Ulli-Martin Podubrin (36) ist General Manager IT / IS bei der Lautsprecher Teufel GmbH.
Teufel gehört zu den führenden deutschen Herstellern von Hi-Fi-, Multiroom- sowie Heimkinosystemen und ist Europas größter Audio-Direktvertrieb.
„IT-Entscheidungen sind grundsätzlich strategische Entscheidungen“, sagt Ulli-Martin Podubrin.
ITM: Herr Podubrin, wie kamen Sie zu Lautsprecher Teufel?
Ulli-Martin Podubrin: Von Hause aus bin ich Informatiker. IT-Leiter bei Teufel zu werden, kam dann aber doch relativ überraschend. Ich war zuvor als Software-Entwickler für eine kleine Software-Schmiede im Multimediabereich tätig. Dieser Job machte lange sehr viel Spaß, bis das Unternehmen leider insolvent wurde.
Da Lautsprecher Teufel zu dem Zeitpunkt einige Projekte mit meinem ehemaligen Arbeitgeber durchführte, erhielt ich das Angebot, hier anzufangen. Dieses Angebot nahm ich gerne an, seit 2005 bin ich nun hier.
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ITM: Wie groß war der Schritt von der reinen Software-Entwicklung hin zur Verantwortung über betriebswirtschaftliche Prozesse?
Podubrin: Die Umstellung war erheblich. Mein ehemaliger Arbeitgeber arbeitete sehr stark prozessgesteuert, ISO-Zertifizierungen hatten einen hohen Stellenwert und wurden gelebt. Lautsprecher Teufel hingegen machte damals trotz des langjährigen Bestehens vielfach noch den Eindruck eines Start-ups.
Die damals knapp 30 Mitarbeiter waren eine schlagkräftige und agile Gruppe, doch wirkte manches noch recht unorthodox: Es gab keinen IT-Verantwortlichen, keinen dedizierten Administrator und niemanden, der sich mit Software-Lizenzen beschäftigt hätte. Es gab auch keine Software-Entwicklung. Das war schon spannend.
ITM: Wie kam es zu dem exklusiven Standort in Berlin Mitte mit eigenem Showroom und dem Verwaltungstrakt im Bikini?
Podubrin: Das Unternehmen ist mehrfach umgezogen. Zu Beginn meiner Zeit residierte Teufel noch in dem Privathaus des Eigentümers. Das Unternehmen platzte aufgrund des starken Wachstums jedoch damals schon aus allen Nähten.
Nachdem wir zwischenzeitlich neue Räumlichkeiten in einem Industrie-Backsteinaltbau gefunden hatten, stießen wir dort erneut an die Grenzen des Platzangebotes und zogen schließlich letztes Jahr in das komplettsanierte „Bikini“-Gebäude, eine der angesagtesten Locations Berlins. Bei diesem Umzug wurde die gesamte IT-Infrastruktur neu aufgesetzt und durchgängig virtualisiert, was unsere Wartbarkeit und Skalierbarkeit extrem verbesserte.
ITM: Welche Wachstumsraten weisen Sie heute auf?
Podubrin: Heute zählen wir knapp 200 Mitarbeiter. Die Wachstumsraten liegen seit zwanzig Jahren konstant im zweistelligen Bereich, selten einmal unter 20 Prozent gemessen am Vorjahr. Das ist in dieser Branche recht ungewöhnlich, andere Hersteller freuen sich über drei Prozent.
ITM: Was waren Ihre ersten Schritte in Ihrer neuen Rolle?
Podubrin: Eingestellt wurde ich, um eine Software-Entwicklungsabteilung aufzubauen. Der damalige Geschäftsführer hatte bereits erkannt, dass der Trend eindeutig in Richtung Digitalisierung, Multimedia und Streaming geht. 2006 hatte Lautsprecher Teufel bereits ein verlustfrei funktionierendes digitales Streaming-Produkt im Portfolio, was damals auf dem Qualitätsniveau etwas ganz Besonderes war – nur leider war der Markt noch nicht soweit.
