Nachhaltigkeit

„Hardware leistet ja nur, was die Software fordert“

Im Interview erklärt Stephanie Kamp, Green-IT-Spezialistin von Syngenio, warum das Thema „Nachhaltigkeit“ im Zuge der Industrie 4.0 ein zentraler Faktor geworden ist.

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    „Die Effizienz der Digitalisierung selbst gehört mit zur Nachhaltigkeit von Industrie 4.0“, betont Stephanie Kamp. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

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    „Nach einer groben Schätzung der Green IT Allianz wäre etwa ein Einsparpotenzial von jährlich bis zu 10 TWh durch effizientere Programmierung möglich – allein in Deutschland“, so Kamp. ((Bildquelle: Syngenio))

ITM: Frau Kamp, beim Thema „Industrie 4.0“ steht die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion im Fokus. Welche Rolle spielt hierbei der Faktor „Nachhaltigkeit“?
Stephanie Kamp: Digitalisierung kann wesentlich zu Nachhaltigkeit in der Produktion und in Prozessketten beitragen. Etwa indem bedarfsgerechter produziert und damit Materialüberschüsse vermieden werden. Oder indem Transporte optimiert und damit Lkw-Strecken reduziert werden. An den Beispielen sieht man, dass sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit grundsätzlich nicht ausschließen, im Gegenteil. Denn es geht um Effizienzsteigerungen, und die zahlen sich in der Regel ökologisch wie ökonomisch aus. Das gilt auch für die digitalen Prozesse selbst, und zwar für Hardware wie für Software. Die Effizienz der Digitalisierung selbst gehört mit zur Nachhaltigkeit von Industrie 4.0. Übrigens: Investoren und Banken berücksichtigen Nachhaltigkeit zunehmend bei ihren Entscheidungen. Denn Banken sind inzwischen verpflichtet, fehlende Nachhaltigkeit als Risiko zu bewerten. Dadurch wird Nachhaltigkeit relevanter Bestandteil des Liquiditätsmanagements. 

ITM: Die komplette Vernetzung kann enorme Effizienzgewinne bringen. Wo liegen die größten Potenziale zur Ressourceneinsparung im Mittelstand?
Kamp: Der zentrale Vorteil ist die Erhöhung der Ressourceneffizienz. Das Bundesumweltministerium hat deren Potenziale speziell in Bezug auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) in einer Studie untersuchen lassen. Als wichtige Chancen wurden dabei insbesondere genannt: die Senkung des Stromverbrauchs und des Materialeinsatzes, die Reduktion fehlerhafter Teile und damit von Ausschuss in der Produktion sowie die Einsparung von Lagerraum. KMU erfassen Ressouceneinsparungen in der Regel nicht systematisch, daher liegen keine konkreten Zahlen für die Höhe der Einsparpotenziale vor. Die an der Studie beteiligten Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes schätzen die möglichen Einsparungen von Strom und Material auf 25 Prozent.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Bislang wurde beim Thema „Green-IT“ vor allem auf die Hardware, auf Rechenzentren usw. geschaut. Aber was ist mit dem ökologischen Fußabdruck der Software? 
Kamp: Hardware leistet ja nur, was die Software fordert. Insofern ist die Software letztlich die Quelle des Bedarfs an Hardware und des Stromverbrauchs. Und die Ressourcenanforderungen verschiedener Software-Produkte unterscheiden sich gravierend. Selbst bei einer vergleichsweise wenig komplexen Software wie einer Textverarbeitung benötigt ein Produkt viermal so viel Strom wie ein vergleichbares Programm eines Wettbewerbers. Deshalb ist es entscheidend, bereits bei der Entwicklung und Auswahl von Software auf deren Effizienz zu achten. Nach einer groben Schätzung der Green IT Allianz wäre etwa ein Einsparpotenzial von jährlich bis zu 10 TWh durch effizientere Programmierung möglich – allein in Deutschland. Dies entspricht der Jahresleistung von vier mittelgroßen Kohlekraftwerken. Wir bei Syngenio messen daher aktuell den Stromverbrauch verschiedener Komponenten von Software. Darauf beruht auch der „Syngenio Expertyzer“, unser Expertensystem zur Bewertung von Software-Entwicklungen. Neu- oder Weiterentwicklungsprojekte können damit ihren Ansatz und ihr Vorgehen bewerten lassen und erhalten Empfehlungen zu möglichen Verbesserungen. 

ITM: Was müssen Unternehmen beachten, die im Zuge der Industrie 4.0 künftig CO2-neutral werden wollen?
Kamp: Wichtig ist, die gesamten Produktionsprozesse inklusive der Lieferketten im Blick zu behalten. Denn bei der Bewertung von Emissionen werden auch externe Faktoren aus Lieferketten berücksichtigt. Gerade hier kann Digitalisierung helfen, auch unternehmensübergreifend zu agieren. Damit können insgesamt möglichst viele Emissionen reduziert werden, womit der Bedarf an Kompensation entsprechend sinkt.

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