„Um das erlernte Wissen schnell zu erproben, eignen sich Pilotprojekte, in denen man sich in einem abgegrenzten Rahmen ausprobieren und Erfahrungen sammeln kann“, so Thomas Heinevetter.
ITM: Herr Heinevetter, welche neuen Skills und Kompetenzen im IT-Bereich sind mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung der Prozesse vor allem gefragt?
Thomas Heinevetter: Bei den fachlichen Skills ist der Bereich „Cyber Security“ sehr gefragt. Er gehört zwar nicht mehr zu den neuen Kompetenzen, steht aber aktuell an erster Stelle. Der Erfolg eines Unternehmens im digitalen Wandel hängt maßgeblich von der richtigen Datenstrategie ab. Somit gewinnt Data Management an Bedeutung und ein kompetenter Umgang mit Daten gehört bald zu einer der Schlüsselfähigkeiten eines jeden Angestellten. Transformationsmanagement ist ebenfalls eine wichtige fachliche Fähigkeit, denn die Digitalisierung ist eine einschneidende Veränderung, die es zu steuern und managen gilt. Unter dem Begriff „Citizen Development“ erstellen technisch versierte Leute aus den Fachbereichen mit No-Code- oder Low-Code-Plattformen auf sehr einfachen Wegen neue Applikationen nach dem Baukastenprinzip. Als Experte ihres Fachbereichs kennen sie die Prozesse dahinter sehr gut und können so den Mangel an IT-Fachkräften teilweise ausgleichen. Wir sehen, dass zunehmend Gestaltung, Unternehmertum und Innovationskraft gefragt sind. Daher werden persönliche und methodische Skills wie Kundenorientierung, Kommunikationsfähigkeit, Eigenverantwortung, Kreativität, Umgang mit Komplexität, Agilität sowie Kooperationsfähigkeit immer wichtiger.
ITM: Worauf sollten mittelständische Unternehmer achten, wenn sie die eigene Belegschaft im Bereich „IT“ schulen und „mitnehmen“ wollen? Und in welcher Form lassen sich diese Skills am besten vermitteln?
Heinevetter: Am Anfang sollte der Aufbau eines Rollen- und Kompetenzmodells stehen. Das Kompetenzmodell beschreibt die erforderlichen fachlichen und methodischen Fähigkeiten. Die Rollen beschreiben die notwendigen spezifischen Kompetenzen und Anforderungen, die an eine Aufgabe geknüpft sind. Diese Modelle gleicht man danach mit den vorhandenen Skills der Mitarbeiter ab, um eventuelle Lücken zu ermitteln. Der daraus resultierende Trainings- und Schulungskatalog sollte aus Bausteinen bestehen, der sowohl rollenspezifisch als auch rollenübergreifend ist. Dabei empfiehlt sich eine Kombination aus extern und intern durchgeführten Trainings. Die externen Schulungen sollten spezielle fachliche oder persönliche Themen für Einzelpersonen abdecken, während interne Trainings ideal zur Durchführung in Gruppen geeignet sind, um Lernerfolge in einem gemeinsamen Austausch an konkreten Herausforderungen zu erproben. Ein weiterer wichtiger Baustein im Bereich „Training“ ist, Menschen aus dem eigenen Betrieb als Trainer einzusetzen. Hierfür kann man ein Train-the-Trainer-Konzept aufbauen. Außerdem können sogenannte Knowledge Nuggets helfen. Dabei handelt es sich um kurze Videos, in denen Wissen verständlich weitergegeben wird und die die Mitarbeiter sich immer wieder anschauen können. Sie sollten in die Ermittlung des Trainingsbedarfs und die Auswahl der Trainings miteinbezogen werden; eine Bewertungsplattform für Trainings und Trainingsanbieter kann dies ergänzen. Um das erlernte Wissen schnell zu erproben, eignen sich Pilotprojekte, in denen man sich in einem abgegrenzten Rahmen ausprobieren und Erfahrung sammeln kann. Agile Arbeitsweisen mit einer „Fail Fast“-Kultur unterstützen hier den Lernprozess – ohne Angst vor dem Scheitern haben zu müssen.
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ITM: Wie verändert die Digitalisierung die Führungsmodelle im Mittelstand?
Heinevetter: Insgesamt bewegen sich die Führungsmodelle deutlich weg von einer hierarchischen Führung. Das Prinzip des „Servant Leaderships“, also Coaching und Entwicklung statt Steuerung und Kontrolle, wird sich immer mehr durchsetzen. Dazu benötigt es allerdings Empathie, um zu verstehen, was die Menschen brauchen, für die man verantwortlich ist. Außerdem gibt es einen Trend zur Trennung von fachlicher und disziplinarischer Führung. Die fachliche Führung, genannt „Product Lead“, leitet die Entwicklung von Produkten und Services. Die disziplinarische Führung oder „People Lead“ trägt nicht nur die Verantwortung für Urlaub, Gehalt und Beförderung, sondern auch für die Weiterentwicklung der Kompetenzen im Team. Daher werden die „People Leads“ häufig ebenfalls nach fachlicher Kompetenz organisiert.
Bildquelle: Kobaltblau Management Consultant GmbH