Die Idee war damals also, eine Software-Entwicklungsabteilung aufzubauen, um mit eigenen Ressourcen schneller agieren zu können. Insgesamt dauert es einfach länger, wenn man die Kompetenz selbst nicht besitzt, vom Kontrollverlust ganz abgesehen.
ITM: Die internen betriebswirtschaftlichen Prozesse sollten also zunächst nicht zu Ihrem Aufgabengebiet gehören?
Podubrin: Nein, anfangs ging es rein um die Produktentwicklung. Es zeigte sich jedoch schnell, dass eine eigene Software-Entwicklung in einem vergleichsweise kleinen Unternehmen wie Teufel damals wenig angemessen war. Denn damit hätten sich die Kompetenzen der Firmenbereiche untereinander zu sehr verschoben.
Die damalige Geschäftsführung sah das letztlich ähnlich und beließ es dabei, Entwicklungsprojekte für die Audio-Systeme weiterhin im Stück auszulagern. Natürlich legten wir intern die Spezifikationen für die Software und die Geräte-Controller genau fest und gaben die Kontrolle über Entwicklungsprozesse nie aus der Hand. Rückblickend ist diese Entscheidung immer noch großartig.
Heute hingegen, fast zehn Jahre später, sind wir in diesem Punkte deutlich weiter und entwickeln Software, speziell für die Marke Raumfeld, selbst. Das ergibt Sinn, weil wir unser Know-how in diesem extrem wachsenden Markt nicht aus der Hand geben müssen und das interne Verhältnis zwischen Software-Entwicklern und übrigen Angestellten im Haus nun ein viel gesünderes ist.
ITM: Wie ging es dann mit Ihnen weiter?
Podubrin: Nachdem meine Embedded-Projekte im Markt waren und die Produktentwicklung über externe Dienstleister größtenteils selbstständig lief, fand ich die Zeit, mich verstärkt um die interne Warenwirtschaft zu kümmern.
Dieses System war von unserem Technischen Leiter auf Basis des damaligen Filemaker 5 selbst entwickelt worden. Die heutigen Versionen der Datenbank-Software sind relativ gut, Version 5 jedoch bot nur ca. 20 Prozent der Funktionalität von Access.
Dass vor diesem Hintergrund überhaupt eine brauchbare Warenwirtschaft zustande gekommen war, war eine ziemliche Leistung. Dennoch war das Filemaker-System überhaupt nicht auf die Verarbeitung derartiger Datenvolumina ausgerichtet, vor allem nicht auf 20 parallel zugreifende Mitarbeiter. Das System skalierte nicht ausreichend, war stark fehleranfällig und die Import- und Exportmöglichkeiten waren extrem begrenzt. Der fehlende Transaktionsschutz bereitete mir viele schlaflose Nächte…
ITM: Es bestand also dringender Handlungsbedarf?
Podubrin: Absolut, zumal durch unser stetiges starkes Wachstum absehbar war, dass wir das nächste Weihnachtsgeschäft mit dem alten System vom IT-Workload her vielleicht noch überleben würden, das übernächste aber nicht mehr. Der Druck war also immens.
ITM: Wann genau war das?
Podubrin: Die Erkenntnis reifte 2008, im folgenden Jahr starteten wir dann die Suche nach einem geeigneten, professionellen ERP-System. Zunächst dokumentierten wir im Rahmen einer klassischen Anforderungsanalyse sämtliche Unternehmensprozesse ausführlich, selbst wenn sie nichts mit IT zu tun hatten.
Die Dokumentation führte ich mit einem externen Berater durch. Der Blick von außen war ganz wichtig, weil es meine erste ERP-Einführung war. Ein Alleingang wäre also grob fahrlässig und neben meinen anderen Projekten auch gar nicht möglich gewesen.
ITM: Was brachte die ausführliche Dokumentationsarbeit?
