit der Möglichkeit, die unterschiedlichsten CRM-/Support-Systeme zu integrieren. Mitarbeiter müssen nicht mehr mit bis zu vier verschiedenen Konsolen parallel arbeiten, um alle relevanten Daten zu ihrem Fall einsehen zu können. So kann Kunden schnell und effizient geholfen werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: hohe Kundenzufriedenheit und mehr Effizienz für das Unternehmen.
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