Dank verschiedener Finanzierungsmodelle ist 3D-Druck auch für kleine und mittelständische Unternehmen erschwinglich.(( Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))
Artur Steffens Nähe und Begeisterung für die Start-up-Szene treiben ihn auch bei seinem Unternehmen an. ((Bildquelle: iFactory3D))
Serkan Katilmis ist ein Tech-Unternehmer und -Investor mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Unternehmensberatung.((Bildquelle: Chashonledger))
Als Wirtschaftschemiker mit sieben Jahren Erfahrung bei Bayer ist Martin Huber ein Experte für Polymere, Software-Entwicklung und 3D-Druck. ((Bildquelle: iFactory3D))
ITM: Herr Huber, Herr Steffen, welche Vorteile und Möglichkeiten bietet 3D-Druck für den deutschen Mittelstand?
Huber: Ein bedeutender Vorteil von 3D-Druck ist vor allen Dingen die Unabhängigkeit von externen Lieferanten, die man damit erlangt. Man kann sich seine Teile selbst herstellen. Das kann erstmal im Prototyping beginnen und dann weitergehen bis in die Serie.
Steffen: Aus meiner Perspektive hat vor allem die Serienproduktion im additiven Bereich ein hohes Wachstums- und Entwicklungspotenzial. Der Status quo von 3D-Druck in der Industrie beläuft sich auf gerade einmal 0,02 Prozent und die vornehmlich genutzten Modelle sind schlichtweg nicht darauf ausgelegt, mit der Massenfertigung wie Spritzguss zu konkurrieren. Jedoch zeigen allgemeine Trends und Umfragen die Bereitschaft, 3D-Druck immer mehr in Produktionsprozesse zu integrieren, und der Markt reagiert mit darauf ausgerichteten 3D-Modellen – in unserem Fall: 3D-Fließbanddruck.
ITM: Für welche Branchen sind 3D-Fließbanddrucker interessant und warum?
Huber: Besonders interessant sind erstmal alle Branchen, die aktiv produzieren, die physische Gegenstände auf Kunststoffbasis herstellen. In diesem Bereich sind vor allem die Unternehmen für die Integration des 3D-Fließbanddrucks prädestiniert, die sich im Kleinserienbereich bewegen. Bis zu 50.000 Stück pro Modell lassen sich mit einem 3D-Fließbanddrucker zeitnah und flexibel drucken – und das oft mit erheblichen monetären Einsparungen, nicht zuletzt auch wegen effizienter Materialnutzung und wegfallender Lieferkosten. Die beiden letzten Punkte sprechen deutlich für den 3D-Fließbanddruck, wenn man sein Unternehmen in Richtung „Nachhaltigkeit“ aufrüsten möchte.
Steffen: Aus unserer Erfahrung sehen wir auch sehr viele Branchen, die CNC-lastig sind und mithilfe unseres 3D-Fließbanddruckers disruptiv beeinflusst werden können. Beispielsweise wird bei orthopädischen Schuheinlagen 80 Prozent des für die Sohlen benötigten Materials weggeschliffen und kann nicht recycelt werden. Mit dem 3D-Druck, und speziell mit dem 3D-Fließbanddruck, kann eine Produktion mit 0 Prozent Ausschuss angestrebt werden.
ITM: Mit welchem finanziellen Aufwand müssen Unternehmen bei der Neuanschaffung bzw. Nutzung eines 3D-Druckers in ihrem Betrieb rechnen?
Huber: Es fängt natürlich erstmal an mit den Anschaffungskosten des eigentlichen 3D-Druckers, also der reinen Hardware. Für den Betrieb kommt spezielles Material dazu, in den meisten Fällen kunststoffbasiertes Filament, aber auch Schulungen bzw. die Einstellung von Mitarbeitern. Die Wartung und das Neuaufsetzen der Drucker für neue Projekte nehmen je nach Expertisegrad einige Zeit in Anspruch, und schlägt sich auch in den Prozesskosten nieder, vor allem wenn man neu im 3D-Druckbereich ist.
Steffen: Genau, da bewegt man sich angefangen bei ein paar 100 Euro schnell mal bis zu einem höheren fünfstelligen Betrag, je nach Anwendungsfall des Unternehmens. Die Geräte schlagen dann ebenfalls zu Buche: Bei Maschinen mit industriellem Anspruch, also einer kalkulierbaren Verlässlichkeit, muss für den Einstieg auch mit mehreren 1.000 Euro pro Gerät gerechnet werden.