Podubrin: Das Verständnis der eigenen Abläufe ist unerlässlich für den Auswahlprozess, denn es soll der Erstellung eines Lastenhefts dienen. Die Einbeziehung des gesamten Unternehmens in den Auswahlprozess war denn auch ein wesentlicher Erfolgsfaktor. In iterativen Sessions diskutierten und optimierten die Key-User in Gruppen die bislang gelebten Prozesse, die sich teils über 20 Jahre hinweg eingebürgert hatten. Nach der Ist-Analyse wurden Change Requests auf Basis existierender Produkte formuliert. Dort wurde eine wesentliche Weiche für die nächsten Jahre gestellt.
Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor war, dass die Geschäftsführung dem Projekt in allen Punkten größtmögliche Priorität gab und auch in fast allen Projektbesprechungen persönlich zugegen war – was natürlich auch an der Dringlichkeit lag. Die Geschäftsleitung stand immer hinter dem Projekt, stellte die notwendigen Ressourcen bereit und setzte die Prioritäten entsprechend.
ITM: Basiert diese Priorisierung auch darauf, dass Teufel selbst viel mit Software-Entwicklung zu tun hat?
Podubrin: Teufel hat den E-Commerce in seiner DNA. IT-Entscheidungen sind daher grundsätzlich strategische Entscheidungen, weshalb die Geschäftsleitung immer involviert ist. Das ausgeprägte Verständnis meiner Geschäftsleitung für die Wichtigkeit der IT als Teil der Wertschöpfungskette macht mir die Arbeit leicht. Das ist – was man so hört – wohl nicht überall so.
ITM: Dann ging es an die Umsetzung? Wie verlief die?
Podubrin: Rückblickend verlief sie erstaunlich gut, obwohl der Einführungsprozess recht abenteuerlich war. Wir hatten uns nämlich nach der Erstellung des Anforderungskataloges relativ schnell für das Produkt eines kleineren Nürnberger Systemhauses entschieden. Wir waren sicher, dass sowohl die Software als auch der Anbieter auf Augenhöhe sehr gut passen würden.
Zum Glück ließen wir auf Anraten unseres Beraters trotz Zeitdrucks eine Testinstallation durchführen, die offenbarte, dass die Leistungsfähigkeit dieses Systems unseren Anforderungen überhaupt nicht entsprach. Die versprochene Funktionalität war zwar vorhanden, aber bei weitem nicht in der benötigten Tiefe. Es wäre absehbar gewesen, dass wir nach zwei Jahren vor einer Neuimplementierung gestanden hätten. Zudem stellte sich heraus, dass dieser kleinere Anbieter unsere Schlagzahl und Agilität nicht mitgehen konnte.
ITM: Können Sie Beispiele für diese Agilität nennen?
Podubrin: Entscheidungswege sind bei Teufel sehr kurz, vor allem im Marketing. Wir gründeten beispielsweise kürzlich eine Tochtergesellschaft in den USA und planen zeitnah mit dem Vertrieb unserer Produkte in den Staaten zu beginnen. Die IT unterstützt dieses Mammutprojekt u.a. durch die Bereitstellung eines Rechenzentrums auf amerikanischem Boden und mit autarken Webshop- und ERP-Installationen, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden. Vom Startschuss bis zum GoLive vergehen nur wenige Monate.
Auch interessant: Wir sind zwar ein waschechtes E-Commerce-Unternehmen, das 90 Prozent seines Umsatzes online generiert – trotzdem reifte irgendwann die Überlegung, zusätzlich Ladenlokale einzurichten; und nur ein gutes halbes Jahr später öffnete der Flagship Store im Bikini seine Pforten.
ITM: Ein eher ungewöhnlicher Weg.
Podubrin: Vor allem ein interessanter Weg, weil die gesamte Branche in die andere Richtung geht. Mit dem Argument, Ladenlokale seien zu teuer und zu personalintensiv gemessen am Ertrag.
Bei oberflächlicher Betrachtung stimmt das. Aber: Der direkte Kontakt zum Kunden ist uns sehr wichtig. Und es gibt nach wie vor weiterhin Zielgruppen, die man online nicht erreicht. Außerdem beinhaltet dieses Vorgehen gegen den Trend eine Botschaft nach außen: Ein Flagship Store ist repräsentativ und trägt sich auch noch, weshalb wir dieses Konzept weiter ausbauen.
