„Oft stellen wir sogar eine Überlizenzierung fest“, meint Friedrich Förster, Account Manager Mittelstand bei Comparex.
ITM: Herr Förster, steigen mittelständische Unternehmen im Lizenzierungsdschungel ihrer verwendeten Softwarelösungen und Applikationen stets durch oder herrscht viel Unwissenheit bzw. Aufklärungsbedarf?
Friedrich Förster: Viele Mittelständler starten als kleinere Unternehmen mit Open-Source- oder günstigen Kleinstapplikationen. Das ist bis zu einer gewissen Unternehmensgröße überschau- und administrierbar. Denn die günstige Beschaffung der Produkte wiegt den Administrationsaufwand auf. Je mehr Mitarbeiter und Geräte es jedoch werden, desto eher haben es die IT-Verantwortlichen mit einem ganzen „Zoo“ aus Herstellern, Verträgen, Lizenzvereinbarungen und Geräten zu tun. An diesem Punkt wiegt der niedrige Beschaffungspreis den Zeit- und Dokumentationsaufwand nicht mehr auf. Klassischerweise ist das der Zeitpunkt, an dem unsere Hilfe in Anspruch genommen wird.
ITM: Was sind häufige Irrtümer im Bereich „Lizenzierung“?
Förster: „Den“ klassischen Irrtum gibt es eigentlich nicht. Es gibt immer wieder neue Konstellationen aus Nutzern, Hardware und z.B. Firmenkonstrukten, die zu Irrtümern führen. Einen immer wiederkehrenden Fall stellt im Bereich Microsoft-Lizenzierung die sogenannte „CAL“ – Client Access License – dar. Hier kommen Fragen auf wie: Brauche ich als Vertragspartner in einem Projekt Microsoft-Server-CALs, wenn ich auf die Serverstruktur eines ebenfalls am Projekt beteiligten Unternehmens zugreife? Was ist, wenn mein Kunde auf einen gehosteten Serverdienst meiner Firma zugreift?
ITM: Was legen die Hersteller/Software-Anbieter den Lizenzierungspreisen in der Regel zugrunde? Sprich: Wie gestalten sich typische Lizenzierungsmodelle in der Softwarewelt?
Förster: Lizenzpreise und Modelle entstehen im magischen Dreieck zwischen Nachfrage und Nachfrageerwartung, Wettbewerbssituation und natürlich Gewinnstreben. Die Softwarehersteller haben es in den letzten Jahrzehnten gut verstanden, die Produkte künstlich zu „verknappen“, was offenbar ein Absinken der Preislevel verhindern soll. Bestimmte Produkte oder Rabattierungen sind oft nur in größeren Verträgen mit Mindestabnahmemengen erhältlich. Hinzu kommen unübersichtliche Lizenzmodelle, die sich häufig ändern. Durch die Umstellung auf Abo- bzw. Subscription-Verträge wird diese Situation in letzter Zeit aber wieder etwas entschärft und die Gesamtsituation übersichtlicher.
ITM: Heutzutage werden Serverinfrastrukturen, auf denen verschiedenste Software läuft, verstärkt virtualisiert. Welche Rolle spielt dies für den Bereich „Lizenzierung“?
Förster: Die Virtualisierung hat in den letzten Jahren viele Lizenzierungsmodelle verändert. Es gibt aber nach wie vor Hersteller und Vertragsformen, die sich damit schwer tun. Wir sehen bei fast jedem Hersteller andere Ansätze, die Virtualisierung in die eigenen Vertragsmodelle zu integrieren und dabei keine Lizenzverluste zu produzieren. Eine Art „Standard“ oder Königsweg hat sich da noch immer nicht durchgesetzt. Wir kennen die Lizenzierungsmodelle sowie deren Evolution schon seit Jahren und haben bisher gemeinsam mit unseren Kunden noch immer ein passendes Modell gefunden.
ITM: Warum ist die Lizenzierung in virtuellen Umgebungen so schwierig?
Förster: Aufgrund der Vielfalt der Ansätze in den verschiedenen Lizenzierungs- und Vertragsformen ist die Lizenzierung in virtuellen Umgebungen so schwierig. Hier finden sich sämtliche Formen: Lizenzierung pro physischem Server, pro Server und gesteckter CPU, pro VM, pro VM und zugewiesenen virtuellen CPUs – teilweise sogar in Kombination mit verschiedenen Produkten eines einzigen Herstellers. Hinzu kommt bei manchen Produkten eine andere Lizenzberechnung, je nachdem ob „unten drunter“ Prozessoren von AMD oder Intel verbaut sind. Diese Vielfalt hat auch mit dem Übergang von der physischen hin zur virtuellen Serverwelt zu tun. Hier wird ein klarer Schnitt oft mit neuen Releases der Software gemacht. Diese enthalten dann der virtuellen Welt eher angepasste Lizenzbestimmungen. Viele bisher enthaltene Rechte, z.B. Failover beim Microsoft SQL Server, sind seit Version 2014 von der Lizenz in die zugehörige Wartung/Software Assurance gewandert. Für den Kunden bedeutet das zunehmend, dass wenn kritische Infrastruktur virtuell betrieben werden soll, die entsprechenden Lizenzen auch unter Wartung stehen müssen. Dieser Trend wird meiner Einschätzung nach deutlich zunehmen.
