Michael Finkler ist Co-Autor eines Diskussionspapiers aus dem Bitkom-Arbeitskreis ERP mit der Überschrift „Programmieren für Dummies: Bedeutet Low-Code das Ende von ERP?“.
Ein Drittel der Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern stuft sie als hochrelevant ein, so die Studie „ERP in der Praxis 2022/2023“ des Aachener Beratungshauses Trovarit. Aber auch im Mittelstand mit 20 bis 99 Mitarbeitern stimmen dem immerhin 16 Prozent zu. Doch was impliziert das Low-/No-Code-Phänomen für die Enterprise-Resource-Planning-Entwicklung (ERP)? Wie könnte die ERP-Zukunft aussehen, wenn Entwicklungsplattformen für Nichtprogrammierer zum Einsatz kommen?
Nun, Low-/No-Code-Plattformen versprechen, dass auch Personal mit weniger ausgeprägten technischen Skills neue Apps auf Cloud- oder On-Premises-Basis bauen und Workflows verbessern kann. Das wäre eine revolutionäre Entwicklung, denn dieser Vorgang ist alles andere als trivial: Die Module von ERP-Systemen – etwa für die Lagerverwaltung, für die Dokumentenverarbeitung oder das Projektmanagement – arbeiten mit einer zentralen Datenbank und sind miteinander verschränkt.
Um den jeweiligen Voraussetzungen und Bedürfnissen eines Unternehmens gerecht werden zu können, müssen sie angepasst werden. Das erfordert in der Regel Expertenwissen und hohen Programmieraufwand. Low-Code-Plattformen geben Anlass zur Hoffnung, Workflows, Erweiterungen und Neuentwicklungen von Anwendern in den Fachabteilungen und ohne den Eingriff von IT-Profis erstellen zu lassen. Theoretisch könnten sogar komplette ERP-Systeme auf einer Low-/No-Code-Plattform aufgesetzt werden.
In der Praxis finden sich hier zwei Low-/No-Code-Ansätze: zum einen als integraler Bestandteil eines ERP-Systems, wobei die Entwicklungsplattform vorrangig der individuellen Anpassung der ERP-Module an die Prozesslandschaft sowie der Digitalisierung von bestimmten Prozessen im Unternehmen dient. Alle nötigen Schnittstellen und Konnektoren sind bereits mit an Bord, die Bedienung ist damit auch für fachfremdes Personal vergleichsweise einfach.
Zum anderen werden Low-/No-Code-Plattformen als externe Erweiterung für (alte) ERP-Systeme offeriert – damit lassen sich neue Anwendungen erstellen, die deren Funktionsumfang erweitern. Dieser Ansatz wird von den führenden Low-/No-Code-Anbietern verfolgt, hat aber den Nachteil, dass jede Anpassung an die Gegebenheiten einer Firma schnell komplex wird: Anbindungen und Schnittstellen müssen vom Nutzer selbst organisiert und eingerichtet werden, auch wenn die Plattformen bereits viele Schritte automatisieren.
Beiden Varianten gemein ist die Gefahr des Wildwuchses: Schnell entstehen Anwendungen der verschiedensten Art, jenseits der Kontrolle durch die IT und damit für das Firmennetz potenziell gefährlich. Dieser Wildwuchs ließe sich durch überwachte Governance-Regeln in Schach halten. Es stellt sich allerdings die Frage, ob Low-Programmieren wirklich für Laien geeignet ist? Sind ungeschulte Fachanwender, auch „Citizen Developer“ genannt, tatsächlich in der Lage, damit vernünftigen Code zu schreiben? Können sie neue Workflows definieren?
Unserer Erfahrung nach ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Auch die eingangs angeführte Studie bestätigt dies: Die Bedienung von Low-/No-Code-Plattformen ist heute keineswegs „idiotensicher“ und geht kaum über ein simples „Drag & Drop“ von Codeschnipseln hinaus. IT-Laien benötigen in den meisten Fällen noch immer die Hilfe einer IT-Fachkraft, um Workflows zu modifizieren oder gar neu zu definieren, insbesondere wenn dafür eine externe Entwicklungsplattform genutzt wird. In jedem Fall muss ein unternehmensweites Regelwerk eingeführt und durchgesetzt werden, damit unkontrollierter App-Wildwuchs nicht fatale Kerben in das Security-Framework des Unternehmens schlägt.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Für uns als Anbieter von ERP-Systemen gehören solche komplementären Plattformen dennoch zu den spannendsten Entwicklungen der Branche überhaupt. Per Standardschnittstelle lassen sie sich einfach an das ERP ankoppeln, was signifikante IT-Ressourcen freisetzt. Die Fachabteilung hingegen gewinnt an Flexibilität, kann sie doch die Umsetzung funktionaler Erweiterungen und spezifischer Anpassungen weitestgehend in Eigenregie anstoßen.
Für den Citizen-Developer-Ansatz wird auch die generative Künstliche Intelligenz (KI) eine wichtige Rolle spielen. ChatGPT beispielsweise beherrscht immer mehr Entwicklungssprachen und generiert Code im Handumdrehen. Künstlich intelligente Low-/No-Code-Plattformen haben daher das Potenzial, das ERP eines Unternehmens auf eine neue Stufe zu heben.
Bildquelle: Proalpha