ITM: Seit wann betreiben Sie E-Commerce?
Podubrin: Der erste Webshop war noch per Hand in HTML geschrieben, das war 1997, als es noch keine ausgereiften Frameworks gab. In den vergangenen fast 20 Jahren konnten wir viel Erfahrung sammeln. Unser Online-Marketing macht denn auch sehr schöne Aktionen und fordert die IT mit beeindruckenden Lastspitzen oft heraus.
ITM: Betreiben Sie die IT hier im Hause?
Podubrin: Teils, teils. ERP- und Shopsystem sind in Rechenzentren ausgelagert, weil die 7x24-Verfügbarkeit für uns absolut geschäftskritisch ist. Auch im Call Center sind wir nun durchgängig erreichbar, was natürlich hohe Anforderungen an die IT stellt. Diese Anforderungen möchte ich nicht intern erfüllen müssen.
Inhouse betreiben wir noch ca. 80 Server, darunter File- und Mailserver sowie die TK-Anlage. Aber das Frontend in Richtung Kunden und die vitalen Systeme, ohne die wir keine drei Stunden überleben könnten, stehen im Rechenzentrum.
ITM: Bei Ihrem ERP-Anbieter?
Podubrin: Nein, nach dem Best-of-Breed-Ansatz schauen wir, wer am besten zu uns passt und wie die Kompetenzen potentieller Partner gewichtet sind. Für den Betrieb von ERP- und Shopsystem entschieden wir uns für einen kleinen, aber recht professionell aufgestellten Hoster, der sich in mehreren Level-3-Rechenzentren eingemietet hat. Die Anbindung erfolgt natürlich über VPN.
ITM: Wenn man der IT-Industrie glaubt, dann kann man seine Daten auch skalierbar und flexibel in der Cloud ablegen?
Podubrin: Die Kunden stehen bei uns im Fokus, sie und ihre Daten sind unser größtes Kapital. Demzufolge genießt Datenschutz bei uns allerhöchste Priorität. Hier können wir uns keine Blöße leisten.
Selbstverständlich haben wir einen Datenschutzbeauftragten, denn wir besitzen eine siebenstellige Anzahl an Kundendatensätzen. Wenn die entwendet würden, wäre unser Geschäftsmodell gefährdet. Außerdem hätte unser Geschäftsführer ein echtes Problem, weil er möglicherweise haften müsste.
ITM: Zurück zum ERP-Projekt: Wie stießen Sie auf das erwähnte Nürnberger Systemhaus?
Podubrin: Unter Zuhilfenahme eines unabhängigen Beraters bedienten wir uns des Klassikers Trovarit.
ITM: Wirklich?
Podubrin: Warum nicht? In dem Katalog sind sehr viele ERP-Systeme strukturiert erfasst, sodass man einen guten Überblick über den Markt erhält und seine eigenen Anforderungen schnell abgleichen kann.
ITM: Trotzdem scheint es schwer vorstellbar, aufgrund der Addierung von Häkchen eine sinnvolle Auswahl treffen zu können. Weil ein Häkchen eben nichts über die Funktionstiefe aussagt, wie im Fall des Nürnberger ERP-Anbieters.
Podubrin: Das ist zunächst richtig, ich würde auch keinen Menschen aufgrund seiner Schulnoten bewerten. Es ist aber ein guter Indikator, um sehr schnell offensichtlich ungeeignete Systeme auszuschließen. Auf gut Glück im Internet zu suchen, wird auch kein repräsentatives Ergebnis bringen.
ITM: Haben Sie nach einer bestimmten Branchensoftware gesucht?
