Viele Mittelständler haben damit begonnen, ihre Prozesse und Strukturen zu digitalisieren. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))
„In Krisenzeiten zeigt sich, dass es ohne Digitalisierung einfach nicht geht“, so Stéphane Paté. ((Bildquelle: Dell))
Über 200-mal findet sich im 177 Seiten langen Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP das Wort „digital“. Eine durchaus bemerkenswerte Quote. Dass Unternehmen und Behörden gleichermaßen die Digitalisierung vorantreiben müssen, fordern Experten seit Jahren. Und tatsächlich scheint die Corona-Pandemie für Aufwind gesorgt zu haben: Viele Mittelständler haben damit begonnen, ihre Prozesse und Strukturen konsequent zu digitalisieren. Auch die Gemeinden und Kommunen nehmen Stück für Stück Abschied von der Zettelwirtschaft. Davon unabhängig gibt es in Deutschland gerade beim Thema „E-Government“ aber nach wie vor viel Luft nach oben. Mittelständler kommen, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) errechnet hat, im Schnitt auf rund 130 Behördenkontakte im Jahr. Ein „One-Stop-Shop“ für alle Angelegenheiten würde ihnen ein enormes Einsparungspotenzial bieten. Warum auch nicht – wie von vielen Verbänden gefordert – ein „bürokratiefreies“ Jahr für Gründer einführen? Die Befreiung von Melde- und Berichtspflichten würde ihnen den Start erleichtern.
Die neue Bunderegierung hat in ihrem Vertrag zahlreiche Reformen und Gesetze angekündigt. Eine konkrete Maßnahme, die Erfolg verspricht, dürfte der „Digitalisierungscheck“ sein. Ziel ist, Hindernisse wie die Schriftformerfordernis zu beseitigen. Bislang konnten viele Verwaltungsvorgänge nur abgeschlossen werden, wenn sie auf Papier festgehalten und mit Kugelschreiber oder Tinte unterschrieben wurden. Das bremst Verfahren, die eigentlich mit digitalen Dokumenten und elektronischen Signaturen arbeiten sollten, natürlich aus.
Spricht man darüber, wie die öffentliche Hand Unternehmen unterstützen kann, kommt man unweigerlich auf die Infrastruktur. Voraussetzung für die Ansiedlung von Firmen sind Standortfaktoren wie potenzielle Arbeitskräfte vor Ort, eine gute Verkehrsanbindung, aber auch die digitale Anbindung. Der Breitbandausbau ist in Deutschland allerdings immer noch eine Baustelle, viele Betriebe in ländlichen Regionen warten auf Anschlüsse. Dabei ist die Versorgung mit Glasfaserkabel gleichzeitig die Grundlage für schnellen Mobilfunk: 5G erlaubt die Übertragung großer Datenmengen in Echtzeit, was für Anwendungen wie Industrie 4.0 unabdingbar ist.
Die deutsche Industrie bleibt zudem nur dann wettbewerbsfähig, wenn sie ambitioniert forscht und so innovative Produkte entwickelt. Mittelständlern fehlen allerdings oftmals die finanziellen Mittel, um neue Vorhaben anzugehen. Bund, Länder und EU stellen deshalb zahlreiche Zuschüsse und Investitionskredite zur Verfügung. Die Suche allerdings, welche davon für das einzelne Unternehmen in Frage kommen, kann ebenso komplex sein wie die Beantragung der Förderung selbst. Den Beratungsbedarf könnten die Kommunen mit entsprechenden Angeboten decken. Die örtliche Wirtschaftsförderung sollte zur ersten Anlaufstelle werden, indem sie über die verschiedenen Möglichkeiten berät, mit Coachings bei der Vorbereitung auf Finanzierungsrunden hilft und Netzwerke mit anderen Unternehmen in der Region zum Erfahrungsaustausch etabliert.
In Krisenzeiten zeigt sich, dass es ohne Digitalisierung einfach nicht geht. Für ein erfolgreiches wirtschaftliches Wiederhochfahren kommt es jetzt auf schnelle Entscheidungen sowie verlässliche Rahmenbedingungen an. Die neue Regierung muss dafür den Digitalisierungsturbo zünden.