DevSecOps-Kultur

Kräfte müssen gebündelt werden

„Hacker ändern ständig ihre Angriffsmethoden, daher müssen Unternehmen auch ihre Code-Abhängigkeiten fortlaufend aktualisieren“, betont Liran Tal, Director of Developer Advocacy bei Snyk & Node.js Foundation Security Working Group. Entwickler sollten deshalb mit einem entwicklerfreundlichen Tool arbeiten, das über eine umfassende Schwachstellendatenbank verfügt und auch selbst recherchiert.

Liran Tal, Director of Developer Advocacy bei Snyk

„Sicherheit in Lieferketten für Open-Source-Software wird 2021 und darüber hinaus ein wichtiges Thema sein“, meint Liran Tal von Snyk.

ITM: Herr Tal, welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie 2020 auf die Cyberkriminalität in Deutschland ausgeübt?
Liran Tal:
Seit Covid-19 arbeiten wir auf einmal alle von zu Hause aus und erleben dabei gerade, wie sich die Digitale Transformation beschleunigt. Das bedeutet aber auch, dass wir bei Fragen nicht einfach zum IT-Sicherheitsverantwortlichen im Zimmer nebenan gehen können. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, Mitarbeiter dabei zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen – zu Hause oder wo auch immer sie gerade arbeiten.

Generell verändern sich in der Digitalisierung immer mehr Unternehmen hin zu Software-Entwicklern. Deshalb muss auch das Thema „Sicherheit“ von Grund auf neu gedacht werden – und zwar von Anfang an, noch bevor eine Zeile Code für eine Anwendungsentwicklung geschrieben wird. Hinzu kommt, dass sich die Welt zunehmend in die Cloud verlagert und Unternehmen immer mehr Open-Source-Software nutzen. Dies macht die Situation und besonders auch die IT-Sicherheit wesentlich komplexer.

Da die Digitale Transformation für Unternehmen immer schneller voranschreitet, sind die Sicherheitsteams mit größeren Herausforderungen konfrontiert, die sie manchmal allein nicht bewältigen können. Aus diesem Grund sollten Unternehmen eine DevSecOps-Kultur einführen. Dies bedeutet, dass Entwicklungs-, Sicherheits- und Betriebsteams enger zusammenarbeiten und dabei geeignete Prozesse und Technologien nutzen. Dieser Ansatz erhöht die Agilität, Innovation und Sicherheit in Unternehmen.

ITM: Welche Angriffsmethoden standen hoch im Kurs und warum?
Tal:
Hier ein Beispiel aus unserer Praxiserfahrung: Snyk entdeckte 2020 verdächtige Vorgänge in der iOS- und Android-Version des beliebten Advertising SDK des chinesischen Unternehmens Mintegral. Die Untersuchung ergab, dass das bösartige SDK namens Sourmint Ad-Attribution-Betrug beging und sensible Informationen von App-Nutzern sammelte. Mehr als eine Milliarde Nutzer waren betroffen. Wir haben diese Entdeckung an Apple und Google berichtet, die entsprechenden Maßnahmen ergreifen konnten.

ITM: Inwieweit waren mittelständische Unternehmen betroffen?
Tal:
Sogar große Unternehmen werden mit ausgeklügelten Methoden und Hacks angegriffen. Man kann sich vorstellen, welche weitreichenden Konsequenzen so ein Angriff für kleine Unternehmen und den Mittelstand haben kann, besonders da für manche von ihnen IT-Sicherheit nicht im Fokus steht.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt denn das Thema „IT-Sicherheit“ im Mittelstand?
Tal:
Gerade für mittelständische Unternehmen ist es wichtig, ihr Entwicklungsteam dabei zu unterstützen, von Anfang an richtige und sichere Entscheidungen zu treffen. Wenn man eine Schwachstelle erst spät entdeckt, kann dies große Probleme mit sich bringen. Deshalb sind vorbeugende Maßnahmen – bei gleichzeitiger Agilität – ein Erfolgsfaktor für mittelständische Unternehmen.

Unternehmen sollten deshalb von Anfang an dafür sorgen, dass ihre Anwendungen erfolgreich sind. Dafür braucht es eine passende Herangehensweise – und zwar die bereits erwähnte DevSecOps-Kultur. Darüber hinaus sollten Entwicklungsteams mit den richtigen Tools ausgestattet sein. Damit stellen Unternehmen sicher, dass größere Schwachstellen von Anfang an vermieden werden.

Hinzu kommt, dass Security-Teams in kleinen und mittelständischen Unternehmen aufgrund knapper Ressourcen oft unterbesetzt sind. Gerade dann können Unternehmen erheblich von Sicherheitsplattformen profitieren, die einen „Developer-first“- Ansatz verfolgen. Mithilfe solcher Plattformen lassen sich Sicherheitsprobleme schneller aufspüren und beheben, basierend auf Informationen und Empfehlungen, die die Entwickler dann umsetzen können.