Podubrin: Ursprünglich ja, bis wir merkten, dass wir prozessual viel zu breit aufgestellt sind. Die Wertschöpfungskette reicht von der Beschaffung, der Produktion über den Endkundenvertrieb mit Schnittstellen an Shopsysteme bis hin zur Logistik. Die reinen Produktionsbranchenlösungen passten nicht, weil sie die große Menge an Kundensätzen nicht verarbeiten können und zudem schlecht automatisieren. Aufgrund unserer dünnen Personalstärke sind wir jedoch darauf angewiesen, große Teile zu automatisieren. Damit fallen klassische Handelslösungen auch größtenteils raus. E-Commerce-Spezialisten können dies, hatten aber wiederum Probleme mit unseren Artikelstammdaten, der Fertigung und teilweise sogar mit Mehrwährungsfähigkeit und Mehrsprachigkeit sowie Unicode. Damit schieden viele Systeme aus.
ITM: Wie viele Anbieter blieben zum Schluss übrig?
Podubrin: Wir beschlossen, die nach reiner Aktenlage besten zehn näher zu begutachten und luden letztlich drei ein. In ganztägigen Präsentationen sollten diese Anbieter einen von uns definierten Prozess zeigen – als Benchmark diente die Auftragserfassung im Call Center. Es ging darum, aus der Fülle unserer Varianten schnell das entsprechende Produkt zu ermitteln, ohne mehrmaliges Maskenwechseln. Ein weiterer Faktor war die Anpassungsfähigkeit des Systems, weil aufgrund unserer hohen Dynamik niemand sagen kann, wie sich Teufel in zwei Jahren aufstellt.
ITM: Sie haben dann 2009 ein neues ERP-System eingeführt. Auf wen fiel die Wahl und wie lange dauerte die Implementierung?
Podubrin: Die Entscheidung fiel zugunsten des Mainzer ERP-Hauses Godesys, die Implementierung dauerte etwa ein Dreivierteljahr. Im Vorfeld haben wir uns allerdings viel Zeit für die Vertragsverhandlung genommen. Da ich selbst aus der Software-Entwicklung komme, wusste ich, wo etwaige Fallstricke liegen können. Beide Parteien hatten an manchen Punkten unterschiedliche Vorstellungen von guten Formulierungen, mit dem gefundenen Kompromiss können aber alle gut leben.
ITM: Haben Sie Ihre Anforderungen in einem Lastenheft niedergelegt?
Podubrin: Ja, dabei sollte man sich auch ruhig Zeit lassen, denn wenn man seine Anforderungen nicht konkret ausformuliert – und zwar so, dass der Software-Lieferant sie versteht – wird es schwierig. Denn wie soll der außenstehende Entwickler, der schon diverse, komplett anders funktionierende Firmen bedient hat, verstehen können, was wir genau wollen? Wir haben unsere Prozesse ziemlich kleinteilig beschrieben, damit wir sicher sein konnten, dass Godesys ein Verständnis für unsere Belange entwickelt.
ITM: Wie bekommt man die zitierte Dynamik in ein Lastenheft?
Podubrin: Man kann gewisse Punkte generisch aufnehmen. So haben wir von Vornherein darauf hingewiesen, dass unser Kundenstamm aufgrund unseres beträchtlichen Wachstums schnell um mehrere 100.000 Datensätze anschwellen kann.
Zudem kann man relativ generisch fragen, wie lange die Anbindung an einen noch unbestimmten Logistiker mit fünf zu erfüllenden Funktionen dauert, wenn man bestimmte Schnittstellenformate fixiert. Damit hat man zumindest einen Indikator.
ITM: Ist der Webshop ein Modul des ERP-Systems?
Podubrin: Nein, der Webshop stammt von Etailer Solutions, ist aber natürlich stark mit dem ERP-System verzahnt. Weil wir viel Wert auf Stabilität und Fehlertoleranz legen, sind die Schnittstellen so angelegt, dass jedes System ausfallen darf, ohne die gesamte Prozesskette lahmzulegen. Das ERP-System darf eine ganze Weile ausfallen, ohne dass die Kunden es merken, weil der Webshop autonom weiterläuft. Gleiches gilt im umgekehrten Fall, für die Logistik und diverse andere angebundenen Subsysteme.