ITM: Alte Lizenzformen berücksichtigen oftmals nicht die Möglichkeiten der virtuellen Welt. Wie leicht lassen sie sich anpassen?
Förster: Hier gab es schon immer Grauzonen, z.B. auf der Client-Seite. Wollten Kunden in der Vergangenheit beispielsweise Adobe Acrobat/Pro auf ihren Clients per Remote-Desktop zur Verfügung stellen, war dieser Fall in den Adobe-Lizenzbestimmungen einfach nicht vorgesehen. Hier mussten dann solche Lösungen gefunden werden, dass technisch wirklich nur die Clients oder User die Software nutzen konnten, die auch lizenziert war. Hier gab es also Anpassungen auf der technischen und nicht auf der lizenzrechtlichen Seite. Adobe geht mit seiner Produktiv- und Kreativsoftware konsequent in Richtung Nutzerlizenzierung. Es wird in Zukunft unwichtiger, welches Device oder welche Technologie die verwendete Software darstellt, der User rückt als Fixpunkt immer mehr in den Fokus.
ITM: Wie lässt sich Software in einer beliebigen virtualisierten Umgebung kontrollieren? Welche Verfahren/Tools/Lösungen gibt es zur sinnvollen Verwaltung der Lizenzierung in virtuellen Umgebungen?
Förster: Es gibt verschiedene Anbieter auf dem Softwaremarkt, die sich dieser Thematik annehmen. Da wären als Auswahl Matrix42, Deskcenter, ACMP von Aagon und Symantec mit Altiris zu nennen. Unser Produkt Sam2Go nutzt als Basis unsere Profiler DNA. Es handelt sich um eine Datenbank mit über 10.000 Softwareherstellern und deren Produkten. Wir entwickeln die Profiler DNA seit über 15 Jahren weiter und fügen kontinuierlich die neuesten Produkte hinzu. Unsere Kunden erhalten damit quasi auf Knopfdruck auf einer Art Landkarte ihren ganz individuellen Lizenzierungs- und Compliance-Status im Browser. Als Basis auf Kundenseite nutzen wir flexibel Schnittstellen zu vCenter, SCCM oder anderen vorhandenen Inventarisierungslösungen. Andere Anbieter greifen ebenfalls auf unsere Profiler-DNA-Datenbank zurück – wir aktualisieren vierteljährlich und fügen bis dato nicht identifizierte Softwareprodukte ein.
ITM: Inwieweit sind diese Überprüfungsverfahren von den Softwareherstellern anerkannt?
Förster: Diese Inventarisierungsverfahren sind jeweils dann von den Herstellern anerkannt, wenn auf Kundenseite entsprechende „Awareness“ und Prozesse vorgewiesen werden können. Also einmal alle drei Jahre ein internes Audit zu veranstalten, reicht da nicht aus. In so einem Fall neigen die Hersteller zu detaillierteren Prüfungen. Man muss im Prinzip den Kauf und die Verwendung der Software im Blick behalten und das „wie“ auch nachweisen können. Hier steht die Benennung eines internen SAM- oder Softwareverantwortlichen an erster Stelle. Kleinere Unternehmen können das meist nicht leisten. An diesem Punkt können wir aber unterstützen: Unsere Akademie bietet Kurse an, um Einkauf und IT genau auf diese Thematik hin zu schulen – auf Wunsch auch mit abschließender Tüv-Zertifizierung. Damit gewinnen unsere Kunden ein erhebliches Maß an Sicherheit im Umgang mit dem Thema. Wir sind für die wichtigsten Hersteller auch audit-zertifiziert, falls doch mal ein Hersteller „anklopfen“ sollte, sprich fundierte Lizenzreports verlangt.
ITM: Mit welchen „Strafen“ müssen Mittelständler rechnen, wenn ihre Software nicht ordnungsgemäß lizenziert ist bzw. wie teuer könnte es für einen Mittelständler werden, wenn er in eine Lizenzierungsfalle tappt?
