Mehr Resilienz gefordert

Logistik und die Lieferketten von morgen

Digitalisierung, Auftrags­schwankungen, knappe Logistikflächen und Personalressourcen, Nachhaltigkeit, Lieferkettengesetz oder Verzollung: Die Heraus­forderungen und Fragen rund um die Lieferkette sind für alle Logistiker immens. Einige An­regungen und Antworten liefern die Fachmesse Logimat und IT-MITTELSTAND.

  • Logimat 2023

    Während der drei Messetage kamen insgesamt 62.343 Fachbesucher zur Logimat nach Stuttgart.

  • Die Logimat 2023

    Vom 25. bis 27. April 2023 fand in Stuttgart wieder die Fachmesse Logimat statt.

Nachdem die Corona-­Pandemie für massive Engpässe in den weltweiten Lieferketten gesorgt hatte, schien sich die Situation Ende 2022 wieder etwas zu entspannen. Allerdings setzen nun neue Herausforderungen das Supply Chain Management (SCM) deutscher Unternehmen unter Druck. Welche Auswirkungen haben die Energie- und Rohstoffpreise? Wie lassen sich die aktuellen und künftigen Lieferkettenherausforderungen in den Griff kriegen? Was bedeutet dies für den Standort Deutschland?

Diesen und weiteren Fragen geht der neue „Supply Chain Pulse Check“ auf den Grund, den die Unternehmensberatung Deloitte in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Interna­tional Service Logistics Association (ISLA) durchgeführt hat. Mehr als die Hälfte der dazu Befragten glauben, dass ihr Unternehmen durch Lieferkettenprobleme – etwa Störungen oder Unterbrechungen in den Informations-, Finanz- oder Warenflüssen – aktuell stark oder sehr stark beeinträchtigt wird. 46 Prozent sehen sogar ein steigendes Risiko, dass ihre Lieferkette vollständig oder teilweise ausfällt.

„Die anhaltende Belastung der Unternehmen insbesondere durch die hohen Preise, die Inflation und – vor allem in Deutschland – durch die hohen Energiepreise sind ein Risiko für den Standort“, meint Florian Ploner, Partner bei Deloitte und verantwortlich für den Sektor „Industrial Products & Construction“. „Die Unternehmen sind gut beraten, ihre Kosten effizient zu managen, Partnerschaften auszubauen und neue Technologien in einer nach geopolitischen Risiken ausgerichteten Lieferkette einzusetzen.“

De-industriealisiert sich Deutschland?

In den kommenden drei Jahren rechnen 58 Prozent damit, dass die Attraktivität Deutschlands im Vergleich zu führenden Industrie­standorten weiter sinkt, bis hin zu einer möglichen De-Industrialisierung: Fast jeder zweite Befragte (45 Prozent) schätzt die Gefahr, dass sich Deutschland deindustrialisiert, als groß bis sehr groß ein. Oft reagiert man auf die aktuelle Situation mit der Verkürzung oder Verlagerung der Lieferketten. 37 Prozent der Befragten haben mit dem Nearshoring begonnen oder diese Maßnahme bereits umgesetzt; weitere 29 Prozent planen, sie zu ergreifen. Friendshoring, also die Verlagerung von Teilen der Lieferkette in befreundete Länder, haben 22 Prozent begonnen oder bereits umgesetzt (geplant: 33 Prozent). „Die Situation an der Lieferkette ist nach wie vor angespannt, auch wenn das für die Verbraucher inzwischen nicht mehr so deutlich zu spüren ist wie im Jahr 2022“, sagt Dr. Jürgen Sandau, Partner bei Deloitte und verantwortlich für den Bereich „Supply Chain & Network Operations“. „Viele Firmen reagieren mit kurzfristigen Feuerlöschmaßnahmen, um die aktuelle Situation zu bewältigen.“

So haben 68 Prozent der Befragten die Ausweitung ihrer Lagerhaltung begonnen oder bereits abgeschlossen; 59 Prozent nutzen Sonderfahrten, um kurzfristige Versorgungsstörungen zu beseitigen. „Kostspielige Maßnahmen wie diese sind jedoch wenig zukunftsorientiert und kaum geeignet, die Lieferketten dauerhaft resilient für weitere Krisen sowie die großen Herausforderungen unserer Zeit wie die Dekarbonisierung zu machen“, so Sandau. „Stattdessen belasten sie die Bilanzen der Unternehmen zusätzlich zu den ohnehin schon hohen Preisen.“ Sein Fazit: Die Sorge um resiliente Lieferketten und der Druck auf die Profitabilität sind gekommen, um zu bleiben. Ein Wegducken oder der Rückzug auf kurzfristige Maßnahmen wird sich spätestens bei der nächsten Krise bitter rächen.

