ERP oder WMS?

Immer eine Lösung auf Lager

Der anhaltende E-Commerce-Boom hat auch die Anforderungen an logistische Prozesse verändert. Georderte Waren und Güter müssen heute schneller denn je parat stehen und ausgeliefert werden. Nur Unternehmen, die einen genauen Überblick über die Abläufe in ihren Lagern haben und diese effizient managen, können im Kampf um Kunden und Aufträge mithalten.

  • Immer eine Lösung auf Lager

    „Die Frage ‚Integrierte ERP-Software oder Best-of-Breed-Lösung?‘ beschäftigt derzeit sehr viele Unternehmen im Zuge ihrer Digitalisierungsvorhaben.“ Dr. Karsten Sontow, Trovarit AG ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

  • Dr. Karsten Sontow

    Dr. Karsten Sontow, Trovarit ((Bildquelle: Trovarit AG))

Lagerplatz ist teuer – ineffizient genutzter Raum verursacht immense Kosten. Um also die Prozesseffizienz zu erhöhen und die Lagerwirtschaft insgesamt zu verschlanken, wird der Fokus zunehmend auf ein modernes Warehouse-Management-Systeme (WMS) gelegt. Anders als die Logistikmodule in ERP-Systemen bildet dieses detailliert sämtliche Vorgänge im Lager ab. Wie Unternehmen herausfinden, ob ihr ERP-System den Anforderungen an eine schlanke und zeitgemäße Logistik gerecht wird oder ob es Zeit für ein dediziertes Lagerverwaltungssystem ist, erklärt Dr. Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG, im Interview.

ITM: Herr Dr. Sontow, welches sind die wichtigsten Unterschiede zwischen einem ERP-System und einem WMS? Welche unterschiedlichen Ansätze verfolgen beide Systeme?
Dr. Karsten Sontow: ERP-Lösungen sind auf die durchgängige Unterstützung der gesamten Kundenauftragsabwicklung – vom Interessenten über Angebot und Auftrag, Lieferung und Abrechnung bis hin zum Zahlungseingang („Lead-to-Cash“) – ausgerichtet. Dabei werden sowohl die kaufmännischen als auch die logistischen Aufgabenstellungen adressiert. Ein Warehouse-Management-System oder auch Lagerverwaltungssystem (LVS) konzentriert sich dagegen auf die Planung und Steuerung der Abläufe in der Lagerlogistik – vom Wareneingang über Ein- und Umlagerungen, die Kommissionierung und den Versand.

Zwar decken die meisten ERP-Systeme für Handels- und Fertigungsunternehmen die Lagerwirtschaft durch ein entsprechendes Modul ab. Allerdings unterscheiden sich die ERP-Module für Lager- bzw. Materialwirtschaft im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit doch erheblich von den WMS/LVS-Systemen. Das betrifft sowohl die Tiefe, mit der die Aufgaben der Lagerlogistik in der Software abgebildet werden können, als auch die Produktivität des Systems im Hinblick z.B. auf die Anzahl von täglich bearbeiteten Lieferaufträgen. So kann zwar die Abbildung der zugrunde liegenden Lagerstruktur (Lagerort, Lagertyp, Lagerplätze) in der Regel auch durch Standard-ERP-Systeme abgebildet werden, jedoch greifen WMS-Systeme oft auf zusätzliche Stammdaten als Basis zur Optimierung der Lagerprozesse zurück (z.B. Parameter wie Lagerfläche/-raum, Traglast, Stapelbarkeit, Lagerplatzkoordinaten etc.). Diese Informationen werden für die Automatisierung und Optimierung der Planungs- und Steuerungsprozesse in der Lagerlogistik ebenso benötigt wie Echtzeit-/aktuelle Daten über Waren-/Materialbestände, -positionen sowie die Ansteuerung und Überwachung von Lager- und Fördersystemen (u.a. Hochregalsteuerung oder auch Automated Guided Vehicles/AGVs). Entsprechend sind bei WMS/LVS-Systemen die Integrationsmöglichkeiten in Richtung der Leitebene der Lagerinfrastuktur mit ihrer Sensorik und Aktorik meist wesentlich umfassender als bei ERP-Systemen. Und schließlich sind die WMS/LVS-Systeme häufig mit entscheidend leistungsfähigeren Planungs- und Optimierungslogiken bezüglich der Lagerwirtschaft ausgestattet als ERP-Systeme. Durch den wesentlich höheren Automatisierungsgrad auch im Hinblick auf die Dispositionsentscheidungen lassen sich mit WMS/LVS-Systemen z.B. Größenordnungen von Versandaufträgen in Bereichen von 10.000 bis jenseits von 1.000.000 Stück pro Tag bedienen, während manche ERP-System bei 100 Versandaufträgen pro Tag durchaus schon an ihre Grenzen kommen.