Förster: Strafen gibt es – quer über alle Hersteller gesehen – im ersten Schritt eigentlich nicht. Oft stellen wir sogar eine Überlizenzierung fest! Den Herstellern ist daran gelegen, mit den Nutzern und Kunden in einer guten Geschäftsbeziehung zu stehen. Natürlich gibt es aber Eskalationsmechanismen – von einer Nachlizenzierung abgesehen, können Gebühren für bestellte externe Prüfer anfallen, in schweren Fällen wurde die Softwarenutzung der letzten Jahre vom Hersteller geschätzt und dann in Rechnung gestellt. Das birgt ein hohes Kostenrisiko, vor allem für mittelständische Unternehmen. Man darf nicht vergessen, dass mit Installation einer Software die Lizenzbestimmungen des jeweiligen Herstellers anerkannt werden. Dazu bedarf es keiner weiteren Vereinbarung oder Unterschrift, wie viele glauben. Das einseitige Auditrecht ist in diesen Lizenzbedingungen in der Regel immer enthalten.
ITM: Bedeutet Virtualisierung an sich nicht schon grundsätzlich höhere Lizenzkosten?
Förster: Das kann man so pauschal nicht sagen – in der Gesamtrechnung ist es in den meisten Fällen günstiger. Die Zahl der virtuellen Server pro „Hardwaremaschine“ ist bei einigen unserer Kunden inzwischen so hoch, dass diese Mengen mit physischer Aufstellung „1 Server = 1 Dienst“ nur noch schwer vorstellbar wären. Sie müssten z.B. jeden der physischen Server mit Microsoft-Serverlizenzen ausstatten. Vom Strom- und Ressourcenverbrauch mal ganz abgesehen. So haben wir Anzahl N virtuelle Maschinen pro Server und brauchen dafür bestenfalls nur noch zwei Windows-Server-2012R2-Datacenter-Lizenzen pro Maschine (am besten mit Software Assurance), und alles ist abgedeckt.
ITM: Wie können sich Mittelständler letztlich am besten einen Überblick über ihre Lizenzen in virtuellen Umgebungen verschaffen? Wenden sie sich am besten direkt an die Hersteller/Software-Anbieter oder an eine unabhängige Beratung?
Förster: Die Hersteller selbst haben oft keine Ressourcen für solche Projekte. Eine Ausnahme bildet Oracle: Die haben tatsächlich eigene Licence-Metering-Tools; bei Microsoft gibt es für SQL Server etwas Vergleichbares. Ein gutes Vorgehen ist immer, sich gemeinsam mit einem unabhängigen – und vor allem fachlich geeigneten – Berater einen Überblick zu verschaffen, um dann eine Strategie für die nächsten Jahre festzulegen. An diesem Punkt weiß ich dann als Kunde, was ich habe und wo ich hin will. Allein der Einsatz eines Inventarisierungstools reicht oft nicht. Auch dieses Tool muss von jemandem im Unternehmen gepflegt und befüllt werden. Wie soll ein Softwaretool erkennen, welche User mit einer nutzergebundenen Lizenz einer bestimmten Software versehen sind und welche nicht? Solche Informationen stehen in den Lizenzbedingungen und müssen manuell gepflegt werden.
ITM: Welche Lizenzierungstrends sehen Sie in den kommenden Jahren? Inwiefern wird sich ein einheitliches, auf Virtualisierung abgestimmtes und für den Anwender faires Lizenzmodell durchsetzen? Und wie könnte so ein Modell aussehen?
Förster: Da verlangen Sie einen längeren Blick in die Glaskugel! Aber im Ernst: Ein einheitliches Modell werden wir über die verschiedenen Produkte, Einsatzszenarien und Hersteller wahrscheinlich nicht sehen. Was wir sehen, ist, dass der Nutzer als Fixpunkt auf der Client-Seite immer wichtiger wird. Das bedeutet, wir werden mehr Abomodelle auf Anwenderbasis haben. Umgesetzt ist das u.a. bereits von Adobe mit CCfT und VIP sowie von Microsoft mit den verschiedenen Office-365-Plänen. Die Lizenzierung wird dadurch für den Endnutzer einfacher, da viele Services und Zugriffsberechtigungen (= CALs) in diesen Produkten bereits enthalten sind. Die Lizenzmodelle der großen Hersteller wie z.B. IBM, Citrix, VMware, Microsoft und Oracle werden weiterhin auf der Server-/Infrastrukturseite eher kompliziert bleiben. Gleichzeitig fahren die Hersteller zukünftig den Support für Altprodukte weiter zurück. Dass man in Zukunft für ein Produkt, das vor Jahren mal ohne Wartung gekauft wurde, noch die aktuellsten Patches oder Sicherheits-Updates automatisch und kostenfrei bekommt, wird nicht mehr selbstverständlich sein. Trotzdem bewegt sich alles in Richtung virtueller Serverwelt und die Lizenzprogramme werden beständig besser daran angepasst.