Möglichst viele Unternehmen, Organisationen und Menschen müssen zusammenarbeiten, um die Klimaneutralität in Deutschland zu erreichen.
Gründe für die Nachschärfung der Klimaziele sind auf neue EU-Vorgaben sowie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, in dem das Klimagesetz von 2019 als unzureichend gerügt wurde, zurückzuführen. Den Plänen der Bundesregierung zufolge soll Deutschland nun fünf Jahre früher als ursprünglich geplant klimaneutral werden – was bedeutet, dass nur noch so viel Treibhausgas ausgestoßen werden soll, wie zugleich auch wieder gebunden werden kann. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre soll also nicht mehr steigen. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, müssen möglichst viele an einem Strang ziehen und ihren Beitrag dazu leisten. Das betrifft natürlich auch – wenn nicht vor allem – die Unternehmen hierzulande. „Gerade auch der Mittelstand hat hier die Chance, zukunftsorientiert zu agieren und sich frühzeitig als Vorreiter der Klimatransformation zu positionieren“, meint Lara Obst, Geschäftsführerin von The Climate Choice. Das reduziere langfristig nicht nur Kosten und Risiken, sondern besonders die Emissionen.
Glücklicherweise ist Nachhaltigkeit gerade in vielen Branchen wieder hoch auf die Agenda gebracht worden. Gründe hierfür sieht Steffen Roos, Managing Partner bei Detecon International, im Druck auf die Rohstoffversorgung. Dieser sorge dafür, dass man sich mit der Frage nach einem nachhaltigeren Wirtschaften ganz ad hoc auseinandersetzen müsse. „Grundsätzlich wurde aber auch schon in den letzten Jahren in vielen Unternehmen die Erkenntnis gewonnen, dass Nachhaltigkeit nicht nur kaufmännisches Handeln zur nachhaltigen Gewinnoptimierung bedeuten darf“, so der Experte. Ihn überrascht es nicht, dass etablierte Wertschöpfungsketten und tradierte Ideen in fast allen Industrien unter Druck geraten sind – auch durch die gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die das Thema „Nachhaltigkeit“ in all seinen Facetten erfahren hat.
„Wir haben den Startschuss zur innovativen Neuausrichtung von Unternehmen, Märkten und damit die Digitalisierung und nachhaltige Energiegewinnung schlichtweg verschlafen“, kritisiert indes Nadine Dlouhy, die seit 20 Jahren die Brandlite GmbH führt. „Vielleicht haben wir aber auch nicht erkennen wollen, dass wir auf einem Pulverfass sitzen.“ Die Corona-Pandemie war ihrer Ansicht nach nur die Zündschnur bzw. der Brandbeschleuniger. Steffen Roos bleibt da relativ gelassen: „Wir sind insoweit gesegnet, als dass wir meist keine Angst haben müssen, dass uns als Folge des Klimawandels das Haus weggespült wird oder unsere Kinder alte Batterien in unseren Vorgärten recyceln müssen. Je stärker unser Bewusstsein wird, dass wir eine Verpflichtung gegenüber unseren Mitmenschen und den nachkommenden Generationen haben, desto mehr wird das Thema im Stellenwert immer weiter zulegen.“ So auch in den Unternehmen, meint er – je mehr Transparenz für die Lieferketten und die CO2-Bilanz jener geschaffen werde. Er sehe bereits sehr viele, sehr unterschiedliche Initiativen in vielen Branchen. Die Unternehmen hätten sich ambitionierte Ziele gesetzt.
Doch wie lassen sich die CO2-Emissionen eines Unternehmens eigentlich konkret messen? Laut Roos hängt dies immer sehr stark vom Geschäftsmodell eines Unternehmens ab: Gibt es Produktionsstätten? Gibt es verteilte Vertriebsstätten? Wie sehen die Lieferketten aus? Wie werden die Produkte verwendet? Wie werden sie am Ende ihres Lebenszyklus entsorgt? „Ein gutes Framework, um hier wirklich alle Effekte einzurechnen, ist das Greenhouse Gas Protocol“, betont er. Es ermögliche, Treibhausgasemissionen einheitlich zu bilanzieren. Lara Obst erläutert es noch genauer: „Es zeigt auf, dass zunächst die erzeugten Emissionen entlang der eigenen Wertschöpfungskette – also vom Bezug von Rohstoffen und Waren bis hin zum Recycling – betrachtet werden. Entlang dieser Kette werden Bereiche abgesteckt, die erfasst werden können. In diesen können dann anhand von anerkannten Datenbanken CO2-Werte für alle eingesetzten Werte zusammengetragen werden.“ Der CO2-Fußabdruck beinhalte dabei typischerweise sowohl direkte Emissionen, wie Energie und Fuhrpark, als auch indirekte Emissionen durch eingekaufte Leistungen und Waren, wie Mitarbeitermobilität, Büroausstattung, aber auch Produktionsschritte.