Diese Implementierungsweise ist aufwendiger, dafür aber deutlich unanfälliger. Ich behaupte: Wären wir anders vorgegangen, würde unsere Prozesskette häufiger durch stehende Systeme unterbrochen. So aber sind wir unabhängig von Problemen Dritter.
Das Shopsystem ist über eine sehr umfangreiche XML-Schnittstelle angebunden, die aufgrund der stetig wachsenden Auftrags- und Artikelvolumina irgendwann immer langsamer wurde, sodass wir teilweise auf direkten Datenbankzugriff umstellten. Seitdem ist die Performance wirklich gut.
ITM: Registrieren Sie eigentlich zunehmende Zugriffszahlen von mobilen Endgeräten?
Podubrin: Ganz klar. Ein wesentlicher Teil unserer Bestellungen stammt mittlerweile von mobilen Devices. Geschätzt liegt der Anteil bei über 20 Prozent, das ist schon erheblich.
Für Mobiles betreiben wir einen speziellen Auftritt, der exakt auf die Eigenarten dieser Geräteklasse zugeschnitten wurde, was sich u.a. an optimierter Touch-Bedienung und verringerten Ladezeiten zeigt. Aber egal, über welchen Kanal ein Kunde bestellt: Spätestens acht Minuten später ist der Vorgang im ERP-System sichtbar. Im Altsystem dauerte es mindestens einen Tag, bis eine Bestellung überhaupt zu sehen war und einen weiteren Tag, bis die Logistik davon erfuhr.
„Ein wesentlicher Teil unserer Bestellungen stammt mittlerweile von mobilen Devices. Geschätzt liegt der Anteil bei über 20 Prozent, das ist
schon erheblich.“
ITM: Nochmals zur ERP-Auswahl: Am Ende waren es drei Systeme, was waren die beiden anderen neben Godesys?
Podubrin: Es war ein Navision-System darunter, das auch gut geeignet war, preislich jedoch in einer anderen Liga spielte. Für Godesys sprach zudem, dass während der Präsentation Know-how und Glaubwürdigkeit gleichermaßen sichtbar wurden. Der Godesys-Vertreter gab bei manch tiefergehender Frage ehrlich zu, aus dem Stand keine Antwort geben zu können. Nach einem Telefonat mit seiner Entwicklungsabteilung lieferte er dann aber zufriedenstellende Informationen. Man konnte sehen, dass der Anbieter sich intensiver mit uns beschäftigte.
ITM: Viele Geschäftsführer und IT-Leiter wählen bekannte Systeme wie SAP, weil man damit angeblich nicht viel falsch machen kann. Sie hingegen entschieden sich für einen kleineren Anbieter?
Podubrin: Wir haben tatsächlich auch SAP eingeladen, obwohl von Beginn klar war, dass die Software das gesetzte Budget überschreiten würde. Dies haben wir SAP gegenüber auch offen kommuniziert, sie haben ihr Produkt trotzdem präsentiert, was ich sehr gut fand.
Aber: Weder die Präsentation noch die Software konnten uns nachhaltig überzeugen. Viele der von uns nachgefragten Funktionalitäten konnten nicht gezeigt werden, weil zunächst ein Customizing notwendig gewesen wäre – aber kein Customizing von einem halben Tag, sondern von 60 Manntagen!
Es war also abzusehen, dass bei unserem Anpassungsbedarf zusätzlich hohe Budgets vonnöten gewesen wären.
ITM: Ihnen war also von Beginn an klar, dass Sie bestimmte Prozesse anpassen lassen wollten?
Podubrin: Bei einigen wenigen Funktionen bestanden wir auf Anpassungen, bei vielen anderen hingegen orientieren wir uns an gängigen Prozessen. Wir glauben schon, dass ein weit verbreiteter Prozess Vorteile haben muss, auf der anderen Seite haben wir klare Alleinstellungsmerkmale. Beispielsweise unterhalten wir einen sehr kundenorientierten Retourenprozess: Im Falle einer Beanstandung versenden wir häufig Neuware und quälen den Kunden nicht mit der Abwicklung der Reparatur, was zu unglaublich guten Bewertungen führt.