ITM: Inwieweit eignen sich für die Anschaffung bzw. Nutzung von 3D-Druckern die Finanzierungsmodelle „Pay-per-Use“ und „Asset as a Service (AaaS)“?
Huber: Dass man mit diesen Finanzierungsmodellen nur den tatsächlichen Outcome bezahlt, also pro gedrucktem Objekt, hat natürlich einen großen Vorteil für die Kalkulation. Je nach Auftragslage gestaltet sich auch die Auslastung des Druckers und die Produktionskosten sind sofort gedeckt. Das Risiko, in Vorkasse gehen zu müssen, wird absolut minimiert. Das ist natürlich für kleine Unternehmen mit innovativen Produkten, die es am Markt noch auszutesten gilt, extrem attraktiv. Trotzdem behält man sich eine Unabhängigkeit vor, kann direkt auf kleinste Änderungen reagieren und ist bei der Zukunftstechnologie 3D-Druck direkt dabei. Dafür sind AaaS-Modelle ideal geeignet, im Gegensatz zum Outsourcing an einen 3D-Druckservice beispielsweise.
Steffen: Ich habe einige auch größere Firmen über die Zeit kennengelernt, die sich teilweise große Mengen an 3D-Druckern angeschafft haben, wovon viele bisweilen ungenutzt im Lager liegen. Solche Fälle lassen sich mit AaaS vermeiden, und das vorhandene Kapital kann in andere Gerätschaften oder förderliche Mittel investiert werden, um die Firmen voranzubringen. Besonders im 3D-Druck kam es in der Vergangenheit zu Fehlinvestitionen, einfach weil der Hype vor einigen Jahren extrem groß war, aber die Expertise, die Technologie gewinnbringend einzusetzen, war noch nicht ausgereift. Sprich, auf dem Arbeitsmarkt waren und sind teilweise 3D-Druckexperten Mangelware. Und was nützt die neueste Technik, wenn man sie nicht richtig einsetzen kann? Bei Pay-per-Use wird die Bindung zum Hersteller mitgeliefert, und um befriedigende Ergebnisse zu erhalten, kann der direkte Kontakt in Form von Schulungen online und vor Ort genutzt werden. Zudem fällt die Wartung in die Nutzungsverträge, kann so optimal in die Prozesse integriert werden und wird von den Fachleuten, also den Herstellern selbst, übernommen.
ITM: Welche Vor- bzw. Nachteile haben Pay-per-Use und AaaS konkret für kleine Firmen oder Start-ups, aber auch für die Anbieter bzw. Hersteller?
Steffen: Die Vorteile für die Benutzer lassen sich einfach aufzählen: finanzielle Flexibilität, kein langgebundenes Kapital mit laufenden Abschreibungen, Übersichtlichkeit der Kosten, schnelles Wachstum und Raum für Innovation in der Produktentwicklung. Ein Nachteil ist sicher der höhere Preis im Vergleich zur einmaligen Eigenanschaffung. Wenn man bereits einige Erfahrung hat, verfügbares Kapital, ein sicheres Produkt und direkt mit sehr hohen Stückzahlen arbeitet, ist AaaS nicht die richtige Methode. In solchen Fällen würden wir zum Spritzgussverfahren raten, bei kleineren Serien zur Anschaffung einer eigenen 3D-Druckfarm. Für diese Farm braucht man aber kompetentes Personal bzw. einen zeitlichen Spielraum, sich mit allen Parametern für einen optimalen Produktionsprozess auseinanderzusetzen. Wenn nicht all diese Voraussetzungen gegeben sind, sollte man die Möglichkeit von AaaS für die Anschaffung vorab durchspielen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sich manchmal schneller lohnen würde, als zuerst angenommen.
ITM: Wie sehen Sie das als Anwender, Herr Katilmis?