ITM: Welche Tools und Lösungen sollten in einem Unternehmen mindestens eingesetzt werden, um Datensicherheit und -schutz zu gewährleisten?
Tal:
Um geeignete Prozesse für DevSecOps einzuführen, braucht es auch geeignete technische Lösungen. Viele denken bei DevSecOps-Technologien zuerst an die Automatisierung von Bereitstellungsprozessen wie Builds, Promotions und Deployments. Aber Automatisierung ist nicht immer die Antwort auf alles. Unternehmen müssen vielmehr ihre vorhandenen Lösungen evaluieren, um dann im Anschluss zu automatisieren und Lösungen zusammenführen, wo es notwendig und möglich ist. Lösungen, die nicht sinnvoll oder überflüssig sind, können sie dann abschaffen.

Unternehmen müssen auch ihr Entwicklungsteam dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen beim Thema „Sicherheit“ zu treffen. Dies ist besonders jetzt wichtig, da so viele Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Einige grundlegenden Tools dafür sind SCA und SAST. Aber auch die Frage, wie Container, etwa Docker oder Infrastructure as Code, gesichert werden, ist sehr wichtig. Eine Grundvoraussetzung für jedes mittelständische Unternehmen ist auf jeden Fall, sich seiner Code-Abhängigkeiten mithilfe von SCA bewusst zu werden sowie der Schwachstellen im eigenen Code. Hierbei hilft eine SAST-Lösung.

ITM: Inwieweit haben die Unternehmen – z.B. im Hinblick auf die massive Verbreitung von Remote-Arbeit und stark steigende Cloud-Nutzung – ihre Sicherheitsstrategien in den letzten Wochen/Monaten tatsächlich angepasst?
Tal:
Gerade in diesen Zeiten sollten Unternehmen die Silos zwischen IT-Sicherheits- und Entwicklerteams aufbrechen und die Zusammenarbeit fördern. Durch die Einführung entsprechender Tools können Unternehmen ihre Sicherheitsrichtlinien verbessern, auch wenn die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten.

ITM: Was sind/waren hierbei häufige Stolpersteine?
Tal:
Eine häufige Herausforderung ist dabei, solche neuen Tools auch anzuwenden. IT-Sicherheitsteams haben die besten Absichten, verlangsamen aber manchmal den Entwicklungsprozess und bürden den Entwicklern Mehrarbeit auf, die weder ihre Priorität noch ihre Expertise ist. Deshalb ist es wichtig, mit Tools zu arbeiten, die entwicklerfreundlich sind und sich in deren Arbeitsbereich integrieren lassen. Auch sollten sie durch automatisierte Schwachstellenbeseitigung dabei unterstützen, sicherer zu coden.

Ein Sicherheitsteam kann sich dann auf das größere Thema der Bedrohungsmodellierung konzentrieren, aktiv die Schwachstellen im Code verfolgen und die Entwickler coachen.

ITM: Auf welche Angriffsmethoden im Jahr 2021 bereitet sich die Security-Branche derzeit vor?
Tal:
Sicherheit in Lieferketten für Open-Source-Software wird 2021 und darüber hinaus ein wichtiges Thema sein. Diese Herausforderung betrifft branchenübergreifend Unternehmen und den öffentlichen Sektor gleichermaßen. Das Whitepaper zum Aufbau einer vertrauenswürdigen ICT-Lieferkette der Cyberspace Solarium Commission fordert dementsprechend den Schutz von Lieferketten vor Bedrohungen und die Einrichtung einer Organisation für Open-Source-Software-Sicherheit.

ITM: Wie sollte demnach eine vernünftige IT-Sicherheits- bzw. Cyber-Resilienz-Strategie für Unternehmen im neuen Jahr aussehen?
Tal:
Hacker ändern ständig ihre Angriffsmethoden, daher müssen Unternehmen auch ihre Code-Abhängigkeiten fortlaufend aktualisieren. Entwickler sollten deshalb mit einem entwicklerfreundlichen Tool arbeiten, das über eine umfassende Schwachstellendatenbank verfügt und auch selbst recherchiert. Mit einem solchen Tool können Entwickler auch Sicherheitsabwägungen auf der Grundlage von direktem Feedback treffen, wenn sie mit der Codierung beginnen.

Auch sollten Unternehmen, wie bereits beschrieben, einen DevSecOps-Ansatz verfolgen. Im nächsten Jahr werden wir eine größere Verbreitung von DevSecOps erleben. Mit den richtigen Prozessen werden Mitarbeiter befähigt, stärkere und sicherere Anwendungen zu entwickeln. Gleichzeitig werden sie die Arbeitsbelastung und den Druck für die Entwickler verringern. Die derzeitige Arbeitsbelastung birgt das Risiko angreifbarer Anwendungen, schlechter Schnittstellen und von Rollout-Verzögerungen. Um dies zu überwinden, müssen die Entwickler ihre Kräfte mit den Sicherheits- und Betriebsteam bündeln.

Bildquelle: Snyk

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