ITM: Gibt es weitere Besonderheiten bei Teufel?
Podubrin: Unsere Automatisierungsquote ist extrem hoch, über 90 Prozent der Aufträge bekommt außer dem ausgelagerten Logistiker nie jemand zu sehen. Nach der Bestellung wird der Auftrag inklusive Payment-Abwicklung komplett in Shop- und ERP-System verarbeitet, bevor er über Schnittstellen in die Logistik fließt. Das ist für ein Unternehmen unserer Größenordnung schon speziell.
Zudem sind wir relativ variantenreich. Die Lautsprecher gibt es in verschiedenen Größen und Farben, zum Aufstellen oder zur Wandmontage, mit aktiver digitaler Endstufe oder nicht. Daraus ergeben sich viele Dimensionen. Hier trennt sich bei den ERP-Systemen die Spreu vom Weizen. Einige Systeme haben den Bekleidungsvertrieb im Fokus, wo mit Farbe, Länge und Weite dreidimensionales Variantenreichtum zu finden ist. Wir aber wollten jederzeit weitere Dimensionen hinzunehmen können, auch artikelindividuell. Damit waren erneut viele Systeme außen vor.
ITM: Übernehmen Sie laufende Anpassungen selbst oder überlassen Sie die Programmierung auch hier dem Anbieter?
Podubrin: Uns ist enorm wichtig, alle hinzugekauften Produkte – in diesem Falle das ERP-System – von Grund auf zu verstehen. Wir wissen, wie man Anpassungen programmiert und wie die Datenbank aufgesetzt ist. Aber im Idealfall machen wir nichts selbst, sondern überlassen diese Aufgabe dem Software-Hersteller.
Abgesehen davon, dass wir die Ressourcen intern nicht binden wollen, ist damit das Thema Haftung eindeutig geklärt. Dennoch können wir kompetent abschätzen, wie groß der Aufwand für eine Anpassung wohl sein wird. Im Zweifelsfall führen wir die Anpassung in einem Testsystem exemplarisch durch, zeigen sie dem Software-Anbieter und sagen: „Jetzt ihr!“
ITM: Welche weitere Peripherie-Software haben Sie neben dem Webshop an das ERP-System angebunden?
Podubrin: Neben einem Planungs-Tool nutzen wir für das Reporting aktuell ein lizenzkostenfreies Business-Intelligence-Tool des ERP-Lieferanten, das allerdings zur Verarbeitung unserer Volumina nicht mehr ausreicht. Stattdessen steigen wir in Kürze auf das Extended BI von Godesys um.
ITM: Bei mehreren Modulen aus einer Hand erübrigt sich die Schnittstellenproblematik?
Podubrin: Sicher, der Anbieter kennt seine Datenbank am besten, auch der Implementierungsaufwand ist geringer. Dennoch: Wenn es einen anderen Anbieter gegeben hätte, der dramatisch besser gewesen wäre, hätten wir uns für diesen entschieden – trotz Mehrkosten. Grundsätzlich müssen wir nicht zwingend Folgegeschäfte tätigen, nur weil wir einen Anbieter schon kennen.
Man kann auch ganz offen kommunizieren, dass ein anderer Anbieter mehr Funktionalität für weniger Geld bietet. Wir fragen unseren Software-Lieferanten dann, ob er an der Funktionalität arbeitet oder ob er wenigstens einen angemessenen Preis macht. Darauf lassen sich die Anbieter oft ein.
„Uns ist enorm wichtig alle hinzugekauften Produkte – auch das ERP-System – von Grund auf zu verstehen.“
ITM: Weil dadurch ja auch der Standard erweitert wird?
Podubrin: Godesys arbeitet sehr projektgetrieben und erweitert den Standard durch Auftragsarbeiten seiner Kunden. Davon profitiert die Anwendergemeinschaft. Wir haben einige Funktionalitäten von anderen erhalten, genauso wie einige unserer Anpassungen in den Standard übergegangen sind. Zum Beispiel unser Gutschein-Service, den Godesys vorher gar nicht besaß. Rückblickend war das ganz gut, weil wir das Modul von Grund auf mit aufbauen und eine Funktionalität schaffen konnten, die vermutlich einzigartig ist.