Dann gibt es da beispielsweise noch das Carbon Disclosure Project (CDP), eine internationale Initiative, die ein globales, standardisiertes System für die Offenlegung und den Austausch von CO2-, Energie- und Umweltinformationen durch Unternehmen bereitstellt. Logitech nutzt die CDP-Plattform etwa, um mithilfe eines Fragebogens zum Klimawandel öffentlich über seine Energie- und Klimaleistung zu berichten. „Indem wir unsere Ergebnisse auf diese Weise kommunizieren, fördern wir die Transparenz und Glaubwürdigkeit in der gesamten Branche“, ist sich Head of Sustainability Robert O’Mahony sicher.
Laut dem CDP machen die eingekauften Produkte und Dienstleistungen entlang der Lieferkette typischerweise mehr als 85 Prozent der CO2-Emissionen eines Unternehmens aus, weiß Lara Obst. Das Stichwort „nachhaltiger Einkauf“ sei daher für die Klimatransformation besonders wichtig. Erst wenn Zahlungsströme nachverfolgt und durch klimarelevante Metriken als Emissionsströme erfasst würden, ließen sich die individuellen Reduktionshebel aufdecken. Christian Kaluza, Marketing Manager von Windcloud, sieht vor allem Netzwerke und Rechenzentren als Treiber für den CO2-Anstieg: „So verbrauchen Rechenzentren weltweit derzeit schon etwa 500 Mrd. kWh Strom pro Jahr. Schätzungen zufolge werden Rechenzentren 2030 bis zu sieben Prozent des globalen Strombedarfs ausmachen.“ Außerdem wären digitale Technologien im Jahr 2018 bereits für 3,7 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich gewesen – und damit mehr als die gesamte Luftfahrt.
Wo sollten Unternehmen demnach als Erstes ansetzen, wenn sie nachhaltiger werden wollen? Nadine Dlouhy zufolge lautet das Codewort: „Überhaupt erst einmal anfangen!“ Jeder Mensch verbrauche Rohstoffe und Energie, produziere Müll und Abgase. „Nachhaltigkeit beginnt im Mindset als Grundlage für eine neue und innovative Unternehmenskultur“, so die Expertin. In einem nächsten Schritt sollten Unternehmen eine klare und nachhaltige Strategie aufsetzen und in der Unternehmensphilosophie verankern. „Ein klares Zielbild muss mit Ambitionen und Maßnahmen verknüpft werden“, betont Steffen Roos. Diese Maßnahmen müssen dann kontinuierlich auf ihren Erfolg hin gemessen werden. „Wir empfehlen hier einen Sechs-Punkte-Plan, der eine Zielbilddefinition vorsieht sowie die Erhebung des CO2-Fußabdrucks bzw. die Hinterfragung schon erhobener Fußabdrücke“, so der Detecon-Partner.
Zu den Nachhaltigkeitsmaßnahmen in mittelständischen Unternehmen könnten dann beispielsweise erneuerbare Energien, E-Mobilität oder Device Refurbishment gehören. Doch nicht jeder Experte scheint von diesen drei Maßnahmen überzeugt zu sein. „Es gibt keinen Stein der Weisen“, meint jedenfalls Roos, „oder, um mit den Worten von Paracelsus zu sprechen: Es ist alles Gift, allein die Dosis macht den Unterschied.“ E-Mobilität könne zwar helfen, „allerdings wissen wir noch zu wenig über die Entsorgung der Akkus“, gibt er zu bedenken. „In Städten verteilte E-Scooter, die abends von Sprintern eingesammelt und zum Laden gebracht werden, sind sicher nicht die E-Mobilität der Zukunft.“ Was seiner Ansicht nach aber eine ganz große Rolle spielen könne, sei das Reparieren. „Wir haben es in der ersten Welt aktiv verlernt, Dinge zu reparieren und so länger zu nutzen. In solchen Kontexten sehe ich übrigens gerade den deutschen Mittelstand mit ‚German Quality‘ immer mit einem gewissen Wettbewerbsvorteil ausgestattet.“
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Christian Kaluza betrachtet derweil das Thema „erneuerbare Energien“ kritisch: Sie seien teilweise im Überfluss vorhanden, könnten aber nicht verbraucht werden, da die Übertragungsnetze zu den Industrie- und Wirtschaftszweigen fehlten. Als Ansatz schlägt er vor, den Standort nach dem Energiebedarf zu wählen und damit Strom dort zu verbrauchen, wo er im Überschuss vorhanden sei – etwa im Norden Deutschlands. Auch Lara Obst sieht im Strombezug einen guten Start für die Nachhaltigkeitsmaßnahmen eines Unternehmens. Schließlich könne man 100 Prozent Ökostrom beziehen und so wiederum in den Ausbau erneuerbarer Energie investieren. „Auch E-Mobilität für Mitarbeiter und recycelte Büromaterialien und IT-Geräte machen für die Emissionen des eigenen Unternehmens einen Unterschied“, ist sie sich sicher.