Katilmis: Mit Asset as a Service erhält man als Kunde Sicherheit. Denn im Pay-per-Use-Modell errechnet sich die Gebühr nutzungsbasiert, z.B. pro Ausdruck. Das heißt, der Kunde muss nicht von Anfang an für die Spitze planen, sondern kann seine Produktion skalieren und zahlt erst dann mehr, wenn er auch mehr produziert. Diese Kosten dürften dann aber durch höhere Einkünfte aus den hergestellten Produkten gedeckt sein. Auch wenn in den meisten Fällen die Kosten pro produzierter Einheit bei durchschnittlicher oder erhöhter Auslastung etwas höher sein werden, der Benutzer profitiert trotzdem weiterhin. Wenn Maschinen nicht ausgelastet sind, fungiert AaaS quasi als Versicherung und sorgt dafür, dass die Kostenstruktur des Benutzers flexibler und liquiditätsschonender ist, wenn die Zahl der Verkäufe oder Bestellungen sinkt. Zudem erhält man als Kunde einen gewissen Komfort. Im Pay-per-Use-Geschäftsmodell übernimmt letztlich der Hersteller die komplette Verantwortung für die Instandhaltung einer Maschine – der Benutzer zahlt ausschließlich für die Nutzung der Maschine bzw. der produzierten Teile und kann sich voll auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Ausfallzeiten haben aufgrund der nutzungsbasierten Abrechnung keine Auswirkungen auf den Kunden. Trotzdem profitiert selbstverständlich auch der Hersteller: Er erreicht neue Kunden und generiert Umsatz, und die intensive Kunde-Hersteller-Beziehung liefert wertvolle Einblicke für Qualitätssicherung, Kundenservice und Produktentwicklung. Dem Hersteller gibt das AaaS-Geschäftsmodelle den Anreiz zur Herstellung von belastbareren und langlebigeren Maschinen, die über möglichst lange Zeiträume, auch unter starker Beanspruchung, Einnahmen generieren. Letztendlich können AaaS-Geschäftsmodelle zu einer effizienteren Ressourcennutzung führen und einen signifikanten Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und der branchenübergreifenden Nachhaltigkeit leisten.
ITM: Welchen Beitrag leistet in diesem Zusammenhang die geplante Kooperation zwischen iFactory3D und Cashonledger?
Katilmis: Wir bieten die technische Infrastruktur, um datengetriebene Geschäftsmodelle für Industrie 4.0 zu ermöglichen. Durch die Nutzerdaten erhält iFactory3D Informationen über den Einsatz und die Kosten der gemieteten Drucker und kann die Tarife, je nach Anforderung des Kunden, entsprechend flexibel gestalten. Beispielsweise kann sich die monatliche Rate nach der Nutzung bzw. Abnutzung und somit dem zu erwartenden zukünftigen Restwert des 3D-Druckers richten. Die Nutzungsdaten werden an Cashonledger geschickt, wo die Datensätze ausgelesen und nach dem gewünschten Abrechnungsmodell sortiert werden. Dann erfolgt die Rechnungsstellung, die zeitgleich in das System von iFactory3D übertragen wird. Das heißt, die Rechnungserstellung wird für Unternehmen, die normalerweise wenige, dafür aber hohe Rechnungen ausstellen, trotz der monatlichen Rechnungen nicht teurer, weil sie über Cashonledger – als dezidierter Anbieter von Abrechnungsprozessen – stattfindet. Der Vorteil sowohl für den 3D-Druckerspezialisten als auch die Pay-per-Use-Kunden: Künftig können Bezahltransaktionen mittels der Blockchain-Technologie ohne Papierkram und Personalaufwand in einem automatisierten Zahlungsvorgang ablaufen, der den Maschineneinsatz direkt mit dem Finanzkreislauf verbindet. Das Backoffice kann sich wichtigeren Aufgaben widmen. Sowohl Hersteller als auch Käufer sichern ihre Liquidität – gerade in Krisenzeit kann dies ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein. Und die Banken, die das wirtschaftliche Risiko übernehmen, profitieren durch Pay-Per-Use von neuen renditebringenden Anlageklassen. Dank des Pay-per-Use-Modells und der Kooperation können neue Kundengruppen angesprochen werden, die zuvor aufgrund von Kapitalbeschränkungen oder Investitionshürden nicht erreichbar waren. Und die Verfügbarkeit von Nutzungsdaten ermöglicht eine noch nie dagewesene Transparenz über die generierten Zahlungsströme sowie den Zustand und den gesamten Lebenszyklus der Anlage. Der 3D-Druckerspezialist kann so die Wartung und Instandhaltung gezielt steuern und wertvolle Erkenntnisse über die zu erfüllenden Anforderungen erhalten, die wiederum in neue Produktdesigns einfließen können. Wir sehen AaaS als Win-win-win-Situation: großer Nutzen für Nutzer, Hersteller und Investoren und es hat das Potenzial, die Wertschöpfung in verschiedenen Branchen wirklich nachhaltig zu verändern.