ITM: Wie können Unternehmen herausfinden, ob die Funktionalitäten ihres ERP-Systems die Logistik-
anforderungen abdecken oder ob sie doch lieber auf 
eine spezielle WMS-Lösung setzen sollten?
Sontow: Die Frage „Integrierte ERP-Software oder Best-of-Breed-Lösung?“ beschäftigt derzeit sehr viele Unternehmen im Zuge ihrer Digitalisierungsvorhaben. Und zwar nicht nur im Kontext der Lagerlogistik, sondern z.B. auch bei CRM-Systemen (Marketing, Vertrieb, Kundenservice), MES (Manufacturing Execution/Fertigungsfeinplanung und -steuerung) oder auch im Dokumentenmanagement (ECM/DMS). Letztlich hilft nur eines: Die Unternehmen müssen ihre fachlichen und technischen Anforderungen klar formulieren – z.B. in einem Lastenheft – und ausloten, welche Lösungen diese bedienen können. Sofern das vorhandene ERP-System nicht zur Disposition steht, ist der bestehende ERP-Lieferant dabei sicherlich einer der ersten Ansprechpartner. Letztlich muss gemeinsam mit dem ERP-Partner geprüft werden, ob eine Abbildung der fachlichen Aufgabenstellungen machbar ist und wie sich diese in der Praxis darstellt. Kommt das bestehende ERP-System nicht infrage, dann wird ein spezialisiertes WMS/LVS-System benötigt. Auch hier kann der bestehende ERP-Partner insofern als Ansprechpartner dienen, als viele ERP-Anbieter in diesem Fall WMS-Anbieter empfehlen, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeiten. Die Wahl einer solchen Partnerlösung kann gegebenenfalls. Vorteile im Hinblick auf die Integration der beiden Lösungen bieten. Auf jeden Fall muss die Eignung der infrage kommenden LVS-Lösungen gesondert geprüft werden.

Steht dagegen die vorhandene ERP-Lösung auf dem Prüfstand, dann gibt es zwei Optionen für die Gestaltung der Anwendungslandschaft im Unternehmen: Anschaffung einer ERP-Lösung mit ausreichend leistungsfähiger Material-/Warenwirtschaft oder Anschaffung einer – eventuell schlankeren – ERP-Lösung und eines leistungsfähigen WMS/LVS. Da viele Aspekte in diese Gestaltungsfrage hineinspielen, kann man keine pauschale Aussage treffen, welches dieser beiden Szenarien passt. Allerdings gibt es durchaus Indikatoren, die eine Best-of-Breed-Lösung unter Einsatz eines spezialisierten WMS/LVS nahelegen: Dies ist neben den Mengengerüsten der Lager- und Versandaufträge u.a. die Frage, ob das System Optimierungsvorschläge für die Lagerplatznutzung, z.B. auch im Hinblick auf den späteren Zugriff im Zuge der Kommissionierung, oder für die Streckenführung beim „Pick“-Prozess liefern soll. Auch eine durchgehende Digitalisierung von den Steuerungen sämtlicher Lagersysteme (z.B. Hochregale) bis in die kaufmännische Auftragsabwicklung des ERP-Systems legt die Einführung eines ergänzenden WMS/DMS nahe.

ITM: Wo können z.B. Mittelständler bei der Auswahl des für sie passenden Systems Unterstützung finden?
Sontow: Wenn es um eine – dringend zu empfehlende – anbieterunabhängige Hilfestellung bei der Gestaltung der Software-Landschaft sowie der Auswahl einer ERP- bzw. WMS-Lösung geht, dann sind da neben Branchen- und Fachverbänden nicht zuletzt spezialisierte Beratungshäuser zu nennen. So bietet z.B. Trovarit neben einer Vielzahl von Marktinformationen mit der IT-Matchmaker-Suite Werkzeuge und Schulungen im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Hierdurch kann nicht zuletzt kleineren Mittelständlern eine vergleichsweise kostengünstige Hilfestellung geboten werden. Natürlich unterstützt Trovarit im Bedarfsfall anbieterneutral auch durch umfassende Beratung und Begleitung bei der Gestaltung der Software-Landschaft einschließlich der Auswahl und Einführung von ERP- oder WMS/LVS-Lösungen.

 

 

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Welche Probleme können entstehen, wenn man Warehouse-Management-Module in ein bestehendes ERP-System integriert?
Sontow: Für diese Integration ist immer die Entwicklung und Pflege einer Schnittstelle notwendig, die angesichts der – für ein reibungsloses Zusammenspiel von ERP-Software und WMS notwendigen – tiefen Verzahnung der Prozesse in beiden Systemen überdurchschnittlich komplex und anspruchsvoll ist. Entsprechend aufwendig gestalten sich meist die fachliche Konzeption und die technische Umsetzung der Schnittstelle. Hinzu kommt, dass Veränderungen der Logistikprozesse oder auch des ERP-Systems bzw. des WMS, z.B. im Zuge von Release-Wechsel regelmäßig „Nacharbeit“ an der Schnittstelle erfordert. 

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