In die gleiche Kerbe schlägt Robert O’Mahony: „Die Wiederaufbereitung und das Recycling von Geräten reduzieren unnötige Belastungen von Abfalldeponien und schonen wertvolle Ressourcen.“ Im Rahmen des unternehmenseigenen „Design for Sustainability“-Ansatzes entwickele Logitech z.B. kontinuierlich Verbesserungen in Bezug auf die Effizienz seiner Produkte, die Verpackung und den Batterieverbrauch. „Außerdem fördern und finanzieren wir das Recycling von Altgeräten auf der ganzen Welt“, so der Head of Sustainability.
All jene Maßnahmen – oder auch nur einen Teil davon – in Angriff zu nehmen, ist natürlich mit einem gewissen Aufwand und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Stolperstein verbunden. Alles steht und fällt letztlich mit dem Glauben an die Sache. „Die Hürde ist daher oft der Mensch selbst“, meint Nadine Dlouhy von Brandlite. Weitere Stolpersteine sieht Lara Obst bei den Themen „Zeit“ und „Ressourcen“. „Mittelständler haben häufig noch kein eigenes Klimateam oder Klimabeauftragte“, weiß sie. Die eigene Klimaanalyse sowie Recherche und Auswahl von emissionsarmen Alternativen und Prozessumstellungen seien daher eine Herausforderung. Zugleich würde das Einarbeiten in neue Gesetzesvorlagen und Standards abschreckend wirken. „Hier setzen wir mit unserer Datenplattform an und bieten Unternehmen nach einer ersten Schnellanalyse durch unseren Check eine Auswahl an klimarelevanten Lösungen, die sie ohne großen Aufwand eigenständig umsetzen können“, verspricht die Chefin von The Climate Choice.
Steffen Roos empfiehlt Unternehmen, bei der Erstellung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ohnehin auf einen externen Berater zu vertrauen, eben weil sie Berechnungsmodelle und Erhebungs-Tools für den Fußabdruck hätten. „Sie bringen Erfahrung in der Bewertung von Verbesserungshebeln und -maßnahmen mit und kennen sich mit der Etablierung von Nachhaltigkeitsprogrammen aus“, erläutert er. Diese Erfahrungen hätten die meisten Unternehmen nicht in ihren eigenen Reihen. Darüber hinaus nehmen Berater „eine Perspektive von außen ein und sehen so Punkte, die man im Unternehmen selbst sonst nicht erkennen würde“, ergänzt Christian Kaluza. Innovationen entstehen schließlich auch nicht von alleine, so braucht es kluge, smarte und intelligente Köpfe, die es wagen, neu zu denken. „Insofern sind externe Berater zum einen wichtige Impulsgeber, um aus dem Denken und Reden ins Handeln zu kommen“, betont Nadine Dlouhy. „Zum anderen ist es in diesen Zeiten immens wichtig, sich intelligent und smart aufzustellen sowie neue Expertise ins Unternehmen zu holen.“ Im eigenen sprichwörtlichen „Suppenteller“ werden ihrer Ansicht nach weniger Innovationskräfte entwickelt, die sich nachhaltig und global ausweiten bzw. skalierbare Umsätze generieren können.
„In diesen Zeiten“ ist ein gutes Stichwort: Aktuell wird nicht nur Deutschland von der Corona-Krise und der damit einhergehenden verstärkten Digitalisierung geprägt, sondern weltweit ist die Digitale Transformation plötzlich richtig auf dem Vormarsch. Lässt sich das überhaupt mit dem Nachhaltigkeitsthema vereinen? Laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2020 können sich die beiden Megatrends sehr gut gegenseitig unterstützen. So sollen bis zu 50 Prozent der nötigen CO2-Einsparungen bis 2030 in Deutschland durch eine starke Digitalisierung möglich sein, berichtet Lara Obst. Der bewusste Einsatz mache allerdings den Unterschied. „Energieeffizienzeinsparungen durch digitale Mittel können schnell durch einen Anstieg des Konsums wieder aufgebraucht werden“, warnt sie.
War früher die Industrialisierung der Motor der innovativen Entwicklungen und Gestaltung einer neuen Welt, so ist es laut Nadine Dlouhy heute gerade die Digitalisierung, die die Industrialisierung, die Energiegewinnung oder auch die Landwirtschaft effizienter und nachhaltiger macht. Die Digitalisierung sei dabei deutlich mehr als ein Projekt. Die erfolgreiche Implementierung der Digitalisierung in den Bereichen „Ökonomie“, „Ökologie“ und „Soziologie“ sei zunächst einmal eine Entscheidung und noch vielmehr eine Haltung, die es über Jahre als Basis für alle neuen Entwicklungen zu leben und zu transformieren gelte. „Das Ziel muss sein“, so die Expertin abschließend, „nachhaltige Entwicklungen mit der Digitalisierung zusammenzuführen und voranzutreiben.“
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