Ich sehe diese Gutscheinfunktion heute als ein Alleinstellungsmerkmal von Godesys: Für Unternehmen, die in großem Umfang Online-Marketing betreiben wollen, ist dies ein mächtiges Feature.
ITM: Was ist das Besondere daran?
Podubrin: Neben üblichen Rabatten auf bestimmte Produkte oder -gruppen können wir Gültigkeitszeiträume regelbasiert steuern, Schwellen oder Warenkorbzusammensetzungen definieren, die den Wert des Gutscheines oder seine Gültigkeit manipulieren sowie die Übertragbarkeit oder die Möglichkeit der Erstattung steuern, um nur einige Features zu nennen. Selbstverständlich können wir einzelne Gutscheine auch aus der Ferne sperren.
ITM: Mit dem eigentlichen Produktionsprozess haben Sie weniger zu tun?
Podubrin: Leider müssen wir die Produktion in den Systemen simulieren, weil wir relativ genau wissen müssen, wann welche Zustellartikel wo vor Ort sein müssen. Wir tun also so, als produzierten wir wirklich buchen die Abläufe in Dummy-Lagern ein und aus.
ITM: Die Produktionsstätten in Asien sind nicht an Godesys angebunden?
Podubrin: Nein, die Simulation erfolgt hier. Während der Produktion befinden sich allerdings immer einige unserer Mitarbeiter vor Ort, weil sich sonst die notwendige Qualität nicht erzielen ließe. Wird der Fertigungsauftrag allerdings beaufsichtigt, erhält man eine wirklich gute Qualität, die mit der Deutschen durchweg vergleichbar ist.
ITM: Planen Sie weitere größere IT-Projekte?
Podubrin: Die Expansion in die USA ist auch IT-seitig ein größeres Projekt. Aufgrund der dortigen Besonderheiten, z.B. hinsichtlich Zahlungsmitteln und Steuerermittlung, wird es einige Anpassungen geben.
Auch hier gehen wir davon aus, dass unsere Kunden ihre Daten lieber auf dieser Seite des Atlantiks sehen würden. Uns ist es daher wichtig, dass wir für unsere amerikanische Tochter ein komplett abgekoppeltes System aufsetzen – eine eigene ERP-Instanz auf eigener Hardware in einem eigenen Rechenzentrum. Für den Fall von Streitigkeiten ist das auch ein Mittel gegen die sogenannte Durchgriffshaftung.
ITM: Hatten Sie juristischen Beistand?
Podubrin: Selbstverständlich. Die dort üblichen Klagesummen kennt jeder aus den Medien. Überraschenderweise erscheint auch das Steuersystem deutlich komplexer als das deutsche. Und lokale Rechtsprechung wollen wir auch respektieren.
Lautsprecher Teufel
Geschäftsführer: Jürgen Schneider und Edgar van Velzen
Teufel gehört zu den führenden deutschen Herstellern von Hi-Fi-, Multiroom- sowie Heimkinosystemen und ist Europas größter Audio-Direktvertrieb. Das Unternehmen wurde 1979 in Berlin gegründet und bietet neben Stereo- und Heimkino-Lautsprechern auch die Multiroom-Streaminglösung Raumfeld sowie PC-Systeme und Kopfhörer. Seit der Gründung setzt das Unternehmen Trends bei Themen wie Surroundklang oder THX-zertifizierter Heimkinosets. Das Teufel-eigene Raumfeld-System zeichnet sich aus durch seine technische Leistungsfähigkeit und kompromisslosen Hifi-Klang. Denn guter Sound steht bei Teufel stets an erster Stelle. Zahllose Auszeichnungen von Verbrauchern und Fachpresse belegen den Erfolg, der sich solidem Wachstum widerspiegelt. Bemerkenswert ist, dass die Berliner ihren Kunden die Möglichkeit geben, alle Produkte acht Wochen lang zu testen.
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