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Steffen: Man kann sagen: Wir bauen Brücken. Mit unserer Kooperation tragen wir dazu bei, dass Leute überhaupt erst einmal von diesen Innovationen – sowohl bei Technologie als auch bei Finanzierungsmodellen – erfahren und die Möglichkeiten entdecken, die sie für den Auf- oder Ausbau ihres Unternehmens haben. Durch diese Verbindung wird es sicherer, in neuartige Technologie zu investieren, und wenn sich solche Pay-per-Use-Modelle in dieser Branche bewiesen haben, stehen auch die Türen in weiteren Branchen offen. Wir denken, dass sich die Art, wie expandiert und gewirtschaftet wird, immer stärker vom klassischen Kauf und Besitz hin zu agileren Modellen wie eben AaaS bewegen wird. In Zeiten von Energiekrise und Klimawandel wird es immer wichtiger, Ressourcen schonend und vorausschauend einzusetzen und den Markt nicht weiter mit Einzelobjekten zu überschwemmen, die möglicherweise nicht oder nicht optimal genutzt werden. Und speziell im 3D-Druck sehen wir den riesigen Vorteil, dass eben miteinander gelernt werden kann. Wir verstehen in direkter Verbindung mit dem Kunden noch besser, was er sich wünscht und wo er vielleicht eine auf ihn zugeschnittene Lösung braucht. Gleichzeitig lernt der Kunde, sich mit dem doch weitreichenden Feld von 3D-Druck auseinanderzusetzen. Er gewinnt an Erfahrung, um Nuancen zu erkennen, welche Druckerart für welches Objekt geeignet ist, und kann anhand dessen selbständig expandieren – und das alles, ohne das Risiko, sich zu verkalkulieren und zu viel Geld auf einmal zu investieren.
ITM: Welche Herausforderungen sind zugleich damit verbunden?
Steffen: Die größte Herausforderung sehe ich eigentlich direkt zu Beginn, beim Umdenken: die fest verankerten Systeme wie Direktkauf, Finanzierung oder Leasing aus dem Kopf zu hebeln und Platz für Pay-per-Use und dessen Anwendbarkeit zu machen. Diese Art ist momentan eigentlich nur für Software geläufig, und da sehen wir die Schwierigkeit, dass dieser Transfer auf physische Maschinerie möglicherweise nicht direkt gelingt. Aber durch Aufzeigen der Vorteile, die sich dafür ergeben können, hoffen wir, genügend progressive Kunden zu erreichen und mit ihnen dieses Finanzierungsmodell am Markt zu etablieren. Eine andere Herausforderung ist die Voraussetzung einer ausreichenden Dokumentation, sodass auch präzise abgerechnet und kalkuliert werden kann. Ein detaillierter Vertrag ist notwendig, um AaaS für alle Beteiligten vorteilhaft nutzen zu können. Was die Dokumentation angeht, ist 3D-Druck quasi prädestiniert für AaaS. Die Nutzung lässt sich einfach anhand der Laufzeit ausrechnen, zudem ist der Zugriff auf die Betriebsdaten einfach möglich. Zuletzt kann natürlich auch festgelegt sein, nach gedrucktem Objekt abzurechnen – und auch das lässt sich sehr einfach nachverfolgen.
Katilmis: Auf Kundenseite ist eine Pay-Per-Use-Implementierung mit einigen Veränderungen verbunden. Durch die dynamische Abrechnung wird die Kostenplanung erschwert. Desweiteren besteht ein Spannungsfeld zwischen „User“ und „Chooser“: In der Regel hat der Maschinenbediener keine Prokura für ein Unternehmen, verursacht nun aber durch sein Handeln direkt messbare Kosten. Hier müssen daher Mechanismen integriert werden, die eine Kostenkontrolle bzw. Kostenbremse erlauben. Im Prinzip können hier die Mechanismen verwendet werden, wie sie auch bei Handys und Mobilfunkverträgen für Minderjährige Anwendung finden. Selbst ein vom Vorgesetzten freigegebenes Kontingent à la „Prepaid“ ist denkbar.