Klar auf der Hand liegt die Tatsache, dass neue Technologien wie Big Data, Analytics, Künstliche Intelligenz (KI) und Digital Twins dabei helfen können, Prozesse zu optimieren und Kosten zu senken. Zudem sind die Unternehmen gefordert, ihre Digitalisierung weiter voranzutreiben und vor allem die digitale Vernetzung, Datenanalyse und Remote-Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Lieferanten bis zum Kunden weiter auszubauen. Dabei können neben den bereits genannten Technologien auch weitere wie Internet of Things (IoT), Cloud Computing und Automatisierung mittels Sensorik und Robotertechnik hilfreich sein.

All das war Thema auf der Fachmesse Logimat, die vom 25. bis 27. April 2023 in Stuttgart stattfand – vor diesem Hintergrund kaum überraschend mit dem stärksten Besucheransturm seit 20 Jahren. Insgesamt kamen 62.343 Fachbesucher (+25 Prozent), sodass sogar das Vor-Pandemie-Ergebnis von 2019 übertroffen wurde. Die Exponate der Aussteller und das Rahmenprogramm zielten vor allem auf Automatisierung, Digitale Transformation und die Einbindung moderner Technologien wie Robotik, Sensorik und KI zur Optimierung der innerbetrieblichen Prozesse. Zudem standen Lösungen rund um die Themen „Nachhaltigkeit“ und „Energieeffizienz“ im Fokus.

Systeme aus einer Hand

Speziell bei den Warehouse-Management-Systemen (WMS) und Logistik-Suiten erkennt Messeleiter Michael Ruchty zwei Trends: „Die Anbieter arbeiten an der weiteren Vernetzung der Software-Landschaft möglichst mit Systemen aus einer Hand. Dabei ist eine Tendenz zu individualisierbarer Standard-Software für die Logistik erkennbar. Sie lässt sich über Parametrisierung und Customizing auf die jeweils kundenspezifischen Anforderungen individuell zuschneiden – mitunter sogar von den Anwendern selbst.“ Auf Basis dieser Standardprodukte entwickeln mehrere Anbieter laut Ruchty zudem spezielle Branchenlösungen mit vordefinierten, modular konzipierten Funktionsumfängen, die oft aus der Cloud zu beziehen und kurzfristig einsetzbar sind.

„Nur eine digitale Lieferkette ist auch eine stabile Lieferkette“, betonte anlässlich der Messe Dr. Joachim Getto, Supply-Chain-Spezialist beim SAP-Partner KPS AG. Sie liefere Echtzeitinformationen zu Standorten, ETAs, Lagerbeständen und Produktionskapazitäten und erleichtere es, schnell auf Probleme zu reagieren. Die digitale Lieferkette organisiert nicht nur den Transport von Produkten, sondern erlaubt auch die Implementierung neuer Services und Geschäftsmodelle sowie die signifikante Verringerung des CO2-Ausstoßes. „Wir bieten unseren Kunden eine fertige Systemlösung“, erläutert Getto. „Dabei setzen wir auf erprobte, branchenspezifische Best-Practice-Prozesse, die zu über 80 Prozent fertig implementiert sind. Das reduziert den Aufwand für Unternehmen, die ihre Systeme umstellen wollen, im Durchschnitt um mehrere Jahre.“

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Ein anderes Beispiel von der Logimat stammt von Opheo Solutions: Das Hamburger Softwarehaus verspricht deutliche Optimierungspotenziale bei der digitalen Lkw-Disposition durch vorausschauende Planung (Predictive Planning), Lkw-Disposition aus der Cloud, Anbindung von Frachtenbörsen und erweiterten Möglichkeiten zum Nachrichtenversand. Speziell das Predictive Planning ermöglicht Disponenten den Blick in die Glaskugel: Was passiert in fünf Stunden? Der Forecasting-Algorithmus kann Engpässe und Störungen rechtzeitig voraussehen; die Disponenten erhalten eine permanente Vorausschau, wie sich die Touren entwickeln, und können reagieren, bevor es zu spät ist. Laut Dr. Stefan Anschütz, Gründer und Geschäftsführer der Opheo Solutions GmbH, liefern „Digitalisierung und Automatisierung den entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu einer nachhaltigen Ressourcenoptimierung“. 

Bildquelle: Logimat

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