„Ein erfahrener Blick ist Gold wert“, weiß Klaus Imping von mSE.
ITM: Herr Imping, warum führt auch für den Mittelstand kein Weg mehr an der Digitalisierung seiner Prozesse vorbei?
Klaus Imping: Digitalisierung ist für jedes Unternehmen, das sich dem Wettbewerb stellt, kein „nice to have“, sondern ein absolutes „Muss“. Sie macht Prozesse effizienter, aber auch schneller sowie Unternehmen reaktionsfähiger und agiler. Dies ist ein relativer Wettbewerbsvorteil für diejenigen, die schnell sind. Wer zu lange zögert, wird bald zum Getriebenen.
ITM: Wie nehmen Sie das Digitalisierungsbestreben Ihrer mittelständischen Kunden anno 2022 wahr?
Imping: Die Aufmerksamkeit für das Thema „Digitalisierung“ hat zugenommen. Das Thema ist auf fast jeder Management-Agenda. Verfügbarkeitsprobleme, Preissteigerungen, Personalmangel diktieren bei vielen Unternehmen aber aktuell das Geschehen.
ITM: Welche Prozesse sollten hier als erstes digitalisiert werden, um möglichst rasch die Produktivität zu steigern?
Imping: Hier gibt es kein Patentrezept. Man muss sich das jeweilige Unternehmen mit seinen Prozessen und Marktanforderungen, aber auch mit seinem Status quo ansehen. Mit erfahrenem Blick ist das kein großes Projekt, sondern eine schnelle Übung. Mit den individuell richtigen Ansatzpunkten und pragmatischem Vorgehen lässt sich dann schnell Fahrt aufnehmen.
ITM: Mit welchen konkreten Tools und Lösungen lassen sich die Prozesse in der Produktion, Logistik und den zugehörigen indirekten Bereichen effizienter gestalten?
Imping: Nun, auch hier gibt es leider kein Patentrezept. Aber im Prinzip ist es ganz einfach: Es geht darum, alle Informationsflüsse ausgehend von der Kundenanfrage oder -bestellung bis hin zur Lieferung und Zahlung „integriert“ zu organisieren. Das heißt, jeder Prozessschritt mag zusätzliche Informationen elektronisch ergänzen und anreichern, kann aber alle bereits vorhandenen Informationen nutzen. Keine Listen, kein Excel, kein Abschreiben manuell erfasster Daten … Was das im jeweiligen, individuellen Fall hinsichtlich „Tools und Lösungen“ heißt? Wie gesagt, ein erfahrener Blick ist Gold wert.
ITM: Welche Rolle spielen hierbei „Automatisierung“ und „Transparenz“?
Imping: Beide Begriffe sind wichtige und viel verwendete Schlagworte. Automatisierung ist in der Erfassung, Anreicherung und Verarbeitung von Informationen selbstverständlich ein Ziel und ein Hebel für Effizienz. Man sollte aber die richtige Reihenfolge nicht vergessen: „Weglassen, vereinfachen, automatisieren“. Es gilt das Prinzip: „Digitizing a shitty process yields a shitty digital process.“ „Transparenz“ oder „Visibilität“ sind im Kontext der Digitalisierung beliebte, allgegenwärtige Schlagworte. Sie adressieren das, was heute – mangels Integration – fehlt. Dabei beschreiben sie aber nicht den eigentlichen Zweck, sondern nur einen Nebeneffekt. Am Ende geht es darum, Transparenz und Visibilität schnell und mehr oder weniger automatisiert in Handlung umzusetzen. Hier liegt der Mehrwert.
ITM: Was sind die größten Herausforderungen und Hürden bei der Digitalen Transformation in kleinen und mittleren Unternehmen?
Imping: Den richtigen „Anpack“ zu finde,n ist häufig eine Herausforderung. Manchmal wird dann – eher aktionistisch – irgendetwas gemacht, selten mit durchschlagendem Erfolg. Ein großes Thema eint kleine, mittlere und große Unternehmen. Häufig wird viel Augenmerk auf Tools und Technologie gelegt. Der eigentliche Gegenstand der Digitalisierung ist aber der Prozess. Hier fehlt es häufig an einem klaren „digitalen Zielbild“. Nur Ist-Prozesse zu digitalisieren, greift zu kurz.
ITM: Inwieweit ist die Fokussierung auf nachhaltige Digitalisierung ein notwendiger Schritt, um Kunden zukünftig besser zu unterstützen?
Imping: Effizienzvor- oder -nachteile sind Kostenvor- oder Nachteile. Das ist ein „harter“ Wettbewerbsfaktor. Geschwindigkeit und Agilität, aber auch Informationstransparenz sind für den Kunden spürbare Vorteile, die darüber hinaus Vertrauen und Bindung schaffen.
ITM: Bringt eine Digitalisierung, die den Aspekt der Nachhaltigkeit im Fokus hat, Unternehmen im Wettbewerb weiter voran? Woran würden Sie das festmachen?
Imping: Digitalisierung aus einer Prozessperspektive ist darauf ausgerichtet, nicht wertschöpfende Tätigkeiten zu eliminieren und aus umfänglicherer Transparenz bessere Entscheidungen zu treffen. Prozesseffizienz, Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit sind quasi verbundene Ziele, jedes kommt mit dem anderen. Insofern führt auch Nachhaltigkeit als primäres Handlungsmotiv für Digitalisierung in die richtige Richtung.
ITM: Inwieweit sollte man die eigenen Mitarbeiter beim Transformationsprozess mitnehmen?
Imping: Wie bereits gesagt, ist meines Erachtens der Prozess das Objekt der Digitalisierung. Abgesehen von komplett automatisierten Prozessen sind es die Mitarbeiter, die einen Prozess „leben“. Digitalisiert man einen Prozess, ohne die Mitarbeiter mitzunehmen, werden gewohnte Arbeitsweisen Bestand haben und überleben, der digitale Prozess wird nicht gelebt. Neben den notwendigen Tools und Technologien ist die „digitale Akzeptanz“ der zweite Faktor für erfolgreiche Digitalisierung.
Bildquelle: mSE